Belletristik


Verlag: Piper
ISBN: 9783492056632
Preis: 20,00 €
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Die Büglerin

Heinrich Steinfest, Rezension von Bucconi, Karin

Heinrich Steinfest ist Garant für intelligente, schräge, und auch philosophische Unterhaltung, gespickt mit Wortwitz. 

Ob er seinen Kommissar Lukastik seine gesammelten Weisheiten aus Wittgenstein tractatus logico-philosophicus beziehen, den  Detektiv Cheng mit seinem inkontinenten Hund ermitteln oder in „Gewitter über Pluto“ einen der Pornodarsteller, der nicht mehr drehen und ein Handarbeitsgeschäft eröffnen will, in die Hände einer brutalen Geldverleiherin geraten läßt, kluge Unterhaltung ist gewährleistet.

Dieses Mal ist alles ein wenig anders und eher ein Märchen als ein Krimi.

 

Tonia wächst als Kind von Botanikern auf einer Segeljacht auf. Die elterliche Villa wird von einem chinesischen Ehepaar gehütet. Ihre Eltern sind beide Trinker, haben ihre Segeljacht aber immer im Griff, bis sie eines Tages auf dem Meer umkommen. Bei der Testamentseröffnung erfährt Tonia von einer Halbschwester, mit der sie sich anfreundet und in der elterlichen Villa zusammenzieht. Sie interessiert sich nicht sonderlich für Männer, trägt nur schwarz und isst keine Meerestiere.  Gemeinsam mit Hannah zieht sie ihre kleine Nichte Emilie auf. Als die Kleine auf tragische Weise umkommt verzichtet sie auf viel Geld und tut Buße, indem sie unterbezahlt als Büglerin in Deutschland arbeitet.

Warum fühlt sie sich schuldig? Was ist wirklich geschehen, das sie weit weg ziehen, Studium und Wohlstand aufgeben und schlecht entlohnte Arbeit verrichten lässt?

 

Eine nicht durchgehend logische Geschichte (wie immer bei Steinfest), aber unbedingt empfehlenswert. Ein wahres Lesevergnügen!


Verlag: Hanser
ISBN: 9783446260405
Preis: 22,00 €
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Weit weg von Verona

Jane Gardam, Rezension von Karin Bucconi

Jane Gardam: Weit weg von Verona

Jane Gardam kennen wir, seit die wunderbare Trilogie um den britischen Anwalt Edward Feathers bei uns veröffentlicht wurde (Ein untadeliger Mann/Eine treue Frau/Letzte Freunde) „Weit weg von Verona“ ist ihr erster Roman.

 

Es geht um Jessica, ein junges Mädchen, das wir bis zum Erwachsenwerden begleiten. Jessica ist furchtbar unbeliebt. Sie ist vorlaut und sagt immer die Wahrheit. Außerdem weiß sie (glaubt sie), was die Leute denken. In der Schule lernt sie in einer Unterrichtsstunde einen Schriftsteller kennen, dem sie alles, was sie je geschrieben hat, eilig  auf dem Bahnhof in die Hand drückt und der ihr später schreibt, dass sie wirklich Talent besitzt. Nun weiß sie es: das will sie auch, Schriftstellerin werden.

 

Die Ich-Erzählerin Jessica erzählt ihre eigene Geschichte. Sie wird während des 2. Weltkriegs in einem kleinen englischen Küstenort groß, umgeben von Familienmitgliedern, die mit sich selbst zu tun haben, Lehrern, denen sie lästig ist und Mitschülern, die nichts mit ihr anfangen können. Ganz oft bringt sie sich durch ihren Eigensinn in gefährliche Situationern. Sie dreht sich eigentlich nur um sich selbst, hat nur eine Freundin, und als sie sich einmal mit einem Typen verabredet, überleben beide einen Fliegerangriff nur mit viel Glück. Trotz vieler Hindernisse geht Jessica unbeirrt ihren weg. Wie?

 

Lesen Sie selbst. Es lohnt sich! 


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-6467-6
Preis: 11,00 €
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Als wir unbesiegbar waren

Alice Adams, Rezension von Annette Riedel

Bristol, Sommer 1995: Eva, Benedict und das Geschwisterpaar Lucien und Sylvie sind unzertrennlich. Jetzt ist die gemeinsame Zeit am College zu ende und alle vier freuen sich auf ein aufregendes Leben. Eva plant ihre berufliche Zukunft im Finanzwesen. Als Börsenmaklerin macht sie schnell Karriere, aber der Preis für ihren Erfolg ist sehr hoch, denn sie lebt nur noch für ihre Arbeit. Ihre unerwiderte Liebe zu Lucien versucht Eva zu vergessen. Benedict arbeitet weiter am College und treibt seine Promotion in Physik voran. Er hofft immer noch, dass er Eva für sich gewinnen kann, die er schon lange heimlich liebt. Lucien und Sylvie lassen sich in ein aufregendes Leben ohne Grenzen treiben: Lucien organisiert Veranstaltungen in der Londoner Clubszene und dealt nebenher mit Drogen. Das geht natürlich nicht lange gut. Seine Schwester Sylvie möchte gern malen und von ihrer Kunst leben können, doch bis dahin hält sie sich immer wieder mit Gelegenheitsjobs über Wasser und trinkt viel zu viel.

In den darauffolgenden zwanzig Jahren sehen sich die Freunde ganz intensiv oder auch nur noch sporadisch: jeder ist damit beschäftigt, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen oder seine persönlichen Katastrophen abzuwenden, berufliche Misserfolge wegzustecken oder gescheiterte Beziehungen zu überleben. Doch immer wieder besinnen sich die vier Freunde auf das, was sie verbindet und geben einander in Krisen Halt.

Ein wunderbarer Roman über das Leben, die Liebe und die Freundschaft - also über alles, was im Leben wirklich zählt!


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05727-1
Preis: 20,00 €
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Das innere Ausland

Thommie Bayer, Rezension von Kathrin Allkemper

Andreas Vollmann ist 64 Jahre alt und lebt recht abgeschieden in einem schönen Haus in Südfrankreich. Zuletzt lebte er dort mit seiner jüngeren Schwester Nina. Die beiden hatten sich das große Haus geteilt, jeder hatte seinen eigenen Bereich, aber natürlich hat man dennoch viel Zeit miteinander verbracht. Jetzt ist Nina tot und Andreas spürt eine große Leere. Das Haus ist plötzlich sehr still und die Tage kommen ihm unendlich lang und unausgefüllt vor. Gerade hat er sich einigermaßen an die neue Situation gewöhnt, da steht auf einmal eine jüngere Frau vor der Tür. Sie stellt sich ihm als Malin vor und behauptet, Ninas Tochter zu sein.

Da Andreas seit dem Tod seiner Schwester keine Post mehr geöffnet hat, ist ihm auch Malins Brief entgangen. Etwas überrumpelt nimmt er die Frau bei sich auf und obwohl er einerseits überhaupt nicht glauben kann, dass seine Schwester ihm seine Nichte verschwiegen haben soll, ist er andererseits froh über die Gesellschaft. Sofort spürt er wieder mehr Leben im Haus und merkt dadurch, dass er dort in der Abgeschiedenheit kurz davor war, zu vereinsamen. Durch Malins Anwesenheit ist es für ihn ein bißchen so, als hätte er seine Schwester zurück, da sie viele Angewohnheiten ihrer Mutter geerbt hat. Im Gegenzug bietet er der verloren wirkenden Frau ein Art Zuhause und hilft ihr, wieder auf die Beine zu kommen....

Wie immer bei Thommie Bayer bestehen die Geschichten weniger aus großartigen Handlungen, sondern viel mehr aus gut beschriebenen Einblicken in die Gefühlswelten der Menschen... Sehr schön erzählt!

 


Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-48738-7
Preis: 9,99 €
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Ohne ein einziges Wort

Rosie Walsh, Rezension von Tanja Tenberg

Sarah ist mal wieder bei ihrer Familie in England zu Besuch.

Bei einem Spaziergang in der Gegend, trifft sie Eddie, der gerade auf der Wiese scheinbar ein Streitgespräch mit einem Schaf führt.

Die Beiden kommen ins Gespräch, und es ist um sie geschehen.

Hals über Kopf verliebt verbringen sie eine Woche miteinander, an deren Ende Eddie in seinen Urlaub abreist, mit dem Versprechen, sich nach seinem Urlaub direkt zu melden.

Und Sarah hört und hört nichts von ihm, er scheint verschwunden, gibt kein Lebenszeichen von sich.

Man leidet mit ihr, will wissen was da los ist.

Nach und nach erfährt man aus Sarahs Vergangenheit, ein schwerer Schicksalsschlag hat vor vielen Jahren die Familie ereilt.

Hat ihre Vergangenheit etwas mit Eddies Vergangenheit zu tun?

Ein Buch mit unerwarteten Drehungen und Wendungen, zum weinen schön, für das Kribbeln im Bauch und noch einmal totales Verliebtsein zu fühlen.

Die perfekte Sommerlektüre mit viel Gefühl und Drama, unbedingt Taschentücher in greifbarer Nähe...


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-9898-5
Preis: 20,00 €
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Das weibliche Prinzip

Meg Wolitzer, Rezension von Bernhard Söthe

Der neue Roman von Meg Wolitzer, "einer der klügsten und wichtigsten Schriftstellerinnen Amerikas", wie der Sunday Telegraph meint, ist die Geschichte von drei Frauen, deren Leben wir über einige Dekaden bis in die beklemmende Gegenwart der USA verfolgen.

Greer Kadetsky ist Einzelkind, ihre Eltern sind Alt-Hippies, die sich mühsam mit diversen Jobs über Wasser halten. Um ihre Tochter kümmern sie sich herzlich wenig, sie nennen das: "dem Kind Freiheit lassen". Man könnte auch sagen, eigentlich interessieren sie sich nicht um Wohl und Wehe ihrer einzigen Tochter. Keine guten Startbedingungen. Aber Greer ist zwar schüchtern, aber intelligent und durchläuft die Schule ohne Probleme. Ihr Abschluss ist so gut, dass sie für ein Stipendium an einer der Elite-Universitäten in Frage käme, wenn ihre ständig bekifften Eltern es nicht zu kompliziert gefunden härtten, die Auftragsformulare auszufüllen und pünktlich abzugeben. Greers sowieso nicht gutes Verhältnis zu ihren Eltern ist im Keller. Statt einen stipendienfinanzierten Studienplatz in Yale zu bekommen, muss Greer sich mit einem Platz an einer zweitklassigen No Name-Universität begnügen. Dort trifft Greer auf Zee, ebenfalls Studienanfängerin, ansonsten ihr genaues Gegenteil, extrovertiert, impulsiv, neugierig auf das Leben. Zee kommt aus einem bürgerlichen  Elternhaus, beide Eltern sind Richter und sehr darauf bedacht, dass aus ihrer Tochter "was wird". Zee bemerkt als Jugendliche, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt. Ihre Eltern schicken sie zu einer Therapeutin. Als diese Zee davon überzeugen will, dass sie nur aus Protest gegen ihre Eltern lesbisch sein will und sie sich tief in ihrem Inneren nach einer Beziehung zu einem Mann sehnt, bricht Zee diese "Therapie" ab.

Zee, der es an Talent und Interesse für eine akademische Laufbahn fehlt, wird zum Leidwesen ihrer Eltern auch nur an der mittelprächtigen Universität angenommen, an der auch Greer ihr Studium beginnt. Die beiden so unterschiedlichen jungen Frauen freunden sich an und meistern gemeinsam die ersten Klippen des Studentendaseins. Entscheidend für den weiteren Lebensweg der jungen Frauen wird ihre Begegnung mit Faith Frank, der dritten weiblichen Hauptperson des Buches. Faith Frank ist eine Ikone der US- amerikanischen Frauenbewegung, eine charismatische Frau mittleren Alters, die Herausgeberin einer feministischen Zeitschrift. Nach einem Vortrag von Faith Frank an der Universität von Greer und Zee kommt es zu einer folgenschweren Begegnung der drei Frauen. Die schüchterne Greer bekommt von Faith Frank eine Visitenkarte, die eloquente Zee geht leer aus. Nach dem Ende des Studiums ist Greer auf Jobsuche, sie erinnert sich an die Visitenkarte von Faith Frank und schickt ihr eine Bewerbung. Das feministische Magazin musste inzwischen aus finanziellen Gründen eingestellt werden, aber Faith Frank leitet jetzt eine Stiftung, die sich weltweit für Frauenrechte einsetzt. Finanziert wird diese Stiftung von einem milliardenschweren Unternehmen, dessen Inhaber Faith Frank aus früheren Jahren kennt. Das Unternehmen ist auf vielen Gebieten aktiv, nicht alle sind legal oder moralisch einwandfrei. Die Stiftung mit Faith Frank als Aushängeschild ist das Feigenblatt, mit dem der Konzern seine dubiosen Geschäftsmethoden verdecken will. In feministischen Kreisen ist die Stiftung deshalb nicht unumstritten. Diese Hintergründe kennt Greer nicht und sie ist überglücklich, in der Stiftung einer untergeordnete, aber gut dotierte Stelle zu bekommen und  für und mit der berühmten Feministin Faith Frank für die Rechte der Frauen zu kämpfen. Als ihre Freundin Zee, die in einem ungeliebten Job in einer Anwaltskanzlei steckt, eine Stelle in der Stiftung sucht, hintertreibt Greer ohne Zees Wissen deren Bewerbung. Greer arbeitet sich in der Stiftung hoch und bekommt für ihre Arbeit viel Anerkennung. Als sie aber merkt, dass sich auch eine Lichtgestalt wie Faith Frank vom großen Geld korrumpieren lässt und auch ziemlich fies sein kann, kündigt sie desillusioniert. Die USA leben inzwischen in der Zeit des "großen Grauens", was damit gemeint ist, kann man fast täglich in den Schlagzeilen der Zeitungen lesen. 

Ebenfalls sehr lesenswert: Meg Wolitzers Roman "Die Interessanten", die Geschichte von vier Freunden, deren Lebensweg Wolitzer über Jahre begleitet. "Die Interessanten" sind als Taschenbuch (9,99€) erhältlich und auch als schöne, kleine Geschenkausgabe (14,00€).


Verlag: Ullstein Verlag
ISBN: 9783548289540
Preis: 15,00 €
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Miss Gladys und ihr Astronaut

David M. Barnett, Rezension von Daniela Maifrini

 

London, 11.Februar 2016: David Bowie ist tot. Die Presslandschaft wird beherrscht von dieser Meldung, was den Plänen der Britischen Raumfahrtbehörde BritSpA zuwider läuft, ist doch für heute die wichtige Pressekonferenz angesetzt, bei der der Astronaut vorgestellt werden soll, der als erster Mensch zum Mars fliegen soll. Um die Kulisse entsprechend aufzupeppen, wird aus den Tiefen der Forschungsabteilung der unscheinbare, stets schlecht gelaunte Chemiker Thomas Major hervorgezaubert, der an der Pressekonferenz teilnehmen soll, weil er in seinem weißen Kittel mit den vielen Kugelschreibern in der Tasche als Einziger so richtig „wissenschaftlermäßig“ aussieht und als schmückendes Beiwerk für den englischen Helden dienen soll. Die beiden Herren befinden sich noch backstage, als der Astronaut einen tödlichen Herzinfarkt erleidet. „Was tun?“ denkt sich Thomas Major, zieht kurzerhand den Overall des Verstorbenen an und präsentiert sich unter fassungslosem Staunen der Behördenleitung den Journalisten als Mars-Pionier. Die Presse ist begeistert, tauft ihn natürlich an diesem geschichtsträchtigen Tag sofort „Major Tom“ (der Held aus dem Song „Space-Oddity“ von David Bowie) und das Kind ist im Brunnen: Thomas ist für die Mission ohne Wiederkehr gesetzt! Dem selbst erklärten Raumfahrer kommt dieser Ausflug auf Lebenszeit durchaus gelegen, ist er doch von der extrem misanthropischen Art und kann sich nichts Schöneres vorstellen, als nie wieder einem Menschen zu begegnen.

Zur selben Zeit durchleidet die Familie Ormerod in der nordenglischen Kleinstadt Wigan eine furchtbare Phase ihres Lebens: Die Mutter ist vor einiger Zeit bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Der Vater Darren sitzt im Gefängnis. Auf die beiden Kinder aufpassen soll jetzt Großmutter Gladys, die sich allerdings zunehmend in einer Demenz verliert und nicht immer ganz bei der Sache ist. Die Situation wird zusammengehalten von der 15jährigen Ellie, die verzweifelt versucht, die Familie zusammenzuhalten, arbeitet bis zum Umfallen und sich akribisch bemüht, nichts über ihre Lage nach außen dringen zu lassen, da sie befürchtet, dass dann die Familie auseinandergerissen wird. Ihr kleiner Bruder James hat es auch sehr schwer, verfügt er doch über eine außergewöhnliche naturwissenschaftliche Begabung, wird aber auf seiner Schule genau deswegen und wegen seines niedrigen sozialen Status gemobbt. Und jetzt hat eine völlig durchgeknallte Aktion von Gladys auch noch dazu geführt, dass überhaupt gar kein Geld mehr da ist, die Zwangsräumung des Hauses steht an, selbst Ellie weiß keinen Rat mehr.

Da begibt es sich, dass sie modernen Kommunikationsmittel im Raumschiff des Mars-Piloten ausfallen und er anfangen muss, ein altes Satellitentelefon zu benutzen. Und obwohl er gerne einsam ist, hat er irgendwann den Drang, seine Exfrau Janet anzurufen – nur hat sie die Telefonnummer gewechselt und er erreicht versehentlich Gladys, mit der sich widerwillig kurz unterhält. Gladys ruft ihn daraufhin auch später wieder an, weil sie ihn um Hilfe bitten will. Und so entsteht nach einiger Zeit ein enger Kontakt zwischen der Familie und „Major Tom“, der auch ein hartes Leben hinter sich und irgendwie die Hoffnung hat, in diesem Fall einmal wirklich etwas Gutes tun zu können, und zwar etwas, was wirklich nur er tun kann…

Der Roman, der zunächst aberwitzig wirkt, schlägt viele Haken und beschäftigt sich mit wirklich ernsthaften Dingen des Lebens. Aber das macht er auf so humorvolle und typisch britisch-skurille Weise, dass es kaum zu glauben ist. „Major Tom“ erinnerte uns mit seiner Griesgrämigkeit und Unflätigkeit ein bisschen an „Ove“. Auch bei ihm erfährt man im Laufe des Buches, wieso er so geworden ist, wie er ist. Diese ständig schlecht gelaunte Art des Raumfahrers im Gegensatz zu der eigentlich immer glücklichen, verwirrten Großmutter Gladys machen den unwiderstehlichen Charme der Geschichte aus. Und dann ist sie auch noch so spannend, dass man spätestens ab Seite 50 ganz ganz dringend wissen will, wie sie ausgeht. Also ganz ganz dringend lesen!

 


Verlag: Kein und Aber
ISBN: 978-3-0369-5775-3
Preis: 22,00 €
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Launen der Zeit

Anne Tyler, Rezension von Bernhard Söthe

Willa Drake wächst in den 60er Jahren des vorherigen Jahrhunderts in einer äußerlich normalen Familie im mittleren Westen der USA auf. Der Vater ist Lehrer, ein liebevoller, aber schwacher Mann, der sich nie neben seiner impulsiven Ehefrau behaupten konnte. Mrs Drake fühlt sich als Hausfrau und Mutter unterfordert und in ihrer Rolle gefesselt. Sie hatte mal größere Ambitionen, die sie als Darstellerin in diversen Laienschauspielgruppen nur ungenügend ausleben kann. Wenn ihr Kinder und Ehemann zuviel werden, verschwindet sie auch schon mal für ein paar Tage, zum Entsetzen von Willa und ihrer kleinen Schwester. Mrs Drake kehrt zwar jedes Mal zu ihrer geschockten Familie zurück, aber die Kinder leben in permanenter Unsicherheit, und Willa lernt schon als Kind, Verantwortung für andere zu übernehmen und ihre eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen. Willa heiratet den mehr oder weniger erstbesten jungen Mann, der sich für sie interessiert. Die Ehe ist nicht schlecht, die Ehe ist nicht gut. Zwei Söhne kommen zur Welt, denen Willa ein stabileres Elternhaus bietet, als es ihr selbst vergönnt war. Als die Jungen Teenager sind, stirbt ihr Vater, Willas Mann, bei einem selbstverschuldeten Autounfall. Willa kümmert sich weiterhin um ihre Söhne, bis sie endgültig flügge sind und eigene Wege gehen. Willa hofft, dass ihre Söhne irgendwann heiraten und ihr Enkel bescheren werden, aber den Gefallen tun ihr beide Söhne nicht. Der jüngere Sohn reist viel in der Welt herum und scheint gänzlich bindungsunfähig zu sein. Der ältere dagegen hat ständig eine Frau an seiner Seite, die aber so häufig wechselt, dass Willa es sich abgewöhnt hat, sich die Namen der Damen zu merken. In zweiter Ehe heiratet Willa einen älteren, wohlhabenden Rentier, dessen Lebensinhalt sich in Golfspielen erschöpft. Willa fühlt sich in dieser Ehe nicht unglücklich, aber Glück fühlt sich anders an, auch wenn man unter ewig blauem Himmel in einem schicken Wüstenresort lebt.

In diese etwas langweilige Idylle platzt ein Anruf. Eine ihr unbekannte Frau ruft Willa an und berichtet ihr panisch, Denise wäre angeschossen worden, sie sei zwar nicht gefährlich verletzt, läge aber im Krankenhaus und könne sich nicht um ihre 9jährige Tochter Cheryl kümmern. Die Anruferin stellt sich als Nachbarin von Denise und Cheryl vor, die sich aber auch nicht kümmern können, da sie schließlich arbeiten müsse. Willas Telefonnummer habe auf einem Zettel am schwarzen Brett in Denise' Küche gehangen, deshalb habe sie angenommen, Willa wäre eine Verwandte von Denise und Cheryl. Ist sie aber nicht. Willa erinnert sich vage, dass eine der abgelegten Lebensabschnittsgefährtinnen ihres ältesten Sohnes Denise hieß, die aus einer früheren Beziehung eine Tochter hatte. Da besagte Denise schnell wieder aus dem Leben von Willas Sohn verschwand, hat Willa weder sie noch ihre Tochter Cheryl jemals kennen gelernt. Willa ist also in keinster Weise verpflichtet, als Nothelferin bei ihr völlig unbekannten Leuten einzuspringen. Das sind Willas erste Gedanken, aber kann man ein neunjähriges Kind, verwandt oder nicht verwandt, bekannt, aber nicht bekannt seinem Schicksal überlassen? Zumal Willa in ihrer privilegierten Lebenssituation - sie hat Zeit und Geld - durchaus helfen könnte. In Begleitung ihres unwilligen Gatten, der sich nur höchst ungern von seinem geliebten Golfplatz entfernt, fliegt Willa nach Boston, um zu prüfen, ob und wie sie dem ihr unbekannten Kind helfen kann ...

Anne Tyler stellt in ihrem neuen Roman ihren Lesern die Frage, ob man auch in vorgerückten Jahren seinen Lebensplan noch einmal ändern kann, um eingefahrene Wege zu verlassen und noch einmal neue Erfahrungen zu machen. Vor Jahren war Anne Tylor eine auch in Deutschland vielgelesene Autorin, in den letzten Jahren ist es ruhiger um sie geworden, aber mit ihrem großartigen neuen Roman wird sie sicherlich an frühere Erfolge anknüpfen können. 


Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN: 978-3-627-00253-4
Preis: 28,00 €
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Dämmer und Aufruhr

Bodo Kirchhoff, Rezension von Bernhard Söthe

Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff sitzt auf dem Balkon eines Hotels in Alassio und macht sich Notizen zu einem autobiographischen Roman über seine Kindheit und Jugend. Ende der 50er Jahren haben seine Eltern in diesem Hotel einige Urlaubstage verbracht und genau auf diesem Balkon gesessen. Die Ehe der Eltern kriselt seit langem. Kurz nach diesem Urlaub trennen sie sich endgültig. Jahrelang hatten sie ihren Kindern, Bodo und seiner jüngeren Schwester, die heile Familie vorgespielt, obwohl der Vater, vorgeblich aus beruflichen Gründen, schon längere Zeit eine eigene Wohnung hat. Er ist fast nur noch zu Festen wie Weihnachten und Geburtstagen präsent. Bis dahin hatten Bodo Kirchhoff und seine Schwester eigentlich eine typische 50er Jahre-Kindheit. Auffallend  nur, dass die Kinder häufig woanders "geparkt" wurden. Bodo hatte das Glück, viel Zeit bei seiner geliebten Oma mütterlicherweits, einer ehemaligen Wiener Opernsängerin, zu verbringen. Sie war sein stabiler Anker in unstabilen Zeiten. Nach der Scheidung seiner Eltern und einem missglückten ersten Gymnasialjahr in Freiburg wurde er an einem evangelischen Internat am Bodensee angemeldet. Auch in dem konservativen Umfeld des Internats waren die Auswirkungen der 68er Studentenbewegung spürbar. Gerade die älteren Schüler können mit den tradierten Verhaltensweisen  nicht mehr viel anfangen. In Maßen proben Kirchhoff und die anderen Schüler der Oberstufe den Aufstand. Lange Haare, Rauchen, Alkohol, laute Musik, sexuelle Erfahrungen. Die hatte Bodo Kirchhoff aber schon viel früher gemacht. Harmlos dürfte es gewesen sein, wenn er seiner geliebten Oma das Korsett öffnen und ihr den Rücken massieren durfte. Nicht mehr so harmlos war es dagegen, wenn der vierjährige Bodo den Unterleib seiner Mutter mit einem Bleistift untersuchen durfte. "Nimm aber nicht die spitze Seite", war der einzige Kommentar der bäuchlings nackt auf dem Bett liegenden Mutter. In der ersten Klasse des Internats entwickelt der musikalisch begabte Bodo eine Neigung zu dem charismatischen Kantor und Sportlehrer, der sich mit seiner Freundlichkeit und Zugewandtheit deutlich von den anderen Lehrkräften unterscheidet. Es kommt zu einem länger andauernden sexuellen Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler. Bodo fühlt sich keineswegs missbraucht, sondern angenommen und gemocht, ja, er sucht geradezu den sexuellen Kontakt zu dem 20 Jahre älteren Lehrer. Er empfindet keinerlei Zwang und reagiert erst geschockt und eifersüchtig, als er merkt, dass der Kantor auch mit anderen Schülern sexuelle Kontakte hat. Als sich der Kantor gerüchteweise nach Südamerika abgesetzt hat, wird im Internat die ganze Geschichte vertuscht. Nach dem Abitur geht Bodo Kirchhoff anders als viele Altersgenossen freiwillig zur Bundeswehr, wo er nach dem Grundwehrdienst als Ausbilder eingesetzt wird. Finanziert durch das Entlassgeld unternimmt er eine ausgedehnte Reise nach Amerika. Zurück in Deutschland schreibt er sich an der Universität Frankfurt ein. Er lebt in einer schlichten Studentenbude, nicht weit von der Wohnung seiner Mutter entfernt, die inzwischen als Autorin von Fortsetzungsgeschichten in Zeitschriften und Unterhaltsromanen tätig ist. Gleich um die Ecke ist das Gebäude des Suhrkamp Verlages. Sehnsüchtig beäugt von Bodo Kirchhoff, der neben seinem Studium erste schriftstellerische Fingerübungen unternimmt. Und nach etlichen Fehlversuchen wird im Suhrkamp Verlag eine Erzählung von Bodo Kirchhoff veröffentlicht. Hier beginnt die Karriere des Schriftstellers Bodo Kirchhoff, der für seinen Roman "Widerfahrnis" 2016 mit den Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde.

Bodo Kirchhoff, der in diesem Jahr 70 Jahre alt wird, lebt am Gardasee.


Verlag: Insel
ISBN: 978-3-458-36341-5
Preis: 10,00 €
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Helle Nächte am Meer

Sheila O' Flanagan, Rezension von Julia Jahns

Imogen Weir, Irin und eigentlich glücklich verheiratet, setzt sich nach einer Geschäftsreise in Paris in einen Zug und flüchtet nach Aquitanien. Auf dem Weg zerstört sie ihr Handy, löscht ihren Facebook Account und ändert ihre Mailadresse. Ihr Mann Vince bemerkt ihr Verschwinden und erfährt, dass sie gekündigt hat. Ihre beste Freundin ist ratlos. Imogen war doch immer so glücklich?

Tatsächlich hat Imogen ihre Flucht von langer Hand geplant. Sie kann ihren kontrollsüchtigen Mann nicht mehr ertragen, von dessen zwanghaften Regeln ihr Alltag bestimmt ist und der sie als ihr Eigentum betrachtet. Ihr ist klar, dass er sie suchen wird und dass sie ihn nur wirklich loswird, wenn sie ihr Leben komplett ändert.

Imogens Ziel ist Hendaye, ein Küstenort, in dem sie als kleines Mädchen fünf Jahre lang mit ihrer Mutter gelebt hat, die als Haushälterin für eine wohlhabende Familie gearbeitet hat. Sie mietet sich eine kleine Wohnung und bekommt eine Stelle als Putzfrau. Nur langsam gelingt es ihr, sich wieder zu öffnen und neue Freundschaften zu schließen. Doch dann trifft sie auf einen alten Bekannten aus ihrer Vergangenheit ...

Spannung trifft Liebe! Ein ideales Buch für den nächsten Strandurlaub!


Verlag: Pendo
ISBN: 978-3-86612-443-1
Preis: 15,00 €
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Der Kaktus

Sarah Haywood, Rezension von Julia Jahns

 

Susan Green ist Mitte 40, lebt in London und liebt Ordnung und Zahlen. Am liebsten arbeitet sie allein und beschränkt den Kontakt zu ihren Mitmenschen nur auf das Allernötigste. Für ihre menschliche Bedürfnisse pflegt sie eine zweckmäßige Freundschaft mit gewissen Vorzügen zu Richard, mit dem sie sich immer mittwochs trifft. Als ihre Mutter stirbt, reist sie zur Beerdigung nach Birmingham. Susan hat noch einen Bruder, Edward, der im Gegensatz zu seiner durchstrukturierten Schwester sein Leben niemals auf die Reihe bekommen hat und deshalb wieder in sein Elternhaus eingezogen ist, wo er sich die letzten Jahre um die Mutter gekümmert hat. In Birmingham angekommen, muss Susan feststellen, dass Edward auch noch seinen Kumpel Rob im Haus einquartiert hat. Als das Testament verlesen wird, erwartet sie der nächste Schock: Susans Mutter hat Edward ein lebenslanges Wohnrecht im Haus eingestanden. Zudem findet sie heraus, dass sie schwanger von Richard ist.

Susan ist außer sich. Sie ist fest davon überzeugt, dass Edward ihre Mutter dazu gewungen hat, das Testament zu ändern oder sie zumindest dazu manipuliert hat. Sie beginnt, das nähere Umfeld ihrer Mutter zu befragen und lüftet dabei ein dunkles Familiengeheimnis ...

Witzige, originelle Geschichte mit einer hinreißenden Hauptperson.

 


Verlag: dtv
ISBN: 9783423281553
Preis: 18,00 €
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Die Frau, die liebte

Janet Lewis, Rezension von Jutta Pollmann

Elf Jahre sind Bertrande de Rols und Martin Guerre, beides Kinder von Großbauern, als sie verheiratet werden. Aber erst mit 14, nach dem frühen Tod der Mutter, zieht Bertande endgültig auf den Hof der Guerres. Fast wie ein Dorf ist dieser Hof: einen Schreiner gibt es ebenso wie einen Schmied, Wiesen und Felder, Weinberge, Knechte und Mägde, Kühe und Schweine, Hühner und Enten und über allem wachte Martins Vater. Er ist der Herr des Hauses, des Hofes, ihm hatte man zu gehorchen, aber er sorgte auch dafür, dass es allen gut ging. Als Martin sich eines Tages gegen den Willen des Vaters stellt , schlägt dieser ihn so heftig, das ihm Zähne ausfallen. Alle auf dem Hof sind bestürzt, doch ist allen auch klar, dass Martin an dieser Auseinandersetzung selbst Schuld ist. Auch er, der spätere Hoferbe, hat sich dem Willen des Vaters zu beugen. Noch ist dieser der Herr im Haus.

Jahre später, Bertrande hat ihr erstes Kind geboren, handelt Martin wieder einmal gegen den Willen des Vaters. Damit sein Vater sich beruhigen könne, würde der ein paar Tage verschwinden, teilt er seiner Frau mit. In einer Woche wäre Gras über die Sache gewachsen und er käme zurück.

Doch Martin kommt nicht zurück. Aus der einen Woche werden 8 Jahre, in denen Bertrande überall in der Umgebung nach ihm sucht, suchen lässt. Nichts. Sie ist weder Ehefrau noch Witwe, den Hof befehligt nun der Onkel von Martin, nachdem Martins Vater gestorben ist.

Dann eines Tages kommt ein Fremder ins Tal und die, die ihm begegnen, erkennen ihn als Martin Guerre. Und auch Bertrande, aufgewühlt und voller Freude, ist froh, ihren Mann wieder zu haben. Älter ist er geworden, breiter, aber auch herzlicher. Früher kamen von ihm nur kurze Antworten, oft nur ein Gebrummel, heute hört er ihr zu, nimmt sie in den Arm. Bald wird das 2. Kind geboren. Aber je länger Martin wieder zuhause ist, desto häufiger zweifelt Bertrande. Ist das wirklich ihr Mann? Er sieht ihm ähnlich, ja. Schließlich hat sie ihn 8 Jahre nicht gesehen. Aber er verhält sich anders. Sie spricht über ihre Zweifel mit dem Pastor, mit den Menschen auf dem Hof, aber alle versicheren ihr, dass dies Martin Guerre sei. Sie solle doch froh sein, ihren Mann wieder zu haben.

Doch Bertrande will Gewissheit und geht vor Gericht. Das Gericht soll herausfinden, ob dieser Mann tatsächlich Martin Guerre ist. Das Gericht bestätigt die Echtheit der Identität, Bertrandes Zweifel sind allerdings damit nicht ausgeräumt.

Und dann kommt ein Fremder ins Dorf, spricht Martin Guerre an, schließlich würden sie sich kennen, sie hätten gemeinsam Seite an Seite im Krieg gekämpft. Martin erkennt den Mann nicht, meint der müsse sich irren. Doch der tritt ihn vor allen Versammelten vor das Schienbein: „Sie sind nicht Martin Guerre, Martin Guerre hat im Krieg ein Bein verloren und hat ein Holzbein....“

 

Janet Lewis` (1899-1998) Roman „Die Frau, die liebte“ , der nun erstmals auf Deutsch erschienen ist, wurde in Amerika bereits 1941 veröffentlicht. Die Autorin, die Französische Literatur studiert hat, greift hier einen der berühmtesten Rechtsfälle Frankreichs auf. In einer wunderbaren Sprache erzählt Lewis die Geschichte von Bertrande und Martin, und wenn ich auch sonst kein Fan von historischen Romanen bin, diese Geschichte habe ich mit Begeisterung gelesen.

1947 und 1959 schrieb Janet Lewis noch zwei Romane über Gerichtsfälle, vielleicht dürfen wir diese bald auch auf Deutsch lesen.


Verlag: Pendo
ISBN: 978-3-86612-446-2
Preis: 16,99 €
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Das Atelier in Paris

Guillaume Musso, Rezension von Bernhard Söthe

Die Ex-Polizistin Madeline braucht nach einer schlimmen persönlichen Krise eine Auszeit und mietet eine Ferienwohnung in Paris. Das Domizil liegt in einer noblen Gegend, bis vor kurzem wohnte dort ein berühmter Maler, der bei einem New York Besuch überraschend an einem Herzinfarkt gestorben ist. Madeline bezieht das große, luxuriöse Anwesen. Als sie gerade unter der Dusche steht, hört sie Schritte im Haus. Es ist Gaspard, ein zu Depressionen und Alkoholmissbrauch neigender, trotzdem sehr erfolgreicher Autor von Theaterstücken. Auch Gaspard hat dieses Haus angemietet, um dort an seinem neuen Theaterstück zu arbeiten. Warum auch immer ist es zu einer Doppelbuchung gekommen. Not amused nehmen die beiden Kontakt zum Vermieter auf, einem bekannten Galeristen, der der Erbe und Nachlassverwalter des toten Malers ist. Die leidige Wohnungsfrage wird geklärt. Der Galerist erfährt, dass Madeline Polizistin war, und er bittet sie, spontan für ihn die letzten drei Gemälde des Malers aufzufinden, die spurlos verschwunden sind. Madeline muss ein bisschen überredet werden, aber dann macht sie sich auf die Suche, unterstützt vom Theaterautoren Gaspard. Beide sind Personen mit Ecken und Kanten, die einen Berg Probleme mit sich schleppen. Nach dem ersten unglücklichen Zusammentreffen im Haus des Malers haben sich die beiden arrangiert. Beiden gelingt es tatsächlich, die Bilder aufzuspüren. Eigentlich könnte die Geschichte hier enden, aber sie bekommt noch eine unerwartete Wende. Im Haus des Malers findet sich noch Post, die er in seinem letzten Lebensjahr bekommen hat. Teilweise sind die Briefe noch ungeöffnet. Aus dieser Post, dort ebenfalls gesammelten Zeitungsausschnitten und Erzählungen des Galeristen erfahren Madeline und Gaspard vom schrecklichen letzten Jahr im Leben des Malers. Verheiratet war er mit einem Ex-Model, das vor einigen Jahren die Titelseiten der Vogue und ähnlicher Bling-Bling-Magazine geziert hat. Die beiden hatten einen Sohn im Kindergartenalter. Der Junge und seine Mutter wurden in New York auf offener Straße gekidnappt. Vor der Augen der entsetzten Mutter wurde der kleine Junge erstochen. Am Ufer des Hudson Rivers wurde sein blutbesudelte Kuscheltier entdeckt. Die Leiche des Kindes wurde nie gefunden. Die kriselnde Ehe des Malers und des Ex-Models hielt dieser Belastung nicht stand. Bis zu seinem plötzlichen Tod war der Maler überzeugt, dass sein Sohn lebt, und er versuchte verzweifelt, ihn zu finden. Gaspar hält die Überzeugung des Malers für plausibel, Madeline nicht. Trotzdem überzeugt Gaspard sie, mit ihm nach New York zu fliegen. Madeline soll dort alte Kontakte zu den Polizeibehörden nutzen, um den mysteriösen Fall aufzuklären. Unversehens wird aus dem Beziehungsroman eine Kriminalgeschichte.

"Dieses Buch macht süchtig", befand das französische Magazin "Marie Claire" bei Erscheinen der Originalausgabe.


Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87552-1
Preis: 25,00 €
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Lincoln im Bardo

George Saunders, Rezension von Bernhard Söthe

George Saunders, amerikanischer Autor von preisgekrönten short stories, gilt in den USA als "writers' writer", als Vorbild und Lieblingsautor vieler Schriftstellerkollegen.

Da Kurzgeschichten-Sammlungen auf dem deutschen Buchmarkt selten auf größeres Interesse stoßen, war der Autor George Saunders hier bislang wenig bekannt. Dies dürfte sich mit seinem ersten Roman "Lincoln im Bardo" ändern. Für diesen Roman hat Saunders 2017 den Man Booker Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung im englischsprachigen Raum, erhalten.  Er war nach Erscheinen New York Times Bestseller Nr 1.

"Lincoln im Bardo"? Lincoln ist Abraham Lincoln, der charismatische, aber auch sehr umstrittene Präsident der USA während des Bürgerkrieges zwischen Nord- und Südstaaten, in dem erbittert um die Befreiung der Sklaven gekämpft wurde. Lincoln ist aber auch Willie, Abraham Lincolns 11jähriger Sohn.

"Bardo" ist ein Begriff aus dem tibetanischen Buddhismus. Er bezeichnet ein Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits, wohin alle Toten gelangen und wo sich entscheidet, ob die Seelen endgültig im Nirwana aufgehen oder ob sie in den Kreislauf der Wiedergeburten gelangen.

Während auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs in bis dahin unbekanntem Ausmaß Menschen sterben, läuft in der Hauptstadt der Nordstaaten  - Washington - das Leben relativ normal weiter, auch die Arbeit der Regierung. Dazu gehört ein reges gesellschaftliches Leben, inklusive prunkvoller Empfänge im Weißen Haus, um Bevölkerung und diplomatisches Corps von der Siegesgewissheit der Regierung der Nordstaaten zu überzeugen. Während sich in den Gesellschaftsräumen festlich gekleidete, gut gelaunte Menschen um das üppige Buffet drängen, kämpft im oberen Stockwerk ein 11jähriger Jungen um sein Leben. Willie, einer der beiden Söhne des Ehepaars Lincoln, leidet an einem damals nicht behandelbaren Infekt. Während sich in den frühen Morgenstunden die letzten Gäste des Festes verabschieden, stirbt der Junge. Mary Lincoln, die Mutter, psychisch nicht sehr belastbar, bricht völlig zusammen. Abraham Lincoln, ein - wie Zeitgenossen berichten- besonders liebevoller und zugewandter Vater, folgt ohne seine Frau dem Sarg seines Sohnes, der in einem Familienmausoleum beigesetzt wird. In der Nacht nach der Trauerfeier und Beisetzung reitet Abraham Lincoln zu dem Friedhof und lässt sich vom Friedhofswärter den Schlüssel zu dem Mausoleum geben, in dem der Sarg seines Sohnes abgestellt ist. Lincoln öffnet den Sarg, um seinen Sohn ein letztes Mal zu umarmen. Soweit die historisch bekannten Tatsachen.

Hier setzt Saunders Roman ein. Willie ist im "Bardo", dem Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits, aber dort ist er nicht allein, Scharen von vor ihm Verstorbenen bevölkern auch diese mythische Zwischenwelt. Sie sind die Erzähler der Geschichte. Sie reden, plappern, brüllen, sie fallen sich ins Wort, ein Stakatto von Sätzen, wild durcheinander. An diesen Stil muss man sich als Leser erst gewöhnen. An einigen Stellen macht es der Autor (oder Übersetzer?) zusätzlich schwierig. Dass mit einer "Krankenkiste" kein Krankenbett, sondern ein Sarg gemeint ist, zum Beispiel. Hat man als Leser diese Klippen umschifft, stellt man fest, dass man ein Meisterwerk vor sich hat, und man möchte viele Sätze unterstreichen und auswendig lernen. Die Kernfrage des Buches lautet: Warum lieben, wenn jede Liebe unweigerlich mit dem Tod endet? In Form und Inhalt des wohl ungewöhnlichsten Buches dieses Sommers. Es gibt interessante Parallelen zum Robert Seethalers neuem Buch "Das Feld", auch dort sind die Stimmen der Toten die Erzähler.


Verlag: DVA
ISBN: 978-3-421-04771-7
Preis: 20,00 €
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Wege, die sich kreuzen

Tommi Kinnunen, Rezension von Bernhard Söthe

In einer Kleinstadt in Nordfinnland spielt dieser das ganze 20. Jahrhundert mit all seinen Erschütterungen umfassende Roman. Es ist eine Geschichte von starken Frauen. 

Maria arbeitet zu Beginn des 20. Jahrhunderts als staatlich geprüfte Hebamme, misstrauisch beäugt von den "Wehmüttern" in den kleinen Bauernweilern. Frauen ohne jede Ausbildung, die bisher allein für die Geburtshilfe in der rückständigen Region zuständig waren. Mühsam muss sich Maria das Vertrauen der Landfrauen erarbeiten. Das burschikose Auftreten der Hebamme und dass sie auf dem Fahrrad zu ihren Einsätzen fährt, missfällt vielen ihrer Mitbürger. Als Maria eine uneheliche Tochter zur Welt bringt - jeder in der Kleinstadt weiß, dass der Apotheker der Vater ist - , ist sie endgültig als Außenseiterin abgestempelt. Gebraucht, aber nicht gemocht. Alles Geld, das Maria verdient, steckt sie in ihr Haus. Immer, wenn das Ersparte reicht, wird angebaut und umgebaut, bald hat Maria eines der größten Häuser im Ort, in dem sie alleine mit ihrer Tochter Lahja lebt. Im Laufe der kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts, von denen auch Finnland nicht verschont bleibt, wird das Haus zweimal zerstört und zweimal wieder aufgebaut, jedes Mal ein bisschen größer und verwinkelter als zuvor. Marias Tochter Lahja wächst mit dem Makel der Unehelichkeit auf. Auch sie geht wie ihre Mutter ihren ganz eigenen Weg. In den 30er Jahren gründet sie das erste Fotostudio in der kleinen Stadt und führt es erfolgreich. Auch Lahja bekommt eine uneheliche Tochter, Anna, was Onni, einen stillen freundlichen Mann, nicht davon abhält, Lahja zu heiraten. Lahja bekommt weitere Kinder, Helena, die aufgrund einer zu später erkannten Infektion erblindet und einen Sohn, Johannes. Obwohl Onni ein treusorgender und liebevoller Familienvater ist, fühlt sich Lahja von ihm getäuscht und enttäuscht. Sie wird eine verbitterte Frau, die sich selbst und ihrer Familie das Leben schwer macht. Die Töchter verlassen schnellstmöglich das freudlose Elternhaus. Als Onni stirbt, sind Lahja und Johannes alleine in dem großen Haus. Als Johannes heiratet, kommt seine Frau Kaarina als Mitbewohnerin dazu. Sie kann ihrer Schwiegermutter nichts recht machen. Zeitlebends wird Lahja ihre Schwiegertochter siezen. Kaarina und Johannes bekommen vier Kinder. Lahja schafft es nicht, ein gutes Verhätlnis zu ihren Enkeln aufzubauen. Die Familie lebt zwar unter einem Dach, aber Lahja kapselt sich ab und hat kein gutes Wort für ihre Familie. Ausgerechnet die missachtete Schwiegertochter Kaarina versorgt und pflegt Lahja, die sehr alt wird und Hilfe braucht. Erst nach Lahjas Tod erfahren Kaarina und Joahnnes durch einen hinterlassenen Brief, was in Lahjas und Onnis Ehe so schrecklich falsch gelaufen ist. 

Ein beeindruckender Erstlingsroman darüber, was Familien zerstören kann und die Möglichkeit, sie wieder heil zu machen. "Wege, die sich kreuzen" stand lange auf der finnischen Bestsellerliste und erscheint in über 20 Ländern.


Verlag: Piper Verlag
ISBN: 9783492702737
Preis: 17,00 €
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Das Siegel von Rapgar

Alexey Pehov, Rezension von Bernhard Söthe

 

Rapgar ist die altehrwürdige Hauptstadt eines mächtigen magischen Reiches. Hier leben die unterschiedlichsten Wesen, mehr oder weniger magisch begabt, mehr oder weniger freundlich. Manche Bewohner haben ein sehr seltsames Aussehen. Die Stadt wird regiert von einer Herrscherfamilie und einem sogenannten Rat der Sieben, der von den mächtigen Familien der Stadt gebildet wird. Till er'Cartya gehört auch zu einer dieser alten Familien, die auch über bestimmte magische Fähigkeiten verfügen. Till er'Cartya könnte aufgrund seiner Herkunft auch zur Führungsschicht von Rapgar gehören, aber die Machtspielchen und Intrigen sind ihm zuwider, und er hält sich abseits der Cliquenwirtschaft.

Auf einer Zugfahrt, natürlich ist es ein sehr besonderer Zug, natürlich ist es ein sehr besonderer Wagen, der für die Oberschicht Rapgars reserviert ist. (Die 1. Klasse der Bundesbahn nimmt sich dagegen aus wie die Holzklasse zu Kaisers Zeiten.) Till reist in Begleitung seines Spazierstocks. Der Stock heißt Stephan, kann reden und ist auch sonst ziemlich magisch.

Till (und Stephan) können im Zug einer jungen Frau beistehen, die von ein paar üblen Typen angegangen wird. Einer der Angreifer fliegt aus dem Fenster, einer wird von der schönen jungen Frau kurzerhand erdolcht, einer kann entkommen. Als sich das Chaos lichtet, ist die schöne junge Frau , die so flink mit dem Messer umgeht, spurlos verschwunden. Till, den die Begegnung mit der jungen Frau sehr beeindruckt hat, macht sich auf die Suche nach ihr.

Der Russe Alexey Pehov ist sicherlich einer der besten Fantasy-Autoren. Die seltsamen Wesen, die er in seinen Büchern auftreten lässt, sind höchst originell, ebenso die ausgefeilten Handlungen. Simple „Haudrauf“-Fantasy gibt es bei Pehov nicht, dafür schon mal Ausflüge ins fast Philosophische: „Wer glücklich sein will, muss sich viele Illusionen machen.“ Aber auch der Humor kommt bei Pehov nicht zu kurz.

 


Verlag: Dumont Verlag
ISBN: 9783832198923
Preis: 26,00 €
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Die Ermordung des Commendatore Bd II – Eine Metapher wandelt sich

Haruki Murakami, Rezension von Bernhard Söthe

 

Der erste Band endete damit, dass Menshiki, der undurchsichtige Nachbar des namenlosen Erzählers / Malers ihm einen zweiten Auftrag erteilt. Er soll Marie, ein vierzehnjähriges Mädchen, porträtieren. Marie ist möglicherweise Menshikis uneheliche Tochter. Das intelligente aber schüchterne Mädchen und der Maler verstehen sich auch ohne viele Worte sehr gut. Das Porträt ist nach etlichen Sitzungen fast fertig, als Marie spurlos verschwindet...

Nach längerer Pause hat der Maler auch wieder Besuch vom Commendatore, der „gestaltgewordenen Idee“. Das ist nur eine der zahlreichen übersinnlichen Begebenheiten dieses Romans. Ein geheimnisvoller Glockenstab taucht auf und verschwindet. Auf seltsame Art gelangt der Maler in eine alptraumhafte Unterwelt. Durch Höhlen und klaustrophobisch enge Gänge erreicht er eine unwirtliche Mondlandschaft. Der Maler wird von dem Wunsch getrieben, Marie zu finden. Der Commendatore hat ihm erzählt, nur auf diesem Wege käme er zu Marie. Die Reise in und durch die Unterwelt ist voller Anspielungen: der angstmachende Weg durch enge Höhlengänge - ein Geburtsvorgang? Ein unterirdischer Fluss, dessen Wasser seltsame Eigenschaften hat - der sagenhafte Fluss Lethe? An diesem Fluss hat der Maler eine Begegnung mit einem Fährmann, der ihn über den Fluss setzt - Charon? Diese Szene des Romans erinnert an das letzte Buch des Nobelpreisträger von 2017, Kazuo Ishiguro, „Der begrabene Riese“. Auch in diesem Roman gibt es eine Begegnung mit einem mystischen Fährmann.

Nach der Flussüberquerung verirrt sich der Maler, bis ihm die Seele seiner schon lange verstorbenen Schwester den Weg weist...

Nach großen Schwierigkeiten, in die „richtige“ Welt zurückzukehren, wobei ihm sein Nachbar Menshiki das Leben rettet, erfährt der Maler, dass die verschwundene Marie inzwischen wohlbehalten wieder zuhause ist. Von den Strapazen des Ausflugs in die „Unterwelt“ erholt, ruft der Maler seine Exfrau Yuzu an, die, wie er von einem gemeinsamen Freund erfahren hat, von einem anderen Mann schwanger ist. Yuzu stimmt einem Treffen zu...

Auch in diesem Buch vermischt Murakami reale und irreale Begebenheiten auf eindrucksvolle Weise.

 


Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN: 9783627002480
Preis: 24,00 €
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Dunkelgrün fast schwarz

Mareike Fallwickl, Rezension von Karin Bucconi

Wie oft schweigen wir, wenn wir besser reden sollten? Wie häufig sind die Dinge die wichtigsten, die wir nicht sagen, um andere zu schützen oder weil wir die Konsequenzen dessen nicht tragen wollen.

Im Erstlingswerk von Mareike Fallwickl spielen Farben, Geräusche, Gerüche und Gefühle eine große Rolle. "Mit allen Sinnen, mit Verstand und viel Herz" (so ein geschätzter Kollege) erzählt die Autorin die Geschichte einer verhängnisvollen Freundschaft. 

Als Vierjährige begegnen sie einander zum ersten Mal auf dem Spielplatz eines österreichischen Bergdorfs: Raffael (Raf) und Moritz (Motz). Beide sind auf ihre Art außergewöhnlich und so verschieden wie man nur sein kann. Raf ist kalt und berechnend. Moritz ängstlich und sensibel. Raf ist sein einziger Freund, und er lässt sich alles gefallen. Er kommt mit blauen Flecken und Bisswunden nach Hause, sagt aber nie, wer ihm die zugefügt hat.

Nur Marie, die Mutter von Moritz, durchschaut Raffael von Anfang an. Der kleine Teufel setzt immer ein gar zu liebes Lächeln auf, wenn er wieder einmal seinen kleinen Bruder getreten oder anderen wehgetan hat. Die Jungen bleiben unzertrennlich, und später kommt noch Johanna hinzu, in die sich Moritz unsterblich verliebt...

2017, sechzehn Jahre später, die drei haben sich lange aus den Augen verloren, wohnt Moritz mit seiner hochschwangeren Freundin zusammen. Als es eines Tages an der Tür klingelt, steht Raf davor. Er erzählt eine Lügengeschichte von überfüllten Hotels usw. und bittet darum, eine Nacht bleiben zu dürfen. Aber- er hat keinesfalls vor, wieder aufzubrechen. Er nistet sich regelrecht ein und stiftet Unruhe. Schnell hat er herausgefunden, dass er immer noch Macht über Motz hat. Kristin zieht zu ihrer Mutter und macht klar, dass sie erst zurückkehrt, wenn Raffael verschwindet...

Dann verändert sich etwas Gravierendes. Lange Verschwiegenes wird endlich ausgesprochen, und die Vergangenheit vermischt sich mit der Gegenwart.

Die Geschichte wird von drei Protagonisten erzählt: Moritz, Marie und Johanna. Raffael lernen wir nur so kennen, wie die drei ihn sehen...

Ein gelungenes Debüt. Ein guter Schreibstil. An wenigen Stellen etwas vulgär, aber nicht deplaziert. Ich wünsche Mareike Fallwickl viele LeserInnen.


Verlag: Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 9783462051568
Preis: 20,00 €
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Keyserlings Geheimnis

Klaus Modick, Rezension von Karin Bucconi

Klaus Modick schfft es mit seinen Romanen immer wieder, Menschen zu portätieren, von denen wir zwar gehört haben, über die wir aber nicht allzuviel wissen. So in "Sunset" Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht, Rainer Maria Rilke und Heinrich Vogeler in "Bildnis ohne Dichter" und jetzt den "baltischen Fontane" Eduard von Keyserling. der einem baltischen Adelsgeschlecht entstammende Keyserling war das zehnte von zwölf KIndern und somit nicht erbberechtigt. So studierte er Rechtswissenschaft in Dorpat (Estland), wurde aber unehrenhaft aus der studentischen Verbindung entlassen und zum Duell gefordert. Dem wollte er sich keinesfalls stellen und floh nach Wien, wo er eine Zeit lang Kunstgeschichte und Philosophie studierte. 

Der Roman "spielt" auf zwei Ebenen. Zum einen 1901 während einer Sommerfrische mit den Freunden Lovis Corinth und Max Halbe sowie deren Partnerinnen. Corinth, ein Maler, porträtiert ihn, und es kommt nichts Ansprechendes dabei heraus. Er leidet an Syphillis, und man sieht ihm an, dass er nicht gesund ist. Als er das fertige Porträt sieht, meint er, dass er auf dem Bild aussieht, wie mit 70 gestorben, im Grab vermodert und wieder auferstanden......

Einige Jahre verbringt Eduard auf den heimischen Gütern und vertritt seinen Bruder, der seine malade Frau in die Kur begleitet. Es geht ihm immer schlechter, und er ist froh, als er die Güter wieder verlassen kann.

1899 bis 1900 geht er mit seinen Schwestern auf eine Reise nach Italien, und dort entstehen seine besten Werke, von den Schwestern niedergeschrieben und korrigiert. Für mich ist "Wellen" sein bestes Buch, und vielleicht haben Sie ja nach der Lektüre von Keyserlings Geheimnis und dessen Entschlüsselung Lust darauf, diese kleine Kostbarkeit zu lesen.

 

Rezension von Bernhard Söthe

Im Jahr 2015 hatte Klaus Modick mit seinem Künstlerroman "Konzert ohne Dichter" großen Erfolg. Der Roman spielte in der Künstlerkolonie Worpswede. Ein Thema, das offensichtlich auf großes Interesse stieß. Das neue Buch von Modick dürfte es da etwas schwerer haben. Wer war denn der titelgebende Keyserling? 

Eduard Graf von Keyserling, geboren 1855 auf Schloss Padder, Kurland, als zweiter Sohn eines uralten baltischen Adelsgeschlechts, gestorben in München 1918. Seinerzeit war Keyserling einer der bekanntesten Romanciers des Impressionismus, heute wohl nur noch Literaturliebhabern bekannt.

Allerdings hatte Marcel Reich-Ranicki vor einigen Jahren eine kleine Keyserling-Renaissance initiiert, als er insbesonder dessen Roman "Wellen" als mustergültig lobte. Erhältlich ist dieser Roman z.B. als Insel Taschenbuch (mit einem Nachwort von Marcel Reich-Ranicki, 10.00€).

Dieser Graf Keyserling ist die Hauptperson von Klaus Modicks neuem Buch. Er erzählt die Lebensgeschichte des aus der konservativen Welt der baltischen Adelsgesellschaft in die Künstlerboheme Münchens geflohener Adelsspross. Allerdings war der Bruch mit der Familie nicht komplett, zwei seiner Schwestern, die durchaus auch künstlerische Ambitionen hatten, führten dem eher lebensunpraktischen Junggesellenbruder den Haushalt und lektorierten seine Romane.

Modicks Roman beginnt mit einer "Sommerfrische" am Starnberger See, wo der damals populäre Dramatiker Max Halbe ein Sommerhaus besaß. Unter den Gästen ist auch Graf Keyserling, ebenso wie der Maler Lovis Corinth, der dort ein Porträt des Grafen malt. Dieses Porträt ist auf dem Vorsatzblatt des schön gestalteten Buches abgedruckt. Wie man dort sieht und auch durch Aussagen von Zeitgenossen weiß, war Keyserling alles andere als ein Adonis, aber dank Maßanzug und Siegelring jeder Zoll ein Herr von Stand. Sein selbstbewusstes Auftreten und vermutlich auch sein Adelstitel führten dazu, dass ihm die Damen-  bzw Halbdamenwelt nicht die kalte Schulter zeigte. Eines der "süßen Madeln" steckte Keyserling mit der damals nicht heilbaren Syphilis an. Die krankheitsbedingten Hautveränderungen steigerten Keyserlings Attraktivität nicht. Von Corinths Porträt ausgehend erzählt Modick Keyserlings Leben.

Keyserling verweigerte sich der für zweite Söhne eigentlich obligatorischen Militärlaufbahn und studierte stattdessen Jura in Dorpat. Standesgemäß schließt er sich der Burschenschaft an, zu der schon sein Vater gehörte. Glücksspiel und Bordellbesuche gehörten auch zum lustigen Studentenleben. Hier in Dorpat kam es zu einem Zwischenfall, Keyserlings "Geheimnis", der ihn zur persona non grata in den feinen Kreisen des Baltikums machten. Dies war einer der Gründe, weshalb er seine Heimat verließ und zunächst nach Wien und dann nach München ging, wo er rasch Zugang zu Künstlerkreisen fand. Dort begegnet er dem jungen Thomas Mann, mit Frank Wedekind verband ihn eine turbulente Freundschaft.

Klaus Modick gelingt mit "Keyserlings Geheimnis" erneut ein herausragender Künstlerroman. Ironisch, atmosphärisch, klug und spannend. Auf der Buchmesse in Leipzig stellte Klaus Modick sein neues Buch vor und beschrieb die langwierige, über zweijährige Recherchearbeit in verschiedenen Archiven, da es aktuell keine Keyserling-Biographie gibt und er auch in Literaturgeschichten meist nur knapp erwähnt wird.


Verlag: Wagenbach
ISBN: 9783803132925
Preis: 20,00 €
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Herr Kato spielt Familie

Milena Flasar, Rezension von Karin Bucconi

"Ich nannte ihn Krawatte" ist das erste Buch, das ich von der Autorin gelesen habe. Dort geht es darum dass sich auf einer Parkbank zwei aus der "Welt Gefallene" begegnen. Sie entsprechen in keiner Weise der Norm, nähern sich aber ganz langsam einander und auch dem Leben an...

In ihrem neuen Roman geht es um`s Älterwerden, und die Hauptrolle spielt Herr Kato. der gerade pensioniert worden ist, und in Japan, wo sich die Menschen, insbesondere aber die Männer sehr stark mit ihrem Arbeitsplatz identifizieren, fallen die meisten erst mal in ein tiefes Loch. Auch Herr Kato weiß nichts mit sich anzufangen, außer dass er andauernd irgend etwas an seiner Frau auszusetzen hat. Die aber entzieht sich erst mal ganz geschickt und macht einen Tanzkurs.

Herr Kato folgt ihrem Rat, sich endlich einmal gründlich untersuchen zu lassen. In seinem Alter hat man schnell irgenwelche Wehwechen. Aber: nichts. Er ist kerngesund und hätte doch so gern eine kleine, harmlose Krankheit gehabt, um davon erzählen und sich wichtig machen zu können. Er geht vom Arzt aus nach Hause, nimmt aber einen Umweg über den Friedhof. Hier sticht ihn irgendwie der Hafer. Er imitiert einen Affen (die Toten können ihn ja nicht hören) und verfällt dann in einige Tanzschritte, was nicht unbemerkt bleibt.

Frau Mie tritt in Erscheinung, die Chefin von "Happy Family", die sogenannte Stand Ins vermietet, eine Art Schauspieler, die zu unterschiedlichen Anlässen Menschen spielen, die abhanden gekommen sind: verschollene Ehemänner, Großväter, Firmenchefs usw. Frau Mie ist vom schauspielerischen Talent Herrn Katos überzeugt und wirbt ihn an. Seine Frau erfährt nichts.

Die Rollen aber, die er spielt, haben viel mit ihm selbst zu tun, und manchmal fragt man sich bei der Lektüre, ob eventuell die anderen die Stand Ins sind, engagiert, um ihn zu unterhalten, seinem Leben einen Sinn zu geben.

Ein wunderschönes, gut geschriebenes Buch, sehr oft witzig, aber manchmal auch ziemlich melancholisch.


Verlag: Fischer
ISBN: 9783103973518
Preis: 20,00 €
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Der Zopf

Laetitia Columbani, Rezension von Jutta Pollmann

Smita ist eine Galit, eine Unberührbare, keiner Kaste zugehörig, im System nicht vorgesehen, jenseits von allem. Und wie alle Unberührbaren, lebt sie außerhalb der Stadt in einem Dreckloch. Das Wasser muss sie sich aus einem weit entfernten Brunnen holen, den nur die Dalits benutzen. Und wie schon ihre Mutter, verdient sie sich ihr Geld als Schmutzsammlerin. Diese Arbeit wird von der Mutter an die Tochter weitervererbt, es ist ihre Pflicht, ihr Dharma, ihr Platz in der Welt. Jeden Morgen geht sie los, mit dem stinkenden Korb, der schon ihrer Mutter gehörte und leert mit bloßen Händen die Latrinen der Jats, der besser gestellten. Sie kommt durch die Hintertüren der Häuser, verrichtet ihre Arbeit und verschwindet wieder, unsichtbar wie sie ist. 

Doch für ihre Tochter wünscht sich Smita ein besseres Leben. Sie soll nicht den Dreck der anderen wegmachen müssen, sie soll zur Schule gehen können. Smita hat ihren Mann überzeugt mit dem Lehrer zu sprechen und er hat zugestimmt, denn Nagajaran ist ein guter Mann, der sie nicht schlägt, der sie auch nicht verstoßenhat, als sie "nur" eine Tochter zur Welt brachte. Nagajaran hat dem Lehrer die paar gesparten Rupien gebracht und der hat zugestimmt. Lalita darf zur Schule gehen. Doch gelich am ersten Tag gibt es einen Zwischenfall, der Lehrer forder Lalita auf, den Boden zu kehren, wie es Aufgabe der Unberührbaren ist. Doch Lalita weigert sich und wird vom Lehrer verprügelt. Da weiß Smita, dass sie weg muss, weg aus diesem Slum, weg aus diesem Leben als Mensch ohne Wert, weg, damit Lalita etwas lernen kann. Und sie macht sich auf eine 1000 km weite Reise in den Süden Indiens zu ihren Cousins. Auf dem Weg dorthin, opfern Smita und Lalita ihrem Gott Vishnu im Tempel von Tirupati ihre komplette Haarpracht. Denn das weiß Smita: das Leben ihrer Tochter wird durch das Opfer nun besser sein als ihres.

Giulia lebt in Palermo. Ihr Vater besitzt eine kleine Fabrik, in der von Hand Perücken hergestellt werden. Die hat er schon von seinem Vater geerbt und Giulias Vater liebt seine Arbeit. Und obwohl Giulia eine sehr gute Schülerin gewesen ist, Abitur hätte machen können, entschied sie sich mit 16 Jahren von der Schule zu gehen, um bei ihrem Vater zu arbeiten. Schon als kleines Mädchen hat sie es geliebt, mit ihm über die Dörfer zu fahren, auf der Vespa sitzend, den Wind in den Haaren. Dann ist sie von Haus zu Haus gelaufen und hat die Frauen nach der Cascatura gefragt. Die Frauen gaben ihr den Beutel mit den gesammelten Haaren, der Vater wog die Ausbeute und bezahlte. Bei den Friseuren gab es natürlich mehr einzusammeln. Doch die Zeiten haben sich geändert, die Leute sammeln ihre Haare nicht mehr ein und verkaufen sie. Es sieht nicht gut aus für die kleine Fabrik in Palermo. Als ihr Vater verunglückt und Giulia eine Dokument aus seinem Büro holen muss, sieht sie sich plötzlich mit einer Realität konfrontiert, die ihr nicht behagt: die Firma ist pleite, ihr Vater hat immense Schulden, aber weder die Familie noch die Angestellten sind informiert. Was soll nun geschehen? Ihre Mutter und ihre Geschwister sind dafür, die Fabrik zu verkaufen, damit man wenigstens das Dach über dem Kopf behalten kann, aber das will Giulia nicht. Vor allem will sie nicht Gino heiraten, Gino, der um sie wirbt, der Geld hat, der die Lösung für alle Probleme wäre. Aber sie liebt ihn nicht. Giulia lernt Kamal kennen, einen Sikh, der als Flüchtling nach Italien gekommen ist und der bringt sie auf eine Idee. Er als Sikh darf seine Haare nicht schneiden, aber die Hindus tun das, sie opfern ihre Haare Vishnu und diese Haare werden verkauft, gutes, festes Haar, das man für Perücken verwenden kann. Und plötzlich ist Giulia mit knapp 20 Jahren Chefin einer Perückenfabrik, die es wagt, neue Wege zu gehen, um ihr eigenes und das Leben ihrer Angestellten zu sichern.

Jeden Morgen ds Gleiche, jeden Morgen klingelt der Wecker um 5 Uhr. Sarah hat ihren Tag durchgetacktet, anders wäre das Pensum nicht zu schaffen: Duschen, anziehen, Frühstück für die Kinder vorbereiten, Kinder wecken, auf dem Weg zur Arbeit an der Schule absetzen. Punkt 8 Uhr parkt sie ihren Wagen auf ihrem eigenen Parkplatz: Sarah Cohen, Johnson & Lockwood. Viele sind um die Zeit noch nicht da, oft ist sie die Erste die kommt und die Letzte, die geht. Nur so schafft man es Mitgesellschfterin bei Johnson & Lockwood zu werden, einer der renommiertesten und gefragtesten Rechtsanwaltskanzleien der Stadt. Sarah ist die erste Frau, die das geschafft hat, mit Doppelschichten, Wochenendarbeit, Nachtschichten. Da gehen schon mal Ehen kaputt, zwei bei ihr. Und ihre Kinder werden auch von anderen Menschen betreut: Kindergeburtstage, Aufführungen und Kirmesbesuche, für so etwas hat Sarah keine Zeit. Doch ihr Leben ändert sich plötzlich, als bei einer Routineuntersuchung ein Knoten in ihrer Brust gefunden wird. Aber weder in der Kanzlei, noch zuhause erzählt sie davon. Für die Operation nimmt sie sich ein paar Tage Urlaub, die Chemotherapien werden als Geschäftsessen im Kalender vermerkt. Doch dann steht sie plötzlich einer Mitarbeiterin gegenüber, die mit ihrer Mutter beim Onkologen ist. Sarah stammelt was von Freundin, die sie begleitet, aber ihr Geheimnis ist keines mehr.  Ihre Krankheit macht die Runde in der Kanzlei, immer häufiger wird sie nicht zu Besprechungen eingeladen, man will sie schließlich nicht belasten, doch Sarah merkt, man hat schon ihr Grab geschaufelt. Eine Kranke ist nicht zuverlässig, die kann man nicht gebrauchen. Eine Schwangerschaft geht irgendwann zu Ende, aber Krebs kann jederzeit wiederkommen, vielleicht lebt sie ja in einem Jahr schon nicht mehr! Da kann man ihr langwierige Fälle nicht mehr anvertrauen. Sarahs Welt bricht zusammen, alles wofür sie gearbeit und gekämpft hat zerbricht.

Die Chemo hinterlässt ihre Spuren, die Haare fallen büschelweise aus. Sie bleibt tagelang im Bett, möchte nie wieder aufstehen. Doch irgendwann kommt der Lebensmut zuück und sie macht sich mit dem Kärtchen in der Hand, das eine Patientin ihr gegeben hat,  auf den Weg. Ihr Ziel ist ein Perückengeschäft. Die Angestellte ist feinfühlig, ohne mitleidig zu wirken und sie zeigt Sarah diverse Modelle. Doch als sie die Perücke aus der kleinen Fabrik in Palermo auf dem Kopf hat, die eine Arbeiterin in 80 Stunden mit 150000 Haaren gefertigt hat, sieht Sarah die neue Sarah im Spiegel. Die Frau, die ihre eigene Kanzlei eröffnen wird, die Frau, die nicht mehr jedes Wochenende arbeiten wird, die Frau,  die Zeit mit ihren Kindern verbringt, die Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, sei es von einer Gesellschaft, in der man nur etwas zählt, wenn man wie eine Maschine arbeitet oder sei es von einem Tumor.

Hier verbindet sich die Geschichte dieser drei Frauen:  die Haare aus Indien, geopfert, damit Lalita zur Schule gehen kann; die Fabrik in Palermo mit den Haaren aus Indien auf dem Weg in die Zukunft und die Perücke für die Anwältin, die so zu neuem Selbstbewußtsein kommt.

Was für ein Buch!!!!!!! Auf dem Umschlag steht: "In der Welt der Bücher geschen noch Wunder!" Dem kann ich mich nur anschließen. Unbedingt lesen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!


Verlag: Berlin
ISBN: 978-3-8270-1367-5
Preis: 22,00 €
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Eine Geschichte der Wölfe

Emily Fridlund, Rezension von Bernhard Söthe

Die 14jährige Linda lebt mit ihren Eltern, desillusionierten Alt-Hippies, in Minnesota am Rand einer Kleinstadt, fast schon im Wald. Hier gab es einst eine Hippie-Kommune, nach dem Scheitern dieser experimentellen alternativen Lebensform sind Lindas Eltern hier übrig geblieben. In der benachbarten Gemeinde gelten sie als Eigenbrötler. Dieser Ruft haftet auch Linda an. In der Highschool, wo sie keinen besonderen Ehrgeiz an den Tag legt, ist sie Außenseiterin. Von ihrem Mitschülern wird sie ignoriert, sie gilt als "Freak". Kontakt sucht Linda zur gleichaltrigen Mitschülerin Lily, die wegen ihrer indianischen Vorfahren auch zur Außenseiterin prädestiniert ist. Aber Lily ist die Highschool-Schönheit und spielt in einer ganz anderen Liga als Linda. Lily lässt Linda abblitzen. Gekränkt zieht sich Linda noch mehr zurück. Ein kleiner Lichtblick ist ein neuer Lehrer, Mr Grierson, der aus Kalifornien in dieses Hinterweltkaff gekommen ist. Den charismatischen Lehrer, den der Duft der großen weiten Welt umweht, findet Linda faszinierend. Zum ersten Mal findet sie den Unterricht spannend, und für diesen Lehrer legt sie sich richtig ins Zeug und gibt sich mit ihrem Referat "Die Geschichte der Wölfe" große Mühe. Schwer fällt Linda das nicht, sie lebt nicht nur am Rand der großen Wälder, sie liebt die Natur. Sie ist ihr Fluchtpunkt vor den Kränkungen des Schulalltags und den Zumutungen des Erwachsenenwerdens. Lindas Eltern sind sehr mit sich selbst beschäftigt und geben ihr keinen Halt. Obwohl Lindas Eltern ein größeres Stück Wald gehört, ist Geld immer knapp, und Linda arbeitet neben der Schule als Aushilfe im örtlichen Diner. Ein Job, den die kontaktscheue Linda nicht besonders mag. Als sich die Gelegenheit ergibt, als Babysitterin zu arbeiten, kündigt sie im Diner. Nicht sehr weit von der Hütte ihrer Eltern entfernt, liegt am Ufer eines Sees ein Sommerhaus. Dort zieht eine jungen Frau mit ihrem vierjährigen Sohn Paul ein. Auf dieses Kind soll Linda gelegentlich aufpassen. Linda genießt ihre neue Aufgabe. Paul ist ein aufgewecktes, liebenswertes Kind, Linda und er finden sofort einen Draht zueinander. Auch die junge Mutter ist Linda sympathisch. Die Außenseiterin Linda, der "Freak", giert nach Normailtät. Und Paul und seine Mutter sind normal. Als Pauls Vater, der als Wissenschaftler an einer entfernten Universität arbeitet, in seinen Ferien zu Frau und Kind stößt, scheint die kleinbürgerliche Idylle perfekt. Linda fühlt sich angenommen und fast als der kleinen Familie zugehörig.

Probleme bahnen sich an, als der kleine Paul krank wird und sich seine Eltern unter fadenscheinigen Gründen weigern, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Eine komplexe Geschichte über das Erwachsenwerden in schwierigem sozialem Umfeld. Eine Geschichte, die viel Stoff zum Nachdenken bietet und einen lange nicht loslässt. Die Autorin hat bei T. C. Boyle "Creative Writing" studiert. 


Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN: 9783518427897
Preis: 24,00 €
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Hain - Ein Geländeroman

Esther Kinsky, Rezension von Bernhard Söthe

 

Die im Rheinland geborene und aufgewachsene Autorin lebt heute in Berlin und in Friaul. Die Übersetzerin und Essayistin wurde 2016 mit dem Adalbert-von Chamisso-Preis ausgezeichnet, und für ihr neues Buch "Hain - Ein Geländeroman" hat Esther Kinsky den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten.

Die Ich-Erzählerin, vermutlich das Alter Ego der Autorin, reist durch Italien. Allerdings nicht durch das Hochglanzitalien seliger Sommerurlaube in den einschlägig bekannten Touristenhochburgen, sondern sie reist mitten im Winter, der auch in Italien, besonders im Norden und in den Gebirgsregionen, kalt und unwirtlich sein kann, und sie reist durch Gegenden, in die sich sonst kaum ein Tourist verirrt,

Die Erzählerin reist auf den Spuren der Vergangenheit. Ihr Mann ist - so kann man aus Andeutungenen vermuten - erst kürzlich verstorben. Mit ihm ist sie oft in Italien unterwegs gewesen. Es tauchen Erinnerungen an die gemeinsamen Reisen auf.

Den Keim zu ihrer Italienliebe hat aber schon ihr Vater gelegt. Die Familienurlaube fanden immer in Italien statt. Auch mal an der Adria aber sonst meist abseits der üblichen Touistentrampelpfade. Erinnerungen an Verstorbene, Reisen in Kälte und Nebel durch unwirtliche Gegenden, "Niemandsgegenden" nennt Esther Kinsky sie, da liegt die Vermutung nah, das Ganze wäre ein trauriges Buch in elegischem Tonfall, aber so ist es nicht. Das Buch zeichnet sich durch eine unaufgeregte, zurückgenommene Sprache aus. Genau beobachtete Beschreibungen der Orte und Landschaften, in denen die Autorin unterwegs ist. Der Untertitel des Buches "Ein Geländeroman" findet hier seine Berechtigung. Menschen spielen in diesem Buch nur eine Statistenrolle. 

Der Jury des Leipziger Buchpreises ist es wieder gelungen, ein ungewöhnliches Buch auszuzeichnen. Ein Buch, das jeden Leser belohnt, der bereit ist, sich auf diesen ruhigen doch kunstvollen Sprachstil einzulassen.

 


Verlag: Thiele
ISBN: 9783851794014
Preis: 20,00 €
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Jemand wie du

Xavier Bosch, Rezension von Tanja Tenberg

Xavier Bosch nimmt uns mit nach Paris, lässt uns teilhaben an der Liebesgeschichte zwischen dem Galeristen Jean-Pierre Zanardi und Paulina Homs, die sich auf der Hochzeit ihrer Cousine in Paris kennenlernen.

Paulina, angereist alleine ohne ihren Mann und ihre kleine Tochter Gina verliebt sich in diesen einfühlsamen, weltgewandten Mann, der bei der Hochzeit ihr Tischnachbar ist.

So beginnen fünf aufregende Tage, nach denen Paulina zurückkehrt zu ihrer Familie nach Barcelona, Jean-Pierre aber nie vergessen wird.

Jahre später entdeckt Gina in einer Buchhandlung eine Visitenkarte ihrer Mutter in einem Buch über Schmetterlinge, auf der steht „ Appelle-moi!“

Gina, die ihre Mutter sehr jung verloren hat, sich kaum an sie erinnern kann, beginnt zu forschen, wen ihre Mutter mit dieser Karte erreichen wollte.

Dieses Buch berührt zutiefst, lässt einen eintauchen in Paris, der Stadt der Liebe.

Wer mal wieder richtig berührt werden will mit einer wunderschönen Geschichte, für den ist die Geschichte von Paulina und Jean-Pierre genau richtig.

Für die Fans von Nicolas Barreau, Paris Fans und Freunden großer Gefühle.

Unbedingt lesen.


Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462051773
Preis: 20,00 €
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Der Gedankenspieler

Peter Härtling, Rezension von Karin Bucconi

Härtlings letzter Roman ist erschienen. Als der Autor im Juli vorigen Jahres starb, war das Manuskript noch unveröffentlicht.

Eigentlich ist es mehr eine Biografie, denn ein Roman.  Wenger, die Hauptfigur ist das Alter Ego von Peter Härtling, nicht nur, was seine Krankheiten und sein Lebensende betrifft. 

Wenger spürt das Alter nicht nur, weil er einen Rollator benötigt. Diverse schwere Erkrankungen machen ihm zu schaffen, und als er nach einem Sturz auch noch an den Rollstuhl gefesselt ist, und  fremde Hilfe braucht, wird ihm bewußt, was es heißt, alt, krank und einsam zu sein. Wenger warsein Leben lang ein Einzelgänger und Single. Er ließ niemanden wirklich an sich heran, ist jetzt aber dankbar für die Freundschaft seines jungen Hausarztes, Dr. Mailänder.Häufig miesepetrig, beobachtet er sich genau und empfindet wowohl Scham als auch Ekel, weil er sich von Pflegerinnen waschen und versorgen lassen muss. Geistig ist er noch auf der Höhe, und immer wieder wird er gebeten Aufsätze über Architektur zu schreiben. Die war neben Kunst, Musik und Politik immer wichtig für ihn. Der einzige, dem er Zugang (auch zu seinem Inneren) gewährt, ist eben jener junge Arzt, der sich irgendwann aber rarer macht, weil er sich neu verliebt hat und auch, weil Wenger häufig schroff und abweisend ist.

Zentral in diesem "Roman" ist die Architektur, und Wenger schreibt kundige Briefe an Größen, die nicht mehr leben, wie z.B. Mies van der Rohe(Bauhaus) und Karl Friedrich Schinkel (Klassizismus und Historismus). Das hält ihn aufrecht.

Lebensmut gibt ihm hin und wieder Katharina, die kleine Tochter, die Mailänders Frau mit in die Ehe gebracht hat und die ihn mal mehr, mal weniger liebevoll Opa Hannes nennt. Als klar wird, dass sein Blut vergiftet ist, und er  dreimal die Woche der Dialyse bedarf, erlischt ganz allmählich sein letzter Rest an Lebensmut...

Ein bewegendes Buch über das Altsein, über Krankheit, über Freundschaft und Einsamkeit, und alles dreht sich um die Frage, wie man seine Würde bewahren kann.

 

 


Verlag: Wunderlich
ISBN: 9783805200219
Preis: 19,95 €
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Kranichland

Anja Baumheier, Rezension von Jutta Pollmann

Der 15jährige Johannes Groen landet auf der Flucht aus Schlesien in Rostock. Hier verbringt er das Ende des Krieges, hier lernt er 1946 Elisabeth kennen. Er verliebt sich in die junge Krankenschwester und heiratet sie schon bald. In Rostock lernt Johannes auch Kolja kennen, einen Russen, der ihn schnell für den Aufbau des Sozialismus begeistern kann. Ja, ein neues Deutschland, ohne Krieg, ohne ein Oben und Unten, eine starke Arbeiterklasse, die das Sagen hat. Johannes ist begeistert. Kolja unterstützt ihn, wo er kann, denn solche Leute wie Johannes braucht das Land. Und dann wird ihm eine Stelle bei der Stasi in Berlin angeboten. Elisabeth ist zunächst nicht so begeistert vom Umzug nach Berlin, aber Kolja hat für die Familie nicht nur bereits eine Wohnung besorgt, sondern für Elisabeth auch eine neue Stelle in der Charité. Schließlich lässt sie sich überzeugen und Johannes und Elisabeth ziehen mit ihren Töchtern Charlotte und Marlene nach Berlin. Hatte Johannes seiner Frau versprochen, nun mehr Zeit für sie zu haben, wird er hier in Berlin noch mehr vereinnahmt. Wenn Kolja ruft, wenn die Stasi ruft, ist Johannes zur Stelle. Elisabeth fühlt sich einsam und verliebt sich in einen anderen Mann.

Charlotte ist wie ihr Vater eine begeisterte Sozialistin, ganz im Gegensatz zur jüngeren Schwester Marlene. Die muckt auf, rebeliert möchte Freiheit, möchte sagen, was sie denkt. Dann verliebt sie sich auch noch in den Sohn eines Pfarrers, der dem System der DDR kritisch gegenübersteht und die beiden jungen Menschen wollen fliehen. Kolja setzt Johannes unter Druck. Als Mitglied der Staatssicherheit darf er sich nichts zu Schulden kommen lassen. Johannes muss handeln...

Jahre später erbt die Altenpflegerin Theresa ein Haus von ihrer Schwester Marlene. Dem Testament liegt ein Brief an Theresa bei, in der Marlene von ihrer Krebserkrankung berichtet. Theresa ist verwirrt. Marlene ist doch schon seit Jahren tot, bei einer Bootstour mit dem Vater ertrunken. Wenn sie all die Jahre noch gelebt hat, wo war sie, warum hat sie sich nicht gemeldet. Was ist damals wirklich passiert??

Eine faszinierende und bewegende Familiengeschichte, ein tolles Debüt einer jungen Autorin. Vom Krieg, Vertreibung und Flucht zu den Nachkriegstagen und dem Aufbau der DDR bis hin zur Wende und dem heutigen Deutschland begleitet der Leser die Familie Groen durch all die Höhen, Tiefen und Abgründe des Lebens. Wunderbar zu lesen!

 

 

 

 


Verlag: Eisele
ISBN: 978-3-96161-007-5
Preis: 22,00 €
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Sag den Wölfen, ich bin Zuhause

Carol Rifka Brunt, Rezension von Kathrin Allkemper

New York, 1987: Die 13jährige June hat ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem Onkel Finn, einem berühmten Maler. Die beiden teilen die Vorliebe für Kunst und Mittelaltermärkte und verstehen sich auch sonst fast ohne Worte. Daher sind die Besuche bei ihrem Onkel für die sehr introvertierte June stets ein Highlight, hat sie doch sonst kaum Freunde. Doch dann erkrankt Finn an einem noch unbekannten tödlichen Virus. Mit seinem viel zu frühen Tod bricht für June eine Welt zusammen. Sie fühlt sich in ihrer Trauer allein, da die Familie über vieles aus Finns Leben schweigt und sich, auch was seine Krankheit angeht, merkwürdig distanziert verhält. Als auf der Beerdigung ein junger Mann auftaucht, spürt June bei den anderen eine Welle der Abscheu ihm gegenüber. Wer ist dieser schüchterne Kerl, den ihre Familie als Finns Mörder bezeichnet?

Kurz darauf erhält June ein Päckchen mit Finns Lieblingsteekanne und einem Brief für sie. Der Brief ist von Toby, dem Unbekannten auf der Beerdigung. Er möchte sich mit ihr treffen, sie kennenlernen und mit ihr Erinnerungen über Finn austauschen. Nach anfänglichem Misstrauen lässt June sich darauf ein und erfährt sehr schnell, dass ihre Familie völlig falsch liegt mit ihren Anschuldigungen. Auch Toby hat jemanden verloren, den er liebt und so zeigt er June, dass es gegen ihre Trauer doch ein Heilmittel gibt: Freundschaft und Zusammenhalt.

Dieser Roman wurde in 20 Sprachen übersetzt und eine Verfilmung ist in Vorbereitung. Ich teile die Begeisterung für diese so wunderbar erzählte Geschichte, Für mich ist es schon jetzt mein Lieblingsbuch in diesem Frühjahr.

 


Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-25819-8
Preis: 23,00 €
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Von Vögeln und Menschen

Margriet de Moor, Rezension von Bernhard Söthe

Marie Lina, eine Krankenschwester, schläft friedlich neben ihrem Mann Rinus Caspers, der als Vogelvertreiber auf dem Flughafen Schiphol arbeitet. Es ist noch früh morgens, als sich ein unauffälliges Auto der Wohnung der Caspers nähert. Drin sitzen zwei Kriminalbeamte, die gleich Marie Lina Caspers verhaften werden.

Marie Lina hatte am Vortag vor dem Hauptbahnhof in Amsterdam, wo gerade Ausschachtungsarbeiten für die neue U-Bahn-Linie im Gange sind, vor zahlreichen Zeugen eine ältere, sich heftig zur Wehr setzende Frau in die Baugrube gestoßen, mit tödlichem Ausgang. Die alte Frau, die so ums Leben gebracht wurde, ist eine Mörderin.

Vor Jahrzehnten hat Marie Linas Mutter Louise als Zugehfrau in einem Seniorenzentrum gearbeitet. Regelmäßig war sie für die Pflege der Wohnung des über 90jährigen Bruno zuständig. Die Beiden verstanden sich gut, wenn Louise bei der Arbeit fröhlich sang, fühlte sich der alte Mann nicht mehr so einsam.

Als der alte Bruno mit einem Schal erstickt wird und aus seinem Sekretär eine größere Summe Bargelds und Schecks gestohlen werden, gerät Louise, die einen Schlüssel zu Brunos Seniorenwohnung hatte, unter Verdacht. Die einfache Frau wird von den sie verhörenden Kriminalbeamten so massiv unter Druck gesetzt, dass sie einen Mord gesteht, den sie gar nicht begangen hat. Louise wird vor Gericht gestellt, verurteilt und geht ins Gefängnis. Die damals noch kleine Tochter Marie Lina wächst bei Verwandten auf.

Aus dem Gefängnis heraus zieht Louise ihr erzwungenes Geständnis zurück und versucht, eine Neuaufnahme ihres Verfahrens zu erreichen, was erst viele Jahre später gelingt.

Im neuen Verfahren wird Louise mangels Beweisen freigesprochen. Also kein Freispruch wegen erwiesener Unschuld. Ein Hauch von Verdacht bleibt an ihr haften.

Nach Louises Entlassung aus dem Gefängnis versuchen sie und ihre inzwischen erwachsene Tochter, eine Bindung zueinander aufzubauen. Aber Louise ist noch nicht lange in Freiheit, als sie stirbt.

Erst als das Verbrechen an Bruno verjährt ist, stellt sich heraus, dass nicht Louise, sondern eine andere Angestellte des Seniorenheims Bruno erdrosselte, als er sie beim Diebstahl des Geldes überraschte.

Kladzien Wroude hatte als Pflegerin ebenfalls Zugang zu Brunos Wohnung. Da die Tat bereits verjährt ist, wird sie nie vor Gericht gestellt. Und Louise, die ihre Unschuld nie beweisen konnte, ist tot. Louise wird von ihrer Tochter gerächt, die die wahre Mörderin des alten Bruno in die Baugrube stößt.

Was das Treffen von Marie Lina Caspers und Kladzien Wroude vor dem Bahnhof in Amsterdam Zufall oder war es geplant?

Margriet de Moor versteht es meisterhaft, mit den Gefühlen ihrer Leser zu spielen.

Der Klappentext des Verlages verspricht, „Von Vögeln und Menschen“ zeige Margriet de Moor auf dem Höhepunkt ihrer psychologischen und erzählerischen Meisterschaft, stimmt!


Verlag: DTV
ISBN: 978-3-423-26169-2
Preis: 14,90 €
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Frischluftvergiftung bei minus 20 Grad

Siina Tiuraniemi, Rezension von Kathrin Allkemper

Miska, der sich selbst als Halbautisten bezeichnet, ist wirklich ein komischer Vogel. Mit Menschen kann er überhaupt nicht umgehen und sein Studium läuft auch schlecht. Seine einzigen Freunde sind sein Mitbewohner Ville, der ihn und seine Eigenheiten schon aus Kindertagen kennt, und der Alkohol. Daher ist es kein Wunder, dass Miska völlig überfordert ist, als seine Mutter ihn dazu drängt, an ihrer Stelle die kürzlich ins Heim gekommene Tante Brigitta zu besuchen und ein paar Blumen vorbeizubringen. Brigitta ist so gar nicht die nette alte Dame, mit der er gerechnet hat, sondern ein ziemlich ruppiger Besen. Sie flucht wie ein Rohrspatz und bekundet gleich, dass sie statt Blumen lieber einen ordentlichen Schnaps hätte. Schließlich hätte sie nicht mehr viel zu verlieren, hat man ihr doch gerade erst beide Beine amputiert. Hinter der bärbeißigen Art steckt also auch etwas Verletzliches und vor lauter Mitleid lässt Miska ihr wenigstens seinen letzten Joint da, nichtahnend, zu welch ungewöhnlicher Freundschaft das am Ende führt....

Sehr unterhaltsame Geschichte und ein bißchen wie die finnische Variante von „ Ziemlich beste Freunde“!


Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-498-06552-2
Preis: 19,95 €
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Die letzten Meter bis zum Friedhof

Antti Tuomainen, Rezension von Kathrin Allkemper

Jaakob und seine Frau haben eine Pilzfarm in den Wäldern Finnlands. Zusammen haben sie dieses Geschäftsmodell ins Leben gerufen und verkaufen die Pilze äußerst lukrativ nach Japan. Allerdings fühlt sich Jaakob seit längerem nicht wirklich wohl. Leider ist es keine hartnäckige Grippe, wie ihm sein Arzt bedauernd eröffnet, sondern die Folge einer Vergiftung über einen langen Zeitraum hinweg. So blickt Jaakob also im Alter von 37 schon dem Tod ins Auge, denn man kann nichts mehr für ihn tun. Gebeutelt macht er sich auf den Heimweg, um seiner Frau die schlechte Nachricht zu überbringen. Doch statt eines tröstenden Gespräches erwartet ihn zuhause der Anblick seiner Gattin, wie sie sich mit seinem jüngeren Mitarbeiter Petri im Garten vergnügt. Die beiden bekommen nichts mit von seiner Anwesenheit, doch in Jaakob keimt sofort ein Gedanke: was, wenn seine Frau ihn vergiftet hat,um mit Petri die Firma zu übernehmen? Das ist aber nicht seine eizige Sorge. In der Stadt versuchen ihm drei üble Typen Konkurrenz zu machen, die auch vor Gewalt nicht zurück schrecken. Jaakob hat nichts mehr zu verlieren und beschließt daher, herauszufinden, wer ihn umbringen will und seine Firma mit allen Mitteln zu verteidigen. Dass es dabei zu ein paar Toten kommt, war eigentlich nicht beabsichtigt...

Dieser Roman ist gleichermaßen lustig, tragisch, nachdenklich und durchaus mit ein paar Lebensweisheiten gespickt.


Verlag: Deuticke
ISBN: 9783552063662
Preis: 22,00 €
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All die Jahre

J. Courtney Sullivan, Rezension von Annette Riedel

Irland 1957: Die beiden sehr unterschiedlichen Schwestern Nora und Theresa bereiten ihre Auswanderung nach Amerika vor. Nora reist zu ihrem Verlobten Charlie, der dort auf sie wartet. Theresa möchte Lehrerin werden, aber in Irland hat sie keine Zukunftsperspektive. Die pflichtbewusste Nora bittet Charlie, auch ihre Schwester aufzunehmen. Die hübsche, lebhafte und lebenslustige Theresa lebt sich schnell in der neuen Welt ein und genießt das Leben in vollen Zügen, bis sie eines Tages schwanger ist und der Vater des Kindes die Verantwortung nicht übernimmt. Nora trifft eine folgenschwere Entscheidung für sich, ihre Familie und auch für Theresa...

Fünfzig Jahre später: Als Noras ältester Sohn Patrick, ihr ausgesprochener Liebling, bei einem Autounfall stirbt, bricht sie das über dreißig Jahre währende Schweigen mit ihrer Schwestern, die als Nonne in einem Kloster lebt. Die anderen Kinder sind verwundert über ihre Tante, von deren Existenz sie bis dato nichts wussten und fragen neugierig nach: John, der Karriere in der Politik gemacht hat, Bridget, die mit ihrer Partnerin versucht, ein Kind zu bekommen und Brian, dem der Halt im Leben fehlt und der mit seinem Bruder Patrick eine Kneipe betrieben hat.

Eine spannende Familiengeschichte über zwei Schwestern, die ihren Weg finden und über unausgesprochene Dinge und Geheimnisse – sehr einfühlsam geschrieben mit liebevoll gezeichneten Figuren.


Verlag: Klett Cotta
ISBN: 978-3-608-98313-5
Preis: 22,00 €
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Die Herzen der Männer

Nickolas Butler, Rezension von Bernhard Söthe

Der Titel klingt schon sehr gefühlig, aber da das amerikanische Original den gleichen Titel trägt, geht das wohl in Ordnung. Es geht in dem Roman tatsächlich um Gefühle, aber gefühlig oder gar kitschig ist die Geschichte nicht.

Über eine Zeitspanne von drei Generationen und ebenso vielen Kriegen werden die Gefühle der Männer erkundet. Ihre Schwäche, ihre Geheimnisse, ihre Bedürfnisse, ihre Werte. Männer sind eindeutig die Hauptpersonen dieses garndios erzählten Romans. Erst im letzten Viertel rückt auch eine Frauengestalt in den Vordergrund. Rachel, immerhin Schwiegertochter, Ehefrau und Mutter von männlichen Hauptpersonen. 

Die Geschichte spielt im ländlichen konservativen Wisconsin. Konservativ ist auch die Erziehung der Jungen. Gelobt sei, was hart macht, schließlich sollen die Jungen ja später mal "ihren Mann stehen". Das geht nicht ohne innere und manchmal auch äußere Blessuren ab. Ganz wichtig im Leben dieser Familien ist der sommerliche Aufenthalt im Pfadfindercamp, wo Generationen von Jungen mit heute eher archaisch wirkenden Ritualen zu "mannhaftem Verhalten" erzogen werden sollen. Der Roman bietet tiefe Einblicke in das ganz normale Leben ganz normaler Bürger, die meisten von den beschriebenen Personen dürften vermutlich begeisterte Trump-Wähler sein. Für Nichtamerikaner ist der Waffenkult in den USA schwer verständlich, diese Verbreitung der Waffen im ganzen normalen Alltag, die Begeisterung, mit der hobbymäßig geschossen wird. Es gilt durchaus als nette Freizeitbeschäftigung, wenn Ehepaare in Schießanlagen auf Pappfiguren oder Wassermelonen ballern. Man will schließlich "vorbereitet" sein. Vorbereitet worauf?

Dieser lockere Umgang mit Waffen endet für einen der eher sympathischeren Protagonisten auch tödlich. 

Interessant ist dieses Buch sicherlich auch für die Leser von Yanagihara: "Ein wenig Leben" oder auch der großen amerikanischen Gesellschaftsromane von Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides, Dave Eggers etc.

 


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-9891-6
Preis: 26,00 €
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Die Ermordung des Commendatore Band 1 - Eine Idee erscheint

Haruki Murakami, Rezension von Bernhard Söthe

Der namenlose Ich-Erzähler des Romans, ein Mann in seinen 30ern, wird nach sechsjähriger - und wie er glaubt, durchaus harmonischer - Ehe, für ihn völlig überraschend, von seiner Frau Yuzu um die Scheidung gebeten.

Von Beruf ist der Erzähler Maler. Nach dem Ende seine Kunststudiums und seit dem Beginn seiner Ehe hat er allen künstlerischen Ambitionen ade gesagt. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Porträtmaler. Er malt Menschen, die ihr Konterfei unbedingt in Öl verewigt sehen wollen. Er hat auf diesem Spezialgebiet der Kunst oder eher des Kunstgewerbes einen durchaus guten Ruf. Er weiß aber, dass er mit dieser Art der Malerei niemals in angesehenen Galerien oder gar Museen ausstellen wird. Aber mit diesen Auftragsarbeiten verdient er seinen Lebensunterhalt.

Nachdem seine Frau die Trennung verlangt hat, verlässt der Erzähler die eheliche Wohnung und fährt mit kleinem Gepäck in einem schrottreifen Auto ziellos über Land. Nach einigen Wochen ist er des Herumziehens müde und sucht eine neue Bleibe. Ein Freund bietet ihm ein kleines Häuschen in einem stillen Bergtal an. Dort hat bis vor kurzem der Vater des Freundes, ein bekannter Maler, gelebt und gearbeitet. Aber der alte Herr ist inzwischen dement und lebt in einer Pflegeeinrichtung. Der Erzähler ist froh, zu einem Freundschaftspreis wieder ein Dach über dem Kopf zu bekommen, sogar mit einem kleinen Atelier, schließlich muss er irgendwann wieder Geld verdienen. Außerdem will er die Gelegenheit nutzen, sich in dieser ablenkungsarmen Gegend auf seine Malerei zu konzentrieren und vielleicht neue künstlerische Wege zu gehen. Daher ist es ihm zunächst gar nicht recht, dass er einen neuen Porträtauftrag bekommt. Ein offensichtlich sehr wohlhabender Mann, der auf der anderen Talseite eine luxuriöse moderne Villa bewohnt, macht ihm ein so lukratives Angebot, dass der Erzähler nach anfänglichem Zögern zusagt. Doch der Auftrag erweist sich als ungewöhnlich schwierig, und obwohl der neue Auftraggeber geduldig Modell sitzt, merkt der Erzähler, dass er mit seiner üblichen Porträtroutine hier nicht weiter kommt. Zum Porträtieren gehört das Erfassen der Persönlichkeit des Darzustellenden, und genau hier liegt das Problem. Der Auftraggeber ist ein angenehmer, durchaus sympathischer Mann, dessen Alter schwer zu schätzen ist. Aber was verbirgt sich hinter der glatten Miene und den ausgesuchten Umgangsformen? Nach vielem Herumprobieren und etlichen Fehlversuchen gelingt dem Erzähler ein Porträt, von dem er weiß, dass es das beste Bild ist, das er je gemalt hat und dass er damit künstlerisch in neue Dimensionen vorgestoßen ist. Auch sein Auftraggeber ist mit dem Porträt hochzufrieden, aber es stellt sich heraus, dass er nicht nur dieses Porträts wegen Kontakt zum Erzähler gesucht hat ...

Auch das alte Haus mit dem angebauten Atelier hat so einige Besonderheiten. Der Erzähler findet auf dem kaum zugänglichen Dachboden ein sorgfältiges verpacktes Gemälde seines Vorgängers in diesem Haus. Auf der Rückseite dieses Ölbildes ist der Titel verzeichnet "Die Ermordung des Commendatore", es stellt eine Szene aus Mozarts Oper "Don Giovanni" dar. Der Erzähler sieht mit Kennerblick, dass es sich bei diesem Gemälde um ein Meisterwerk handelt, aber warum hat der alte Maler dieses Bild so sorgfältig versteckt?

Eines Nachts schreckt der Erzähler von ungewöhnlichen Geräuschen geweckt auf. In einiger Entfernung vom Haus erklingt ein Glöckchen. Das Geräusch scheint aus einem vernachlässigten buddhistischen Schrein, der sich auf dem höchsten Punkt des Grundstückes befindet, zu kommen ...

Eine Beziehungsgeschichte? Ein Künstlerroman? Eine Geistergeschichte? Von allem etwas und doch viel mehr. Viele lose Handlungsstränge schreien danach, verbunden zu werden. Da das Ende von Band 1 viele Fragen offen lässt, darf man auf Band 2 "Die Ermordung des Commendatore - Eine Metapher wandelt sich" neugierig sein. Das Buch erscheint am 10. April 2018.

 


Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783498001025
Preis: 25,00 €
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Patria

Fernando Aramburo, Rezension von Bernhard Söthe

Fernando Aramburo, spanischer Schriftsteller, der seit den 80er Jahren in Hannover lebt, ist mit höchsten spanischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Sein Roman "Patria" war in Spanien "Buch des Jahres" und hat sich über eine halbe Million Mal verkauft, er selbst ist hierzulande noch unbekannt, was sich mit diesem großartigen Buch ändern dürfte.

Zwei Frauen und ihre Familien im Baskenland, in einem Dorf unweit San Sebatians, Donostia auf baskisch. Das ist den nationalbewussten Basken wichtig. Und von irregleitetem Nationalstolz handelt unter anderem dieser Roman.

Zwei Familien, seit Jahrzehnten aufs engste befreundet. Die Kinder wachsen gemeinsam auf, die Männer verbringen ihre knappe Freizeit miteinander, sonntägliche Fahrradtouren, gemeinsames Kochen mit Freunden in einem der traditionellen baskischen Männer-Kochclubs. Zwei Familien, zwischen die kein Blatt Papier passt. Zwei  Familien aufs heftigste verfeindet.

Seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden die baskischen Nationalisten, die die Loslösung vom spanischen Königriech anstrebten, zunehmend militanter. Die Untergrundorganisation ETA verstand sich als militärischer Arm der Befreiungsbewegung und versuchte, mit Terroranschlägen ihre Ziele gewaltsam durchzusetzen, da die Nationalisten bei demokratischen Wahlen nie eine Mehrheit erringen können.

Zwei Familien, der Fuhrunternehmer Txako und seine Frau Bittoni, ein Sohn, eine Tocher. Txako ackert hart, um seiner Familie einen bescheidenen Wohlstand zu ermöglichen. Beide Kinder können studieren. Der Sohn wird Chirurg, die Tochter Juristin.

Bittonis Freundin Miren ist das unangefochtene Oberhaupt ihrer Familie, ihr Mann, ein ständig müder Stahlarbeiter, hat wenig zu melden, auch die drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, werden von ihrer Mutter an der kurzen Leine geführt.

Txako und Bittoni fühlen sich zwar als Basken, aber ohne Fanatismus. Txako möchte eigentlich nur ungestört seine Firma führen, was seine ganze Kraft kostet. Bittoni geht ganz in der Familie auf. Ihre Freundin Miren dagegen ist stramme Nationalistin, die die echte oder vermeintliche Unterdrückung durch den spanischen Zentralstaat unerträglich findet. Als ihr ältester Sohn sich der ETA anschließt, um mit der Waffe in der Hand für die baskische Unabhängigkeit zu kämpfen, reagiert sie nicht entsetzt sondern begeistert.

Um die militärischen Aktionen zu finanzieren ist viel Geld nötig. Die ETA erpresst Unternehmer, Kaufleute und alle, bei denen sie Geld vermuten, eine sogenannte "Revolutionssteuer" zu zahlen. Wer sich weigert, hat mit massiven Konsequenzen zu rechnen. Die Bandbreite der "Maßnahmen" reicht von geschäftsschädigendem Rufmord bis zu nackter Gewalt. Als Txako sich weigert, an die ETA zu zahlen, werden er und seine Angehörigen im Dorf, in dem die Familie seit Generationen lebt, ausgegrenzt. Gegen Txako gerichtete Wandschmierereien tauchen auf. Bittoni wird in manchen Dorfläden nicht mehr bedient. Trotzdem weigert sich Txako weiterhin zu zahlen. Aus den Drohungen wird Ernst. Auf der Straße vor seinem Wohnhaus wird Txako von einem ETA-Kommando erschossen. Am Tatort wird der in den Untergrund gegangene älteste Sohn Mirens gesehen, er entkommt.

20 Jahre später, Txakos Witwe Bittoni ist nach dem Mord an ihrem Mann aus dem Dorf nach San Sebatian gezogen. Als bei ihr eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird, beschließt sie, in ihr Heimatdorf zurückzukehren, in das alte Familienhaus, das sie nie verkauft hat. In dem kleinen Dorf kann man sich nicht aus dem Weg gehen, und so stehen sich Bittoni und Miren eines Tages gegenüber. Die Witwe des Ermordeten und die Mutter des mutmaßlichen Mörders, die zwanzig Jahre kein Wort miteinander gewechselt haben.

Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa zu diesem Buch: "Ich habe seit langem kein so überzeugendes und bewegendes Buch mehr gelesen!"

Stimmt! Dieses Buch begleitet den Leser noch lange, nachdem er es ausgelesen hat!

 


Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783499272516
Preis: 12,00 €
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Altenstein

Julie von Kessel, Rezension von Annette Riedel

1945: Agnes von Kolberg und ihre Kinder fliehen vom ostpreußischen Familiengut. Der Graf ist in den letzten Kriegswochen gefallen.

Erste Zwischenstation ist die Sommerresidenz der Familie, Gut Altenstein in Brandenburg. Von hier aus zieht die Familie weiter nach Bonn. Agnes erzieht, trotz fehlender finanzieller Mittel, ihre Kinder standesgemäß. Aber ihre beiden jüngsten Kinder Marie Elisabeth, genannt Nona und Konni, der Sohn, den sie ihrem Mann "abgetrotzt" hat und ihr ausgesprochenes Lieblingskind, entsprechen nicht ihren Erwartungen. Nona bricht mit den gesellschaftlichen Konventionen und Konni erweist sich als nicht sonderlich geschäftstüchtig. Alles, was er unternimmt, misslingt, bis er nach der Wiedervereinigung auf die Idee kommt, Gut Altenstein wieder in den Besitz der Familie zurückzuholen. Seine Lieblingsschwester Nona unterstützt ihn - sehr zum Entsetzen der übrigen Geschwister...

Eine deutsche Familiengeschichte und zugleich Rückblick auf die deutsche Geschichte - auf drei Zeitebenen erzählt. Raffiniert und fesselnd!