Belletristik


Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783869712543
Preis: 20,00 €
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Der Hypnotiseur oder Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken

Jakob Hein, Rezension von Daniela Maifrini

 

Lieselotte Sawidski wohnt im kleinen Dorf Soldin im unteren Odertal zu Zeiten der DDR. Jeder weiß alles über jeden, alles geht seinen sozialistischen Gang. Doch Lieselotte weiß über einen Dorfbewohner zu berichten, der ganz unerhörte Ereignisse in Gang gesetzt hat: Micha!

Micha wird von seinen Eltern bei der Großmutter zurückgelassen und wächst auf deren Bauernhof auf. Er ist ein normales Kind, ein normaler Jugendlicher – bis er zum Militärdienst bei der NVA eingezogen wird. Hier verändert er sich und kehrt als komplett lethargischer Nichtsnutz zurück nach Soldin. Er weiß nicht, was er mit seinem Leben anfangen soll und versucht, einen Studienplatz für Psychologie zu ergattern, was nach dem üblichen langwierigen Procedere in der DDR auch gelingt. Doch auch hier versagt er und bricht ab. Das Einzige, was er aus dem Studium mitnimmt, ist eine profunde Ausbildung in Hypnose, die ein sonderbarer Professor außer der Reihe angeboten hatte. Noch orientierungsloser als zuvor kehrt er in das Dorf zurück und lebt bei seiner Oma, die jedoch nach kurzer Zeit stirbt, so dass Micha mit dem großen Hof zurückbleibt und keinen Broterwerb hat. Ein kleines Gekungel mit der örtlichen LPG sichert ihn minimal ab, doch er lebt in bitterer Armut.

Es keimt dann in Berliner Kreisen das Gerücht auf, dass Micha diese Gabe der Hypnose besitzt, und dass er einem so virtuelle Westreisen ermöglichen könne.

Anika aus Lichterfelde ist eine der Ersten, die sich ins Odertal begeben und die dort ihre lang erträumte Reise nach Paris „antritt“, wo sie eine rosarote Liebesbeziehung mit Alain Delon hat und die Stadt in ihren schönsten Farben erkundet. Viele weitere „Westreisende“ folgen, und Anika, die als Sekretärin in einem Farben-Kombinat über extrem ausgebildetes Organisationstalent verfügt, beschließt, diese ganze Sache mal so richtig in Schwung zu bringen. Ein Tanz auf der Rasierklinge, denn dass diese Westreisen natürlich nicht unbeobachtet bleiben und dem Regime ganz und gar nicht in den Kram passen, ist jedem klar...

Ein kurzweiliges Gedankenspiel über Menschen, die sich ins „innere Exil“ flüchten, ein Hoch auf den Satz „Die Gedanken sind frei“.

Was mich besonders gefreut hat, ist die Tatsache, dass die Lebensumstände in der DDR zwar als schwierig und natürlich auch kritikwürdig benannt werden, dass aber in der Zeit nach der Wende auch sehr viele Punkte in der nun bundesdeutschen Kultur angeprangert werden, wie beispielsweise die mangelnde Solidarität untereinander, der nutzlose Konsumrausch oder der leichtfertige Umgang mit der Freiheit.

 

 


Verlag: BTB
ISBN: 978-3-442-77014-4
Preis: 12,00 €
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In fünf Jahren

Rebecca Serle, Rezension von Julia Jahns

Dannie ist Anwältin, sehr zielstrebig und glücklich liiert. Am Tag eines wichtigen Bewerbungsgespräches, das exzellent läuft, macht ihr Freund  David ihr wie erwartet einen Heiratsantrag. Später in dieser Nacht hat sie einen erotischen Traum mit einem fremden Mann in einer fremden Wohnung, der sich fünf Jahre in der Zukunft abspielt. Als sie am nächsten Morgen aufwacht, ist sie verwirrt, führt ihr Leben aber wie gewohnt weiter. Bis der Fremde aus dem Traum in ihr Leben tritt, ausgerechnet als neuer Partner ihrer besten Freundin ...

Ungewöhnliche Liebesgeschichte, die sehr zu Herzen geht.


Verlag: Kein und Aber
ISBN: 978-3-0369-5868-2
Preis: 25,00 €
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Bekenntnisse eines Betrügers

Rahul Raina, Rezension von Kathrin Allkemper

Der junge Inder Ramseh hatte eine schreckliche Kindheit. Aufgewachsen in völliger Armut, musste er nach dem Tod der Mutter alleine mit seinem Vater fertig werden und der war weiß Gott nicht gut zu ihm. Mit einem kleinen Karren im Dreck auf den Straßen von Dehli, musste Ramseh täglich mitarbeiten statt in die Schule zu gehen und von früh bis spät die Teeblätter klein mörsern, die sein Vater dann an Touristen verkauft. Durch einen mehr als glücklichen Umstand erlangt der Junge aus der untersten Kaste dann doch noch eine Chance auf Bildung und nutzt diese, um seinem Elend zu entkommen. Was aus einer Notlage geboren wurde, entwickelt sich zum Geschäftsmodell. Basierend auf Lug und Betrug macht Ramseh seinen Weg. Da er wirklich ein intelligentes Kerlchen ist, schreibt er für die zwar reichen, aber einfältigen Kinder indischer Eltern deren Examensprüfungen. Im Falles des 18jährigen Rudraksch, genannt Rudi, gelingt ihm sein Meisterstück und er schreibt das beste Examen von ganz Indien. Rudi wird zum Star und Ramseh zu seinem Manager. Leider übertreiben die beiden ihren oppulenten Lebensstil schnell und treten den falschen Leuten auf die Füße. Das endet in Kidnapping, fehlenden Extremitäten und Erpressung.

Sehr abgefahrene Geschichte, zunächst eher ernst und später rasant und skurril, aber auf jeden Fall unterhaltsam und vor allem mal etwas ganz anderes. Man lernt etwas über das Leben in Indien und die Verhältnisse dort, man liest über den Blick auf die Welt aus der Sicht der Inder und wird trotz der Gesellschaftskritik und den Seitenhieben auf die westliche Welt sehr lustig unterhalten. Für Freunde der etwas schrägen Literatur.

 


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-6592-5
Preis: 22,00 €
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In den Wäldern der Biber

Franziska Fischer, Rezension von Kathrin Allkemper

Nach einem heftigen Streit mit ihrem Freund, verlässt Alina ihr gemeinsames Zuhause in Frankfurt und reist etwas kopflos in das kleine Dorf Eberswalde, wo ihr Großvater lebt. Als Kind hat sie hier viele Sommer verbracht, aber nach dem Tod ihres Vaters und dem Beginn einer neuen Beziehung ihrer Mutter mit einem anderen Mann, kam es zu einem Bruch mit den Großeltern. Nun, 19 Jahre ohne jeglichen Kontakt später, steht Alina vor der Tür ihres Großvaters und ist noch nicht einmal sicher, ob er sie überhaupt aufnimmt. Sie weiß nur, sie muss es versuchen. Zu ihrer Mutter möchte sie nicht und es ist klar, dass sie auch nie wieder zurück zu ihrem alten Leben in Frankfurt gehen kann.

Der Großvater nimmt sie ohne Fragen auf, sie darf bleiben, so lange sie will. Und schnell baut sich eine wunderbare Beziehung zwischen ihnen auf und die alte Vertrautheit kehrt zurück. Gemeinsam arbeiten sie die Vergangenheit auf, sprechen über den Tod des Vaters und der Großmutter und stellen gleichzeitig die Weichen für die Zukunft. Dort bei ihrem Großvater, in den Wäldern, in denen er sich um den Bestand der Biber kümmert und ein Auge auf deren Schutz hat, entstehen für Alina völlig neue Lebenssperspektiven, neue Freundschaften und auch eine neue Liebe...

Ein wunderbar geschriebener Roman, der einen in dieser oft so stressigen und schnelllebigen Zeit abholt und entschleunigt, dabei zwar unaufgeregt, aber nie langweilig, rührend, aber nicht kitschig ist. Mein Wohlfühlbuch in diesem Sommer!


Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3-550-20137-0
Preis: 23,99 €
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Der Papierpalast

Miranda Cowley Heller, Rezension von Annette Kubiak

Elle verbringt den Sommer, wie auch in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, im "Papierpalast", dem in die Jahre gekommenen Feriendomizil ihrer Familie. Er liegt idyllisch an einem See und ist für sie ein besonderer Ort: hier verliebte sie sich zum ersten Mal, knüpfte Freundschaften und erlebte Verletzung und Schmerz.

Mittlerweile ist Elle über fünfzig Jahre alt, mit dem liebevollen Peter verheiratet und hat drei wohlgeratene Kinder. Alles scheint perfekt! Oder?

Eines Abends, während der Rest der Gesellschaft weiterfeiert, lässt sie sich auf ihren Jugendfreund Jonas ein. Keiner hat etwas mitbekommen und als Jonas ihr am nächsten Tag seine Liebe gesteht, weiß sie, dass sie eine Entscheidung treffen muss, die nicht nur ihr Leben weitreichend verändern wird...

In Rückblicken wird die Familiengeschichte und auch Elles Lebensgeschichte erzählt - spannend, sehr emotional und richtig toll erzählt! Unbedingte Leseempfehlung!

 

 


Verlag: Arche
ISBN: 9783716028032
Preis: 22,00 €
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Die Wahrheit und andere Erinnerungen

Imbi Neeme, Rezension von Kathrin Allkemper

Sommer 1982: Als Tina nur kurz die Kontrolle über ihren Wagen verliert, ist es schon zu spät. Das Auto überschlägt sich, aber ihr und ihren Kindern passiert zum Glück nichts Schlimmes. Trotzdem ist dieser Tag irgendwie der Anfang vom Ende, zunächst vom Ende der Ehe zwischen Tina und Craig. Dieser wirft ihr vor, sie wäre alkoholisiert gefahren, da sie in letzter Zeit nur selten nüchtern war und generell einen Hang zum Alkohol hat. Nicole, die ältere Tochter bleibt dennoch bei ihrer Mutter, Samantha geht zum Vater. Von da an entzweien sich die Mädchen immer mehr und ihr Verhältnis wird über viele Jahre schwierig bleiben. Während Nicole jahrelang ohne jeglichen Ehrgeiz ihr Leben laufen lässt, an den falschen Mann gerät und lange braucht, um zu sich und ihr Glück zu finden, gründet Samantha schon recht früh eine Familie. Allerdings geht es ihr damit nur nach außen hin besser als ihrer Schwester. Durch den Tod der Mutter müssen sich die beiden nun wieder mehr mit sich auseinandersetzen und auch die gemeinsame Vergangenheit aufarbeiten. Rückblickend werden sie erkennen, dass sie sich an die selben Situationen komplett unterschiedlich erinnern und dadurch viele Missverständnisse, Wut und Enttäuschung in ihrer beider Leben gebracht haben.

Dieser Debütroman erzählt von der Beziehung zwischen zwei Schwestern, die sich unter dem Einfluss einer alkoholsüchtigen Mutter jahrelang das Leben schwer gemacht und entzweit haben. Aber schließlich stellen sie sich ihren Dämonen. Fesselnd aus wechselnden Perspektiven erzählt, so dass man als Leser schon früh erkennt, dass die beiden Schwestern sich eigentlich sehr lieben, sich aber selbst oft im Weg stehen.

 



ISBN: 978-3-498-00296-1

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Die Wut, die bleibt

Mareike Fallwickl, Rezension von Dagmar Hallay

Dieser Roman steigt brutal in seine Geschichte ein. Die dreifache Mutter Helene steht vom Abendbrottisch auf, öffnet die Balkontür … und springt in ihre Erlösung – den Tod!

Was bleibt, ist eine große Lücke für die, die zurück gelassen wurden. Als Leser ist man hautnah dran – an denen, die zurückgeblieben sind und wie der Verlust verarbeitet wird. Da wären die 15jährige Lola, ihre zwei jüngeren Brüder Maxi und Lucius, der Vater und Helenes beste Freundin Sarah. Im ersten Schock ist es für Sarah selbstverständlich zu helfen. Doch plötzlich findet sie sich in der Rolle von Helene wieder und schlüpft ohne es zu wollen in deren Leben. Denn sie hat ein eigenes Leben, ein Leben das so anders ist, ohne Kinder und mit einem 10 Jahre jüngeren Mann mit dem sie in ihrem Eigenheim, als freischaffende Autorin, lebt. Und ist sie den Anforderungen überhaupt gewachsen. Die kleinen Jungs, von denen einer nicht mehr spricht und dann Lola, die sich immer mehr entzieht und ihren ganz eigenen Weg geht, um mit dem Verlust der Mutter klarzukommen. Der Vater, der sich nur in Arbeit flüchtet und so gut wie gar nicht mehr anwesend ist.
Frau Fallwickl bringt es mit Präzision auf den Punkt, sowohl sprachlich als auch inhaltlich.

Selten habe ich ein so aufwühlendes Buch gelesen, das die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft widerspiegelt - nicht aller Frauen, aber schon für sehr viele - leider immer noch.

 

 


Verlag: S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397490-4
Preis: 22,00 €
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Das Mädchen mit dem Drachen

Laetitia Colombani, Rezension von Dagmar Hallay

Léna möchte mit ihrer Vergangenheit abschließen und versucht, in einem kleinen Ort am Golf von Bengalen ihr Leben in Frankreich hinter sich zu lassen. Sie lernt das kleine Mädchen Lalita kennen, die selbstvergessen am Strand einen Drachen steigen lässt. Als dieses Mädchen ihr das Leben rettet, möchte sich Léna erkenntlich zeigen und taucht unversehens in die Lebensgeschichte Lalitas ein, die zugleich die Geschichte der meisten indischen Mädchen darstellt.
Da Léna von Beruf Lehrerin ist, fühlt sie ihre Berufung, den Mädchen Bildung zu vermitteln, damit sie einmal bessere Lebensbedingungen haben. Ohne Widerstand und Schwierigkeiten seitens der älteren Generation und behördlicher Genehmigungen, ist es für sie nicht einfach, eine Schule für die Kinder zu gründen.
In diesem eindrucksvollen Roman erhält der Leser Einblick in die Lebensumstände der Menschen vor Ort und zugleich erfährt man Stück für Stück die Geschichte Lénas und den Grund ihrer Flucht.

 


Verlag: C.Bertelsmann
ISBN: 978-3-570-10462-0
Preis: 20,00 €
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Die hundert Jahre von Lenni und Margot

Marianne Cronin, Rezension von Dagmar Hallay

„Manchmal ist es nicht so wichtig, was du im Leben erreichst, sondern mit wem du es teilst....“

Lenni ist 17 Jahre und Margot 83 Jahre alt, zusammen sind sie 100!
Die beiden lernen sich in dem Krankenhaus kennen, in dem sie beide liegen. Um etwas Abwechslung in den langweiligen Klinikalltag zu bringen, beschließen sie, für jedes gelebte Jahr ein Bild zu gestalten. Sie wollen einzelne Stationen aus ihren Leben darstellen, das Lachen, das Weinen, die Hoffnung, den Schmerz und die Liebe, einfach alle kostbaren Momente zur Erinnerung festhalten.

Es wird zu einem Wettlauf gegen die Zeit, da Lenni todkrank ist.

Diese Buch berührt, lädt zum Nachdenken ein und zaubert beim Lesen trotzdem immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht. Der Leser lernt die zwei Protagonistinnen sehr gut kennen, die provozierende Art von Lenni, Fragen an den Pastor des Krankenhauses zu richten und seine aufrichtigen Versuche, sie zu beantworten, ebenso wie Margot, die eine viel abgeklärtere Sicht auf die Dinge pflegt und Lenni sehr zugewandt ist.


Verlag: Dumont Verlag
ISBN: 978-3-8321-6618-2
Preis: 22,00 €
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Zwei am Meer

Fanny André, Rezension von Kathrin Allkemper

Die alleinstehende Camille ist mit ihren über achtzig Jahren noch recht rüstig. Da sie sich eigentlich ihr ganzes Leben um die Belange anderer gekümmert hat, möchte sie nun endlich mehr für sich tun und vor allem noch etwas erleben. Ein Schicksalsschlag führt sie nach zehn Jahren mit Isabelle, der Exfrau ihres verstorbenen Sohnes, zusammen. Isabelle hat gerade einen Burn-out hinter sich und schlingert gerade so durch ihr Leben. Da beschließen die beiden vollkommen unterschiedlichen Frauen, endlich das Abenteuer zu wagen, von dem sie damals bereits geträumt haben. Beide wollten sich schon immer gegenseitig ihre Heimat zeigen, die eine die Bretagne, die andere die Normandie. Und so machen sie sich auf den Weg und finden am Ende mehr Veränderung, als sie je gehofft hatten.

 


Verlag: Limes
ISBN: 978-3-8090-2735-5
Preis: 20,00 €
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Die Launen des Lebens

Emma Straub, Rezension von Kathrin Allkemper

Als die 69jährige Astrid zu ihrem wöchentlichen Friseurtermin fährt, wird sie Zeugin eines tödlichen Unfalls. Zwar konnte sie die Verunglückte überhaupt nicht leiden, aber so ein Ende wünscht man natürlich niemandem. Für die ältere Dame ist es ein Schock, der ihre Einstellung zum Leben nachhaltig verändert. Dinge, die ihr schon lange auf der Seele brennen, müssen nun endlich ans Licht. Ab sofort wird bei ihr nichts mehr auf "irgendwann" verschoben, denn das Leben kann offensichtlich sehr plötzlich enden. Zu ihren eigenen kleinen Sorgen kommt nun noch der Besuch der Enkeltochter, die Probleme in ihrer alten Schule hat und jetzt für eine Weile bei der Großmutter einquartiert wird, um dort zur Schule zu gehen, bis sich die Wogen wieder geglättet haben. Außerdem hat Astrids Sohn geschäftliche Pläne, die für Unmut Sorgen und ihre Tochter eröffnet ihr recht unerwartet, dass sie sich hat künstlich befruchten lassen, um den Zwistigkeiten mit einem potentiellen Partner aus dem Weg zu gehen. Ihre Familie stellt Astrids Leben also ziemlich auf den Kopf, aber auch sie hat eine unerwartete Offenbarung für ihre Lieben.

Eine wunderbar erzählte Familiengeschichte, mal ernst, mal heiter, über drei Generationen.


Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783869712475
Preis: 22,00 €
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Der schweigsame Affe der Dinge

Hilmar Klute, Rezension von Julia Kresal

 

Henning, Arbeiterkind aus dem Ruhrgebiet, lebt in Berlin und ist gerade in Rom, als er vom Tod seines Vaters erfährt. Emotional kaum beeinträchtigt begibt er sich zur Beerdigung zurück nach Recklinghausen. Dort trifft er Jochen wieder, den besten Freund seines Vaters. Gemeinsam beschließen die beiden eine Reise zu wiederholen, die Jochen und Hennings Vater als damals 19jährige erlebten.

Ein wundervoller, kluger Roman über falsche und richtige Vorstellungen, die wir alle mit uns herumtragen.


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-07053-9
Preis: 20,00 €
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Brunnenstraße

Andrea Sawatzki, Rezension von Annette Kubiak

Andrea ist acht Jahre alt, als der Vater, den sie bis dahin nur von wenigen Besuchen kannte, ihre Mutter heiratet und seine kleine Familie zu sich in die Brunnenstraße holt. Die Mutter, die bis dahin sich und ihre Tochter allein als Krankenschwester durchgebracht hat, träumt von einem besseren Leben an der Seite des renommierten Journalisten Günther Sawatzki. 

Doch schnell wird klar, dass der Vater krank ist und seine kleine Familie nicht versorgen kann. Die Mutter sucht sich eine Stelle als Nachtschwester. Wenn sie arbeitet oder schläft, muss sich die junge Andrea um ihren Vater kümmern, der nach und nach alles vergisst und immer desorientierter wird. 

Die Autorin erzählt von ihrer eigenen, traurigen Kindheit in den 70er Jahren und wie sie in ihrer Jugend zwischen Überforderung, Rebellion und Unerschrockenheit versucht, sich selbst nicht zu verlieren. 

 

 


Verlag: Steidl
ISBN: 978-3-95829-973-3
Preis: 24,00 €
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Licht zwischen den Bäumen

Una Mannion, Rezension von Annette Kubiak

USA in den frühen 1980er Jahren

Libbys Mutter ist alleinerziehend und mit ihrer Situation völlig überfordert. Als sich die fünf Geschwister auf dem Heimweg von der Schule im Auto heftig streiten, wird ihr alles zuviel. Sie setzt kurzerhand die zwölfjährige Ellen am Straßenrand ab. Es beginnt bereits zu dämmern und das Haus der Familie liegt noch etliche Kilometer weit entfernt. Auch der Protest der Geschwister richtet nichts aus. Die Mutter lässt ihre Tochter zurück und fährt mit den anderen Kindern weiter. 

Libby hat sich auf einen unbeschwerten Sommer mit ihrer besten Freundin gefreut, doch diese eine Entscheidung der Mutter, ändert alles... nicht nur in Ellens und Libbys Leben, sondern im Leben aller Familienmitglieder. 

Der Roman zeichnet nicht nur ein ergreifendes Bilder einer fragilen Familie, sondern liest sich auch so spannend, wie ein (gut geschriebener) Thriller. 

 


Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 9783453273771
Preis: 22,00 €
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Der Markisenmann

Jan Weiler, Rezension von Tanja Tenberg

 

Dieser Sommer im Jahr 2005 wird für die 15 jährige Kim alles verändern. Sie muss die Ferien bei ihrem noch nie gesehenen Vater in Duisburg verbringen. Wie es wohl sein wird, jemanden zu treffen, der bisher nur ein Phantom in ihrem Leben war? Die Beiden umkreisen einander vorsichtig, lernen sich im Laufe der Ferien aber sehr gut kennen.

Ronald Papen ist im Ruhrgebiet unterwegs, um zwei Modelle Marquisen direkt an der Tür zu verkaufen: Model Mumbai in den Farben orange-braun und Modell Kopenhagen in grün-blau.

Als Kim ihren Vater begleitet, erfährt sie nach und nach immer mehr über seine Vergangenheit und ist ihm eine große Hilfe, mit innovativen neuen Verkaufsideen, um ein paar der Tausende eingelagerten Markisen an die Menschheit im Ruhrpott zu verkaufen.

Sie lernt Alik kennen, den netten Jungen vom Recyclinghof und besucht ihre erste Kneipe “Rosi´s Pilstreff“ mitten im Industriegebiet von Duisburg-Meiderich, direkt am Rhein-Herne-Kanal.

Nach der Lektüre sehen Sie Balkone im neuen Licht und wissen, dass die besten griechische Imbisse im Ruhrgebiet immer Akropolis, die besten Eisdielen Venezia heißen, egal ob in Gelsenkirchen, Mülheim oder Duisburg.

Jan Weiler, den wir als Autor von „Marie, ihm schmeckt´s nicht“ kennen, hat ein furioses Buch über eine Vater-Tochter-Beziehung geschrieben, ein lustiges und manchmal auch trauriges Buch über das Ruhrgebiet.

Unbedingte Leseempfehlung!

 


Verlag: Fischer
ISBN: 9783596706419
Preis: 10,99 €
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Querbeet ins Glück

Lisa Kirsch, Rezension von Julia Jahns

Maddie ist gerade nach Berlin gezogen und kurz davor, ihren großen Traum, als Musicaldarstellerin zu arbeiten, zu verwirklichen. Sie bekommt ein Engagement als Hauptdarstellerin bei "Tanz der Vampire". Da es neben ihr noch zwei andere Anwärterinnen auf die Rolle gibt, steht ihr harte Arbeit bevor. Als Maddies Vermieterin einen Unfall hat, nimmt sie ihr das Versprechen ab, ihren Platz in einem gemeinschaftlich genutzten Schrebergarten einzunehmen. Maddie hat überhaupt keinen grünen Daumen und auch keine Zeit. Doch sie möchte ihre Vermieterin nicht enttäuschen und sieht sich den Kleingarten zumindest an. Dort lernt sie den attraktiven Mo und dessen Sohn Elvis kennen. Während sie die Arbeit im Garten lieben lernt, verguckt sie sich auch in Mo. Doch die neue Liebe ist nicht ganz konfliktfrei, und auch ihre Traumrolle steht auf wackligen Füßen ...

Wohlfühlroman über die Liebe zur Natur und das Festhalten an Träumen.


Verlag: Zsolnay Verlag
ISBN: 9783552072749
Preis: 23,00 €
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Wir sind das Licht

Gerda Blees, Rezension von Daniela Maifrini

 

Vier Personen, die Frauen Melodie, Muriel und Elisabeth und der Mann Petrus leben in einer Wohngemeinschaft in den Niederlanden. Am Haus steht „Wohngruppe Klang & Liebe“, alle Fensterrahmen sind in bunten Farben gestrichen, die sonderbar anmutenden Bewohner hüllen sich in bunte, flatternde Gewänder, sehen jedoch alle kränklich aus. Im ersten Kapitel des Buches ist es Nacht. Und in dieser Nacht stirbt Elisabeth in Gesellschaft ihrer Mitbewohner – sie ist verhungert. Die Anderen haben sich das offenbar seelenruhig angeschaut, anstatt etwas zu unternehmen. Im Gegenteil, Melodie, die offenbar eine Art Leitungsfunktion in der Gruppe hat und Elisabeths Schwester ist, spricht von einem friedlichen Übergang in einen anderen Zustand.

Selbstverständlich schaltet sich die Polizei ein und nimmt die übrigen Bewohner unter strengem Tatverdacht mit. Schnell wird klar, dass auch die drei Verdächtigen stark untergewichtig sind, da sich die Gruppe dem Prinzip der Lichtnahrung verschrieben hat, das besagt, dass man durch Selbstdisziplin und Meditation erreichen kann, dass der Körper sich ausschließlich von der Energie des Lichts ernährt. Daher haben die vier sich vom Zwang des Nahrungsmittelkonsums weitgehend befreit, um so auf eine höhere Bewusstseinsebene zu gelangen – Elisabeth war dabei auf der Strecke geblieben.

In den Verhören erfahren wir viel über das Zusammenleben in der WG, befremdliche Strukturen tun sich auf, und wir wundern uns über diese durchgeknallte Bande, allen voran über Melodie, die die Verantwortung für alle trägt.

Und wir lernen auch die Ermittler ein wenig kennen, wobei die Leiterin Liesbeth eine größere Rolle spielt, da sie einen großen persönlichen Bezug zu den Geschehnissen hat.

So weit – so gut. Allein das würde ja schon ausreichen, um zu einen wirklich guten Roman mit außergewöhnlichem Sujet werden. Doch Gerda Blees legt noch etwas obendrauf:

Sie etabliert im Buch, das 25 Kapitel umfasst, 25 verschiedene Erzählperspektiven. Auch das wäre jetzt vielleicht noch nicht einzigartig, doch ihre „Erzähler“ sind unglaublich: Da erzählt in Kapitel 2 der Tatort von seinen Erfahrungen mit den Hausbewohnern und von dem gruseligen Gefühl, dass so viele Fremde durch ihn durchtrampeln, während die polizeiliche Untersuchung läuft. Oder in Kapitel 4 erzählt das tägliche Brot von den Schwierigkeiten und Versuchungen auf dem Weg zum kompletten Nahrungsverzicht. Ein Kapitel wird von einem Orangenduft erzählt, der eine ganz besondere Rolle im Leben unseres Bewohners Petrus spielte, Melodies Cello erzählt vom Leben lange vor der Zeit der Hausgemeinschaft, es gibt Kapitel aus Sicht eines Paars Wollsocken oder aus der Position der vorläufigen Ermittlungsergebnisse. Und so fügt sich eins zum anderen, aus Versatzstücken wird eine Geschichte – und die ist so außergewöhnlich erzählt, dass es sich allein dafür schon lohnt, diesen in den Niederlanden mit dem Buchhandelspreis ausgezeichneten Roman zur Hand zu nehmen.

Leider beruht „Wir sind Licht“ auf Tatsachen, im Jahr 2017 kam es zu einem Fall von Hungertod in einer Wohngemeinschaft in Utrecht.

 


Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-596-03141-2
Preis: 11,00 €
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Miss Bensons Reise

Rachel Joyce, Rezension von Kathrin Allkemper

London in den 50ern. Margery Benson arbeitet als Lehrerin, aber sie ist sehr unglücklich in ihrem Job. Jeden Tag geht die fast 50jährige nach Feierabend frustriert in ihre kleine Wohnung und fragt sich selbst, wie ihr Leben so traurig dahinplätschern konnte, wo sie doch als junges Mädchen so große Pläne hatte. Ihr Vater hatte ihr vor seinem Tod von einem goldenen Käfer in Neukaledonien erzählt, den bis dato noch niemand offiziell entdeckt und benannt hatte. Die kleine Margery hatte ihm versprochen, dass sie sich auf den Weg ans andere Ende der Welt machen würde, um dies zu tun. Und jetzt, fast 40 Jahre später, ist es endlich soweit. Nach einem unschönen Vorfall in ihrer Schule schmeißt sie tatsächlich alles hin und plant die Reise nach Neukaledonien. In der jungen Enid findet Margery die wohl ungewöhnlichste Reisebegleitung, die man sich vorstellen kann. Was ihr zunächst als Laune des Schicksals vorkommt, wird Margery noch mehr als einmal das Leben retten, denn Enid scheint jeder Situation gewachsen zu sein.

Eine sehr warmherzige und humorige Geschichte über Freundschaft, Mut und Hoffnung, die auch in der Hörbuchfassung wirklich sehr unterhaltsam ist.


Verlag: Rowohlt TB
ISBN: 978-3-499-00205-2
Preis: 10,00 €
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Zehn Wünsche für Alfréd

Maude Mihami, Rezension von Christina Heger

Der fast zehnjährige Alfréd hat es nicht leicht: er ist eher ein Außenseiter, seine Mutter kümmert sich kaum um ihn und trinkt zuviel. Sein Großvater, der ebenfalls Alfréd heißt und mit dem der Junge nicht nur den Vornamen, sondern auch den Geburtstag teilt, versucht etwas unbeholfen aber unglaublich liebevoll und besorgt, auszugleichen, was die Mutter nicht zu leisten vermag.

Seine Idee war es auch, eine Liste mit zehn Wünschen anzulegen, die sich der kleine Alfréd noch bevor er zehn wird, erfüllen will. Die kindlichen Wünsche reichen von einen echten Cowboy treffen über Traktorfahren bis hin zu einem Mutter-Sohn-Tag und sind nicht immer leicht zu erfüllen, aber der Großvater und seine liebenswert schrägen Freunde setzen alles daran, die Liste gemeinsam mit Alfréd abzuarbeiten. Und jeder der Wünsche konfrontiert auch die Erwachsenen um den Jungen herum mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten, Ängsten und Vorstellungen und so wird die Liste zu einem Projekt, dass das ganze Familien- und Freundschaftsgefüge verändert und letztendlich alle bereichert. 

Eine kluge Geschichte über menschliches Miteinander und die Notwendigkeit, auch mal über den eigenen Schatten zu springen, Schwäche zu zeigen und auf andere zuzugehen. Und eine warmherzige Geschichte über die Liebe zwischen einem Großvater und seinem Enkel. 


Verlag: Kampa Pocket
ISBN: 9783311150374
Preis: 12,00 €
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Ruthchen schläft

Kerstin Campbell , Rezension von Christina Heger

Georgs Leben dümpelt so vor sich hin. Er ist 46, verwaltet das geerbte Haus in Berlin und hängt immer noch seiner Exfreundin Linda nach, die ihn vor zwei Jahren verlassen hat. Drei Etagen über ihm wohnt Frau Lemke, die schon ihr ganzes Leben in dem Haus lebt - sie und Georg sind sich gegenseitig Ersatzfamilie. Doch nun will plötzlich Wolfgang, Frau Lemkes Sohn, dass sie zu ihm nach New York zieht. Immerhin konnte Frau Lemke aushandeln, dass dies erst geschieht, wenn Ruthchen, ihre alte Katze, stirbt, da das Tier zu alt für einen Umzug ist. Sie hofft, dass sie damit den Umzug auf längere Zeit hinauszögern kann, denn nichts zieht sie weg aus Berlin und ihrer Wohnung.

Als Ruthchen eines Tages nicht mehr aufwacht, ist Georg gezwungen, aus seinen Gewohnheiten auszubrechen, sich etwas zu überlegen, um Frau Lemke zu helfen, und vor allem endlich zu handeln statt nur rumzuhängen und abzuwarten. Was sein bester Freund Kai nur so dahin gesagt hat, wird zum Plan B: Ruthchen soll ausgestopft werden und so einfach weiterhin auf dem Sofa schlafen können! Tierpräparatorin Caro ist genau die Richtige für diesen Auftrag. Und obwohl alles so bleiben soll, wie es ist, verändert sich alles und Georgs Leben wird ganz schön auf den Kopf gestellt. 

Eine warmherzige Geschichte über Freundschaft, Liebe und Freunde, die oft die bessere Familie sind. 

 

 


Verlag: Verlag Hoffmann und Campe
ISBN: 9783455014013
Preis: 24,00 €
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Tamons Geschichte

Seishū Hase, Rezension von Daniela Maifrini

Im März 2012, ein halbes Jahr nach dem schweren Erdbeben, das auch die Katastrophe von Fukushima ausgelöst hatte, findet der junge Kazumasa einen Schäferhundmischling, der laut Halsband auf den Namen Tamon hört, und behält ihn bei sich. Kazumasa macht gerade schwere Zeiten durch. Durch den Tsunami ist die Fabrik, in der er gearbeitet hatte, zerstört, und nun verdingt er sich als Kurierfahrer bei einem Kleinkriminellen. Seiner Familie geht es schlecht, seine Mutter ist dement und pflegebedürftig, daher kann seine Schwester nicht arbeiten, Geld fehlt an allen Ecken. Das einzig Positive in dieser Situation ist Tamon, der freundlich auf die alte Mutter zugeht und ihr endlich wieder Frohsinn und Lachen entlockt. Einige glückliche Momente sind der Familie durch Tamon vergönnt, doch die finanzielle Lage wird immer schwieriger, und so lässt sich Kazumasa auf richtig krumme Geschäfte ein.

Kazumasa erkennt als Erster, dass Tamon ein wirklich wohlerzogener und menschengewöhnter Hund ist, dass er aber einen starken Drang in Richtung Süden verspürt, als ob er dort etwas suchen würde. Mehrere Menschen erkennen, dass er gechippt ist, und aus der Stadt Kamaichi im damaligen Katastrophengebiet stammt, doch die hinterlegte Besitzerin ist nicht zu erreichen. Und auf seinem Weg nach Süden zu seinem unbekannten Ziel treffen noch etliche Menschen auf Tamon, der ihren Weg immer zur richtigen Zeit zu kreuzen scheint.

Da ist Miguel, ein Profikrimineller, der Nichtsnutz Taiki mit seiner Frau Sae, die junge Prostituierte Miwa, der alte Jäger Yaichi und zuletzt Toru, seine Frau Hisako und deren kleine Sohn Hikaru. Die letzte Familie kommt wie Tamon aus Kamaichi, und durch die Katastrophe 2011 ist Hikaru traumatisiert und spricht nicht. Der Hund bringt den kleinen Hikaru zurück ins Leben, und es stellt sich langsam heraus, wen Tamon tief im Süden gesucht hat...

Ein wundervoll emotionales Buch, das in Japan mit einem wichtigen Literaturpreis ausgezeichnet und über 250.000 mal verkauft wurde. Ein modernes Märchen über Tiere, Natur und Menschen, das uns mit ein paar Tränen im Gesicht und einem wohligen Gefühl der Zuversicht entlässt.


Verlag: Kindler Verlag
ISBN: 9783463000152
Preis: 22,00 €
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Rendezvous mit Tieren

Andrea Camilleri, Rezension von Daniela Maifrini

Andrea Camilleri, der 2019 verstorbene Gran Signore des italienischen Krimis, hat noch kurz vor seinem Tod ein Buch veröffentlicht, das er seinen Urenkeln gewidmet hat. Ein Buch in dem er, der zeitlebens von Tieren umgeben war, die Geschichten dieser Tiere aufgeschrieben hat. Keines dieser Tiere hat er gekauft, es waren immer andere Umstände, die ihn mit ihnen zusammengebracht haben. Und er liebte jedes einzelne davon – das wird aus jeder Zeile seiner Geschichtensammlung deutlich.

Was für Geschichten finden wir also hier? Zum Beispiel die des Hasen, der der Jagdgesellschaft mit einem tollkühnen Sprint entkommt und seinen eigenen Tod simuliert, um davonzukommen. Die Geschichte von einem Distelfink und einem Papagei, die gegen alle Regeln ziemlich beste Freunde wurden. Oder den Text über einen wahnsinnig gefährlichen Hund, der die Familie in Angst und Schrecken versetzte. Der Autor verliebt sich an andere Stelle unsterblich in eine Tigerin, wird während wichtiger Film-Dreharbeiten von einem Beo gefoppt, oder er entdeckt eine Liebesbeziehung zwischen einem Frosch und einer Eidechse. Es geht um einen vorwitzigen Vogel, der die Kirschenernte unmöglich macht, um eine elegante Schlange, die sich zur Familie gesellt, um randalierende Schweine und in der wohl emotionalsten Geschichte um den kleinen Kater Baron, der sich unsterblich in seine Retterin, Camilleris Tochter Mariolina, verliebt.

Die Kulisse für die Geschichten ist meistens das Landhaus der Camilleris auf dem Monte Amiata in der Toskana, hin und wieder auch die Stadtwohnung in Rom. Allein diese Beschreibungen machen Lust, sofort durchzustarten nach Italien!

Über die schriftstellerische Qualität Camilleris muss nicht viel gesagt werden, er war erfahren, stilsicher und fand immer die richtigen Worte. So auch am Ende des Buches, an das er einen eindringlichen Appell setzt, der zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit unseren tierischen Freunden aufruft. Camilleri zitiert zum Beispiel eine Umfrage unter italienischen Schulkindern, in der diese unter anderem Fischarten aufzählen sollten – mit schöner Regelmäßigkeit tauchte hier in der Liste das „Fischstäbchen“ auf. Ein Beweis für die fehlende Beziehung zu lebendigen Tieren und der entsprechenden Entwürdigung. Tiere sind nicht künstlich, werden nicht eingeschweißt und in Scheiben geboren - und sie haben Gefühle!

Ein Kleinod für Erwachsene und vielleicht sogar ein schönes Buch, um es zusammen mit Kindern zu lesen, so hätte es sich Andrea Camilleri sicher gewünscht.


Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 9783453423886
Preis: 10,00 €
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Die Bücher des Monsieur Picquier

Marc Roger, Rezension von Daniela Maifrini

Grégoire ist gerade achtzehn Jahre alt und durch die Abiturprüfung gefallen. Er weiß nichts mit sich anzufangen und dümpelt abgehängt und orientierungslos durchs Leben, während seine Mutter sich Tag und Nacht mit Schneiderarbeiten abrackert, um die Beiden über Wasser zu halten. Studieren geht nicht, also muss Grégoire sich Arbeit suchen, und zwar eine, bei der er direkt etwas Geld verdienen kann. So landet er also als Küchenhilfe in einem Seniorenheim. Die Arbeit ist kräftezehrend, macht ihm aber Freude, zumal sein Team ganz nett ist.
Die meisten Bewohner nehmen ihre Essen im Gemeinschaftsraum ein, nur diejenigen, die zu krank sind, bekommen die Mahlzeiten auf dem Zimmer serviert. Und genau dabei hakt es im Seniorenheim: es fehlt Personal zum Austeilen des Essens. Grégoire muss einspringen und macht seine Sache gut. Unter anderem ist da der sonderliche Monsieur Picquier, ein alter Buchhändler, der in seinem winzigen Zimmer mit einigen tausend Büchern lebt. Er hat seine Buchhandlung verkauft, um den Heimaufenthalt bezahlen zu können und nun leidet er unter Parkinson und grünem Star, was ihm das Lesen unmöglich macht – ein Drama! Monsieur Picquier möchte auch nicht unter Menschen sein und sitzt also tagein tagaus allein in seine Erinnerungen versunken in seinem Zimmer. Grégoire ist es untersagt, sich länger mit den Bewohnern zu unterhalten oder zu vertraulich zu werden. Doch dieser alte Mann rührt ihn so, dass er ihm anbietet, ihm nach der Arbeit täglich eine Stunde vorzulesen.
Hier springt dann das alte Buchhändlerherz von Monsieur Picquier an, der weiß, dass Grégoire in seinem Leben noch kein Buch gelesen hat. Welches Buch ist das richtige, um den jungen Mann und die Bücher zu Freunden zu machen? Die Wahl fällt auf Salingers „Fänger im Roggen“, ein Buch, in dem der junge Mann seine eigenen Lebensumstände wiederfinden kann. Die Rechnung geht auf: Grégoire ist begeistert. Und nun machen die beiden Herren sich daran, aus Grégoire einen richtigen Vorleser zu formen, der alle Techniken kennenlernt, mit denen er einen Text richtig vorbereitet, damit er seine Zuhörer damit begeistern kann.
Das Treiben der Beiden bleibt nicht unbemerkt, auch die Zimmernachbarinnen von Monsieur Picquier wollen vorgelesen bekommen – der Buchhändler findet auch für sie den richtigen Roman. Und die Vorlesestunden ziehen immer größere Kreise, sodass Grégoire zu einer kleinen Berühmtheit im Seniorenheim wird.

Doch dann spürt Monsieur Picquier, dass seine Zeit gekommen ist. Und auch für sein eigenes Ende hat der Buchhändler einen besonderen Plan, und zwar einen, in dem Grégoire die Hauptrolle spielt...

Ein Roman, der in einem Seniorenheim spielt, beinhaltet natürlich Themen wie Krankheit und Tod. Doch das gehört zum Leben! Und diese typische französische Leichtigkeit, mit der auch Marc Roger dieser kleine Roman aus der Feder fließt, nimmt ein wenig den Schrecken. Zumal das nicht der eigentliche Tenor des Buches ist. Der liegt nämlich in der Entwicklung unseres Grégoire und dem unvergleichlichen Geschenk, das Monsieur Picquier ihm in seinen letzten Monaten macht: Literatur!
Wunderschön, lustig und herzerwärmend!


Verlag: Ullstein Verlag
ISBN: 9783548063096
Preis: 14,99 €
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In all den Jahren

Barbara Leciejewski, Rezension von Daniela Maifrini

Elsa Frank ist eine recht erfolglose, schüchterne Schauspielerin Mitte zwanzig. Sie lebt in einem Mehrfamilienhaus in München, wo sie eines Tages eine Begegnung der dritten Art hat: Bei ihr klingelt es, und im Hausflur steht ein nackter Mann, der sich aus seiner Wohnung ausgesperrt hat und sie bittet, bei ihr telefonieren zu dürfen. Während Elsa „rote Ohren“ kriegt, benimmt sich der unbekleidete Mann als sei es das Normalste von der Welt, telefoniert und geht wieder seiner Wege.
Das war Finn McGregor, und was Elsa noch nicht weiß ist, dass sich ab jetzt ihr Leben gründlich ändern wird...
Doch zunächst einmal passiert gar nichts. Elsa hält sich mit Arbeiten in einem Synchronstudio über Wasser, lernt dort Kollegen kennen und lebt ihr Leben. Eines Abends gibt es dann Zoff im Mietshaus: Die Nachbarin Frau Obermoser, die alte „Granatwachtel“, wie Elsa sie heimlich nennt, stört sich an Finns Saxophonspiel. Elsa hatte die Musik sehr gefallen, nun wird sie durch das bayerische Gekeife der Obermoser jäh aus ihrem Kunstgenuss gerissen und wächst über sich hinaus: Sie weist die Frau zurecht, die im Flur auf den betreten wirkenden Finn einschimpft – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft! Finn ist, wie sich herausstellt, Maler und Illustrator. Elsa ist beeindruckt von seinen Bildern, und auch sonst verstehen die Zwei sich super. Sie können sich alles erzählen, albern rum und kommen prächtig miteinander klar – als Freunde. Und während man nun erwartet, dass langsam die Ringe gekauft werden, geht Finn erstmal überraschend für eine lange Zeit nach New York! Elsa will es sich zwar nicht eingestehen, aber er fehlt ihr schon sehr! Doch eines Tages kommt er unangekündigt zurück...
Über zwanzig Jahre begleiten wir die beiden Freunde, die alle Höhen und Tiefen miteinander durchleben und die sich die ganze Zeit sicher sind, dass sie diese tiefe Freundschaft nicht zugunsten einer fragileren Liebesbeziehung aufgeben wollen – auf gar keinen Fall! Wir erleben diese skurrile Beziehung, die oft auf Unverständnis von außen stößt. Wir sind dabei, wie die beiden Protagonisten ihre ersten Erfolge feiern und ihre jeweiligen Karrieren vorantreiben. Wir schauen zu, wie Elsa und Finn sich mit jeweils anderen Partnern einlassen und dennoch versuchen, ihre Freundschaft aufrecht zu erhalten, was nicht immer einfach ist.
Humorvoll ist das Buch und sehr emotional. Und es behandelt durchaus auch schwierigere Themen wie beispielsweise den viel zu frühen Krebstod eines Freundes, einen Angriff von Skinheads auf Finn, der ihn lange traumatisiert, die Alzheimererkrankung der alten Freundin Edda, die in dem Buch eine besondere Rolle spielt, und der auch die letzten Zeilen gehören. Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte mit zwei sympathischen Hauptdarstellern. Dieser Titel von Barbara Leciejewski erinnert mich ein wenig an die Bücher von Petra Hülsmann, die ja leider aufgrund einer Krankheit seit längerer Zeit kein Buch mehr veröffentlicht hat.


Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446272897
Preis: 12,00 €
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Die stummen Wächter von Lockwood Manor

Jane Healey, Rezension von Julia Jahns

1939: Hetty, eine Mitarbeiterin des Londoner Natural History Museum, erhält die Aufgabe, die Sammlung der ausgestopften Säugetiere in Sicherheit zu bringen, da der Krieg kurz bevor steht. Sie liebt ihre Arbeit sehr, auch wenn sie dort als Frau immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen hat. Die ehrenvolle Aufgabe, die Sammlung zu schützen und zu begleiten, hat sie auch nur erhalten, weil ihre männlichen Kollegen alle im Krieg gebraucht werden. Lord Lockwood, Besitzer des verfallenen Anwesens Lockwood Manor, hat sich bereit erklärt, die Sammlung während des Krieges zu beherbergen. Hetty fühlt sich in dem Herrenhaus, wo auch sie untergebracht wird, mehr als unwohl. Lord Lockwood ist ein tyrannischer und unbarmherziger Mensch. Nach dem mysteriösen Tod seiner Mutter und seiner Ehefrau, die bei einem Autounfall starben, ist seine Tochter Lucy das Einzige, was ihm noch geblieben ist. Hetty und Lucy freunden sich an. In der Dienerschaft geht das Gerücht um, dass das Haus verflucht sei, auch die ehemalige Hausherrin glaubte daran. Und tatsächlich geschehen bald seltsame Dinge: der Panther verschwindet, einige Tiere werden zerstört, andere nachts verschoben. Hetty erhält keinerlei Unterstützung vom Hausherrn, wohl aber von Lucy. Die beiden versuchen, das Rätsel zu lösen und kommen sich dabei näher ...

Spannender, mystischer historischer Roman über die Rolle der Frau in den 30er Jahren und dunkle Familiengeheimnisse.


Verlag: Atlantik Verlag
ISBN: 9783455012026
Preis: 23,00 €
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Eine verdächtig wahre Geschichte

Antoine Laurain, Rezension von Julia Jahns

Violaine Lepage, Cheflektorin aus Paris, bekommt ein Manuskript zugespielt, das sie sofort unglaublich fesselt. Es handelt von einer Frau, die vier Männer mit einer Schusswaffe aus dem Zweiten Weltkrieg tötet, nachdem sie herausgefunden hat, dass ihre Mutter sie als Baby weggegeben hat, weil sie durch eine Gruppenvergewaltigung schwanger wurde. Es wird versucht, Kontakt zu dem Autoren aufzunehmen, der nur eine Mailadresse hinterlassen hat, das Buch wird veröffentlicht, ohne dass Violaine persönlich mit ihm sprechen konnte, und ein großer Erfolg. Als es auf der Shortlist des Prix Goncourt landet, gibt es Probleme. Violaines Karriere wäre ruiniert, wenn sie die Identität des Schriftstellers nicht aufklären kann. Außerdem meldet sich die Polizei bei ihr. Zwei Männer wurden nach den Beschreibungen des Romans getötet, zwei weitere befindet sich in Lebensgefahr. Die ermittelnde Kommissarin verdächtigt Violaine, da diese die Kontaktdaten des Autoren nicht hat und beschuldigt sie, selbst die Verfasserin und Mörderin zu sein. Bald steht nicht mehr nur Violaines Karriere auf dem Spiel ...

Ein schmales, aber ungeheuer fesselndes Buch mit einem überraschenden Ende.


Verlag: Lübbe Verlag
ISBN: 9783404185160
Preis: 11,00 €
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Liebe beginnt, wo Pläne enden

Sandra Poppe, Rezension von Julia Jahns

Kristin, Anfang 40, findet zufällig heraus, dass ihr Mann sie betrügt. Ohne ihn zu konfrontieren, meldet sie spontan mit ihren beiden Töchter für das Projekt "Gelebte Geschichte" an. Sie ziehen für sechs Wochen ins Freilichtmuseum, um dort auf einem Hof mit weiteren Personen wie im 18. Jahrhundert zu leben. Trotz der Entbehrungen und harter Arbeit beginnt Kristin, ihr neues Leben ohne Stress und Handy, in netter Runde und vor allem ohne ihren Mann zu genießen. Doch dann wird der Gruppe ein neues Mitglied zugeteilt: Max. Kristin findet ihn toll, bis sie erfährt, dass auch er seine Frau betrogen hat ...
Charmanter Roman über den Mut, Neues zu wagen.


Verlag: Kindler
ISBN: 978-3-463-00024-4
Preis: 22,00 €
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Heimweh

Graham Norton, Rezension von Kathrin Allkemper

Die Geschichte beginnt sehr tragisch. An einem Sommertag Ende der 80er in einem kleinen irischen Ort, machen sechs Jugendliche einen Ausflug zum Strand. Ein Autounfall auf dem Heimweg kostet drei von ihnen das Leben, eine junge Frau wird für immer an den Rollstuhl gefesselt sein. Der Fahrer Connor Haze gehört zu den Überlebenden, doch manchmal wünchte er sich, er hätte es auch nicht geschafft. Die Leute in Mullinmore können ihm nicht mehr unvoreingenommen begegnen und auch der Pub seiner Eltern wird gemieden. Seine einzige Chance auf Ruhe für sich und seine Familie ist ein Neuanfang in einer anderen Stadt. Und so verlässt der junge Mann viel zu früh sein Elternhaus und zieht hinaus in die Welt. Connor hat keinen einfachen Weg vor sich, aber er schafft es letzten Endes sogar bis nach New York. Und dort wird ihm mehr als 20 Jahre später jemand in einer Bar begegnen, der das so sorgsam verdrängte Geschehen wieder aufleben lässt und Connor dazu zwingt, sich seinen Dämonen zu stellen, um endlich Frieden zu finden.

Eine sehr berührende Geschichte um einen Mann, dessen ganzes Leben von Schuld geprägt ist und ihm aus den falschen Gründen viel zu viele Chancen auf sein eigenes Glück genommen hat.

Als Hörbuch ganz toll gelesen von Charly Hübner.