Belletristik


Verlag: dtv
ISBN: 9783423281553
Preis: 18,00 €
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Die Frau, die liebte

Janet Lewis, Rezension von Jutta Pollmann

Elf Jahre sind Bertrande de Rols und Martin Guerre, beides Kinder von Großbauern, als sie verheiratet werden. Aber erst mit 14, nach dem frühen Tod der Mutter, zieht Bertande endgültig auf den Hof der Guerres. Fast wie ein Dorf ist dieser Hof: einen Schreiner gibt es ebenso wie einen Schmied, Wiesen und Felder, Weinberge, Knechte und Mägde, Kühe und Schweine, Hühner und Enten und über allem wachte Martins Vater. Er ist der Herr des Hauses, des Hofes, ihm hatte man zu gehorchen, aber er sorgte auch dafür, dass es allen gut ging. Als Martin sich eines Tages gegen den Willen des Vaters stellt , schlägt dieser ihn so heftig, das ihm Zähne ausfallen. Alle auf dem Hof sind bestürzt, doch ist allen auch klar, dass Martin an dieser Auseinandersetzung selbst Schuld ist. Auch er, der spätere Hoferbe, hat sich dem Willen des Vaters zu beugen. Noch ist dieser der Herr im Haus.

Jahre später, Bertrande hat ihr erstes Kind geboren, handelt Martin wieder einmal gegen den Willen des Vaters. Damit sein Vater sich beruhigen könne, würde der ein paar Tage verschwinden, teilt er seiner Frau mit. In einer Woche wäre Gras über die Sache gewachsen und er käme zurück.

Doch Martin kommt nicht zurück. Aus der einen Woche werden 8 Jahre, in denen Bertrande überall in der Umgebung nach ihm sucht, suchen lässt. Nichts. Sie ist weder Ehefrau noch Witwe, den Hof befehligt nun der Onkel von Martin, nachdem Martins Vater gestorben ist.

Dann eines Tages kommt ein Fremder ins Tal und die, die ihm begegnen, erkennen ihn als Martin Guerre. Und auch Bertrande, aufgewühlt und voller Freude, ist froh, ihren Mann wieder zu haben. Älter ist er geworden, breiter, aber auch herzlicher. Früher kamen von ihm nur kurze Antworten, oft nur ein Gebrummel, heute hört er ihr zu, nimmt sie in den Arm. Bald wird das 2. Kind geboren. Aber je länger Martin wieder zuhause ist, desto häufiger zweifelt Bertrande. Ist das wirklich ihr Mann? Er sieht ihm ähnlich, ja. Schließlich hat sie ihn 8 Jahre nicht gesehen. Aber er verhält sich anders. Sie spricht über ihre Zweifel mit dem Pastor, mit den Menschen auf dem Hof, aber alle versicheren ihr, dass dies Martin Guerre sei. Sie solle doch froh sein, ihren Mann wieder zu haben.

Doch Bertrande will Gewissheit und geht vor Gericht. Das Gericht soll herausfinden, ob dieser Mann tatsächlich Martin Guerre ist. Das Gericht bestätigt die Echtheit der Identität, Bertrandes Zweifel sind allerdings damit nicht ausgeräumt.

Und dann kommt ein Fremder ins Dorf, spricht Martin Guerre an, schließlich würden sie sich kennen, sie hätten gemeinsam Seite an Seite im Krieg gekämpft. Martin erkennt den Mann nicht, meint der müsse sich irren. Doch der tritt ihn vor allen Versammelten vor das Schienbein: „Sie sind nicht Martin Guerre, Martin Guerre hat im Krieg ein Bein verloren und hat ein Holzbein....“

 

Janet Lewis` (1899-1998) Roman „Die Frau, die liebte“ , der nun erstmals auf Deutsch erschienen ist, wurde in Amerika bereits 1941 veröffentlicht. Die Autorin, die Französische Literatur studiert hat, greift hier einen der berühmtesten Rechtsfälle Frankreichs auf. In einer wunderbaren Sprache erzählt Lewis die Geschichte von Bertrande und Martin, und wenn ich auch sonst kein Fan von historischen Romanen bin, diese Geschichte habe ich mit Begeisterung gelesen.

1947 und 1959 schrieb Janet Lewis noch zwei Romane über Gerichtsfälle, vielleicht dürfen wir diese bald auch auf Deutsch lesen.


Verlag: Pendo
ISBN: 978-3-86612-446-2
Preis: 16,99 €
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Das Atelier in Paris

Guillaume Musso, Rezension von Bernhard Söthe

Die Ex-Polizistin Madeline braucht nach einer schlimmen persönlichen Krise eine Auszeit und mietet eine Ferienwohnung in Paris. Das Domizil liegt in einer noblen Gegend, bis vor kurzem wohnte dort ein berühmter Maler, der bei einem New York Besuch überraschend an einem Herzinfarkt gestorben ist. Madeline bezieht das große, luxuriöse Anwesen. Als sie gerade unter der Dusche steht, hört sie Schritte im Haus. Es ist Gaspard, ein zu Depressionen und Alkoholmissbrauch neigender, trotzdem sehr erfolgreicher Autor von Theaterstücken. Auch Gaspard hat dieses Haus angemietet, um dort an seinem neuen Theaterstück zu arbeiten. Warum auch immer ist es zu einer Doppelbuchung gekommen. Not amused nehmen die beiden Kontakt zum Vermieter auf, einem bekannten Galeristen, der der Erbe und Nachlassverwalter des toten Malers ist. Die leidige Wohnungsfrage wird geklärt. Der Galerist erfährt, dass Madeline Polizistin war, und er bittet sie, spontan für ihn die letzten drei Gemälde des Malers aufzufinden, die spurlos verschwunden sind. Madeline muss ein bisschen überredet werden, aber dann macht sie sich auf die Suche, unterstützt vom Theaterautoren Gaspard. Beide sind Personen mit Ecken und Kanten, die einen Berg Probleme mit sich schleppen. Nach dem ersten unglücklichen Zusammentreffen im Haus des Malers haben sich die beiden arrangiert. Beiden gelingt es tatsächlich, die Bilder aufzuspüren. Eigentlich könnte die Geschichte hier enden, aber sie bekommt noch eine unerwartete Wende. Im Haus des Malers findet sich noch Post, die er in seinem letzten Lebensjahr bekommen hat. Teilweise sind die Briefe noch ungeöffnet. Aus dieser Post, dort ebenfalls gesammelten Zeitungsausschnitten und Erzählungen des Galeristen erfahren Madeline und Gaspard vom schrecklichen letzten Jahr im Leben des Malers. Verheiratet war er mit einem Ex-Model, das vor einigen Jahren die Titelseiten der Vogue und ähnlicher Bling-Bling-Magazine geziert hat. Die beiden hatten einen Sohn im Kindergartenalter. Der Junge und seine Mutter wurden in New York auf offener Straße gekidnappt. Vor der Augen der entsetzten Mutter wurde der kleine Junge erstochen. Am Ufer des Hudson Rivers wurde sein blutbesudelte Kuscheltier entdeckt. Die Leiche des Kindes wurde nie gefunden. Die kriselnde Ehe des Malers und des Ex-Models hielt dieser Belastung nicht stand. Bis zu seinem plötzlichen Tod war der Maler überzeugt, dass sein Sohn lebt, und er versuchte verzweifelt, ihn zu finden. Gaspar hält die Überzeugung des Malers für plausibel, Madeline nicht. Trotzdem überzeugt Gaspard sie, mit ihm nach New York zu fliegen. Madeline soll dort alte Kontakte zu den Polizeibehörden nutzen, um den mysteriösen Fall aufzuklären. Unversehens wird aus dem Beziehungsroman eine Kriminalgeschichte.

"Dieses Buch macht süchtig", befand das französische Magazin "Marie Claire" bei Erscheinen der Originalausgabe.


Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87552-1
Preis: 25,00 €
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Lincoln im Bardo

George Saunders, Rezension von Bernhard Söthe

George Saunders, amerikanischer Autor von preisgekrönten short stories, gilt in den USA als "writers' writer", als Vorbild und Lieblingsautor vieler Schriftstellerkollegen.

Da Kurzgeschichten-Sammlungen auf dem deutschen Buchmarkt selten auf größeres Interesse stoßen, war der Autor George Saunders hier bislang wenig bekannt. Dies dürfte sich mit seinem ersten Roman "Lincoln im Bardo" ändern. Für diesen Roman hat Saunders 2017 den Man Booker Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung im englischsprachigen Raum, erhalten.  Er war nach Erscheinen New York Times Bestseller Nr 1.

"Lincoln im Bardo"? Lincoln ist Abraham Lincoln, der charismatische, aber auch sehr umstrittene Präsident der USA während des Bürgerkrieges zwischen Nord- und Südstaaten, in dem erbittert um die Befreiung der Sklaven gekämpft wurde. Lincoln ist aber auch Willie, Abraham Lincolns 11jähriger Sohn.

"Bardo" ist ein Begriff aus dem tibetanischen Buddhismus. Er bezeichnet ein Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits, wohin alle Toten gelangen und wo sich entscheidet, ob die Seelen endgültig im Nirwana aufgehen oder ob sie in den Kreislauf der Wiedergeburten gelangen.

Während auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs in bis dahin unbekanntem Ausmaß Menschen sterben, läuft in der Hauptstadt der Nordstaaten  - Washington - das Leben relativ normal weiter, auch die Arbeit der Regierung. Dazu gehört ein reges gesellschaftliches Leben, inklusive prunkvoller Empfänge im Weißen Haus, um Bevölkerung und diplomatisches Corps von der Siegesgewissheit der Regierung der Nordstaaten zu überzeugen. Während sich in den Gesellschaftsräumen festlich gekleidete, gut gelaunte Menschen um das üppige Buffet drängen, kämpft im oberen Stockwerk ein 11jähriger Jungen um sein Leben. Willie, einer der beiden Söhne des Ehepaars Lincoln, leidet an einem damals nicht behandelbaren Infekt. Während sich in den frühen Morgenstunden die letzten Gäste des Festes verabschieden, stirbt der Junge. Mary Lincoln, die Mutter, psychisch nicht sehr belastbar, bricht völlig zusammen. Abraham Lincoln, ein - wie Zeitgenossen berichten- besonders liebevoller und zugewandter Vater, folgt ohne seine Frau dem Sarg seines Sohnes, der in einem Familienmausoleum beigesetzt wird. In der Nacht nach der Trauerfeier und Beisetzung reitet Abraham Lincoln zu dem Friedhof und lässt sich vom Friedhofswärter den Schlüssel zu dem Mausoleum geben, in dem der Sarg seines Sohnes abgestellt ist. Lincoln öffnet den Sarg, um seinen Sohn ein letztes Mal zu umarmen. Soweit die historisch bekannten Tatsachen.

Hier setzt Saunders Roman ein. Willie ist im "Bardo", dem Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits, aber dort ist er nicht allein, Scharen von vor ihm Verstorbenen bevölkern auch diese mythische Zwischenwelt. Sie sind die Erzähler der Geschichte. Sie reden, plappern, brüllen, sie fallen sich ins Wort, ein Stakatto von Sätzen, wild durcheinander. An diesen Stil muss man sich als Leser erst gewöhnen. An einigen Stellen macht es der Autor (oder Übersetzer?) zusätzlich schwierig. Dass mit einer "Krankenkiste" kein Krankenbett, sondern ein Sarg gemeint ist, zum Beispiel. Hat man als Leser diese Klippen umschifft, stellt man fest, dass man ein Meisterwerk vor sich hat, und man möchte viele Sätze unterstreichen und auswendig lernen. Die Kernfrage des Buches lautet: Warum lieben, wenn jede Liebe unweigerlich mit dem Tod endet? In Form und Inhalt des wohl ungewöhnlichsten Buches dieses Sommers. Es gibt interessante Parallelen zum Robert Seethalers neuem Buch "Das Feld", auch dort sind die Stimmen der Toten die Erzähler.


Verlag: DVA
ISBN: 978-3-421-04771-7
Preis: 20,00 €
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Wege, die sich kreuzen

Tommi Kinnunen, Rezension von Bernhard Söthe

In einer Kleinstadt in Nordfinnland spielt dieser das ganze 20. Jahrhundert mit all seinen Erschütterungen umfassende Roman. Es ist eine Geschichte von starken Frauen. 

Maria arbeitet zu Beginn des 20. Jahrhunderts als staatlich geprüfte Hebamme, misstrauisch beäugt von den "Wehmüttern" in den kleinen Bauernweilern. Frauen ohne jede Ausbildung, die bisher allein für die Geburtshilfe in der rückständigen Region zuständig waren. Mühsam muss sich Maria das Vertrauen der Landfrauen erarbeiten. Das burschikose Auftreten der Hebamme und dass sie auf dem Fahrrad zu ihren Einsätzen fährt, missfällt vielen ihrer Mitbürger. Als Maria eine uneheliche Tochter zur Welt bringt - jeder in der Kleinstadt weiß, dass der Apotheker der Vater ist - , ist sie endgültig als Außenseiterin abgestempelt. Gebraucht, aber nicht gemocht. Alles Geld, das Maria verdient, steckt sie in ihr Haus. Immer, wenn das Ersparte reicht, wird angebaut und umgebaut, bald hat Maria eines der größten Häuser im Ort, in dem sie alleine mit ihrer Tochter Lahja lebt. Im Laufe der kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts, von denen auch Finnland nicht verschont bleibt, wird das Haus zweimal zerstört und zweimal wieder aufgebaut, jedes Mal ein bisschen größer und verwinkelter als zuvor. Marias Tochter Lahja wächst mit dem Makel der Unehelichkeit auf. Auch sie geht wie ihre Mutter ihren ganz eigenen Weg. In den 30er Jahren gründet sie das erste Fotostudio in der kleinen Stadt und führt es erfolgreich. Auch Lahja bekommt eine uneheliche Tochter, Anna, was Onni, einen stillen freundlichen Mann, nicht davon abhält, Lahja zu heiraten. Lahja bekommt weitere Kinder, Helena, die aufgrund einer zu später erkannten Infektion erblindet und einen Sohn, Johannes. Obwohl Onni ein treusorgender und liebevoller Familienvater ist, fühlt sich Lahja von ihm getäuscht und enttäuscht. Sie wird eine verbitterte Frau, die sich selbst und ihrer Familie das Leben schwer macht. Die Töchter verlassen schnellstmöglich das freudlose Elternhaus. Als Onni stirbt, sind Lahja und Johannes alleine in dem großen Haus. Als Johannes heiratet, kommt seine Frau Kaarina als Mitbewohnerin dazu. Sie kann ihrer Schwiegermutter nichts recht machen. Zeitlebends wird Lahja ihre Schwiegertochter siezen. Kaarina und Johannes bekommen vier Kinder. Lahja schafft es nicht, ein gutes Verhätlnis zu ihren Enkeln aufzubauen. Die Familie lebt zwar unter einem Dach, aber Lahja kapselt sich ab und hat kein gutes Wort für ihre Familie. Ausgerechnet die missachtete Schwiegertochter Kaarina versorgt und pflegt Lahja, die sehr alt wird und Hilfe braucht. Erst nach Lahjas Tod erfahren Kaarina und Joahnnes durch einen hinterlassenen Brief, was in Lahjas und Onnis Ehe so schrecklich falsch gelaufen ist. 

Ein beeindruckender Erstlingsroman darüber, was Familien zerstören kann und die Möglichkeit, sie wieder heil zu machen. "Wege, die sich kreuzen" stand lange auf der finnischen Bestsellerliste und erscheint in über 20 Ländern.


Verlag: Piper Verlag
ISBN: 9783492702737
Preis: 17,00 €
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Das Siegel von Rapgar

Alexey Pehov, Rezension von Bernhard Söthe

 

Rapgar ist die altehrwürdige Hauptstadt eines mächtigen magischen Reiches. Hier leben die unterschiedlichsten Wesen, mehr oder weniger magisch begabt, mehr oder weniger freundlich. Manche Bewohner haben ein sehr seltsames Aussehen. Die Stadt wird regiert von einer Herrscherfamilie und einem sogenannten Rat der Sieben, der von den mächtigen Familien der Stadt gebildet wird. Till er'Cartya gehört auch zu einer dieser alten Familien, die auch über bestimmte magische Fähigkeiten verfügen. Till er'Cartya könnte aufgrund seiner Herkunft auch zur Führungsschicht von Rapgar gehören, aber die Machtspielchen und Intrigen sind ihm zuwider, und er hält sich abseits der Cliquenwirtschaft.

Auf einer Zugfahrt, natürlich ist es ein sehr besonderer Zug, natürlich ist es ein sehr besonderer Wagen, der für die Oberschicht Rapgars reserviert ist. (Die 1. Klasse der Bundesbahn nimmt sich dagegen aus wie die Holzklasse zu Kaisers Zeiten.) Till reist in Begleitung seines Spazierstocks. Der Stock heißt Stephan, kann reden und ist auch sonst ziemlich magisch.

Till (und Stephan) können im Zug einer jungen Frau beistehen, die von ein paar üblen Typen angegangen wird. Einer der Angreifer fliegt aus dem Fenster, einer wird von der schönen jungen Frau kurzerhand erdolcht, einer kann entkommen. Als sich das Chaos lichtet, ist die schöne junge Frau , die so flink mit dem Messer umgeht, spurlos verschwunden. Till, den die Begegnung mit der jungen Frau sehr beeindruckt hat, macht sich auf die Suche nach ihr.

Der Russe Alexey Pehov ist sicherlich einer der besten Fantasy-Autoren. Die seltsamen Wesen, die er in seinen Büchern auftreten lässt, sind höchst originell, ebenso die ausgefeilten Handlungen. Simple „Haudrauf“-Fantasy gibt es bei Pehov nicht, dafür schon mal Ausflüge ins fast Philosophische: „Wer glücklich sein will, muss sich viele Illusionen machen.“ Aber auch der Humor kommt bei Pehov nicht zu kurz.

 


Verlag: Dumont Verlag
ISBN: 9783832198923
Preis: 26,00 €
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Die Ermordung des Commendatore Bd II – Eine Metapher wandelt sich

Haruki Murakami, Rezension von Bernhard Söthe

 

Der erste Band endete damit, dass Menshiki, der undurchsichtige Nachbar des namenlosen Erzählers / Malers ihm einen zweiten Auftrag erteilt. Er soll Marie, ein vierzehnjähriges Mädchen, porträtieren. Marie ist möglicherweise Menshikis uneheliche Tochter. Das intelligente aber schüchterne Mädchen und der Maler verstehen sich auch ohne viele Worte sehr gut. Das Porträt ist nach etlichen Sitzungen fast fertig, als Marie spurlos verschwindet...

Nach längerer Pause hat der Maler auch wieder Besuch vom Commendatore, der „gestaltgewordenen Idee“. Das ist nur eine der zahlreichen übersinnlichen Begebenheiten dieses Romans. Ein geheimnisvoller Glockenstab taucht auf und verschwindet. Auf seltsame Art gelangt der Maler in eine alptraumhafte Unterwelt. Durch Höhlen und klaustrophobisch enge Gänge erreicht er eine unwirtliche Mondlandschaft. Der Maler wird von dem Wunsch getrieben, Marie zu finden. Der Commendatore hat ihm erzählt, nur auf diesem Wege käme er zu Marie. Die Reise in und durch die Unterwelt ist voller Anspielungen: der angstmachende Weg durch enge Höhlengänge - ein Geburtsvorgang? Ein unterirdischer Fluss, dessen Wasser seltsame Eigenschaften hat - der sagenhafte Fluss Lethe? An diesem Fluss hat der Maler eine Begegnung mit einem Fährmann, der ihn über den Fluss setzt - Charon? Diese Szene des Romans erinnert an das letzte Buch des Nobelpreisträger von 2017, Kazuo Ishiguro, „Der begrabene Riese“. Auch in diesem Roman gibt es eine Begegnung mit einem mystischen Fährmann.

Nach der Flussüberquerung verirrt sich der Maler, bis ihm die Seele seiner schon lange verstorbenen Schwester den Weg weist...

Nach großen Schwierigkeiten, in die „richtige“ Welt zurückzukehren, wobei ihm sein Nachbar Menshiki das Leben rettet, erfährt der Maler, dass die verschwundene Marie inzwischen wohlbehalten wieder zuhause ist. Von den Strapazen des Ausflugs in die „Unterwelt“ erholt, ruft der Maler seine Exfrau Yuzu an, die, wie er von einem gemeinsamen Freund erfahren hat, von einem anderen Mann schwanger ist. Yuzu stimmt einem Treffen zu...

Auch in diesem Buch vermischt Murakami reale und irreale Begebenheiten auf eindrucksvolle Weise.

 


Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN: 9783627002480
Preis: 24,00 €
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Dunkelgrün fast schwarz

Mareike Fallwickl, Rezension von Karin Bucconi

Wie oft schweigen wir, wenn wir besser reden sollten? Wie häufig sind die Dinge die wichtigsten, die wir nicht sagen, um andere zu schützen oder weil wir die Konsequenzen dessen nicht tragen wollen.

Im Erstlingswerk von Mareike Fallwickl spielen Farben, Geräusche, Gerüche und Gefühle eine große Rolle. "Mit allen Sinnen, mit Verstand und viel Herz" (so ein geschätzter Kollege) erzählt die Autorin die Geschichte einer verhängnisvollen Freundschaft. 

Als Vierjährige begegnen sie einander zum ersten Mal auf dem Spielplatz eines österreichischen Bergdorfs: Raffael (Raf) und Moritz (Motz). Beide sind auf ihre Art außergewöhnlich und so verschieden wie man nur sein kann. Raf ist kalt und berechnend. Moritz ängstlich und sensibel. Raf ist sein einziger Freund, und er lässt sich alles gefallen. Er kommt mit blauen Flecken und Bisswunden nach Hause, sagt aber nie, wer ihm die zugefügt hat.

Nur Marie, die Mutter von Moritz, durchschaut Raffael von Anfang an. Der kleine Teufel setzt immer ein gar zu liebes Lächeln auf, wenn er wieder einmal seinen kleinen Bruder getreten oder anderen wehgetan hat. Die Jungen bleiben unzertrennlich, und später kommt noch Johanna hinzu, in die sich Moritz unsterblich verliebt...

2017, sechzehn Jahre später, die drei haben sich lange aus den Augen verloren, wohnt Moritz mit seiner hochschwangeren Freundin zusammen. Als es eines Tages an der Tür klingelt, steht Raf davor. Er erzählt eine Lügengeschichte von überfüllten Hotels usw. und bittet darum, eine Nacht bleiben zu dürfen. Aber- er hat keinesfalls vor, wieder aufzubrechen. Er nistet sich regelrecht ein und stiftet Unruhe. Schnell hat er herausgefunden, dass er immer noch Macht über Motz hat. Kristin zieht zu ihrer Mutter und macht klar, dass sie erst zurückkehrt, wenn Raffael verschwindet...

Dann verändert sich etwas Gravierendes. Lange Verschwiegenes wird endlich ausgesprochen, und die Vergangenheit vermischt sich mit der Gegenwart.

Die Geschichte wird von drei Protagonisten erzählt: Moritz, Marie und Johanna. Raffael lernen wir nur so kennen, wie die drei ihn sehen...

Ein gelungenes Debüt. Ein guter Schreibstil. An wenigen Stellen etwas vulgär, aber nicht deplaziert. Ich wünsche Mareike Fallwickl viele LeserInnen.


Verlag: Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 9783462051568
Preis: 20,00 €
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Keyserlings Geheimnis

Klaus Modick, Rezension von Karin Bucconi

Klaus Modick schfft es mit seinen Romanen immer wieder, Menschen zu portätieren, von denen wir zwar gehört haben, über die wir aber nicht allzuviel wissen. So in "Sunset" Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht, Rainer Maria Rilke und Heinrich Vogeler in "Bildnis ohne Dichter" und jetzt den "baltischen Fontane" Eduard von Keyserling. der einem baltischen Adelsgeschlecht entstammende Keyserling war das zehnte von zwölf KIndern und somit nicht erbberechtigt. So studierte er Rechtswissenschaft in Dorpat (Estland), wurde aber unehrenhaft aus der studentischen Verbindung entlassen und zum Duell gefordert. Dem wollte er sich keinesfalls stellen und floh nach Wien, wo er eine Zeit lang Kunstgeschichte und Philosophie studierte. 

Der Roman "spielt" auf zwei Ebenen. Zum einen 1901 während einer Sommerfrische mit den Freunden Lovis Corinth und Max Halbe sowie deren Partnerinnen. Corinth, ein Maler, porträtiert ihn, und es kommt nichts Ansprechendes dabei heraus. Er leidet an Syphillis, und man sieht ihm an, dass er nicht gesund ist. Als er das fertige Porträt sieht, meint er, dass er auf dem Bild aussieht, wie mit 70 gestorben, im Grab vermodert und wieder auferstanden......

Einige Jahre verbringt Eduard auf den heimischen Gütern und vertritt seinen Bruder, der seine malade Frau in die Kur begleitet. Es geht ihm immer schlechter, und er ist froh, als er die Güter wieder verlassen kann.

1899 bis 1900 geht er mit seinen Schwestern auf eine Reise nach Italien, und dort entstehen seine besten Werke, von den Schwestern niedergeschrieben und korrigiert. Für mich ist "Wellen" sein bestes Buch, und vielleicht haben Sie ja nach der Lektüre von Keyserlings Geheimnis und dessen Entschlüsselung Lust darauf, diese kleine Kostbarkeit zu lesen.

 

Rezension von Bernhard Söthe

Im Jahr 2015 hatte Klaus Modick mit seinem Künstlerroman "Konzert ohne Dichter" großen Erfolg. Der Roman spielte in der Künstlerkolonie Worpswede. Ein Thema, das offensichtlich auf großes Interesse stieß. Das neue Buch von Modick dürfte es da etwas schwerer haben. Wer war denn der titelgebende Keyserling? 

Eduard Graf von Keyserling, geboren 1855 auf Schloss Padder, Kurland, als zweiter Sohn eines uralten baltischen Adelsgeschlechts, gestorben in München 1918. Seinerzeit war Keyserling einer der bekanntesten Romanciers des Impressionismus, heute wohl nur noch Literaturliebhabern bekannt.

Allerdings hatte Marcel Reich-Ranicki vor einigen Jahren eine kleine Keyserling-Renaissance initiiert, als er insbesonder dessen Roman "Wellen" als mustergültig lobte. Erhältlich ist dieser Roman z.B. als Insel Taschenbuch (mit einem Nachwort von Marcel Reich-Ranicki, 10.00€).

Dieser Graf Keyserling ist die Hauptperson von Klaus Modicks neuem Buch. Er erzählt die Lebensgeschichte des aus der konservativen Welt der baltischen Adelsgesellschaft in die Künstlerboheme Münchens geflohener Adelsspross. Allerdings war der Bruch mit der Familie nicht komplett, zwei seiner Schwestern, die durchaus auch künstlerische Ambitionen hatten, führten dem eher lebensunpraktischen Junggesellenbruder den Haushalt und lektorierten seine Romane.

Modicks Roman beginnt mit einer "Sommerfrische" am Starnberger See, wo der damals populäre Dramatiker Max Halbe ein Sommerhaus besaß. Unter den Gästen ist auch Graf Keyserling, ebenso wie der Maler Lovis Corinth, der dort ein Porträt des Grafen malt. Dieses Porträt ist auf dem Vorsatzblatt des schön gestalteten Buches abgedruckt. Wie man dort sieht und auch durch Aussagen von Zeitgenossen weiß, war Keyserling alles andere als ein Adonis, aber dank Maßanzug und Siegelring jeder Zoll ein Herr von Stand. Sein selbstbewusstes Auftreten und vermutlich auch sein Adelstitel führten dazu, dass ihm die Damen-  bzw Halbdamenwelt nicht die kalte Schulter zeigte. Eines der "süßen Madeln" steckte Keyserling mit der damals nicht heilbaren Syphilis an. Die krankheitsbedingten Hautveränderungen steigerten Keyserlings Attraktivität nicht. Von Corinths Porträt ausgehend erzählt Modick Keyserlings Leben.

Keyserling verweigerte sich der für zweite Söhne eigentlich obligatorischen Militärlaufbahn und studierte stattdessen Jura in Dorpat. Standesgemäß schließt er sich der Burschenschaft an, zu der schon sein Vater gehörte. Glücksspiel und Bordellbesuche gehörten auch zum lustigen Studentenleben. Hier in Dorpat kam es zu einem Zwischenfall, Keyserlings "Geheimnis", der ihn zur persona non grata in den feinen Kreisen des Baltikums machten. Dies war einer der Gründe, weshalb er seine Heimat verließ und zunächst nach Wien und dann nach München ging, wo er rasch Zugang zu Künstlerkreisen fand. Dort begegnet er dem jungen Thomas Mann, mit Frank Wedekind verband ihn eine turbulente Freundschaft.

Klaus Modick gelingt mit "Keyserlings Geheimnis" erneut ein herausragender Künstlerroman. Ironisch, atmosphärisch, klug und spannend. Auf der Buchmesse in Leipzig stellte Klaus Modick sein neues Buch vor und beschrieb die langwierige, über zweijährige Recherchearbeit in verschiedenen Archiven, da es aktuell keine Keyserling-Biographie gibt und er auch in Literaturgeschichten meist nur knapp erwähnt wird.


Verlag: Wagenbach
ISBN: 9783803132925
Preis: 20,00 €
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Herr Kato spielt Familie

Milena Flasar, Rezension von Karin Bucconi

"Ich nannte ihn Krawatte" ist das erste Buch, das ich von der Autorin gelesen habe. Dort geht es darum dass sich auf einer Parkbank zwei aus der "Welt Gefallene" begegnen. Sie entsprechen in keiner Weise der Norm, nähern sich aber ganz langsam einander und auch dem Leben an...

In ihrem neuen Roman geht es um`s Älterwerden, und die Hauptrolle spielt Herr Kato. der gerade pensioniert worden ist, und in Japan, wo sich die Menschen, insbesondere aber die Männer sehr stark mit ihrem Arbeitsplatz identifizieren, fallen die meisten erst mal in ein tiefes Loch. Auch Herr Kato weiß nichts mit sich anzufangen, außer dass er andauernd irgend etwas an seiner Frau auszusetzen hat. Die aber entzieht sich erst mal ganz geschickt und macht einen Tanzkurs.

Herr Kato folgt ihrem Rat, sich endlich einmal gründlich untersuchen zu lassen. In seinem Alter hat man schnell irgenwelche Wehwechen. Aber: nichts. Er ist kerngesund und hätte doch so gern eine kleine, harmlose Krankheit gehabt, um davon erzählen und sich wichtig machen zu können. Er geht vom Arzt aus nach Hause, nimmt aber einen Umweg über den Friedhof. Hier sticht ihn irgendwie der Hafer. Er imitiert einen Affen (die Toten können ihn ja nicht hören) und verfällt dann in einige Tanzschritte, was nicht unbemerkt bleibt.

Frau Mie tritt in Erscheinung, die Chefin von "Happy Family", die sogenannte Stand Ins vermietet, eine Art Schauspieler, die zu unterschiedlichen Anlässen Menschen spielen, die abhanden gekommen sind: verschollene Ehemänner, Großväter, Firmenchefs usw. Frau Mie ist vom schauspielerischen Talent Herrn Katos überzeugt und wirbt ihn an. Seine Frau erfährt nichts.

Die Rollen aber, die er spielt, haben viel mit ihm selbst zu tun, und manchmal fragt man sich bei der Lektüre, ob eventuell die anderen die Stand Ins sind, engagiert, um ihn zu unterhalten, seinem Leben einen Sinn zu geben.

Ein wunderschönes, gut geschriebenes Buch, sehr oft witzig, aber manchmal auch ziemlich melancholisch.


Verlag: Fischer
ISBN: 9783103973518
Preis: 20,00 €
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Der Zopf

Laetitia Columbani, Rezension von Jutta Pollmann

Smita ist eine Galit, eine Unberührbare, keiner Kaste zugehörig, im System nicht vorgesehen, jenseits von allem. Und wie alle Unberührbaren, lebt sie außerhalb der Stadt in einem Dreckloch. Das Wasser muss sie sich aus einem weit entfernten Brunnen holen, den nur die Dalits benutzen. Und wie schon ihre Mutter, verdient sie sich ihr Geld als Schmutzsammlerin. Diese Arbeit wird von der Mutter an die Tochter weitervererbt, es ist ihre Pflicht, ihr Dharma, ihr Platz in der Welt. Jeden Morgen geht sie los, mit dem stinkenden Korb, der schon ihrer Mutter gehörte und leert mit bloßen Händen die Latrinen der Jats, der besser gestellten. Sie kommt durch die Hintertüren der Häuser, verrichtet ihre Arbeit und verschwindet wieder, unsichtbar wie sie ist. 

Doch für ihre Tochter wünscht sich Smita ein besseres Leben. Sie soll nicht den Dreck der anderen wegmachen müssen, sie soll zur Schule gehen können. Smita hat ihren Mann überzeugt mit dem Lehrer zu sprechen und er hat zugestimmt, denn Nagajaran ist ein guter Mann, der sie nicht schlägt, der sie auch nicht verstoßenhat, als sie "nur" eine Tochter zur Welt brachte. Nagajaran hat dem Lehrer die paar gesparten Rupien gebracht und der hat zugestimmt. Lalita darf zur Schule gehen. Doch gelich am ersten Tag gibt es einen Zwischenfall, der Lehrer forder Lalita auf, den Boden zu kehren, wie es Aufgabe der Unberührbaren ist. Doch Lalita weigert sich und wird vom Lehrer verprügelt. Da weiß Smita, dass sie weg muss, weg aus diesem Slum, weg aus diesem Leben als Mensch ohne Wert, weg, damit Lalita etwas lernen kann. Und sie macht sich auf eine 1000 km weite Reise in den Süden Indiens zu ihren Cousins. Auf dem Weg dorthin, opfern Smita und Lalita ihrem Gott Vishnu im Tempel von Tirupati ihre komplette Haarpracht. Denn das weiß Smita: das Leben ihrer Tochter wird durch das Opfer nun besser sein als ihres.

Giulia lebt in Palermo. Ihr Vater besitzt eine kleine Fabrik, in der von Hand Perücken hergestellt werden. Die hat er schon von seinem Vater geerbt und Giulias Vater liebt seine Arbeit. Und obwohl Giulia eine sehr gute Schülerin gewesen ist, Abitur hätte machen können, entschied sie sich mit 16 Jahren von der Schule zu gehen, um bei ihrem Vater zu arbeiten. Schon als kleines Mädchen hat sie es geliebt, mit ihm über die Dörfer zu fahren, auf der Vespa sitzend, den Wind in den Haaren. Dann ist sie von Haus zu Haus gelaufen und hat die Frauen nach der Cascatura gefragt. Die Frauen gaben ihr den Beutel mit den gesammelten Haaren, der Vater wog die Ausbeute und bezahlte. Bei den Friseuren gab es natürlich mehr einzusammeln. Doch die Zeiten haben sich geändert, die Leute sammeln ihre Haare nicht mehr ein und verkaufen sie. Es sieht nicht gut aus für die kleine Fabrik in Palermo. Als ihr Vater verunglückt und Giulia eine Dokument aus seinem Büro holen muss, sieht sie sich plötzlich mit einer Realität konfrontiert, die ihr nicht behagt: die Firma ist pleite, ihr Vater hat immense Schulden, aber weder die Familie noch die Angestellten sind informiert. Was soll nun geschehen? Ihre Mutter und ihre Geschwister sind dafür, die Fabrik zu verkaufen, damit man wenigstens das Dach über dem Kopf behalten kann, aber das will Giulia nicht. Vor allem will sie nicht Gino heiraten, Gino, der um sie wirbt, der Geld hat, der die Lösung für alle Probleme wäre. Aber sie liebt ihn nicht. Giulia lernt Kamal kennen, einen Sikh, der als Flüchtling nach Italien gekommen ist und der bringt sie auf eine Idee. Er als Sikh darf seine Haare nicht schneiden, aber die Hindus tun das, sie opfern ihre Haare Vishnu und diese Haare werden verkauft, gutes, festes Haar, das man für Perücken verwenden kann. Und plötzlich ist Giulia mit knapp 20 Jahren Chefin einer Perückenfabrik, die es wagt, neue Wege zu gehen, um ihr eigenes und das Leben ihrer Angestellten zu sichern.

Jeden Morgen ds Gleiche, jeden Morgen klingelt der Wecker um 5 Uhr. Sarah hat ihren Tag durchgetacktet, anders wäre das Pensum nicht zu schaffen: Duschen, anziehen, Frühstück für die Kinder vorbereiten, Kinder wecken, auf dem Weg zur Arbeit an der Schule absetzen. Punkt 8 Uhr parkt sie ihren Wagen auf ihrem eigenen Parkplatz: Sarah Cohen, Johnson & Lockwood. Viele sind um die Zeit noch nicht da, oft ist sie die Erste die kommt und die Letzte, die geht. Nur so schafft man es Mitgesellschfterin bei Johnson & Lockwood zu werden, einer der renommiertesten und gefragtesten Rechtsanwaltskanzleien der Stadt. Sarah ist die erste Frau, die das geschafft hat, mit Doppelschichten, Wochenendarbeit, Nachtschichten. Da gehen schon mal Ehen kaputt, zwei bei ihr. Und ihre Kinder werden auch von anderen Menschen betreut: Kindergeburtstage, Aufführungen und Kirmesbesuche, für so etwas hat Sarah keine Zeit. Doch ihr Leben ändert sich plötzlich, als bei einer Routineuntersuchung ein Knoten in ihrer Brust gefunden wird. Aber weder in der Kanzlei, noch zuhause erzählt sie davon. Für die Operation nimmt sie sich ein paar Tage Urlaub, die Chemotherapien werden als Geschäftsessen im Kalender vermerkt. Doch dann steht sie plötzlich einer Mitarbeiterin gegenüber, die mit ihrer Mutter beim Onkologen ist. Sarah stammelt was von Freundin, die sie begleitet, aber ihr Geheimnis ist keines mehr.  Ihre Krankheit macht die Runde in der Kanzlei, immer häufiger wird sie nicht zu Besprechungen eingeladen, man will sie schließlich nicht belasten, doch Sarah merkt, man hat schon ihr Grab geschaufelt. Eine Kranke ist nicht zuverlässig, die kann man nicht gebrauchen. Eine Schwangerschaft geht irgendwann zu Ende, aber Krebs kann jederzeit wiederkommen, vielleicht lebt sie ja in einem Jahr schon nicht mehr! Da kann man ihr langwierige Fälle nicht mehr anvertrauen. Sarahs Welt bricht zusammen, alles wofür sie gearbeit und gekämpft hat zerbricht.

Die Chemo hinterlässt ihre Spuren, die Haare fallen büschelweise aus. Sie bleibt tagelang im Bett, möchte nie wieder aufstehen. Doch irgendwann kommt der Lebensmut zuück und sie macht sich mit dem Kärtchen in der Hand, das eine Patientin ihr gegeben hat,  auf den Weg. Ihr Ziel ist ein Perückengeschäft. Die Angestellte ist feinfühlig, ohne mitleidig zu wirken und sie zeigt Sarah diverse Modelle. Doch als sie die Perücke aus der kleinen Fabrik in Palermo auf dem Kopf hat, die eine Arbeiterin in 80 Stunden mit 150000 Haaren gefertigt hat, sieht Sarah die neue Sarah im Spiegel. Die Frau, die ihre eigene Kanzlei eröffnen wird, die Frau, die nicht mehr jedes Wochenende arbeiten wird, die Frau,  die Zeit mit ihren Kindern verbringt, die Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, sei es von einer Gesellschaft, in der man nur etwas zählt, wenn man wie eine Maschine arbeitet oder sei es von einem Tumor.

Hier verbindet sich die Geschichte dieser drei Frauen:  die Haare aus Indien, geopfert, damit Lalita zur Schule gehen kann; die Fabrik in Palermo mit den Haaren aus Indien auf dem Weg in die Zukunft und die Perücke für die Anwältin, die so zu neuem Selbstbewußtsein kommt.

Was für ein Buch!!!!!!! Auf dem Umschlag steht: "In der Welt der Bücher geschen noch Wunder!" Dem kann ich mich nur anschließen. Unbedingt lesen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!


Verlag: Berlin
ISBN: 978-3-8270-1367-5
Preis: 22,00 €
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Eine Geschichte der Wölfe

Emily Fridlund, Rezension von Bernhard Söthe

Die 14jährige Linda lebt mit ihren Eltern, desillusionierten Alt-Hippies, in Minnesota am Rand einer Kleinstadt, fast schon im Wald. Hier gab es einst eine Hippie-Kommune, nach dem Scheitern dieser experimentellen alternativen Lebensform sind Lindas Eltern hier übrig geblieben. In der benachbarten Gemeinde gelten sie als Eigenbrötler. Dieser Ruft haftet auch Linda an. In der Highschool, wo sie keinen besonderen Ehrgeiz an den Tag legt, ist sie Außenseiterin. Von ihrem Mitschülern wird sie ignoriert, sie gilt als "Freak". Kontakt sucht Linda zur gleichaltrigen Mitschülerin Lily, die wegen ihrer indianischen Vorfahren auch zur Außenseiterin prädestiniert ist. Aber Lily ist die Highschool-Schönheit und spielt in einer ganz anderen Liga als Linda. Lily lässt Linda abblitzen. Gekränkt zieht sich Linda noch mehr zurück. Ein kleiner Lichtblick ist ein neuer Lehrer, Mr Grierson, der aus Kalifornien in dieses Hinterweltkaff gekommen ist. Den charismatischen Lehrer, den der Duft der großen weiten Welt umweht, findet Linda faszinierend. Zum ersten Mal findet sie den Unterricht spannend, und für diesen Lehrer legt sie sich richtig ins Zeug und gibt sich mit ihrem Referat "Die Geschichte der Wölfe" große Mühe. Schwer fällt Linda das nicht, sie lebt nicht nur am Rand der großen Wälder, sie liebt die Natur. Sie ist ihr Fluchtpunkt vor den Kränkungen des Schulalltags und den Zumutungen des Erwachsenenwerdens. Lindas Eltern sind sehr mit sich selbst beschäftigt und geben ihr keinen Halt. Obwohl Lindas Eltern ein größeres Stück Wald gehört, ist Geld immer knapp, und Linda arbeitet neben der Schule als Aushilfe im örtlichen Diner. Ein Job, den die kontaktscheue Linda nicht besonders mag. Als sich die Gelegenheit ergibt, als Babysitterin zu arbeiten, kündigt sie im Diner. Nicht sehr weit von der Hütte ihrer Eltern entfernt, liegt am Ufer eines Sees ein Sommerhaus. Dort zieht eine jungen Frau mit ihrem vierjährigen Sohn Paul ein. Auf dieses Kind soll Linda gelegentlich aufpassen. Linda genießt ihre neue Aufgabe. Paul ist ein aufgewecktes, liebenswertes Kind, Linda und er finden sofort einen Draht zueinander. Auch die junge Mutter ist Linda sympathisch. Die Außenseiterin Linda, der "Freak", giert nach Normailtät. Und Paul und seine Mutter sind normal. Als Pauls Vater, der als Wissenschaftler an einer entfernten Universität arbeitet, in seinen Ferien zu Frau und Kind stößt, scheint die kleinbürgerliche Idylle perfekt. Linda fühlt sich angenommen und fast als der kleinen Familie zugehörig.

Probleme bahnen sich an, als der kleine Paul krank wird und sich seine Eltern unter fadenscheinigen Gründen weigern, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Eine komplexe Geschichte über das Erwachsenwerden in schwierigem sozialem Umfeld. Eine Geschichte, die viel Stoff zum Nachdenken bietet und einen lange nicht loslässt. Die Autorin hat bei T. C. Boyle "Creative Writing" studiert. 


Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN: 9783518427897
Preis: 24,00 €
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Hain - Ein Geländeroman

Esther Kinsky, Rezension von Bernhard Söthe

 

Die im Rheinland geborene und aufgewachsene Autorin lebt heute in Berlin und in Friaul. Die Übersetzerin und Essayistin wurde 2016 mit dem Adalbert-von Chamisso-Preis ausgezeichnet, und für ihr neues Buch "Hain - Ein Geländeroman" hat Esther Kinsky den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten.

Die Ich-Erzählerin, vermutlich das Alter Ego der Autorin, reist durch Italien. Allerdings nicht durch das Hochglanzitalien seliger Sommerurlaube in den einschlägig bekannten Touristenhochburgen, sondern sie reist mitten im Winter, der auch in Italien, besonders im Norden und in den Gebirgsregionen, kalt und unwirtlich sein kann, und sie reist durch Gegenden, in die sich sonst kaum ein Tourist verirrt,

Die Erzählerin reist auf den Spuren der Vergangenheit. Ihr Mann ist - so kann man aus Andeutungenen vermuten - erst kürzlich verstorben. Mit ihm ist sie oft in Italien unterwegs gewesen. Es tauchen Erinnerungen an die gemeinsamen Reisen auf.

Den Keim zu ihrer Italienliebe hat aber schon ihr Vater gelegt. Die Familienurlaube fanden immer in Italien statt. Auch mal an der Adria aber sonst meist abseits der üblichen Touistentrampelpfade. Erinnerungen an Verstorbene, Reisen in Kälte und Nebel durch unwirtliche Gegenden, "Niemandsgegenden" nennt Esther Kinsky sie, da liegt die Vermutung nah, das Ganze wäre ein trauriges Buch in elegischem Tonfall, aber so ist es nicht. Das Buch zeichnet sich durch eine unaufgeregte, zurückgenommene Sprache aus. Genau beobachtete Beschreibungen der Orte und Landschaften, in denen die Autorin unterwegs ist. Der Untertitel des Buches "Ein Geländeroman" findet hier seine Berechtigung. Menschen spielen in diesem Buch nur eine Statistenrolle. 

Der Jury des Leipziger Buchpreises ist es wieder gelungen, ein ungewöhnliches Buch auszuzeichnen. Ein Buch, das jeden Leser belohnt, der bereit ist, sich auf diesen ruhigen doch kunstvollen Sprachstil einzulassen.

 


Verlag: Thiele
ISBN: 9783851794014
Preis: 20,00 €
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Jemand wie du

Xavier Bosch, Rezension von Tanja Tenberg

Xavier Bosch nimmt uns mit nach Paris, lässt uns teilhaben an der Liebesgeschichte zwischen dem Galeristen Jean-Pierre Zanardi und Paulina Homs, die sich auf der Hochzeit ihrer Cousine in Paris kennenlernen.

Paulina, angereist alleine ohne ihren Mann und ihre kleine Tochter Gina verliebt sich in diesen einfühlsamen, weltgewandten Mann, der bei der Hochzeit ihr Tischnachbar ist.

So beginnen fünf aufregende Tage, nach denen Paulina zurückkehrt zu ihrer Familie nach Barcelona, Jean-Pierre aber nie vergessen wird.

Jahre später entdeckt Gina in einer Buchhandlung eine Visitenkarte ihrer Mutter in einem Buch über Schmetterlinge, auf der steht „ Appelle-moi!“

Gina, die ihre Mutter sehr jung verloren hat, sich kaum an sie erinnern kann, beginnt zu forschen, wen ihre Mutter mit dieser Karte erreichen wollte.

Dieses Buch berührt zutiefst, lässt einen eintauchen in Paris, der Stadt der Liebe.

Wer mal wieder richtig berührt werden will mit einer wunderschönen Geschichte, für den ist die Geschichte von Paulina und Jean-Pierre genau richtig.

Für die Fans von Nicolas Barreau, Paris Fans und Freunden großer Gefühle.

Unbedingt lesen.


Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462051773
Preis: 20,00 €
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Der Gedankenspieler

Peter Härtling, Rezension von Karin Bucconi

Härtlings letzter Roman ist erschienen. Als der Autor im Juli vorigen Jahres starb, war das Manuskript noch unveröffentlicht.

Eigentlich ist es mehr eine Biografie, denn ein Roman.  Wenger, die Hauptfigur ist das Alter Ego von Peter Härtling, nicht nur, was seine Krankheiten und sein Lebensende betrifft. 

Wenger spürt das Alter nicht nur, weil er einen Rollator benötigt. Diverse schwere Erkrankungen machen ihm zu schaffen, und als er nach einem Sturz auch noch an den Rollstuhl gefesselt ist, und  fremde Hilfe braucht, wird ihm bewußt, was es heißt, alt, krank und einsam zu sein. Wenger warsein Leben lang ein Einzelgänger und Single. Er ließ niemanden wirklich an sich heran, ist jetzt aber dankbar für die Freundschaft seines jungen Hausarztes, Dr. Mailänder.Häufig miesepetrig, beobachtet er sich genau und empfindet wowohl Scham als auch Ekel, weil er sich von Pflegerinnen waschen und versorgen lassen muss. Geistig ist er noch auf der Höhe, und immer wieder wird er gebeten Aufsätze über Architektur zu schreiben. Die war neben Kunst, Musik und Politik immer wichtig für ihn. Der einzige, dem er Zugang (auch zu seinem Inneren) gewährt, ist eben jener junge Arzt, der sich irgendwann aber rarer macht, weil er sich neu verliebt hat und auch, weil Wenger häufig schroff und abweisend ist.

Zentral in diesem "Roman" ist die Architektur, und Wenger schreibt kundige Briefe an Größen, die nicht mehr leben, wie z.B. Mies van der Rohe(Bauhaus) und Karl Friedrich Schinkel (Klassizismus und Historismus). Das hält ihn aufrecht.

Lebensmut gibt ihm hin und wieder Katharina, die kleine Tochter, die Mailänders Frau mit in die Ehe gebracht hat und die ihn mal mehr, mal weniger liebevoll Opa Hannes nennt. Als klar wird, dass sein Blut vergiftet ist, und er  dreimal die Woche der Dialyse bedarf, erlischt ganz allmählich sein letzter Rest an Lebensmut...

Ein bewegendes Buch über das Altsein, über Krankheit, über Freundschaft und Einsamkeit, und alles dreht sich um die Frage, wie man seine Würde bewahren kann.

 

 


Verlag: Wunderlich
ISBN: 9783805200219
Preis: 19,95 €
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Kranichland

Anja Baumheier, Rezension von Jutta Pollmann

Der 15jährige Johannes Groen landet auf der Flucht aus Schlesien in Rostock. Hier verbringt er das Ende des Krieges, hier lernt er 1946 Elisabeth kennen. Er verliebt sich in die junge Krankenschwester und heiratet sie schon bald. In Rostock lernt Johannes auch Kolja kennen, einen Russen, der ihn schnell für den Aufbau des Sozialismus begeistern kann. Ja, ein neues Deutschland, ohne Krieg, ohne ein Oben und Unten, eine starke Arbeiterklasse, die das Sagen hat. Johannes ist begeistert. Kolja unterstützt ihn, wo er kann, denn solche Leute wie Johannes braucht das Land. Und dann wird ihm eine Stelle bei der Stasi in Berlin angeboten. Elisabeth ist zunächst nicht so begeistert vom Umzug nach Berlin, aber Kolja hat für die Familie nicht nur bereits eine Wohnung besorgt, sondern für Elisabeth auch eine neue Stelle in der Charité. Schließlich lässt sie sich überzeugen und Johannes und Elisabeth ziehen mit ihren Töchtern Charlotte und Marlene nach Berlin. Hatte Johannes seiner Frau versprochen, nun mehr Zeit für sie zu haben, wird er hier in Berlin noch mehr vereinnahmt. Wenn Kolja ruft, wenn die Stasi ruft, ist Johannes zur Stelle. Elisabeth fühlt sich einsam und verliebt sich in einen anderen Mann.

Charlotte ist wie ihr Vater eine begeisterte Sozialistin, ganz im Gegensatz zur jüngeren Schwester Marlene. Die muckt auf, rebeliert möchte Freiheit, möchte sagen, was sie denkt. Dann verliebt sie sich auch noch in den Sohn eines Pfarrers, der dem System der DDR kritisch gegenübersteht und die beiden jungen Menschen wollen fliehen. Kolja setzt Johannes unter Druck. Als Mitglied der Staatssicherheit darf er sich nichts zu Schulden kommen lassen. Johannes muss handeln...

Jahre später erbt die Altenpflegerin Theresa ein Haus von ihrer Schwester Marlene. Dem Testament liegt ein Brief an Theresa bei, in der Marlene von ihrer Krebserkrankung berichtet. Theresa ist verwirrt. Marlene ist doch schon seit Jahren tot, bei einer Bootstour mit dem Vater ertrunken. Wenn sie all die Jahre noch gelebt hat, wo war sie, warum hat sie sich nicht gemeldet. Was ist damals wirklich passiert??

Eine faszinierende und bewegende Familiengeschichte, ein tolles Debüt einer jungen Autorin. Vom Krieg, Vertreibung und Flucht zu den Nachkriegstagen und dem Aufbau der DDR bis hin zur Wende und dem heutigen Deutschland begleitet der Leser die Familie Groen durch all die Höhen, Tiefen und Abgründe des Lebens. Wunderbar zu lesen!

 

 

 

 


Verlag: Eisele
ISBN: 978-3-96161-007-5
Preis: 22,00 €
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Sag den Wölfen, ich bin Zuhause

Carol Rifka Brunt, Rezension von Kathrin Allkemper

New York, 1987: Die 13jährige June hat ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem Onkel Finn, einem berühmten Maler. Die beiden teilen die Vorliebe für Kunst und Mittelaltermärkte und verstehen sich auch sonst fast ohne Worte. Daher sind die Besuche bei ihrem Onkel für die sehr introvertierte June stets ein Highlight, hat sie doch sonst kaum Freunde. Doch dann erkrankt Finn an einem noch unbekannten tödlichen Virus. Mit seinem viel zu frühen Tod bricht für June eine Welt zusammen. Sie fühlt sich in ihrer Trauer allein, da die Familie über vieles aus Finns Leben schweigt und sich, auch was seine Krankheit angeht, merkwürdig distanziert verhält. Als auf der Beerdigung ein junger Mann auftaucht, spürt June bei den anderen eine Welle der Abscheu ihm gegenüber. Wer ist dieser schüchterne Kerl, den ihre Familie als Finns Mörder bezeichnet?

Kurz darauf erhält June ein Päckchen mit Finns Lieblingsteekanne und einem Brief für sie. Der Brief ist von Toby, dem Unbekannten auf der Beerdigung. Er möchte sich mit ihr treffen, sie kennenlernen und mit ihr Erinnerungen über Finn austauschen. Nach anfänglichem Misstrauen lässt June sich darauf ein und erfährt sehr schnell, dass ihre Familie völlig falsch liegt mit ihren Anschuldigungen. Auch Toby hat jemanden verloren, den er liebt und so zeigt er June, dass es gegen ihre Trauer doch ein Heilmittel gibt: Freundschaft und Zusammenhalt.

Dieser Roman wurde in 20 Sprachen übersetzt und eine Verfilmung ist in Vorbereitung. Ich teile die Begeisterung für diese so wunderbar erzählte Geschichte, Für mich ist es schon jetzt mein Lieblingsbuch in diesem Frühjahr.

 


Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-25819-8
Preis: 23,00 €
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Von Vögeln und Menschen

Margriet de Moor, Rezension von Bernhard Söthe

Marie Lina, eine Krankenschwester, schläft friedlich neben ihrem Mann Rinus Caspers, der als Vogelvertreiber auf dem Flughafen Schiphol arbeitet. Es ist noch früh morgens, als sich ein unauffälliges Auto der Wohnung der Caspers nähert. Drin sitzen zwei Kriminalbeamte, die gleich Marie Lina Caspers verhaften werden.

Marie Lina hatte am Vortag vor dem Hauptbahnhof in Amsterdam, wo gerade Ausschachtungsarbeiten für die neue U-Bahn-Linie im Gange sind, vor zahlreichen Zeugen eine ältere, sich heftig zur Wehr setzende Frau in die Baugrube gestoßen, mit tödlichem Ausgang. Die alte Frau, die so ums Leben gebracht wurde, ist eine Mörderin.

Vor Jahrzehnten hat Marie Linas Mutter Louise als Zugehfrau in einem Seniorenzentrum gearbeitet. Regelmäßig war sie für die Pflege der Wohnung des über 90jährigen Bruno zuständig. Die Beiden verstanden sich gut, wenn Louise bei der Arbeit fröhlich sang, fühlte sich der alte Mann nicht mehr so einsam.

Als der alte Bruno mit einem Schal erstickt wird und aus seinem Sekretär eine größere Summe Bargelds und Schecks gestohlen werden, gerät Louise, die einen Schlüssel zu Brunos Seniorenwohnung hatte, unter Verdacht. Die einfache Frau wird von den sie verhörenden Kriminalbeamten so massiv unter Druck gesetzt, dass sie einen Mord gesteht, den sie gar nicht begangen hat. Louise wird vor Gericht gestellt, verurteilt und geht ins Gefängnis. Die damals noch kleine Tochter Marie Lina wächst bei Verwandten auf.

Aus dem Gefängnis heraus zieht Louise ihr erzwungenes Geständnis zurück und versucht, eine Neuaufnahme ihres Verfahrens zu erreichen, was erst viele Jahre später gelingt.

Im neuen Verfahren wird Louise mangels Beweisen freigesprochen. Also kein Freispruch wegen erwiesener Unschuld. Ein Hauch von Verdacht bleibt an ihr haften.

Nach Louises Entlassung aus dem Gefängnis versuchen sie und ihre inzwischen erwachsene Tochter, eine Bindung zueinander aufzubauen. Aber Louise ist noch nicht lange in Freiheit, als sie stirbt.

Erst als das Verbrechen an Bruno verjährt ist, stellt sich heraus, dass nicht Louise, sondern eine andere Angestellte des Seniorenheims Bruno erdrosselte, als er sie beim Diebstahl des Geldes überraschte.

Kladzien Wroude hatte als Pflegerin ebenfalls Zugang zu Brunos Wohnung. Da die Tat bereits verjährt ist, wird sie nie vor Gericht gestellt. Und Louise, die ihre Unschuld nie beweisen konnte, ist tot. Louise wird von ihrer Tochter gerächt, die die wahre Mörderin des alten Bruno in die Baugrube stößt.

Was das Treffen von Marie Lina Caspers und Kladzien Wroude vor dem Bahnhof in Amsterdam Zufall oder war es geplant?

Margriet de Moor versteht es meisterhaft, mit den Gefühlen ihrer Leser zu spielen.

Der Klappentext des Verlages verspricht, „Von Vögeln und Menschen“ zeige Margriet de Moor auf dem Höhepunkt ihrer psychologischen und erzählerischen Meisterschaft, stimmt!


Verlag: DTV
ISBN: 978-3-423-26169-2
Preis: 14,90 €
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Frischluftvergiftung bei minus 20 Grad

Siina Tiuraniemi, Rezension von Kathrin Allkemper

Miska, der sich selbst als Halbautisten bezeichnet, ist wirklich ein komischer Vogel. Mit Menschen kann er überhaupt nicht umgehen und sein Studium läuft auch schlecht. Seine einzigen Freunde sind sein Mitbewohner Ville, der ihn und seine Eigenheiten schon aus Kindertagen kennt, und der Alkohol. Daher ist es kein Wunder, dass Miska völlig überfordert ist, als seine Mutter ihn dazu drängt, an ihrer Stelle die kürzlich ins Heim gekommene Tante Brigitta zu besuchen und ein paar Blumen vorbeizubringen. Brigitta ist so gar nicht die nette alte Dame, mit der er gerechnet hat, sondern ein ziemlich ruppiger Besen. Sie flucht wie ein Rohrspatz und bekundet gleich, dass sie statt Blumen lieber einen ordentlichen Schnaps hätte. Schließlich hätte sie nicht mehr viel zu verlieren, hat man ihr doch gerade erst beide Beine amputiert. Hinter der bärbeißigen Art steckt also auch etwas Verletzliches und vor lauter Mitleid lässt Miska ihr wenigstens seinen letzten Joint da, nichtahnend, zu welch ungewöhnlicher Freundschaft das am Ende führt....

Sehr unterhaltsame Geschichte und ein bißchen wie die finnische Variante von „ Ziemlich beste Freunde“!


Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-498-06552-2
Preis: 19,95 €
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Die letzten Meter bis zum Friedhof

Antti Tuomainen, Rezension von Kathrin Allkemper

Jaakob und seine Frau haben eine Pilzfarm in den Wäldern Finnlands. Zusammen haben sie dieses Geschäftsmodell ins Leben gerufen und verkaufen die Pilze äußerst lukrativ nach Japan. Allerdings fühlt sich Jaakob seit längerem nicht wirklich wohl. Leider ist es keine hartnäckige Grippe, wie ihm sein Arzt bedauernd eröffnet, sondern die Folge einer Vergiftung über einen langen Zeitraum hinweg. So blickt Jaakob also im Alter von 37 schon dem Tod ins Auge, denn man kann nichts mehr für ihn tun. Gebeutelt macht er sich auf den Heimweg, um seiner Frau die schlechte Nachricht zu überbringen. Doch statt eines tröstenden Gespräches erwartet ihn zuhause der Anblick seiner Gattin, wie sie sich mit seinem jüngeren Mitarbeiter Petri im Garten vergnügt. Die beiden bekommen nichts mit von seiner Anwesenheit, doch in Jaakob keimt sofort ein Gedanke: was, wenn seine Frau ihn vergiftet hat,um mit Petri die Firma zu übernehmen? Das ist aber nicht seine eizige Sorge. In der Stadt versuchen ihm drei üble Typen Konkurrenz zu machen, die auch vor Gewalt nicht zurück schrecken. Jaakob hat nichts mehr zu verlieren und beschließt daher, herauszufinden, wer ihn umbringen will und seine Firma mit allen Mitteln zu verteidigen. Dass es dabei zu ein paar Toten kommt, war eigentlich nicht beabsichtigt...

Dieser Roman ist gleichermaßen lustig, tragisch, nachdenklich und durchaus mit ein paar Lebensweisheiten gespickt.


Verlag: Deuticke
ISBN: 9783552063662
Preis: 22,00 €
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All die Jahre

J. Courtney Sullivan, Rezension von Annette Riedel

Irland 1957: Die beiden sehr unterschiedlichen Schwestern Nora und Theresa bereiten ihre Auswanderung nach Amerika vor. Nora reist zu ihrem Verlobten Charlie, der dort auf sie wartet. Theresa möchte Lehrerin werden, aber in Irland hat sie keine Zukunftsperspektive. Die pflichtbewusste Nora bittet Charlie, auch ihre Schwester aufzunehmen. Die hübsche, lebhafte und lebenslustige Theresa lebt sich schnell in der neuen Welt ein und genießt das Leben in vollen Zügen, bis sie eines Tages schwanger ist und der Vater des Kindes die Verantwortung nicht übernimmt. Nora trifft eine folgenschwere Entscheidung für sich, ihre Familie und auch für Theresa...

Fünfzig Jahre später: Als Noras ältester Sohn Patrick, ihr ausgesprochener Liebling, bei einem Autounfall stirbt, bricht sie das über dreißig Jahre währende Schweigen mit ihrer Schwestern, die als Nonne in einem Kloster lebt. Die anderen Kinder sind verwundert über ihre Tante, von deren Existenz sie bis dato nichts wussten und fragen neugierig nach: John, der Karriere in der Politik gemacht hat, Bridget, die mit ihrer Partnerin versucht, ein Kind zu bekommen und Brian, dem der Halt im Leben fehlt und der mit seinem Bruder Patrick eine Kneipe betrieben hat.

Eine spannende Familiengeschichte über zwei Schwestern, die ihren Weg finden und über unausgesprochene Dinge und Geheimnisse – sehr einfühlsam geschrieben mit liebevoll gezeichneten Figuren.


Verlag: Klett Cotta
ISBN: 978-3-608-98313-5
Preis: 22,00 €
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Die Herzen der Männer

Nickolas Butler, Rezension von Bernhard Söthe

Der Titel klingt schon sehr gefühlig, aber da das amerikanische Original den gleichen Titel trägt, geht das wohl in Ordnung. Es geht in dem Roman tatsächlich um Gefühle, aber gefühlig oder gar kitschig ist die Geschichte nicht.

Über eine Zeitspanne von drei Generationen und ebenso vielen Kriegen werden die Gefühle der Männer erkundet. Ihre Schwäche, ihre Geheimnisse, ihre Bedürfnisse, ihre Werte. Männer sind eindeutig die Hauptpersonen dieses garndios erzählten Romans. Erst im letzten Viertel rückt auch eine Frauengestalt in den Vordergrund. Rachel, immerhin Schwiegertochter, Ehefrau und Mutter von männlichen Hauptpersonen. 

Die Geschichte spielt im ländlichen konservativen Wisconsin. Konservativ ist auch die Erziehung der Jungen. Gelobt sei, was hart macht, schließlich sollen die Jungen ja später mal "ihren Mann stehen". Das geht nicht ohne innere und manchmal auch äußere Blessuren ab. Ganz wichtig im Leben dieser Familien ist der sommerliche Aufenthalt im Pfadfindercamp, wo Generationen von Jungen mit heute eher archaisch wirkenden Ritualen zu "mannhaftem Verhalten" erzogen werden sollen. Der Roman bietet tiefe Einblicke in das ganz normale Leben ganz normaler Bürger, die meisten von den beschriebenen Personen dürften vermutlich begeisterte Trump-Wähler sein. Für Nichtamerikaner ist der Waffenkult in den USA schwer verständlich, diese Verbreitung der Waffen im ganzen normalen Alltag, die Begeisterung, mit der hobbymäßig geschossen wird. Es gilt durchaus als nette Freizeitbeschäftigung, wenn Ehepaare in Schießanlagen auf Pappfiguren oder Wassermelonen ballern. Man will schließlich "vorbereitet" sein. Vorbereitet worauf?

Dieser lockere Umgang mit Waffen endet für einen der eher sympathischeren Protagonisten auch tödlich. 

Interessant ist dieses Buch sicherlich auch für die Leser von Yanagihara: "Ein wenig Leben" oder auch der großen amerikanischen Gesellschaftsromane von Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides, Dave Eggers etc.

 


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-9891-6
Preis: 26,00 €
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Die Ermordung des Commendatore Band 1 - Eine Idee erscheint

Haruki Murakami, Rezension von Bernhard Söthe

Der namenlose Ich-Erzähler des Romans, ein Mann in seinen 30ern, wird nach sechsjähriger - und wie er glaubt, durchaus harmonischer - Ehe, für ihn völlig überraschend, von seiner Frau Yuzu um die Scheidung gebeten.

Von Beruf ist der Erzähler Maler. Nach dem Ende seine Kunststudiums und seit dem Beginn seiner Ehe hat er allen künstlerischen Ambitionen ade gesagt. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Porträtmaler. Er malt Menschen, die ihr Konterfei unbedingt in Öl verewigt sehen wollen. Er hat auf diesem Spezialgebiet der Kunst oder eher des Kunstgewerbes einen durchaus guten Ruf. Er weiß aber, dass er mit dieser Art der Malerei niemals in angesehenen Galerien oder gar Museen ausstellen wird. Aber mit diesen Auftragsarbeiten verdient er seinen Lebensunterhalt.

Nachdem seine Frau die Trennung verlangt hat, verlässt der Erzähler die eheliche Wohnung und fährt mit kleinem Gepäck in einem schrottreifen Auto ziellos über Land. Nach einigen Wochen ist er des Herumziehens müde und sucht eine neue Bleibe. Ein Freund bietet ihm ein kleines Häuschen in einem stillen Bergtal an. Dort hat bis vor kurzem der Vater des Freundes, ein bekannter Maler, gelebt und gearbeitet. Aber der alte Herr ist inzwischen dement und lebt in einer Pflegeeinrichtung. Der Erzähler ist froh, zu einem Freundschaftspreis wieder ein Dach über dem Kopf zu bekommen, sogar mit einem kleinen Atelier, schließlich muss er irgendwann wieder Geld verdienen. Außerdem will er die Gelegenheit nutzen, sich in dieser ablenkungsarmen Gegend auf seine Malerei zu konzentrieren und vielleicht neue künstlerische Wege zu gehen. Daher ist es ihm zunächst gar nicht recht, dass er einen neuen Porträtauftrag bekommt. Ein offensichtlich sehr wohlhabender Mann, der auf der anderen Talseite eine luxuriöse moderne Villa bewohnt, macht ihm ein so lukratives Angebot, dass der Erzähler nach anfänglichem Zögern zusagt. Doch der Auftrag erweist sich als ungewöhnlich schwierig, und obwohl der neue Auftraggeber geduldig Modell sitzt, merkt der Erzähler, dass er mit seiner üblichen Porträtroutine hier nicht weiter kommt. Zum Porträtieren gehört das Erfassen der Persönlichkeit des Darzustellenden, und genau hier liegt das Problem. Der Auftraggeber ist ein angenehmer, durchaus sympathischer Mann, dessen Alter schwer zu schätzen ist. Aber was verbirgt sich hinter der glatten Miene und den ausgesuchten Umgangsformen? Nach vielem Herumprobieren und etlichen Fehlversuchen gelingt dem Erzähler ein Porträt, von dem er weiß, dass es das beste Bild ist, das er je gemalt hat und dass er damit künstlerisch in neue Dimensionen vorgestoßen ist. Auch sein Auftraggeber ist mit dem Porträt hochzufrieden, aber es stellt sich heraus, dass er nicht nur dieses Porträts wegen Kontakt zum Erzähler gesucht hat ...

Auch das alte Haus mit dem angebauten Atelier hat so einige Besonderheiten. Der Erzähler findet auf dem kaum zugänglichen Dachboden ein sorgfältiges verpacktes Gemälde seines Vorgängers in diesem Haus. Auf der Rückseite dieses Ölbildes ist der Titel verzeichnet "Die Ermordung des Commendatore", es stellt eine Szene aus Mozarts Oper "Don Giovanni" dar. Der Erzähler sieht mit Kennerblick, dass es sich bei diesem Gemälde um ein Meisterwerk handelt, aber warum hat der alte Maler dieses Bild so sorgfältig versteckt?

Eines Nachts schreckt der Erzähler von ungewöhnlichen Geräuschen geweckt auf. In einiger Entfernung vom Haus erklingt ein Glöckchen. Das Geräusch scheint aus einem vernachlässigten buddhistischen Schrein, der sich auf dem höchsten Punkt des Grundstückes befindet, zu kommen ...

Eine Beziehungsgeschichte? Ein Künstlerroman? Eine Geistergeschichte? Von allem etwas und doch viel mehr. Viele lose Handlungsstränge schreien danach, verbunden zu werden. Da das Ende von Band 1 viele Fragen offen lässt, darf man auf Band 2 "Die Ermordung des Commendatore - Eine Metapher wandelt sich" neugierig sein. Das Buch erscheint am 10. April 2018.

 


Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783498001025
Preis: 25,00 €
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Patria

Fernando Aramburo, Rezension von Bernhard Söthe

Fernando Aramburo, spanischer Schriftsteller, der seit den 80er Jahren in Hannover lebt, ist mit höchsten spanischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Sein Roman "Patria" war in Spanien "Buch des Jahres" und hat sich über eine halbe Million Mal verkauft, er selbst ist hierzulande noch unbekannt, was sich mit diesem großartigen Buch ändern dürfte.

Zwei Frauen und ihre Familien im Baskenland, in einem Dorf unweit San Sebatians, Donostia auf baskisch. Das ist den nationalbewussten Basken wichtig. Und von irregleitetem Nationalstolz handelt unter anderem dieser Roman.

Zwei Familien, seit Jahrzehnten aufs engste befreundet. Die Kinder wachsen gemeinsam auf, die Männer verbringen ihre knappe Freizeit miteinander, sonntägliche Fahrradtouren, gemeinsames Kochen mit Freunden in einem der traditionellen baskischen Männer-Kochclubs. Zwei Familien, zwischen die kein Blatt Papier passt. Zwei  Familien aufs heftigste verfeindet.

Seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden die baskischen Nationalisten, die die Loslösung vom spanischen Königriech anstrebten, zunehmend militanter. Die Untergrundorganisation ETA verstand sich als militärischer Arm der Befreiungsbewegung und versuchte, mit Terroranschlägen ihre Ziele gewaltsam durchzusetzen, da die Nationalisten bei demokratischen Wahlen nie eine Mehrheit erringen können.

Zwei Familien, der Fuhrunternehmer Txako und seine Frau Bittoni, ein Sohn, eine Tocher. Txako ackert hart, um seiner Familie einen bescheidenen Wohlstand zu ermöglichen. Beide Kinder können studieren. Der Sohn wird Chirurg, die Tochter Juristin.

Bittonis Freundin Miren ist das unangefochtene Oberhaupt ihrer Familie, ihr Mann, ein ständig müder Stahlarbeiter, hat wenig zu melden, auch die drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, werden von ihrer Mutter an der kurzen Leine geführt.

Txako und Bittoni fühlen sich zwar als Basken, aber ohne Fanatismus. Txako möchte eigentlich nur ungestört seine Firma führen, was seine ganze Kraft kostet. Bittoni geht ganz in der Familie auf. Ihre Freundin Miren dagegen ist stramme Nationalistin, die die echte oder vermeintliche Unterdrückung durch den spanischen Zentralstaat unerträglich findet. Als ihr ältester Sohn sich der ETA anschließt, um mit der Waffe in der Hand für die baskische Unabhängigkeit zu kämpfen, reagiert sie nicht entsetzt sondern begeistert.

Um die militärischen Aktionen zu finanzieren ist viel Geld nötig. Die ETA erpresst Unternehmer, Kaufleute und alle, bei denen sie Geld vermuten, eine sogenannte "Revolutionssteuer" zu zahlen. Wer sich weigert, hat mit massiven Konsequenzen zu rechnen. Die Bandbreite der "Maßnahmen" reicht von geschäftsschädigendem Rufmord bis zu nackter Gewalt. Als Txako sich weigert, an die ETA zu zahlen, werden er und seine Angehörigen im Dorf, in dem die Familie seit Generationen lebt, ausgegrenzt. Gegen Txako gerichtete Wandschmierereien tauchen auf. Bittoni wird in manchen Dorfläden nicht mehr bedient. Trotzdem weigert sich Txako weiterhin zu zahlen. Aus den Drohungen wird Ernst. Auf der Straße vor seinem Wohnhaus wird Txako von einem ETA-Kommando erschossen. Am Tatort wird der in den Untergrund gegangene älteste Sohn Mirens gesehen, er entkommt.

20 Jahre später, Txakos Witwe Bittoni ist nach dem Mord an ihrem Mann aus dem Dorf nach San Sebatian gezogen. Als bei ihr eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird, beschließt sie, in ihr Heimatdorf zurückzukehren, in das alte Familienhaus, das sie nie verkauft hat. In dem kleinen Dorf kann man sich nicht aus dem Weg gehen, und so stehen sich Bittoni und Miren eines Tages gegenüber. Die Witwe des Ermordeten und die Mutter des mutmaßlichen Mörders, die zwanzig Jahre kein Wort miteinander gewechselt haben.

Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa zu diesem Buch: "Ich habe seit langem kein so überzeugendes und bewegendes Buch mehr gelesen!"

Stimmt! Dieses Buch begleitet den Leser noch lange, nachdem er es ausgelesen hat!

 


Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783499272516
Preis: 12,00 €
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Altenstein

Julie von Kessel, Rezension von Annette Riedel

1945: Agnes von Kolberg und ihre Kinder fliehen vom ostpreußischen Familiengut. Der Graf ist in den letzten Kriegswochen gefallen.

Erste Zwischenstation ist die Sommerresidenz der Familie, Gut Altenstein in Brandenburg. Von hier aus zieht die Familie weiter nach Bonn. Agnes erzieht, trotz fehlender finanzieller Mittel, ihre Kinder standesgemäß. Aber ihre beiden jüngsten Kinder Marie Elisabeth, genannt Nona und Konni, der Sohn, den sie ihrem Mann "abgetrotzt" hat und ihr ausgesprochenes Lieblingskind, entsprechen nicht ihren Erwartungen. Nona bricht mit den gesellschaftlichen Konventionen und Konni erweist sich als nicht sonderlich geschäftstüchtig. Alles, was er unternimmt, misslingt, bis er nach der Wiedervereinigung auf die Idee kommt, Gut Altenstein wieder in den Besitz der Familie zurückzuholen. Seine Lieblingsschwester Nona unterstützt ihn - sehr zum Entsetzen der übrigen Geschwister...

Eine deutsche Familiengeschichte und zugleich Rückblick auf die deutsche Geschichte - auf drei Zeitebenen erzählt. Raffiniert und fesselnd!

 


Verlag: Diogenes Verlag
ISBN: 9783257070170
Preis: 24,00 €
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Lied der Weite

Kent Haruf, Rezension von Bernhard Söthe

Zwei so einsame Kerle wie Sie brauchen auch jemanden, jemand für den sie sorgen, etwas worüber sie sich Gedanken machen können, nicht immer nur ihre Kühe. Schauen Sie sich doch an. Eines Tages werden Sie sterben, ohne jemals im Leben genug Sorgen gehabt zu haben. Jedenfalls nicht die richtige Sorte Sorgen. Das ist Ihre Chance.“

Einer der Schlüsselsätze aus Kent Harufs neuem Roman.

Holt, ein Kaff in Colorado. Nicht unbedingt eine ländliche Idylle, zu schwierig die Lebensumstände, zu hart die Menschen. Rücksichtnahme, Freundlichkeit, Mitgefühl sind für die meisten Einwohner von Holt überflüssiges, sentimentales Zeug.

Als die 17-jährige Victoria fast schon klassisch auf dem Rücksitz eines Autos ungewollt schwanger wird, setzt ihre Mutter sie kurzerhand auf die Straße. Der Kindsvater ist inzwischen über alle Berge und wäre als Bezugsperson für Mutter und Kind wohl auch eher ungeeignet.

Maggie, eine Lehrerin an der Highschool, wo Victoria kurz vor ihrem Abschluss steht, nimmt sie auf. Im Haushalt der Lehrerin kann Victoria aber nicht bleiben, denn der auch dort lebende Vater Maggies ist dement und reagiert aggressiv auf die ihm unbekannte Person. So kommt Maggie auf die Idee, die beiden alten McPheron-Brüder, die seit Jahrzehnten immer schon alleine auf der geerbten elterlichen Farm als Viehzüchter gelebt haben, zu fragen, ob sie Victoria für eine Weile bei sich aufnehmen können. (siehe Zitat oben)

Die Brüder zieren sich, eine Fremde, weiblich und dann noch schwanger, in ihren Haushalt seit Jahrzehnten eingeschliffenen Junggesellenhaushalt aufzunehmen. Als sie sich doch überreden lassen, gibt es natürlich eine Menge Probleme, aber auch eine Menge positiver Überraschungen.

Die Geschichte von der schwangeren Victoria und den beiden alten Brüdern ist der rote Faden des Romans, aber es gibt noch etliche andere Protagonisten. Da ist Guthrie, Lehrer an Victorias Highschool, der gerade von seiner depressiven Frau verlassen wurde, und ihre beiden Söhne Ike und Bobby, die mit dieser häuslichen Katastrophe fertig werden müssen.

Da sind Klassenkameraden von Victoria, wahre Kotzbrocken, die ihr das Leben zur Hölle machen.

Die ganze Bandbreite der menschlichen Mistigkeiten wird vor dem Leser ausgebreitet, also ein sehr realistischer Roman.

Holt ist überall und überall scheinen die dummen Soziopathen die Mehrheit zu haben. Und mitten drin ein paar Menschlein, die versuchen, trotzdem anständig durchs Leben zu kommen, vielleicht sogar anderen Menschen in ihren Nöten beizustehen und den Idioten möglichst aus dem Weg zu gehen.

Nein, keine Idylle, nirgends, aber ein paar Fünkchen Hoffnung, dass es auch anders sein könnte. Ja, es gibt in diesem Buch sogar ein paar Stellen zum Lachen, z.B. wenn Victoria und die beiden alten Brüder versuchen, beim Abendessen ein gemeinsames Gesprächsthema zu finden.

Das „Lied der Weite“ ist ein würdiger Nachfolger von Kent Harufs Überraschungserfolg „Unsere Seelen bei Nacht“, gerade mit Jane Fonda und Robert Redford verfilmt.

 


Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446258129
Preis: 26,00 €
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Unter der Drachenwand

Arno Geiger, Rezension von Bernhard Söthe

1944, das „großdeutsche“ Reich und seine Verbündeten haben den Weltkrieg, den sie so größenwahnsinnig angezettelt hatten, verloren. Das weiß jeder, aber keiner traut sich, dies in der Öffentlichkeit zu sagen. Die Nazijustiz funktioniert immer noch, und für ein falsches Wort am falschen Ort sitzt man schnell im Zuchthaus, oder man kann sogar seinen Kopf verlieren. Angst und Unsicherheit bestimmen das Lebensgefühl.

Veit Kolbe, ein 24-jähriger Wiener, ist seit Jahren „für Führer, Volk und Vaterland“ als Soldat im Osten eingesetzt. Nach einer schweren Verwundung kehrt er zur Wiederherstellung seiner Gesundheit „heim ins Reich“. In einem Lazarett im Saarland wird er zusammengeflickt. Aber eine Wunde am Bein heilt nicht, sie „suppt“ immer aufs Neue. Außerdem leidet er an Panikattacken und Schlaflosigkeit. Solange die Wunde am Bein nicht heilt, ist Kolbe nicht „kriegsverwendungsfähig“, muss sich aber regelmäßig von Militärärzten untersuchen lassen, um seinen Gesundheitszustand überprüfen zu lassen. Aus dem Lazarett entlassen, geht er zu seinen Eltern, in deren Wohnung sein ehemaliges Kinderzimmer auf ihn wartet. Hier hält er es nicht lange aus. Es gibt Streit mit seinem Vater, der immer noch glaubt, oder zumindest so tut, als stünde der „Endsieg“ unmittelbar bevor. Ein Bruder des Vaters ist Ortspolizist der Gemeinde Mondsee am gleichnamigen See im Salzkammergut. Dieser Onkel besorgt seinem Neffe ein Zimmer, oder besser gesagt: eine Absteige in einem Bauernhaus, kaum eingerichtet, kaum beheizbar. Das Zimmer nebenan, nur durch eine dünne Bretterwand von Veits Zimmer getrennt, ist an Margot, eine „Reichsdeutsche“ aus Darmstadt vermietet, die dort mit ihrem Säugling wohnt. Der Ehemann ist als Soldat an der Front. Nach verheerenden Bombenangriffen auf Darmstadt mit zahlreichen Todesfällen erscheint es der jungen Frau hier auf dem Land, abseits der großen Städte sicherer für sich und ihr Kind.

Auch andere Stadtflüchtlinge haben sich in der kleinen Gemeinde angesiedelt. Im Rahmen der „Kinderlandverschickung“ lebt eine Gruppe Mädchen aus Wien in einem ehemaligen Gasthaus, betreut von einer ehemaligen Lehrerin.

Veit Kolbe findet sowohl die „Reichsdeutsche“ Margot als auch die Lehrerin Margarete reizvoll. Als ihm die Lehrerin unmissverständlich einen Korb gibt, wendet sich Veit seiner Nachbarin zu. Die beiden werden ein Liebespaar, misstrauisch beäugt von der Dorfbevölkerung, die von den Zugereisten sowieso nicht viel hält. Das gilt auch für die neurotische Vermieterin, die „Quartiersfrau“, eine in der Wolle gefärbte Nationalsozialistin, die ihren Mietern das Leben schwer macht.

Trotz der schwierigen äußeren Umstände versuchen Veit und Margot, ihre Beziehung zu leben und für Margots Kind zu sorgen.

Aber die Versorgungslage wird immer schlechter. Als es im Osten „Frontbegradigungen“ gibt, kommen auch die ersten Flüchtlinge. Linz und Salzburg, die nächstgelegenen größeren Städte, werden massiv angegriffen. Über Veit schwebt ständig das Damoklesschwert der medizinischen Untersuchung und der erneute Fronteinsatz. Seine Wunde am Bein ist inzwischen verheilt und er leidet nach wie vor an Panikattacken, aber auf Grund der katastrophalen Kriegslage wird alles, was laufen kann, als Kanonenfutter an die Front geschickt.

Eingebettet in die Romanhandlung sind zwei Briefwechsel. Von Margots Mutter aus Darmstadt an ihre Tochter und die Briefe von Oscar Meyer an seine in England lebende Cousine. Oscar Meyer, wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt, versucht verzweifelt, seine Familie vor der drohenden Vernichtung zu bewahren.

Gegen Ende des Romans kreuzen sich für einen Moment die Lebenswege Veit Kolbes und Oscar Meyers.

Im letzten Jahr ist Uwe Timms Roman „Ikarien“ erschienen, dort ist die unmittelbare Nachkriegszeit in Bayern das Thema, diese Buch habe ich bei Erscheinen auf dieser Homepage besprochen.

Ende Januar wird Hans Pleschinskis Roman „Wiesenstein“ erscheinen, dort beschreibt er das letzte Lebensjahr Gerhart Hauptmanns (1945 / 46) auf seinem hochherrschaftlichen Landsitz in Schlesien am Fuße des Riesengebirges und die Vertreibung der Deutschen und das Flüchtlingselend als Folge des verlorenen Krieges. Besprechung folgt bei Erscheinen auf dieser Seite.

Drei völlig unterschiedliche Bücher mit der gleichen Thematik. Alle drei unbedingt lesenswert!


Verlag: Pendo
ISBN: 978-3-86612-456-1
Preis: 15,00 €
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Mudbound - Die Tränen von Mississippi

Hillary Jordan, Rezension von Kathrin Allkemper

Mississippi 1946:

„Mudbound“ bedeutet soviel wie Schlammloch. Und genau in so einem Schlammloch landet Laura MacAllan ihrem Ehemann zuliebe. Durch ein Missverständnis bleibt ihnen ein schönes Stadthaus verwehrt, in dem Laura mit den Kindern leben sollte, während ihr Mann Henry seine heissgeliebte Farm bewirtschaftet. Nun leben sie alle- und dazu noch mit dem schrecklichen Schwiegervater Pappy- auf der zugigen Farm, ohne fließend Wasser oder Strom. Was für die Kinder wie ein großes Abenteuer wirkt, ist für Laura schlichtweg die Hölle. Aber sie muss sich ihrer Rolle fügen.

Ein kleiner Lichtblick wird Florence Jackson für sie, die Ehefrau des Mannes, der auf Henrys Land ein Stück für sich gepachtet hat. Florence hilft Laura bei den Hausarbeiten und ist nahezu täglich auf der Farm. Doch die Jacksons sind Schwarze, und somit verbietet sich eine richtige Freundschaft zwischen den Frauen.Gerade Pappy fängt immer wieder an zu stänkern über das „Niggerweib“ im Haus. Richtig prekär wird die Lage aber erst, als sowohl Lauras Schwager Jamie wie auch Florence´Sohn Ronsel aus dem Krieg zurückkehren. Ihr gemeinsames Schicksal und die damit einhergehenden Traumata verbinden die beiden jungen Männer miteinander. Während Jamie seine Albträume und die aufkeimende Zuneigung zu seiner Schwägerin im Whiskey ertränkt, hat Ronsel große Probleme damit, sich wieder in seine Rolle als Schwarzer einzufügen, die die Zeit und das Land mit sich bringen. Während er als Soldat im Kampf gegen die Nazis und später sogar als Befreier der Menschen in den KZs gefeiert wurde, ist er hier in seiner Heimat wieder nur ein „verachtenswerter Nigger“, der sich den Weißen unterzuordnen hat.

Die Stimmung heizt sich immer mehr auf, und es gibt Menschen in diesem Ort, die zu mehr als nur beleidigenden Worten greifen, um ihre Meinung kundzutun. Es läuft auf eine Katastrophe hinaus...Eine absolut spannende und ergreifende Geschichte, die aus wechselnden Perspektiven der Hauptpersonen erzählt wird. Nicht unbedingt erheiternd, aber sehr fesselnd. Ich habe das Buch tatsächlich an einem Nachmittag weggeschmökert:-)


Verlag: aufbau-taschenbuch
ISBN: 9783746633381
Preis: 12,99 €
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Die Malerin (Die Kunst war ihr Leben-Kandinsky ihr Schicksal)

Mary Basson, Rezension von Karin Bucconi

Gabriele Münter, Malerin des Expressionismus, geboren in Berlin, war lange Lebensgefährtin von Wassily Kandinsky. Nachdem Vater und Mutter gestorben waren, war sie finanziell unabhängig und reiste mit ihrer Schwester durch Missouri, Arkansas und Texas. 1901 zog die künstlerisch begabte junge Frau nach München. An der Kunstakademie wurden Frauen damals noch nicht angenommen. Im Künstlerinnen-Verein erwarb sie Fertigkeiten und wechselte dann an die fortschrittliche Kunstschule Phalanx, an der auch Kandinsky arbeitete. 1902 ging es mit ihm für einige Wochen nach Kochel am See. Die SchülerInnen sollten lernen, Landschaften zu malen. Dort verliebten sich die zwei ineinander, was den meisten verborgen blieb. 1903 verlobte sich der immer noch verheiratete Kandinsky mit Münter. Bis 1911 blieb er verheiratet, lebte aber offen mit Münter zusammen. Sie unternahmen viele Reisen und lernten immer wieder voneinander. Ella war Muse und schärfste Kritikerin Kandinskys zugleich. Ihr Haus in Murnau wurde zum Zentrum der Avantgarde.

Der Erste Weltkrieg trennte die Liebenden.  Ella hörte nichts mehr von Wassily und glaubte, er sei gefallen. Sie trauerte aufrichtig und zerbrach beinahe, als sie erfahren musste, dass Kandinsky sehr wohl lebte und eine andere geheiratet hatte...

Die Nazis bezeichneten die Bilder von Kandinsky als entartete Kunst und wollten sein Werk vernichten. Unter Zurhilfenahme ihres ganzen Mutes rettete Ella die Gemälde des Blauen Reiters, die wir ohne ihr Eingreifen heute nicht bewundern könnten.

Ein lesenswertes Buch über eine große Künstlerin.


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07015-6
Preis: 24,00 €
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Olga

Bernhard Schlink, Rezension von Bernhard Söthe

Der neue Roman Bernhard Schlinks erinnert von ferne an seinen Weltbestseller "Der Vorleser". Auch hier steht eine ungewöhnliche Frauengestalt im Mittelpunkt, die titelgebende Olga. Geboren wurd sie im Arbeitermilieu des kaiserlichen Berlins, Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem frühen Tod der Eltern wird die kleine Olga widerwillig von ihrer Großmutter in einem pommerschen Dorf aufgenommen. Liebe erfährt Olga von ihrer Großmutter nicht. Von Kindesbeinen an muss sie durch harte Arbeit ihren Lebensunterhalt mitverdienen. Aber es gibt auch die Schulpflicht, und schnell wird klar, dass Olga ihre Mitschüler an Intelligenz und Lerneifer weit übertrifft, was von ihrer Großmutter völlig ignoriert wird. In den unteren Klassen der kleinen Dorfschule werden zunächst auch die beiden Kinder des zum Dorf gehörenden Rittergutes unterrichtet. Deren Vater ist zwar nicht adelig, aber außer dem Rittergut gehört ihm noch eine Zuckerfabrik, er gehört also zumindest finanziell zur besseren Gesellschaft. Die reichen Fabrikantenkinder und die intelligente, strebsame Olga sind die Außenseiter der Dorfschule und freunden sie quasi zwangsläufig an. Die Ritterguteltern tolerieren zunächst auch die Freundschaft der Kinder. Aber dann werden Herbert und seine Schwester von Privatlehrern weiter unterrichtet, und Olga, das Dorfkind, wird auf dem Gut nicht mehr gerne gesehen. 

Die Kinder wachsen heran, werden Jugendliche. In der abgelegenen ländlichen Idylle begegnen sich Herbert und Olga häufig, aus der Kinderfreundschaft wird eine Jugendliebe, und die beiden wollen heiraten. Die Beziehung wird von Herberts Eltern strikt abgelehnt. Herbert wird zwecks räumlicher Trennung zum Militär geschickt, wo er standesgemäß zum Offizier ausgebildet wird. Trotz Widerstand ihrer Großmutter schafft es Olga mit Hilfe einer engagierten Lehrerin, sich selbst genug Wissen anzueignen, um die schwere Aufnahmeprüfung zur Lehrerbildungsanstalt zu bestehen. Olga wird Lehrerin und tritt ihre erste Stelle an der heimatlichen Dorfschule an. Dies gibt ihr Gelegenheit, Herbert gelegentlich zu sehen.

Herbert möchte nicht von Olga lassen, aber auch nicht von seinen Privilegien als Mitglied einer reichen Familie. Seine Eltern haben unmissverständlich klar gemacht, eine Heirat mit Olga würde seine Enterbung zur Folge haben. Mit ihrem Einfluss schaffen es Herberts Eltern auch, Olga an eine weit entfernte Dorfschule versetzen zu lassen, was die Kontakte zwischen Herbert und ihr erschwert. Trotzdem setzen die beiden ihre geheim gehaltene Beziehung mit großen Zeitabständen fort. Herbert, entscheidungsschwach und ratlos, wie die Beziehung zwischen ihnen weitergehen soll, sucht oft das Weite, so auf einem Militäreinsatz in der damaligen deutschen Kolonie "Deutsch-Südwest", heute Namibia, aber auch auf - dank großmütterlichen Erbes - selbstfinanzierten Expeditionen u. a. nach Argentinien, Brasilien, Karelien, Sibirien. Während dieser langen Zeiten des Getrenntseins halten Olga und Herbert brieflich Kontakt und versichern sich schriftlich ihrer Liebe. Von einer Arktisexpedition zur Erforschung der legendären Nordostpassage kehrt Herbert nicht zurück. Trotz Suchaktionen bleibt er verschollen. Olga weiß nicht, ob ihre letzten Briefe an Herbert, postlagernd an ein Amt in Norwegen geschickt, ihn jemals erreicht haben. Die Romangestalt des Herbert hat ein reales Vorbild: den Polarforscher Herbert Schröder-Strunz, der tatsächlich von einer Polarexpedition 1912 nicht zurückkehrte.

Nach Herberts Verschwinden hatte Olga nie wieder eine Liebesbeziehung. Sie arbeitet weiter als Lehrerin, erlebt und überlebt den Ersten Weltkrieg. Nachdem Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg verloren hat, schließt sich Olga den Flüchtlingsströmen Richtung Westen an und findet seine neue Bleibe in Süddeutschland. Sie hat ihr Gehör verloren, kann nicht mehr als Lehrerin arbeiten, lebt von einer kleinen Rente und verdient sich als Näherin ein Zubrot. So lernt auch Ferdinand, der Erzähler des Romans, die alt gewordene Olga kennen, die auch in seiner Familie - wir sind in den 50er Jahren -  als Näherin tätig ist. Olga, die nach dem Verlust ihres Gehörs das Lippenlesen gelernt hat und der schüchterne Ferdinand freunden sich an. Olga wird Ferdinands "Kummerkasten". Olga erzählt Ferdinand Geschichten aus ihrem Leben, aber natürlich nicht alles. Olgas Abschied vom Leben ist spektakulär. Ferdinand, der seine alte Freundin und guten Geist seiner Kindheit nie vergessen hat, macht sich als erwachsener Mann daran, mehr über Olgas Leben zu erfahren. In einem Antiquariat in Norwegen findet er Olgas postlagernd gesandte Briefe an Herbert, die dieser nie abgeholt hat. Diese Briefe helfen Ferdinand, manche Leerstelle in Olgas Biographie zu füllen. 

Auffallend auch am neuen Roman Bernhard Schlinks ist sein klare, schnörkellose Sprache, die den Leser rasch gefangen nimmt. 


Verlag: Krüger
ISBN: 978-3-8105-1082-2
Preis: 19,99 €
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Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie

Rachel Joyce, Rezension von Bernhard Söthe

Eine namenlose englische Großstadt während der bleiernen Thatcher-Jahre. Je nachdem, wie der Wind steht, riecht es in der ganzen Stadt nach Kartoffelchips und Essig, den wichtigsten industriellen Produkten der Stadt. Ansonsten gibt es eine gesichtslose Einkaufsstraße und etwas abseits die Unity Street mit einer deutlich heruntergekommenen Ladenzeile und sehr besonderen Geschäften. Da ist Mauds Tätowierstudio. Maud versteht sich als Künstlerin, es ist noch etwas vor der Zeit, als sich jeder stechen und bunt verzieren ließ. Da ist die polnische Bäckerei. Da ist Father Anthony's Devotionalienladen, wo der abtrünnige Priester vor allem, aber auch das selten genug, Jesusfiguren aus Plastik verkauft. Da ist das Bestattungsinstitut, das in dritter Generation von zwei uralten, absolut ununterscheidbaren Zwillingsbrüdern geführt wird. Und da ist natürlich Franks Plattenladen, wo natürlich nur Vinyl-Platten verkauft werden, CDs kommen Frank nicht ins Haus. Keine erfolgsversprechende Geschäftsidee im Wirtschaftskrisen gebeutelten England der 80er Jahre. Aber Frank hat ein untrügliches Gespür, welche Musik seine wenigen Kunden für ihre momentane Lebenssituation brauchen. Das kann was von Chopin sein oder von Beethoven, den Sex Pistols oder Patti Smith. Wir sind - wie gesagt - in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Egal, was Frank empfiehlt - es passt. Und seine Kunden sind ein bisschen glücklicher oder ein bisschen weniger unglücklich als zuvor.

Die eigentliche Geschichte beginnt, als vor Franks Laden eine junge Frau, die einen grünen Mantel und grüne Handschuhe trägt, ohnmächtig wird. Die Geschichte endet 20 Jahre später mit einem grandiosen und ziemlich lauten (Händel-)Finale. Ein sehr schönes und sehr gut lesbares Buch, das allen Lesern von der "unwahrscheinlichen Pilgerreise des Harold Fry" gefallen wird. Ganz nebenbei erfährt man eine Menge über die Macht und Schönheit der Musik, von Klassik bis Pop. Frank hat da keine Scheuklappen. Dies ist nur einer seiner zahlreichen sympathischen Eigenschaften oder - sollte man besser sagen - Eigenarten?


Verlag: DTV
ISBN: 978-3-423-26164-7
Preis: 14,90 €
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Die Verlobte des Briefträgers

Denis Theriault, Rezension von Kathrin Allkemper

Bilodo, ein junger Briefträger aus Montreal, hat ein außergewöhnliches Hobby. Neben der Vorliebe für Kalligraphie verfasst er gerne Haikus* und schreibt seine Gedanken und Gefühle in 13 Silben nieder. Dazu verbringt er seine Mittagspause in einem kleinen Lokal, wo er sich jeden Mittag um zwölf an die Theke setzt und neben dem Essen seine Texte verfasst. Tanja ist Kellnerin in diesem Lokal und unsterblich in den stillen Postboten verliebt. Eigens für ihn beschäftigt auch sie sich mit der japanischen Kultur und versucht, ihm auf diese Weise näher zu kommen, leider vergebens. Doch dann hat Bilodo einen schlimmen Unfall und als er aus dem künstlichen Koma erwacht, erinnert er sich an nichts mehr. Da wittert Tanja ihre Chance und gibt sich als seine Verlobte aus. Sie kümmert sich um alles, unter anderem auch um die Auflösung seiner Wohnung. Dabei stößt sie auf ein gut gehütetes Geheimnis, welches sie allerdings nicht von ihrem Vorhaben abhält. Ganz im Gegenteil, sie hegt und pflegt ihren Geliebten und scheint endlich glücklich. Doch nicht nur die Tatsache, dass Bilodo allmählich sein Gedächtnis wiedererlangt, steht dem Glück im Wege. Es scheint, als ob Tanjas willkürliches Einmischen in das Schicksal der beiden ein großer Fehler war...

 


Verlag: Kiepemheuer &Witsch
ISBN: 9783462050448
Preis: 20,00 €
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Rimini

Sonja Heiss, Rezension von Karin Bucconi

In einem "Rutsch" habe ich den ersten Roman der Autorin gelesen und werde es wiederholen, weil mir sicherlich ein paar Feinheiten entgangen sind.

Alexander und Barbara, im Rentenalter, sind die Eltern von Hans und Masha. Hans , Jurist und Teilhaber einer Kanzlei, ist verheiratet mit Ellen, einer Journalistin. Die beiden haben zwei Kinder. Alexander und Barbara sind einander Leid. Sie sind sich aber darin einig, dass sie ihre Schwiegertochter nicht mögen. Ansonsten gönnt Alexander seiner Frau nicht eine Sekunde ohne ihn. Er sieht es nicht ein, dass sie mit einer Freundin "amüsiert", während er allein zuhause sitzt. Jeden Euro dreht er zehnmal um und gönnt seiner Frau nur dann ein kleines Vergnügen, wenn die Situation zwischen ihnen zu eskalieren droht. 

Hans, einst in Akquise geübter Partner in der Kanzlei, hat nachgelassen und hört ein Gespräch mit, wo über seinen Rausschmiss diskutiert wird. Er ist unzufrieden und hat immer wieder Wutanfälle während derer er aggressiv Dinge zerstört, u. a. auch schon mal den Montblanc eines Mandanten. Ellen schläft kaum noch mit ihm. Sie zieht die Gesellschaft eines Buches vor und rät ihm zur Psychoanalyse, wenn er die Ehe retten will. Aber was will er eigentlich? Er befolgt Ellens Rat. Im Verlauf der Analyse verliebt er sich erst mal in Frau Dr. Mandel-Minkic, die seine Gefühle nicht erwidert.

Masha, Hansens Schwester, arbeitslose Schauspielerin, geht auf die 40 zu und will nun endlich, was sie nie wollte: Mutter werden. Einen liebevollenPartner hat sie: Georg, Arzt und willens der Vater ihres Kindes zu werden. Nur plötzlich kann sie ihn nicht mehr riechen. Er stinkt aus dem Mund, und wenn sie den Kopf vertrauensvoll in seine Achsel schmiegt, ist da nicht mehr die immer empfundene Wärme, sondern Schweißgeruch...

Was Sonja Heiss erzählt, dürfte sich so oder ähnlich in vielen Familien abspielen. Witz und Situationskomik wechseln sich in dieser Realsatire ab, und so schildert sie nach wenigen Seiten ein "trautes" familiäres Weihnachtsfest. Es gibt häufig Anlässe, laut loszulachen. Dabei ist es ziemlich traurig, wie diese Menschen miteinander umgehen und sich kaum noch riechen können. Aus feinen Haarrissen werden unüberbrückbare Kluften und man fragt sich nur noch: Kann das gutgehen?

Lesen Sie dieses Buch unbedingt. Es gibt bestimmt Situationen, die Ihnen bekannt vorkommen. 


Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783499291449
Preis: 12,99 €
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Preiselbeertage

Stina Lund, Rezension von Kathrin Allkemper

Ariane ist Anfang 30, lebt in Leipzig, hat einen Job, den sie nicht mag und einen Freund, den sie nicht liebt. Sie scheint immer noch nicht zu wissen, wer sie ist und was sie vom Leben erwartet. Da erreicht sie die Nachricht vom plötzlichen Tod ihres Vaters. Jahrelang war Ariane nicht mehr in Schweden bei ihren Eltern, doch nun kehrt sie anlässlich der Beerdigung zurück. Sie erinnert sich daran, wie sehr sie das Land und die typisch schwedische Umgebung immer geliebt hat, aber schnell wird ihr nach der Begegnung mit ihrer Mutter Ina und der jüngeren Schwester Jolante wieder bewusst, wie unterkühlt und distanziert das Verhältnis der Frauen untereinander doch ist. Es hatte schließlich seinen Grund, warum Ariane damals gleich nach der Schule in die ursprüngliche Heimat ihrer Eltern nach Deutschland ausgewandert ist. 

Die Ankündigung, dass ihr Vater ihr ein geheimnisvolles Manuskript vermacht hat, ist ebenfalls eine Belastung für die Hinterbliebenen. Arianes Mutter streitet vehement ab, dass dieses Manuskript überhaupt existiert und es ist tatsächlich nirgendwo aufzufinden. Vielleicht war das der letzte Schubs, den die junge Frau gebraucht hat. Nach der Beerdigung kehrt sie kurz zurück nach Leipzig, trennt sich von Freund und Job und beschließt, in Schweden einen kompletten Neuanfang zu wagen. Außerdem will sie nicht nur herausfinden, was es mit dem verschwundenen Manuskript auf sich hat, sondern auch, warum ihr Schwester und Mutter so unendlich fremd sind.

Diese Familiengeschichte, die abwechselnd im heutigen Schweden und der ehemaligen DDR kurz vor dem Mauerfall spielt, hat absolute Sogwirkung....und verlangt einem am Ende sogar eine Träne ab.


Verlag: Nagel & Kimche
ISBN: 9783312010387
Preis: 20,00 €
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Die Wurzel alles Guten

Miika Nousiainen, Rezension von Jutta Pollmann

 

Die Zähne machen Pekka mal wieder zu schaffen, der Zahnarztbesuch kann nicht aufgeschoben werden. Lustig, dass der denselben Namen hat wie er selbst: Kirnuvaara. Auch sonst sieht er ihm sehr ähnlich, hat die gleiche Nase. Darauf angesprochen, weicht Esko aus. Aber auch er hat gesehen, dass sie beide miteinander

verwandt sein müssen: fehlen Pekka doch auch die Fünfer, ein genetisch bedingter Fehler, der vererbt wird.

Aber es dauert noch ein bisschen, bis die beiden Halbbrüder sich treffen und über ihren gemeinsamen Vater reden. Esko hat ihn nicht kennengelernt, ist bei Pflegeeltern aufgewachsen, Pekkas Mutter hat erzählt, dass sein Vater abgehauen sei. Als Pekka Esko vorschlägt, ihren gemeinsamen Vater zu suchen, ist dieser nicht begeistert. Er ist mit seinem Leben zufrieden, so wie es ist. Er geht arbeiten und wenn er abends nach Hause kommt, zählt er die Stunden, bis er wieder arbeiten kann. Das reicht ihm. Doch Pekka ist beharrlich, und die beiden ungleichen Brüder machen sich auf den Weg: zunächst eine Tante, die aber schon gleich eine andere Geschichte über den Erzeuger erzählt. Dann wird klar, dass Pekkas Vater gar nicht abgehauen ist, sondern dass seine Mutter ihn rausgeschmissen hat.

Weiter führt die Spur nach Schweden, wo die beiden Männer in Stockholm eine Halbschwester kennenlernen. Dann geht es weiter nach Thailand und Australien. Überall gibt es Geschwister mit ganz besonderen Geschichten, und das Bild von ihrem Vater verändert sich zunehmend. Er war für seine Kinder nicht physisch präsent, aber war doch überall für sie da.

Und je größer die Familie um die beiden Halbbrüder wird, desto offener und freier wird Esko. Sein Leben verändert sich und mit ihm er selbst.

 

Ein wunderschöner, humorvoller, aber auch philosophischer Roman mit liebenswerten, skurrilen Akteuren und „die schönste Geschwistergeschichte südlich des Polarkreises.“

 

 

 

 

 


Verlag: Piper
ISBN: 9783492058421
Preis: 22,00 €
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Mit der Flut

Agnes Krup, Rezension von Jutta Pollmann

November 1923, der junge Paul Benitt schleicht sich als blinder Passagier auf einen Ozeandampfer, um nach Amerika auszuwandern. Als jüngster Sohn auf einem Apfelbauernhof, hatte sich die Mutter für ihn eigentlich etwas anderes vorgestellt: Paul sollte seinem ältesten Bruder Hein auf dem Hof zur Hand gehen, doch Johann, sein zweiter Bruder, hatte Paul überredet, eine Tischlerlehre zu machen. Mit dem Gesellenbrief in der Hand ist er nun auf dem Weg nach Amerika. Auf dem Schiff wird er direkt für Reparaturen eingesetzt, soll aber auch dem Schiffsarzt zur Hand gehen. Als er diesem bei einer Geburt hilft, ist der Arzt erstaunt: „Tischler bist du? An dir ist ein Arzt verloren gegangen!“

Pauls Traum ist geboren.

In Amerika findet er eine Anstellung, arbeitet sich hoch, lernt Antonina kennen, eine junge Italienerin, die mit ihren Eltern aus Italien eingewandert ist. Sie wollen heiraten. Eigentlich ist alles perfekt, doch Paul möchte immer noch gern Medizin studieren. Doch in Amerika ist das Studium zu teuer.

Und hier sieht seine alte Mutter Greta ihre Chance. Jahrelang hat Paul nichts von sich hören lassen, die wenigen Briefe, die er geschrieben hat, gingen an seinen Bruder Johann. Von ihm hörte sie von Pauls Wunsch, Medizin zu studieren und von der zukünftigen Schwiegertochter. Greta hat ihren Sohn schon einmal verloren, um ihn jetzt nicht für immer zu verlieren, bietet sie ihm an, dass er in Hamburg studieren könne. Er könne zuhause wohnen, das Finanzielle würde die Familie regeln. Und Paul geht, es sind ja nur 4 Jahre, gibt er Antonina zu verstehen.

Doch dann kommt der Krieg dazwischen und aus den 4 Jahren, die Antonina warten wollte, werden mehr als zehn. Doch sie steht in all den Jahren zu ihrem Paul,obwohl sie so selten etwas von ihm hört. Sie unterstützt dessen Familie im Krieg und schickt Pakete und endlich 1947 fährt sie nach Finkenwerder und kann ihn wieder in die Arme schließen. Doch Pauls Pläne haben sich geändert und es braucht noch einige Zeit, bis Antonina und Paul wieder zueinander finden.

 

 

Eine wunderschöne, ergreifende Familien- und Liebesgeschichte, die inspiriert wurde vom bewegten Leben des Großonkels der Autorin. Eine Zeitreise von den 20er Jahren in Deutschland und Amerika bis in die späten 60er in Amerika. Absolut lesenswert.

 

 


Verlag: Kiepenheuer&Wietsch
ISBN: 9783462049473
Preis: 24,00 €
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Swing Time

Zadie Smith, Rezension von Karin Bucconi

"Swing Time"  diesen Titel hat sich Zadie Smith ausgeliehen. So heißt nämlich ein Film mit Fred Astaire und Ginger Rogers, von denen einst Katherine Hepburn ironisch meinte "Sie gab ihm Sex. Er gab ihr Klasse". Fred Astaire ist auch das Vorbild der beiden Freundinnen, um die es in diesem Roman geht.

Die namenlose Ich-Erzählerin und Tracey lernen sich in der Ballettstunde kennen. Was sie von Anfang an verbindet:

-die Hautfarbe (sie sind die einzigen Farbigen),

-die Liebe zum Tanzen und 

-London NordWest,

der Vorort, in dem beide wohnen.

Die eine ist die Tochter eines weißen Vaters und einer feministischen dunkelhäutigen Mutter, die sich politisiert und noch studiert und sehr auf den Umgang ihrer Tochter achtet. Die andere Mutter ist arbeitslos, schlicht und kitschig, und der schwarze Vater, der laut Tracey einer der Backgroundtänzer bei Michael Jackson sein soll, in Wahrheit aber ein Kleinkrimineller ist, der mit Unterbrechungen immer wieder im Knast sitzt. Tracey nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau, und ist außerdem eine Meisterin der Manipulation, kurz: ein fieses kleines Biest.

Aber- sie ist es, die mehr Talent hat, besser tanzen kann und später einige Engagements erhält. Die Ich-Erzählerin wird die Assistentin einer kapriziösen Sängerin (viel Ähnlichkeit mit Madonna) und reist mit ihr um die Welt. Bei einer Charity-Veranstaltung in Afrika, als sie im Kreise von Schwarzen von "wir" redet, lassen die sie spüren, dass sie zwar tanzen kann, wie eine Schwarze, aber mit ihrer hellen Haut zu den Weißen gezählt wird.

Nach vielen Jahren kehrt sie nach London zurück, und natürlich trifft sie Tracey wieder. Beide sind fasziniert voneinander: von Ähnlichkeiten und Gegensätzen der jeweils anderen...

Ein Buch voller Rhythmus, ein Buch über Identität, Globalisierung und Diskriminierung. 

Ich lege es Ihnen ans Herz.


Verlag: Ullstein
ISBN: 9783550081897
Preis: 20,00 €
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Und Marx stand still in Darwins Garten

Ilona Jerger, Rezension von Bernhard Söthe

London, 1888: Der 72jährige Charles Darwin hat massive Kreislaufprobleme, außerdem plagen ihn Schlaflosigkeit, Übelkeit und unerträgliche Flatulenzen (die berüchtigte englische Küche? Jamie Olivers leicht verdauliche, moderne englische Küche liegt ja noch in weiter Ferne!). Glücklicherweise hat Darwin einen tüchtigen jungen Hausarzt, Dr. Beckett, einen gebildeten Gentleman, mit dem sich Darwin über Gott und die Welt unterhalten kann. Und Gott ist ja gerade Darwins Problem. Er weiß, dass er wegen seiner Herzschwäche nicht mehr lange zu leben hat. Er fürchtet sich davor, als "Gottesmörder" in die Geschichte einzugehen. Seine Frau, selbst tiefgläubig, drängt ihn, sicht mit der anglikanischen Staatskirche auszusöhnen. Darwins Frau ist eine geborene Wedgewood, aus der reichen Porzellanfamilie, weshalb es im Hause Darwin nie an Porzellan und Geld gemangelt hat. Sehr erfreulich. Aber jetzt droht die unselige Glaubensfrage die lange glückliche Ehe der Darwins zu überschatten.

Dr. Beckett ist in der Londoner High Society sehr beliebt, außer Darwin hat er noch andere prominente Patienten, darunter Karl Marx, der trotz erheblicher Gesundheitsprobleme beharrlich Band 2 seines epochalen Hauptwerks "Das Kapital" zu beenden versucht. Auch mit Marx kann sich Dr. Beckett gut über die Welt und Gott unterhalten. Marx ist ein großer Verehrer von Darwin und seinen Theorien zur Entstehung der Arten. Den ersten Band seines "Kapitals" hat er mit einer persönlichen Widmung versehen Darwin zukommen lassen. Darwin bedankte sich freundlich per Brief, zum Inhalt des Kapitals äußerte er sich nicht. Dr. Beckett hat nun die Idee, die Geistesriesen Darwin und Marx zusammen zu bringen, die beiden müssten sich doch viel zu sagen zu haben. Nach einigem Hin und Her kommt es tatsächlich zu einem Treffen der beiden wohl einflussreichsten Genies des 19. Jahrhunderts. 

Die Geschichte ist fiktiv. Wohl wussten Marx und Darwin voneinander, auch die Übersendung von Marx' "Kapital" an Darwin ist belegt, zu einer Begegnung zwischen den beiden ist es aber nie gekommen. Auch der vermittlende Dr. Beckett ist eine Kunstfigur.

Ausgedacht hat sich diese ungewöhnliche Geschichte Ilona Jerger, es ist der erste Roman der langjährigen Chefredakteurin der zeitschrift "natur".


Verlag: Atlantik
ISBN: 9783455600520
Preis: 20,00 €
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Die Melodie meines Lebens

Antoine Laurain, Rezension von Jutta Pollmann

Auch Postfilialen werden mal modernisiert. Das wäre sicherlich nicht erwähnenswert, wenn dabei nicht ein Brief gefunden worden wäre, ein Brief, der vor über dreißig Jahren abgeschickt wurde. Alain Massoulier ist Mitte 50, Arzt, verheiratet und hat vor über dreißig Jahren in einer Band gespielt, „The Hologrammes“. Ein Demoband hatten sie damals an eine Plattenfirma geschickt, aber nie eine Antwort erhalten.

Und nun sitzt er hier in der Postfiliale und hält das Antwortschreiben der Plattenfirma in der Hand, die Firma Polydor hatte ihnen geantwortet, nur war der Brief 1983 hinter den Regalen verschwunden.

Sie hätten berühmt werden können, sie hätten es als Band schaffen können. Wäre er dann jemals Arzt geworden? Stände er dann evtl. noch auf der Bühne? Wo wären er und die anderen Bandmitglieder heute, wenn der Brief sie damals wirklich erreicht hätte?

Da glaubt man, dass man seine Jugendträume begraben hat, dass sie sich im Laufe der Jahre in Dunst aufgelöst haben, und merkt plötzlich, dass dem keineswegs so ist.

Dieser Brief bringt Alain und sein Leben komplett durcheinander. Er macht sich auf die Suche nach den anderen Bandmitgliedern, doch die Freunde von damals sind auch nicht mehr die jugendlichen 20jährigen, und auch sie haben die Träume von damals längst ad acta gelegt, bis Alain mit dem Brief auftaucht...

 

 

Eine wunderschöne Geschichte über jugendliche Träume und wie sie einen (doch) durchs Leben begleiten. Laurain schreibt leicht, witzig und immer mit der einen oder anderen Überraschung.


Verlag: Suhrkamp
ISBN: 9783518427583
Preis: 24,00 €
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Die Hauptstadt

Robert Menasse, Rezension von Bernhard Söthe

Die Hauptstadt ist Brüssel. "Brüssel-Bashing" ist ja in allen Kreisen hochbeliebt. Aber da die Welt zunehmend von mehr oder weniger Irren regiert wird, tut ein bisschen Rationalität und funktionierende Bürokratie auch ganz gut. Die letzten Umfragen scheinen anzudeuten, dass hier ein Umdenken einsetzt. Das Ansehen der EU-Behörden ist mehr so ganz im Keller.

Genau hierzu passt der neue Roman des österreichischen Autoren Robert Menasse. Er beschreibt Brüssel, die EU-Maschinerie und die darin tätigenden Menschen, wie wir es noch nie gelesen haben. Es passieren durchaus ungewöhnliche Dinge. Ein herrenloses Schwein streunt durch Brüssels Straßen, taucht auf und verschwindet wieder. Ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse.

Ernster wird es dann, als in einem Hotel ein Mord passiert und der zuständige Kommissar vom Staatsschutz daran gehindert wird zu ermitteln. Währenddessen schlagen sich die EU-Beamten mit ganz anderen Problemen herum. Fenia Xenopoulou, leitende Beamtin in der Generaldirektion Kultur, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der EU-Kommission aufpolieren, aber wie? Das Schöne an großen Behörden ist, dass man immer Aufgaben, die man selber nicht mag oder für die man nicht kompetent ist, deligieren kann. Also beauftragt Frau Xenapoulou den Referenten Martin Susman mit dieser Aufgabe.

Aus diesen und vielem anderen Episodem besteht dieser großartige Roman.

Dass Robert Menasse schreiben kann, hat er vielfach bewiesen. Ganz aktuell ist dieser Roman auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis gesetzt worden. Sehr zu recht, wie ich finde. 

 


Verlag: DVA
ISBN: 9783421047786
Preis: 20,00 €
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Acht Berge

Paolo Cognetti, Rezension von Jutta Pollmann

Mit elf Jahren reist Pietro zum ersten Mal mit seinen Eltern für den Sommer nach Grana ins Aostatal. 1984 leben dort nur noch wenige Menschen, es gibt keine Schule mehr und nur noch ein einziges Kind im Dorf: Bruno. Anders als Pietro ist Bruno sich selbst überlassen und muss die Kühe des Onkels hüten. Die beiden Jungen freunden sich an und Bruno lässt zwischendurch – verbotenerweise - die Kühe allein, um mit Pietro durch Wälder und Wiesen zu streifen, um ihm seine Heimat, seine Berge zu zeigen.

Während Pietros Mutter sich in den Sommermonaten um Brunos schulische Erziehung kümmert (auch eine Form der Zuneigung, die Bruno nicht kennt), erlebt dieser die wunderbarsten Stunden, wenn er die Erlaubnis erhält, mit Pietro und dessen Vater in die Berge zu gehen. Bruno hängt an den Lippen von Pietros Vater und dieser hat oft den Eindruck, dass Bruno wohl der passendere Sohn für seinen Vater wäre.

Jeden Sommer kommt die Familie nach Grana, doch als Jugendliche trennen sich zunächst ihre Wege. Pietro weigert sich weiter mit seinem Vater die Berge zu kraxeln und hängt mit den jugendlichen Sommergästen ab, während Bruno bereits eine Maurerlehre macht.

Bruno bleibt in Grana, arbeitet als Maurer und versucht später die Käserei des Onkels wieder aufzubauen; Pietro studiert zunächst Mathematik, bricht dann aber das Studium ab und wechselt zum Film. Das Verhältnis zum Vater wird immer schlechter, bis die beiden sich gar nicht mehr sehen. Allein Pietros Mutter ist das Bindeglied zwischen den beiden Männern und die Briefe, die sie ihrem Sohn schickt, zeigen ihm einen Vater, den er so nicht kennt.

Nach dem Tod des Vaters fährt Pietro nochmals nach Grana und bekommt auch von Bruno ein Bild des Vaters gezeigt, das ihm neu ist. Als Pietro nicht mehr mit seinem Vater in die Berge ging, tat es Bruno; und Bruno zeigt Pietro nun auch sein Erbe, ein Stück Berg, ein Areal mit einer Resthütte, die der Vater ihm, Pietro, vermacht hat. Beim Wiederaufbau der Hütte kommen die beiden Freunde sich wieder näher, die Distanz der letzten Jahre verfliegt (oder war sie nur in Pietros Kopf..?).

 

Die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft, geprägt von der Liebe zu den Bergen und immer mit dabei die Frage, die Pietro ein ganzes Leben begleitet: was ist besser, wer lebt das bessere Leben, der, der in seiner gewohnten Umgebung bleibt oder der, der in die Welt hinausgeht, was Neues wagt.

 

Ein wundervolles, sprachlich schönes und tief bewegendes Buch. Mit Papier und Bleistift bewaffnet, möchte man seitenweise Sätze heraus schreiben, um sie sich immer wieder zu gegenwärtigen. Ein Buch, das man nach dem Lesen in den Arm nimmt, weil es berührt, weil es wunderbares Kopfkino hervorruft, weil es einen so schnell nicht wieder loslässt.

 

 

 

 

 

 

 


Verlag: Luchterhand
ISBN: 9783630875545
Preis: 20,00 €
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Dann schlaf auch du

Leila Slimani, Rezension von Jutta Pollmann

Adam ist tot. Mila wird ihren Verletzungen erliegen.

Das ist das Ende des ersten Kapitels des Buches von Leila Slimani. Sie rollt ihre Geschichte von hinten auf, der Leser weiß von Anfang an, wohin die Reise geht.

Das Paar, das Louise als Kindermädchen einstellt, weiß es nicht.

 

Paul und Myriam, ein junges Paar in Paris. Er ist in der Musikbranche tätig, sie ist Juristin. Kurz nach ihrem Examen kommt Mila zur Welt, 1 ½ Jahre später Adam. Myriam wächst die Arbeit über den Kopf, mit zwei Kindern ist vieles nicht mehr so leicht zu organisieren. Ein Kindermädchen will sie nicht. Sie will sich aber auch nicht mehr mit Freunden treffen, hasst die späten Abende, hasst die Gespräche, die nichts mehr mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun haben. Und sie beneidet immer mehr ihren Mann Paul, der in seiner Arbeit aufgeht, immer seltener zu Hause ist, weil auch er sich etwas anderes vorgestellt hat: nun ist er gefangen in einer Verantwortung, die er nicht mehr loswird. Kinder kann man nicht zurückgeben.

Myriam will wieder arbeiten, doch die Suche nach einem passenden Kindermädchen gestaltet sich nicht so leicht: auf jeden Fall eine mit Papieren; sie darf nicht selbst Kinder haben, dann ist sie nicht flexibel genug und auf keinen Fall eine Maghrebinerin, hinterher sprechen die Kinder Arabisch und man versteht sie nicht mehr...

Doch die beiden haben Glück, Louise kommt zu ihnen. Sie hat ein Händchen für die Kinder, kann kochen, ist jederzeit bereit länger zu bleiben und verwandelt die Wohnung von Paul und Myriam in ein Heim. Es gibt wieder Treffen mit Freunden, auch wenn Myriam den ganzen Tag gearbeitet hat, denn Louise hat gekocht, und sie kann kochen!

Die Freunde beneiden die beiden. Sie haben einen Glücksgriff getan.

Louise übernimmt immer mehr Tätigkeiten im Haus, Paul und Myriam gehen komplett in ihrer Arbeit auf und oftmals sind die Kinder abends schon im Bett, wenn die Eltern nach Hause kommen.

Dann macht sich Louise auf, um zurück in ihre Wohnung zu fahren. Ein möbliertes Apartement, klein, ungemütlich, heruntergekommen. Hier ist sie hingezogen, als ihr Mann gestorben ist. Hier sitzt sie mit einem Berg Schulden, den er ihr hinterlassen hat. Louise geht auf in ihrer Arbeit, sie möchte eigentlich Tag und Nacht bei ihrer Familie bleiben, möchte nicht in ihre Wohnung zurück, denn dort ist sie nur einsam. Die Wochenenden sind das Schlimmste. Und als die Familie ein paar Tage weg fährt, weiß Louise gar nicht mehr, was sie tun soll. Den nächsten Urlaub verbringen sie aber zusammen und Louise genießt diese Zeit.

Aber Louise weiß auch, dass ihre Zeit irgendwann vorbei ist. Bald schon kommen die Kinder in den Kindergarten, in die Schule, dann braucht man sie nicht mehr. Ein weiteres Baby wäre die Lösung. Immer häufiger redet sie Mila ein, dass sie sich doch ein Geschwisterchen wünschen soll, dass sie ihre Mama bedrängen soll. Und Louise drängt sich auf, auf die Kinder auch abends aufzupassen, damit die Eltern Zeit füreinander haben. Doch so kann man Menschen nicht manipulieren...

 

 

Um es ganz platt zu sagen: das Buch ist ein Hammer. Als Leser weiß man, wie gesagt, wie die Geschichte endet, aber wie Leila Slimani die Geschichte schreibt, beschreibt, wie eine Familie in den Abgrund trudelt, ist einfach phänomenal.

Zunächst die Unsicherheit, einem fremden Menschen, die Kinder zu überlassen, dann mehr und mehr das Gefühl, einen Glückstreffer gelandet zu haben und jeden Tag noch mehr erstaunt zu sein, was dieses Kindermädchen noch alles leistet, ohne auf Zeit und Geld zu gucken. Sicher zwischendurch kommen Zweifel, ob man sie so ausnutzen darf, aber schließlich drängt sie sich ja auf!

Keine Minute aber wird gesehen, wie unsagbar einsam Louise eigentlich ist, wie verzweifelt sie ein Stück Familie sucht und wie groß die Angst ist, irgendwann wieder nichts zu haben.

Die Autorin ließ sich von einem wahren Fall inspirieren. Sie erhielt im letzten Jahr den Prix Goncourt für diesen Roman.

 

 

 

 

 

 


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06987-7
Preis: 20,00 €
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Der Vater, der vom Himmel fiel

J.P.Henderson, Rezension von Kathrin Allkemper

Der alte Lyle Bowman verwechselt leider seine in Wasser aufgelöste Medizin mit einem Becher Terpentin, woraufhin er im Dusel quer über die Straße und vor einen Bus läuft.

So bringt der plötzliche Tod ihres Vaters die beiden Brüder Billy und Gregory nach Jahren des Stillschweigens gezwungenermaßen wieder zusammen. Gregory, das schwarze Schaf der Familie, kommt auch prompt zu spät zur Beerdigung und dann auch noch in Hemd und Badelatschen, da sein Koffer unterwegs verloren gegangen ist. Die Enkeltochter möchte ihrem Opa noch einmal sein Lieblingslied singen, allerdings hätte wohl niemand gedacht, dass es von Britney Spears ist. Dies und viele andere Kuriositäten machen diesen Familienroman absolut lesenswert. Aber es ist nicht nur der schwarze Humor, mit dem die Geschichte geschrieben ist, es ist vor allem „der Vater, der vom Himmel fiel“, wie es der Titel schon sagt. Lyle Bowman kommt nämlich kurzfristig zurück auf die Erde, da es oben einen „Zuteilungsfehler“ gegeben hat. Greogory ist der Einzige, der ihn sehen kann und der nun den letzten Wunsch seines Vaters erfüllen soll:aus der zerbröckelnden Familie soll wieder eine richtige Gemeinschaft werden, was in diesem Fall kein leichter Job ist! Für den Leser allerdings ist es herrliche Unterhaltung.

 


Verlag: S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397282-5
Preis: 22,00 €
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Und es schmilzt

Lize Spit, Rezension von Kathrin Allkemper

Aufgrund einer Einladung kehrt die junge Eva nach 13 Jahren erstmals in ihr Heimatdorf zurück. Ganz bewußt hat sie sich ferngehalten und alle Kontakte abgebrochen, denn dort hat sie in ihrer Kindheit Schreckliches erlebt. Während sie sich nun mit dem Auto und einem riesigen Eisblock im Kofferraum auf den Weg macht, erzählt sie in Rückblicken ihre Geschichte. Sie beschreibt ihre kaputte Familie mit der alkoholabhängigen Mutter, der behinderten Schwester und einem gestörten Vater. Nur ihr älterer Bruder scheint sich von allen abzuheben. Und sie erzählt von Jan, der vor Jahren starb und dessen Andenken jetzt mit einer kleinen Gedenkfeier gewahrt werden soll.

Eva hatte nie eine beste Freundin, sie war nie richtig Mädchen. Viel mehr hat sie ihre Freizeit mit Jans Bruder Pim und dessen Freund Laurens verbracht. Zusammen bildeten sie die drei Musketiere, einer für alle und alle für einen. So war es seit der Grundschule bis zum Sommer 2002, als an einem Tag das ganze Leben der 12jährigen Eva zerstört wurde....

Die Zeitungen bewerben dieses Buch wie folgt: „Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt“ oder „Dieses Buch packt sie an der Kehle“ oder „Dieser Roman ist eine Granate, die erst nur einen dunklen Schatten wirft und dann mit kaltblütiger Präzision einschlägt“ Und genau so ist es. Man kann das Buch einfach nicht aus der Hand legen, sucht nach Gründen. Man will einfach herausfinden, was es mit dem Eisblock im Kofferraum auf sich hat und wie es dazu kommen konnte, das eine junge Frau so dermaßen kaputt ist. Fesselnd, bedrückend, schockierend und schonungslos geschrieben.


Verlag: Dumont
ISBN: 9783832198381
Preis: 22,00 €
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Heimkehren

Yaa Gyasi, Rezension von Karin Bucconi

Ghana im 18. Jahrhundert: Effia und Esi sind Schwestern, wissen aber nicht voneinander und lernen sich auch nie kennen. Der Stamm der Fante, zu dem Effia gehört, arbeitet mit den Engländern zusammen und unterstützt sie bei der Versklavung der eigenen Leute. Effia heiratet einen englischen Offizier, der in der Heimat bereits verheiratet ist und Kinder hat. Genannt wurden solche Frauen  Soldatenhuren, aber durch die "Verheiratung" hatten sie ein besseres Leben als andere Frauen, die in den Kellern der Besatzerunterkünfte hungern und in knöcheltiefem Dreck ausharren mußten, bis sie als Sklavinnen verkauft wurden. Viele überlebten das nicht.

Esi wird nach Amerika verschifft und ist Freiwild für ihre neuen Besitzer. Ihre Kinder arbeiten auf den Plantagen des Südens oder später die Enkel in den Kohleminen von Alabama. Weitere Generationen in Jazzclubs oder im Drogenhandel der großen Städte. Sie sind Menschen zweiter Klasse und werden so behandelt. Dabei wollen sie nur eines sein: frei! Auch heute noch sind es die Schwarzen Amerikas nicht. Werden sie je einen Platz in der Gesellschaft finden und endlich ein selbstbestimmtes, freies Leben führen?

Der Roman ist der Erstling einer Ghanaerin. Mit großem Wissen und voller Menschlichkeit erzählt sie vom Schicksal zweier Frauen und ihren Nachkommen, die alle auf ihre Art abhängig bleiben vom Wohlwollen der weißen Mehrheit.

Unbedingt lesenswert.


Verlag: Dumont
ISBN: 9783832198398
Preis: 20,00 €
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Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky, Rezension von Bernhard Söthe

Ein kleines Dorf im Hunsrück, bevölkert von originellen Individuen. da ist die alte Selma, die seit langem verwitwet ist. Immer, wenn sie nachts von einem Okapi träumt, stirbt in den nächsten 24 Stunden jemand im Dorf. Was unter den Dorfbewohnern für beträchtliche Unruhe sorgt, sobald bekannt wird, dass Selma wieder geträumt hat. 

"Nichts brennt so heiß wie heimliche Liebe", das weiß auch der alte Optiker, der schon immer in Selma verliebt war, es ihr aber nie gestanden hat. Aber was er ihr aus Schüchternheit nicht sagen kann, versucht er, zu Papier zu bringen. Von seinen Briefentwürfen hat er inzwischen einen ganzen Koffer voll.

Da ist die kratzbürstige Marlies, die die Welt im Allgemeinen und die Dorfbevölkerung im Besonderen als Zumutung empfindet und hinter zugeklebten Fenstern in ihrem Hexenhäuschen lebt, das sie kaum je verlässt, höchstens mal, um sich beim Einzelhändler über die mangelnde Qualität der TK-Fertiggerichte bitter zu beklagen.

Da ist die dicke Elisabeth, die Schwester von Selmas verstorbenem Mann, über deren Abergläubigkeit das ganze Dorf lacht. Aber bei Problemen wird Elisabeth gerne heimlich um Rat gefragt, man weiß ja nie ...

Da ist Luise, Selmas Enkelin, die Erzählerin der Geschichte. Selma ist Luises wichtigste Bezugsperson. Luises Eltern sind doch sehr mit sich selbst beschäftigt. Der Vater, Selmas Sohn, ist der Arzt im Ort, träumt aber von ausgedehnten Reisen. Darin bestätigt wird er von einem Psychoanalytiker, der ihm rät, "mehr ins Weite zu gehen", was der Vater dann auch tut. Die Mutter betreibt den Blumenladen des Dorfes und hat ein Verhältnis mit dem Besitzer des Eiscafés. Im Eiscafé gibt es so wunderbare Eiskreationen wie "Flammendes Verlangen" oder "Heimliche Leidenschaft". Die eher konservativen Dorfbewohner bestellen aber lieber "3 Bällchen gemischt", ist eh auch billiger.

Nach dem Ende der Schulzeit wird Luise Buchhändlerin. Sie arbeitet in Herrn Röders Buchhandlung in der Kreisstadt. Herr Röder lutscht ständig Veilchenpastillen und wird immerhin 104 Jahre alt.

Warum sich Luise ausgerechnet in einen buddhistischen Mönch verliebt, der Tausende von Kilometern entfernt in einem japanischen Kloster lebt, ist nur eine der Geschichten dieses wunderbaren Buches. Ach ja, und ein ziemlich großer, ziemlich verschmuster Hund spielt auch eine wichtige Rolle.

Ein Warnhinweis: Halten Sie Taschentücher bereit! An einigen Stellen werden Sie sie brauchen, aber Sie werden mehr lachen als weinen. Versprochen! Für mich die schönste, beste, lesenswerteste Neuerscheinung seit langem.