Belletristik


Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-10402-5
Preis: 15,00 €
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Das Erbe

Ellen Sandberg, Rezension von Jutta Pollmann

1938

Seit ein paar Jahren wohnte die nun 14jährige Klara Hacker im Schwanenhaus. Die großzügige 5 Zimmer Wohnung passte auch eher zu einem Staatsanwalt, meinte ihre anspruchsvolle Mutter. Doch leisten konnten sich die Hackers die Wohnung nur, weil der Vermieter Herr Roth ihnen mit der Miete entgegen gekommen war. Klaras Mutter glaubte, er wolle als Jude in diesen Zeiten nur einen Fürsprecher im Hause haben. Mirjam Roth war Klaras beste Freundin, obwohl seit Klara beim BDM war, war diese Freundschaft etwas abgekühlt. Frau Roth sah es sowieso nicht gern, wenn Klara und Mirjam zusammen waren.

Eines Tages belauscht Klara ein Gespräch ihres Vaters mit Herrn Roth in seinem Arbeitszimmer. Kurze Zeit später sind die Hackers die neuen Besitzer des Schwanenhauses und die Familie Roth verschwindet.

 

2018

Vom Amtsgericht München erhält Mona Lang die Information, dass sie die Alleinerbin von Klara Hacker ist. Mona ist erstaunt, hat sie diese entfernte Verwandte doch nur ein paar Mal gesehen, zuletzt auf dem 70. Geburtstag ihres Vaters. Und nun ist sie Erbin eines riesigen, alten Mietshauses, das Millionen wert ist. Ihrem Steuerberater hat Klara Hacker nur gesagt, Mona würde schon das Richtige tun. Doch Mona weiß nicht, was damit gemeint ist.

Das Erbe bringt ihr aber zunächst kein Glück, eröffnet ihr Freund Bernd ihr doch, er habe seit einem halben Jahr eine neue Freundin, habe sich aber nicht getraut, es ihr zu sagen. Doch jetzt sei sie ja reich, da würde sie ja nicht durch eine Trennung in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Mona packt ihre Koffer in Berlin und reist schnellstens zu ihrer Freundin nach München, ihren Freund Bernd und Berlin will sie so schnell wie möglich hinter sich lassen. Sie bezieht die Wohnung Klaras in dem Gründerzeitgebäude und kämpft sich nach und nach durch Klaras Hinterlassenschaften. Sie stößt auf Briefe, auf Bilder, befragt Nachbarn über Klara aus, denn sie kann sich keinen Reim darauf machen, was Klara gemeint haben könnte. Eine Freundin Monas, die Historikerin ist, wühlt sich durch die Geschichte des Hauses und liefert Mona die Informationen, die sie für ihre Entscheidung braucht.

Wieder eine spannende Geschichte aus der Feder von Ellen Sandberg. Sie versteht es, Geschichte und Fiktion zu verbinden. Lesenswert!

 


Verlag: Klett Cotta
ISBN: 978-3-608-96340-3
Preis: 22,00 €
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Die Zeit des Lichts

Whitney Scharer, Rezension von Bernhard Söthe

"Ich würde lieber ein Bild machen, als eines zu sein", sagt die spätere berühmte Fotografin Lee Miller im spektakulären Debütroman der Amerikanerin Whitney Scharer. Die blendend aussehende Lee Miller war in den späten 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das "Covergirl" der auch damals schon einflussreichen Modezeitschrift "Vogue". Nur schön zu sein reichte Lee Miller nicht, statt vor der Kamera wollte sie hinter der Kamera stehen. In den frühen 30er Jahren ging Lee Miller von New York nach Paris, der damaligen Kulturhauptstadt der Welt. Nach schwierigem Anfang gelang es ihr, in der angesagtesten Künstlerszene Fuß zu fassen. Sie wurde Assistentin des Fotografen Man Ray, der zum Kreis der Surrealisten gehörte und auch als Maler und Filmemacher tätig war. Aus der Arbeitsbeziehung wurde eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit vielen Höhen und Tiefen. Man Ray akzeptierte nie Lee Millers Rolle als eigenständige Künstlerin, und sie sah sich in die untergeordnete Funktion der Assistentin des großen Meisters gedrängt. Daran scheiterte letztendlich die Beziehung: Lee Miller eröffnete ein eigenes Fotostudio, mit dem sie bald großen Erfolg hatte. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie eine der wenigen weiblichen Kriegsberichterstatter der US-Army. Sie war die erste Reporterin, die im gerade befreiten KZ Dachau Fotos machte. Ihr (gestelltes) Foto, wie sie in Hitlers Badewanne in dessen Privatwohnung in München sitzt, ging um die ganze Welt. Nach dem Krieg heiratete Lee Miller einen englischen Künstler, mit dem sie auf einer Farm in der englischen Provinz lebte, hier fühlte sie sich nie heimisch. In den 50er Jahen arbeitete sie noch für internationael Zeitschriften, aber die Aufträge wurden spärlicher, weil Lee Millers zunehmende Alkoholsucht sie immer unzuverlässiger werden ließ.

In den 70er Jahren gab es in London eine große Retrospektive der Arbeiten von Man Ray und Lee Miller. Anlässlich der Ausstellungseröffnung gab es nach vierzig Jahren ein Wiedersehen zwischen den beiden.


Verlag: DTV
ISBN: 978-3-423-23006-3
Preis: 18,00 €
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Das Ting

Artur Dziuk, Rezension von Dagmar Hallay

Vier junge Menschen gründen ein Start-Up in Berlin, was an und für sich erst einmal nichts Besonderes ist, das Produkt, das sie auf den Markt bringen wollen, dafür umso mehr. Es handelt sich um eine App als Navigationssystem durch das Leben, perfekt angepasst an den jeweiligen Nutzer. 

Linus, Adam, Nui und Kasper suchen Investoren für ihr Produkt. Doch bevor es auf den Markt kann, muss es erst einmal getestet werden. Und wer, als die vier wären besser geeignet? Mit einem Zusatzvertrag verpflichten sie sich, jeder Anweisung der App Folge zu leisten, ansonsten ist derjenige raus aus dem Geschäft. 

Aus der Sicht aller Teilnehmer wird geschrieben, was sie so mit der App erleben und was sie dem jeweiligen Nutzer für Anweisungen gibt und wie derjenige darauf reagiert. Zuerst handelt es sich um so belanglose Dinge, wie mehr Sport zu treiben, zu schlafen oder zu trinken. Doch es gibt auch Empfehlungen, die tiefgründiger sind und den Nutzer vor schwere Entscheidungen stellen. 

Spannend geschrieben und teilweise auch beängstigend, wenn man bedenkt, wie weit wir mit dieser Entwicklung schon sind. 

Absolute Leseempfehlung!


Verlag: Kiwi
ISBN: 9783462053494
Preis: 20,00 €
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Laufen

Isabel Bogdan, Rezension von Karin Bucconi

Wer einen leichtgängigen Roman erwartet wie "Der Pfau" (2016 erschienen), wird enttäuscht werden. Die Autorin, die auch als Übersetzerin für Jane Gardam, Nick Hornby und Jonathan Safran Foer arbeitet liefert mit "Laufen" ein kleines, ganz besonders Buch zur Trauerbewätigung ab. 

Eine junge Bratschistin kommt eines Abends nach Hause und trifft auf die Polizei, die ihr mitteilt, dass ihr Mann sich das Leben genommen hat. Eine Welt bricht zusammen. Sie igelt sich ein, beginnt dann zu laufen. Zwei Schritte einatmen, vier Schritte ausatmen. Ein, ein, aus, aus, aus, aus... Sie spürt ihren Körper, hat Beine wie Sandsäcke, schafft nur kurze Runden. Ist wütend. Ist verzagt. Ist unendlich traurig. Vermisst ihren Gefährten, die Rituale, sie verbunden haben.

Seine Eltern, die immer gegen sie waren, geben ihr eine Mitschuld am Tod ihres Kindes, und weil sie nicht die Ehefrau ihres Sohnes war, räumen sie ihr die Wohnung aus, nehmen alles mit, von dem sie glauben, dass es ihm gehörte.

Sie läuft und läuft. Ihre Strecken werden länger. Sie kann die Leute nicht mehr hören: "Da, wo er jetzt ist, geht es ihm gut" oder "die Zeit heilt alle Wunden". Gequirlte Scheiße ist das für sie. Sie zieht um. Und-

ganz langsam nimmt sie wieder die Umgebung wahr, ganz allmählich wird aus dem Negieren des ihres Lebens ein zaghaftes "Vielleicht",  und sie beginnt sich wieder nach einem Du zu sehnen, wissend, dass das nicht bedeutet, dass sie ihre große Liebe vergessen muss...

Ein atemloser Roman, ein kleines Buch, das trotz aller Traurigkeit Hoffnung macht. Eine kleine Kostbarkeit.


Verlag: Kiwi
ISBN: 9783462048902
Preis: 24,00 €
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Die unerlässliche Bedingung des Glücks

Renate Feyl, Rezension von Karin Bucconi

1845...

Der Student Ferdinand Lasalle begegnet auf einer Gesellschaft der schönen Gräfin Sophie von Hatzfeld und verliebt sich unsterblich in sie. Sophie will sich von ihrem Ehemann, dem "Untier" Graf Edmund von Hatzfeld scheiden lassen, der sie von Beginn ihrer Ehe an immer wieder betrogen und belogen hat. Außerdem hat er sich ihres gesamten Vermögens bemächtigt, und sie kann erst einmal nichts dagegen tun, weil Ehefrauen, den Ehemännern zu gehorchen und nichts zu sagen haben.

Einen Scheidungsanwalt findet sie nicht. Niemand wagt es sich mit Männern von Stand, und schon gar nicht mit dem Grafen von Hatzfeld, anzulegen. Ferdinand Lasalle aber, wirft sein Studium hin, um für Sophies Rechte und ihre Freiheit zu kämpfen. Bei Sophie lebt nur ihr Sohn Paul. Beide anderen KInder hat ihr der Gemahl bereits weg genommen. 

Edmund von Hatzfeld besticht vor dem Scheidungsprozess zig Menschen mit insgesamt 100 000 Talern und überredet sie zur Falschaussage. Nun steht Sophie als Betrügerin, Hure und schlechte Mutter da, die nicht im geringsten fähig ist, ihre Kinder zu  erziehen. Er streicht ihr den Unterhalt und macht ihr das Leben unerträglich.

Einzig Lasalle unterstützt sie, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Letztlich findet er aber einen der Zeugen des Grafen, der ihm gegen eine hohe Summe  Unterlagen aushändigt, die vor Gericht beweisen, dass von Hatzfeld gelogen und auch das hohe Gericht betrogen hat. Er muss seine Frau entschädigen, die wieder standesgemäß leben kann. Lasalle wird von Sophie bewundert, vom Adel gehasst und mehrfach verhaftet. Er wird zum Wortführer der frühen Arbeiterbewegung und bereitet den Boden für die Sozialdemokratie.

Die Beziehung zu Lasalle, der wegen seiner Intelligenz und seiner Wortgewandheit immer bekannter wird, bleibt lange platonisch, was Ferdinand nicht gefällt, der immer wieder Liebschaften hat , die aber seine Verbindung zur Gräfin nicht berühren. Sie toleriert seine "Schoßschönen".

Dann aber begegnet Lasalle der Helene von Döningen, macht ihr einen Heiratsantrag und fordert ihren Vater, der ihn beleidigt, zum Duell...

 

Renate Feyl kann erzählen, und ihr ist nach sechs Jahren Pause wieder ein besonderer Roman gelungen.


Verlag: Insel
ISBN: 978-3-458-36440-5
Preis: 10,95 €
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Die kleine Buchhandlung am Ufer der Themse

Frida Skybäck, Rezension von Kathrin Allkemper

Die junge Schwedin Charlotte hat gerade ihren Mann Alex bei einem Unfall verloren und sich total mit Arbeit zugeschüttet, als sie ein Brief aus London erreicht. Ihre Tante Sara ist verstorben und hat ihr eine kleine Buchhandlung vermacht. Charlotte ist mehr als nur verwundert, da sie diese Tante nie kennengelernt hat. Neugierig macht sie sich auf den Weg nach London, zunächst nur, um mit dem Anwalt ihrer Tante über das Erbe zu sprechen. Auf dem Weg zum Hotel kommt sie an "ihrer" Buchhandlung vorbei und da sie davon ausgeht, dass man sie dort nicht kennt, möchte sie einfach schnell und anonym einen Blick riskieren. Doch kaum hat sie den Laden betreten, wird sie schon von Martinique, der langjährigen Angestellten ihre Tante, stürmisch umarmt. Man hat sie bereits sehnsüchtig erwartet. Die kleine Buchhandlung kämpft ums Überleben und Martinique und ihre Kollegin Sam setzen große Hoffnungen in Saras Nichte. Doch warum wurde sie ausgewählt?

Während Charlotte in den kommenden Tagen und Wochen versucht, hinter das Geheimnis ihrer Tante zu kommen, verliebt sie sich immer mehr in die kleine Wohnung über dem Laden, in den Riverside Bookshop und seine Angestellten. Vielleicht schafft sie ja hier einen Neuanfang und kann ihre Trauer um Alex endlich hinter sich lassen... Schöner Schmöker für Freunde von kleinen, besonderen Buchhandlungen :-)


Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-10-397449-2
Preis: 24,00 €
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Aus der Dunkelheit strahlendes Licht

Petina Gappah, Rezension von Bernard Söthe

Vermutlich jeder kennt die Geschichte des schottischen Missionars und Afrika-Forschers David Livingstone, der bei seiner obsessiven Suche nach den Quellen des Nils in den afrikanischen Weiten fast verloren ging und vom Journalisten Henry Morton Stanley im Auftrag einer amerikanischen Zeitung gesucht und gefunden wurde (1871). Damals ein echter Medienhype. David Livingstone ließ sich aber nicht von seiner Suche nach den Nilquellen abbringen. MIt einer großen Entourage einheimischer Helfer, Diener, Übersetzer, Köche, bewaffneter Soldaten, Sklaven (!) zieht Livingstone weiter durch die ostafrikanischen Wälder, wo er 1873 nach schwerer Krankheit stirbt. Seine einheimischen Helfer beschließen, ihn nicht an Ort und Stelle zu beerdigen, sondern den Toten an die Küste zu transportieren, von wo dann die Möglichkeit bestünde, seinen Leichnam in seine schottische Heimat zu überführen. Eine pietätvolle Idee, mit dem kleinen Hintergedanken, dass möglicherweise eine Belohnung für die Helfer dabei herausspringt. Im feucht-schwülen Klima afrikanischer Wälder ist der Transport von Leichen über einen längeren Zeitraum und längere Strecken ein gewagtes Unterfangen. Livingstones Begleiter beschließend daher, seine Eingeweide an Ort und Stelle unter einem mächtigen Urwaldbaum zu begraben. Livingstones ausgeweideter Körper wird quasi luftgetrocknet (Sonne) und gepökelt (Salz). Mit dieser deutlich leichteren Last macht sich die Truppe auf den Weg zur Küste. Unterwegs gibt es Probleme, nicht alle Bewohner der Ortschaften, durch die sie ziehen, sind begeistert, die Leiche eines weißen Mannes auf ihrem Gebiet zu wissen. Auch unter den Mitgliedern des Leichenzugs gibt es heftige Querelen. Stark dezimiert erreichen die Überlebenden nach wochenlangem Marsch die Küste.

Erzählt wird die Geschichte von Halima, der scharfäugigen und scharfzüngigen Köchin aus Livingstones Gefolge. Livingstone hat Halima auf dem Sklavenmarkt in Sansibar gekauft. Halima weiß nicht, ob Livingstone sie freigekauft hat oder ob sie jetzt seine Sklavin ist, respektive die seiner Erben. Ihn kann sie ja nicht mehr fragen. 

Der zweite Erzähler ist ein farbiger junger Mann, der den christlichen Namen John angenommen hat. Als Kind wurde er von englischen Missionaren aus der Sklaverei befreit, getauft und nach Indien gebracht, wo er in einem christlichen Internat aufgezogen wurde. John benimmt sich englischer als die Engländer und lässt es sich nicht nehmen, in korrektem Anzug durch den Dschungel zu ziehen. Seine aufdringlichen Bemühungen, seine Reisegefährten zum christlichen Glauben zu bekehren, machen ihn nicht beliebter. Die Engländer nehmen ihn nicht für voll, die Afrikaner verachten ihn, weil er seine Wurzeln verleugnet.

"Aus der Dunkelheit strahlendes Licht" ist ein Roman, der eine skurrile Episode aus der Kolonialgeschichte Afrikas aus afrikanischer Sicht zeigt. Trotz des betrüblichen Themas ein Buch, bei dem es viel zu schmunzeln gibt, da die Autorin es versteht, Situationskomik glänzend einzusetzen. Unumstritten ist die Autorin Petina Gappah nicht, da sie auch als Beraterin des Präsidenten von Simbabwe, einem der korruptesten Länder Afrikas, tätig ist. 


Verlag: Atlantik
ISBN: 9783455005448
Preis: 22,00 €
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Diese goldenen Jahre

Naomi Wood, Rezension von Karin Bucconi

1922 beginnen fünf junge Leute ihr Studium in Weimar. Sie lieben die Kunst und ganz besonders das Bauhaus, das so anders ist.

Paul Beckermann, einer der Protagonisten, erzählt die Geschichte dieser Menschen. Er studiert nicht nur, sondern malt für Ernst Steiner (Schweizer Maler) z.B. kitschige Landschaftsbilder, die von Amerikanern in Massen gekauft werden. Paul macht das, um sein Studium selbst zu finanzieren und von seinen Eltern unabhängig zu sein.

Am Bauhaus haben sie mit Itten, Kandinsky und Klee zu tun. Von Itten übernehmen sie dessen strenges Fasten, das ihren Blick für die Kunst schärfen soll, das sie aber häufig an ihre Grenzen bringt. Sie feiern, konsumieren Drogen, sind aber auch gerne in der Natur.

Paul ist in Charlotte verliebt, die aber mit Jenö zusammen ist und der wiederum wird von Walter geliebt. 

Die Jahre  vergehen.  Einige werden zu Jungmeistern ernannt und dürfen nun selbst unterrichten. Die goldenen Zeiten sind jedoch bald vorbei. Dunkle Wolken ziehen auf. Weimar wird dicht gemacht. Dessau ist der neue Standort. Charlotte, die aus Prag stammt, wird zur unerwünschten Person erklärt, aber es ist für sie schon zu spät, zu fliehen...

Ein faszinierender Roman zum 100jährigen Jubiläum des Bauhauses über eine spannende Zeit und eine Kunstform, die nicht jeder kennt, in der einfache und klare Formen eine große Rolle spielen.

Ein kenntnisreiches und sehr empfehlenswertes Buch.

 


Verlag: Insel
ISBN: 978-3-458-36411-5
Preis: 9,95 €
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Eine himmlische Katastrophe

Thomas Montasser, Rezension von Jutta Pollmann

Ein kleiner Ort in Burgund, ein altes Kloster, drei in die Jahre gekommene Ordensschwestern, eine junge Frau aus der Banlieu von Paris und der Bleu de Bleaumont, ein Blauschimmelkäse, der seit vielen Jahren in dem Kloster hergestellt wird und die Einnahmequelle der Nonnen ist, das sind die Hauptakteure dieser wunderbaren Geschichte, dieses Märchens für Erwachsene von Thomas Montasser.

Louise Prevost, eine junge Frau aus der Vorstadt von Paris steht eines Tages vor ihrer Tante Madeleine, besser Schwester Madeleine, im Klostergarten von Bleaumont. Sie wolle einige Zeit hier verbringen eröffnet sie ihrer Tante, verschweigt aber lieber, dass dieser Aufenthalt nicht freiwillig, sondern eine richterliche Auflage ist. Für Schwester Madeleine ist es nicht einfach, unter all den Tätowierungen und Piercings ihre Nicht zu erkennen, doch die junge Frau kann bleiben. Der ist als Großstadtkind natürlich sofort aufgefallen, dass im Kräutergarten der Tante nicht nur Rosmarin, Basilikum und Minze wachsen, sondern auch Hanf! Sollten die Schwestern sich gelegentlich einen Joint drehen?

Die Regeln im Kloster gelten nun auch für Louise: aufstehen um 5, Frühstück um 7, Mittagessen um halb 12, Abendessen um halb 6, danach in die Zellen. Zu einer Zeit, wo Louise in Paris gerade mal frühstückt, gehen die Nonnen hier ins Bett! Kein Wunder, dass alle anderen gestorben sind, wenn es hier so sterbenslangweilig ist.

Doch Louise lebt sich in diese schräge WG ein, lernt etwas über die Herstellung des Käses, der die Einnahmequelle des Klosters ist, aber seit dem Tod von Schwester Agathe nicht mehr so schmeckt wie früher, weswegen der Absatz auch stark zurückgegangen ist und lernt eine Seite ihrer Tante kennen, die sie nie vermutet hätte: eines Abends hört Louise Musik, die so gar nicht ins klösterliche Leben passt. Ihr Tante Madeleine spielt Bassgitarre und das mal ziemlich rockig. Mit den beiden anderen Schwestern, Lucie als Sängerin und Sophie am Klavier, machten die drei eine Wahnsinns- Musik, was man ihnen in einem Alter zwischen uralt und scheintot gar nicht zutrauen würde.

Das bringt Louise auf eine Idee. Sie aktiviert ihren Kontakt zu Alphonse-Antoine der la France-Peroche, kurz Ali genannt, und ehe die Nonnen sich versehen, sind sie auf einer Tournee durch Frankreich, auf der so einiges passiert...

 

Ein wunderschönes Buch in einer wohltuenden Sprache, mit viele Witz und Ironie, das einen immer wieder schmunzeln lässt. Unbedingt lesen!!!


Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-27230-9
Preis: 22,00 €
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Der Store

Rob Hart, Rezension von Bernhard Söthe

"Du bekommst alles im Store, aber das hat seinen Preis."

Die USA in naher Zukunft: Der "Store" liefert alles überall hin. Der "Store" schafft Arbeitsplätze und weiß, was wir zum Leben brauchen. Und seit Drohnen die Lieferung übernommen haben, braucht niemand mehr andere Geschäfte. Es gibt auch schlicht keine mehr. Egal ob in Städten oder Einkaufszentren, wo früher Käufer in Geschäfte gingen, herrscht gähnende Leere. 

Gibson, der Gründer und Besitzer des "Store", geriert sich als neue Heilsgestalt, als Wohltäter der Menschheit und als bester Kumpel seiner Angestellten. Mancher der Angestellten sieht das etwas anders. Mit seinen knallharten Geschäftsmethoden hat Gibson alle anderen Mitbewerber aus dem Markt gekegelt und ist unbestritten der reichste und mächtigste Mann der Welt geworden. Aber aller Reichtum hilt nicht, wenn das Schicksal an die Tür klopft. Gibson ist schwer krank und hat trotz der besten medizinische Versorgung, die für Geld zu bekommen ist, nur noch kurze Zeit zu leben.

Paxton, ein Tüftler, hat den ultimativen Eierkocher entwickelt und recht vielversprechend im Internet vermarktet, bis der "Store" auf diesen kleinen Exoten aufmerksam wurde und mit fiesen Methoden gnadenlos seine wirtschaftliche Existenz vernichtete.  Da es außerhalb des "Store" kaum noch Arbeitsplätze gibt, arbeitet Paxton einige Zeit als Gefängniswärter, bis er die dort allgegenwärtige Gewalt nicht mehr erträgt und zu Kreuze kriecht, indem er einen Job in einem der riesigen, über das ganze Land verstreuten Auslieferungslager des "Store" sucht. Die Auslieferungslager sind abgeschottete Enklaven mit eigener Infrastruktur und eigenem Recht, umschwirrt von Wolken von Drohnen, die Waren abholen und ausliefern.

Paxton unterzieht sich mit hundert anderen Arbeitssuchenden einem entwürdigenden Bewerbungsverfahren, und er gehört zu den wenigen Auserwählten, die im und für den "Store" arbeiten dürfen. Wegen seiner Erfahrung als Gefängniswärter wird er im Sicherheitsdienst des "Store" eingesetzt. Seine stille Hoffnung ist, Gibson irgendwann einmal persönlich zu begegnen. Es ist bekannt, dass Gibson die Auslieferungslager des "Store" regelmäßig besucht, um sich unter die begeisterten Angestellten des "Store" zu mischen. Paxton würde ihm gerne mal persönlich sagen, was er von seinen Geschäftsmethoden hält. 

Auch Zinnia hat das brutale Bewerbungsverfahren mit positivem Ergebnis überstanden. Sie wird im gleichen Auslieferungszentrum wie Paxton als Lagerarbeiterin eingesetzt. Sie bekommt die Bestelllisten der Kunde des "Store" und muss die gewünschten Produkte möglichst schnell aus dem Lager zusammensuchen und auf Transportbänder legen, die zu den Packstationen und Drohnenladeplätzen führen. Selbst die fitte und trainierte Zinnia kommt bei dieser pausenlosen Hetzerei an die Grenzen ihrer Leistungskraft. Auch sie hat sich diesen möderischen Job nicht ausgesucht, weil sie ihn so toll findet, sondern weil sie einen Vorwand braucht, um in die Innenwelt eines "Stores"-Auslieferungslagers zu gelangen, denn sie hat einen Plan, den sie nur dort verwirklichen kann. 

Zinnia, Paxton und Gibson sind die wechselnden Erzähler dieses Romans, der natürlich völlig fiktiv ist und absolut nichts mit der Realität zu tun hat!

Erinnert sich noch jemand an unser Lesezeichen: "Wir sind von der Ruhr und kaufen nicht am ..."?

Für die Leser von "Schöne neue Welt" (Huxley), "1984" (Orwell), "Report der Magd" (Atwood) und "Der Circle" (Eggers).

Dringender Warnhinweis: Wenn Sie gerne Hamburger essen, sollten Sie dieses Buch nicht lesen. Es könnte zu bleibenden Schäden kommen! Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie die Buchhändler Ihres Vertrauens. 

 


Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-26171-6
Preis: 24,00 €
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Miroloi

Karen Köhler, Rezension von Bernhard Söthe

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019

"Miroloi" wird der Abschiedsgesang für die Toten genannt, eine Tradition der griechisch-orthodoxen Kirche. Karen Köhlers Roman scheint auf einer kleinen griechischen Insel zu spielen. Aber schnell merkt der Leser, dass diese Insel und die Inselbevölkerung eine Kollage aus verschiedenen patriarchalischen Gesellschaften ist. Die Geschichte könnte an verschiedenen Orten des Südens spielen. Es ist die Geschichte des "Findelkindes", einer jungen Frau von 16 Jahren, die als Neugeborenes in einer Bananenkiste vor dem Haus des "Betmannes" etwas außerhalb des Dorfes gefunden wurde. Mit Hilfe einer Frau aus dem Dorf zieht der unverheiratete "Betmann" das "Findelkind" auf, Es hat keinen eigenen Namen, er steht ihr nicht zu, da niemand weiß, woher sie stammt, vielleicht sogar von einer benachbarten Insel oder sogar vom fernen Festland? Und aus der Fremde kann ja nichts Gutes kommen, diese Meinung ist in jedem Inselbewohner fest verankert. Die Inselbewohner, besonders die alten, immer schwarz gekleideten Frauen, die wie Wächter über Moral und Sitte den ganzen Tag tratschend am Dorfbrunnen sitzen, halten das "Findelkind" für einen Unglücksbringer. Die Erwachsenen wollen nichts mit ihr zu tun haben, die Kinder rennen ihr bei den seltenen Besuchen im Dorf hinterher, beschimpfen sie und bewerfen sie mit Steinen. Nur beim "Betmann", aber nur wenn der gerade keine Wut hat, und bei Mariah, der Frau, die sie mit aufgezogen hat, findet das namenlose Mädchen gelegentlich etwas Aufmerksamkeit. Die Schule hat sie nur einige Tage besucht, es gab Streit mit den anderen Kindern, und der Dorflehrer sah sowieso nicht ein, warum er Zeit mit einem "Findelkind" verschwenden sollte. Jetzt ist sie 16 Jahre alt, und der Betmann, unter dessen Dach sie lebt, merkt tatsächlich, dass das Mädchen nicht lesen kann, und er bringt es ihr bei, natürlich erst, wenn die tägliche Arbeit beendet ist. Aber das "Findelkind" lernt nicht nur lesen und schreiben, sie lernt auch den Konjunktiv und was in der Möglichkeitsform so alles möglich ist. Dies ist die Geschichte eines namenlosen "Findelkindes", das in einer Welt aufwächst, in der die Männer das Sagen haben und alte Bräuche und Traditionen das Leben besonders der Frauen beschränken und eng machen. Trotz dieser schlechten Voraussetzungen schafft es das "Findelkind", Allianzen und Freundschaften zu schließen. Sie verliebt sich und bekommt endlich, was sie sich am sehnlichsten wünscht: einen Namen. 

Das Besondere an diesem Buch ist die feinfühlige Sprache, fast märchenhaft für fast gar nicht märchenhafte Geschehnisse. Es ist der erste Roman der Autorin Karen Köhler, bisher hat sie Theaterstücke geschrieben und einen erfolgreichen Band mit Erzählungen "Wir haben Raketen geangelt".


Verlag: Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-3313-7
Preis: 24,00 €
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All unsere Jahre

Kathy Page, Rezension von Bernhard Söthe

Der achte Roman der kanadischen Autorin, die an der Vancouver Island Universität unterrichtet - und ihr erstes Buch auf Deutsch.

"Aus einem langen, gemeinsam verbrachten Leben erzählt dieser Roman das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen: die ungleiche Liebe zweier ungleicher Menschen", sagt zu diesem Buch der Wagenbach Verlag ("Der größte kleine Verlag Deutschlands", wie sein Gründer Klaus Wagenbach einmal stolz behauptete). Liebesgeschichten sollten mit einem Happy End enden. Ehegeschichten beginnen danach erst. Für den Versuch, andere Menschen glücklich zu machen, reicht ein ganzes Leben nicht aus.

Dies ist die Geschichte von Evelyn und Harry. Auf den Stufen einer Londoner Bibliothek lernen sich die beiden zu Beginn des Zweiten Weltkrieges kennen. Harry, der sensible Literaturliebhaber, ist von der willens- und meinungsstarken Evelyn fasziniert, und er wird es immer bleiben. Die beiden verbindet der Wunsch nach Aufstieg und einem besseren Leben, und so suchen sie die heile Welt in einer Idealfamilie mit einem hübsch eingerichteten Haus. Nicht so einfach, wie man sich das vielleicht vorstellt. Mit drei teils widerspenstigen Töchtern, anstrengenden Eltern und auch sonst forderndem Alltag geht da schon mal Porzellan zu Bruch. Und als Evelyn und Harry all das hinter sich haben, kommt das Alter mit all seinen Problemen. Und ausgerechnet die Tochter, die in ihrer Jugend die meisten Probleme machte, kümmert sich um Evelyn und Harry im Alter. 

Ein Roman, der berührt. Für Leser von Jane Gardam und Jonathan Franzen. 

"Generell sollte man die Finger von modernen Romanen lassen, man weiß nie, was einen anspringt." (Kathy Page "All unsere Jahre)


Verlag: Beck
ISBN: 978-3-406-73963-7
Preis: 22,00 €
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Winterbienen

Norbert Scheuer, Rezension von Bernhard Söthe

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019

Die letzten Kriegsmonate in einer kleinen Stadt am Niederrhein unweit der belgischen Grenze:

Hier lebt Egidius Arimond, ein junger Mann, ein Außenseiter. Er ist Epileptiker, deshalb ist er nicht Soldat. Über ihm schwebt die Gefahr, wegen seiner Krankheit von den Nazibehörden als "lebensunwert" getötet zu werden. Egidius hat bisher überlebt, weil sein älterer Bruder, ein überaus erfolgreicher und hochdekorierter Kampfpilot, seine schützende Hand über ihn hält. Der Bruder schickt auch regelmäßig die dringend benötigten Medikamente, um Egidius' Epilepsieerkrankung zu behandeln. Die Eltern der beiden jungen Männer sind bereits tot. Egidius lebt in seinem Elternhaus am Rand der Stadt, seinen Lebensunterhalt verdient er durch den Verkauf von Honig, er ist Imker. Seine Bienenstöcke sind in den Wäldern an der Grenze zu Belgien weit verstreut. Jemand, der weiß, dass sich Egidius im Grenzgebiet bestens auskennt, hat ihn als Flüchtlingskämpfer rekrutiert. In umgebauten Bienenstöcken transportiert Egidius gefährdete Menschen über die "grüne Grenze" auf belgisches Gebiet. Manchmal müssen sich die Flüchtlinge Tage oder sogar Wochen in Höhlen im Wald verstecken, bis Egidius der Meinung ist, eine Grenzüberquerung wäre möglich. Er kennt die Organisatoren der Flucht nicht persönlich, die Kommunikation mit ihnen verläuft schriftlich über Zettel, die in bestimmten, nie ausgeliehenen Büchern der Stadtbücherei versteckt sind. Ein neuer Gauleiter wird in die Stadt versetzt, um die Moral in der inzwischen gefährdeten, grenznahen Region zu stärken. Die Frau des Gauleiters arbeitet in der Stadtbibliothek, sie ersetzt die alte Bibliothekarin, die - keiner weiß, warum - von der Gestapo verhaftet wurde und seitdem verschwunden ist. Egidius ist ein regelmäßiger Besucher der Stadtbücherei. Die neue Bibliothekarin und er beginnen ein Verhältnis. Von Liebe ist keine Rede. Es geht um Einsamkeit und Angst vor einer gewissen Zukunft. Inzwischen ist auch dem verbohrtesten Nazi klar, dass der Krieg verloren ist. Egidius hat lange keine Nachricht von seinem Bruder, dem Kampfflieger, bekommen, auch die Medikamentenlieferungen sind ausgeblieben. Seine epileptischen Anfälle werden häufiger und heftiger. Der örtliche Apotheker, ein in der Wolle gefärbter Nazi, weigert sich, dem "erbkranken Volksschädling" die benötigten Medikamente zu verkaufen. 

Der Niederrhein war bis 1944 von den Auswirkungen des Krieges eher wenig betroffen, aber jetzt beginnt die "Ardennen-Offensive", ein letzter Versuch der Nazis, die Invasion der Aliierten noch aufzuhalten. Ein von vornherein aussichtsloses Unterfangen, das aber noch zigtausenden Menschen das Leben kostete. In diesem Chaos wird Egidius als Flüchtlingshelfer denunziert. 


Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-31450-8
Preis: 20,00 €
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Das Echo der Wahrheit

Eugene Chirovici, Rezension von Bernhard Söthe

Der New Yorker Psychiater Dr James Cobb ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Gedächtnisforschung. Er hat populäre Sachbücher zu diesem Thema verfasst. Er sieht gut aus und ist eloquent und daher häufig Gast in Talkshows. In Kollegenkreisen ist nicht unumstritten, dass er seine Patienten auch mit Hilfe der Hypnose auf die Spur ihrer Erinnerungen bringen will. Durch seine Medienpräsenz ist Dr Cobb einer größeren Öffentlichkeit bekannt, aber als sich ein neuer Klient/Patient meldet, ist er doch überrascht. Joshua Fleischer, ein bestens vernetzter Multimillionär, sucht bei ihm Rat und Hilfe. Fleischer hat erfahren, dass er an einer tödlichen Krankheit leidet und er nicht mehr lange leben wird. Bevor er stirbt, möchte er einen Vorfall aus seiner Jugend klären. Bei einem Aufenthalt in Paris lernte Fleischer eine junge Frau kennen, mit der er eine Nacht in einem Hotel verbrachte. In dieser Nacht ist etwas vorgefallen, an das sich Fleischer nur bruchstückhaft erinnern kann. Die junge Frau ist und bleibt nach dieser Nacht verschwunden. Möglicherweise starb sie auch in dieser Nacht. Fleischer weiß nicht, was im Alkohol- und Drogenrausch dieser Nacht geschah, nur dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Mit dieser Ungewissheit und möglichen Schuld will Fleischer diese Welt nicht verlassen. Da die üblichen Methoden, seine Erinnerung wach zu rufen, ohne Erfolg bleiben, ist er auch bereit, sich Dr Cobbs umstrittener Hypnosebehandlung zu unterziehen. Die Ergebnisse dieses Grabens in der Vergangenheit sind überaus schmerzlich und bergen ungeahnte Überraschungen nicht nur für den hypnotisierten todkranken Multimillionär, sondern auch für den Hypnotiseur.

Eugene Chirovici versteht es wieder, seine Leser wie auch schon in seinem Weltbestseller "Das Buch der Spiegel" mit unerwartbaren Wendungen zu verblüffen und perfekt zu unterhalten. 

 


Verlag: S. Fischer Verlag
ISBN: 9783103974232
Preis: 24,00 €
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Die Leben der Elena Silber

Alexander Osang, Rezension von Bernhard Söthe

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019

Russland Anfang des 20. Jahrhunderts, eine Kleinstadt östlich von Moskau. Noch regiert der Zar, aber nach dem desaströsen Krieg mit Japan wachsen die sozialen Spannungen. Der Seiler Viktor Krasnow gehört zu den „Roten“ in der Kleinstadt. Aufgehetzt von zaristischen Geheimagenten wird Krasnow mit einigen Gesinnungsgenossen vom Mob auf offener Straße ermordet. Er hinterlässt eine Frau und mehrere Kinder. Eines davon ist Elena. Die Mutter heiratet wieder. Elena kommt mit ihrem Stiefvater, einem gewalttätigen Alkoholiker, nicht zurecht. Elena ist froh, als Jugendliche eine Ausbildung im Büro einer Textilfabrik absolvieren zu können, mit einer Möglichkeit, im Lehrlingswohnheim zu übernachten. Nach der erfolgreichen Oktoberrevolution gilt ihr Vater als Märtyrer der Revolution, was ihr manche Möglichkeiten öffnet, die andere Jugendliche nicht haben.

Die völlig heruntergewirtschaftete Fabrik soll von einem Fachmann aus Deutschland, dem Ingenieur Robert Silber, auf Vordermann gebracht werden. Nazideutschland und die Sowjetunion, die Parias der Weltpolitik, arbeiten zu diesem Zeitpunkt auf wirtschaftlichem Gebiet eng zusammen. Elena wird Robert Silbers Sekretärin und später seine Ehefrau.

1936 wird die politische Lage in der Sowjetunion immer schwieriger. Die berüchtigten stalinschen Verfolgungen politisch Andersdenkender werden immer massiver. Elena und Robert Silber schaffen es, aus der Sowjetunion nach Deutschland auszureisen. In Schlesien, wo Robert Silber in der Fabrik seines Vaters tätig wird, wohnen Elena und Robert in der Fabrikantenvilla von Roberts Eltern. Elena fällt es schwer, sich einzugewöhnen, besonders mit ihrer Schwiegermutter, einer gebürtigen Italienerin, gibt es Probleme.

Elena und Robert haben vier Töchter. Durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ändert sich für die Silbers zunächst wenig. Die Fabrik gilt als kriegswichtig, Robert Silber als unabkömmlich. Aber gegen Ende des Krieges wird die Versorgung immer schwieriger. Die jüngste Tochter der Silbers stirbt an einer Infektionskrankheit. Im Kreiskrankenhaus gibt es die lebensrettenden Medikamente nicht mehr.

Als sowjetische Truppen Schlesien besetzen, werden Fabrik und Fabrikantenvilla beschlagnahmt. Elenas Schwiegereltern setzen sich Richtung Westen ab, auch Robert Silber verschwindet spurlos. Elena bleibt mit drei minderjährigen Töchtern zurück. Wegen ihrer russischen Wurzeln sind bei den Besatzern ihre Dolmetscherfähigkeiten gefragt. In einem der sowjetischen Offiziere erkennt Elena einen Jugendfreund aus ihrer russischen Heimat wieder. Dieser ebnet ihr den Weg nach Berlin, wo Elena sich und ihre drei Töchter mit Übersetzungen aus dem Russischen durchbringt.

Die Töchter wachsen auf, engagieren sich in der gerade entstehenden DDR, dem vermeintlich besseren Teil Deutschlands. Desillusionierungen bleiben nicht aus. Es gibt Konflikte unter Elenas Töchtern, der Familienzusammenhalt zerbricht. Die alt gewordene Elena stirbt in einem Altersheim in Berlin.

Wie in jeder Familiengeschichte gibt es auch in Elenas Erzählungen weiße Flecken, manche Geschichten sind geschönt, andere kaum wahrscheinlich.

Zwanzig Jahre nach Elenas Tod macht sich ihr Enkel Konstantin auf Spurensuche, um Elenas Lebensgeschichte zu rekonstruieren.

Alexander Osangs „Das Leben der Elena Silber“ ist nicht nur der Roman einer Familie, es ist die Geschichte einer Epoche.

Auch für die Leser von Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.

 

 


Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-26389-5
Preis: 22,00 €
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Auf Erden sind wir kurz grandios

Ocean Voung, Rezension von Kathrin Allkemper

Ein Sohn schreibt einen Brief an seine vietnamesische Mutter, die ihn nie lesen wird. Sie ist Analphabetin, geboren als Tochter eines amerikanischen Soldaten und eines vietnamesischen Bauernmädchens. Die englische Sprache hat sie also nie gelernt, arbeitete dennoch in einem kleinen Nagelstudio in Connecticut unter erbärmlichen Bedingungen, um wenigstens etwas Geld heimzubringen.

Ihr Sohn ist ein Außenseiter. Er ist nicht weiß genug für die Weißen und doch zu hellhäutig, um bei den Schwarzen akzeptiert zu werden. Immer wieder muss er für seine Mutter Dinge regeln, die ein 10jähriges Kind normalerweise nicht betreffen und wo es eigentlich umgekehrt sein sollte. Seine Großmutter hat ein Kriegstrauma, und auch die Mutter agiert äußerst verstörend, mal schlägt sie ihren Sohn und mal überschüttet sie ihn mit Zärtlichkeit. Als er sich später in einen amerikanischen Jungen verliebt, muss er auch da feststellen, dass einfach alles im Leben zwei Seiten hat. Dieser Roman ist tragisch, fesselnd und anrührend zugleich.

Vuong schreibt über das Versagen des amerikanischen Traums. Er benutzt dazu eine Sprache, die brutal und zart, emotional berührend und dann wieder klar und distanziert ist - genau wie das Verhältnis von Mutter und Sohn. Es ist eine ganz besondere Art, diese Familiengeschichte zu erzählen und sprachlich ein wahrer Lesegenuss.


Verlag: Krüger
ISBN: 978-3-8105-3071-4
Preis: 14,99 €
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Aber Töchter sind wir für immer

Christiane Wünsche, Rezension von Jutta Pollmann

Hans Franzens 80.Geburtstag steht vor der Tür und die ganze Familie versammelt sich schon Tage zuvor in dem kleinen Bahnwärterhaus an den Gleisen in der Nähe von Büttgen am Niederrhein. Hier fand Christa, Hans Frau, nach dem Krieg als Vertriebene mit Mutter und Großvater die erste Unterkunft; hierhin kam sie später als Frau Franzen wieder zurück; hier sind die vier Töchter groß geworden.  Christa hatte sich damals zunächst schwer getan, hier in der Einöde zu leben, doch als sie sah, wie ihre Kinder dort aufblühten, kam auch sie hier zu Ruhe.

Jetzt, drei Tage vor dem Geburtstag, sitzen Johanna, die Älteste, Anwältin in Berlin, ihre drei Jahre jüngere Schwester Heike, die Leiterin einer Kita in der Nähe von Büttgen ist und Britta, die Jüngste, erst 1988 geboren, Reiseleiterin zusammen in der Sauna und quatschen. So häufig sehen sich die Schwestern auch nicht, aber Johanna hat jetzt schon Bedenken, ob sie das ganze Familiengetue bis Sonntag überhaupt ertragen kann. Britta allerdings ist gern mit ihren beiden älteren Schwestern zusammen, besonders dann, wenn diese von Hermine erzählen. Hermine, die 1968 geboren wurde und schon mit 22 Jahren starb. Hermine, das schwierige Kind, das aneckte, das nicht so war wie die anderen, das den Eltern viele Sorgen machte.

Jetzt hat Britta Hermines Tagebuch im Koffer, dass Marcel, ihr Ehemann , damals ein Freund von Hermine, bekommen hatte, als diese starb. Und jetzt soll dieses Tagebuch ein Geschenk für Ihren Vater werden.

Und immer wenn zwischen den Vorbereitungen für den Geburtstag und Spaziergängen mit der Familie Zeit bleibt, liest Hermine dieses Tagebuch, kennt sie ihre Schwester doch eigentlich nicht. Aber je mehr sie liest, umso unsicherer wird sie, ob das Tagebuch wirklich ein gutes Geschenk für ihren Vater ist. Soll es doch ein schönes, fröhliches Fest werden, und dieses Tagebuch beinhaltet soviel Düsternis.

Doch die Tage bis zum Geburtstag laufen keineswegs harmonisch ab. Auch wenn Heike - wie immer beschwichtigend eingreift, kommt es doch kurz vor dem Geburtstag zum großen Knall. All das Heruntergeschluckte, all das Verdrängte kommt ans Tageslicht. Und so wie nach einem schwülen Sommertag ein Gewitter die Luft reinigt, so reinigt der Familienstreit die Beziehung von Hans, Christa , Johanna, Heike und Britta, so dass der Geburtstag doch noch ein schönes Fest wird.

Eine sehr schöne und berührende Familiengeschichte. Wunderbar zu lesen.

 


Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-10-397381-5
Preis: 22,00 €
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Hier sind Löwen

Katerina Poladjan, Rezension von Bernhard Söthe

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019

Mit einer kurzen Zusammenfassung wird man diesem Roman nicht gerecht. Trotzdem sei der Versuch gewagt.

Hic sunt Leones“, „Hier sind Löwen“ schrieben die Kartographen des Mittelalters auf die weißen Flecken, die die unbekannten, noch nicht erforschten Gebiete auf den Weltkarten bezeichnen sollten. Unbekannt, also vermutlich gefährlich. Um diese vermutete Gefährlichkeit zu unterstreichen der seltsame Satz „Hier sind Löwen“, wahlweise auch „Hier sind Drachen“. Damit ist alles gesagt, hier bleibt man besser weg.

In Katerina Poladjans Roman geht es aber nicht um weiße Flecken auf mittelalterlichen Landkarten sondern um die weißen Flecken in der Familiengeschichte eines jeden Menschen. Hier in der Familiengeschichte von Helen Mazavian, einer jungen Frau, die in Berlin lebt und zur Buchrestauratorin ausgebildet wird. Helens Mutter Sara ist armenischer Herkunft. Nie hat sie mit ihrer Tochter über die Wurzeln der Familie gesprochen. Sara hat sich ein Leben in Deutschland aufgebaut, die Vergangenheit interessiert sie nicht.

Helen bekommt die Möglichkeit in Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, an der Nationalbibliothek eine Fortbildung in Buchrestauration zu absolvieren. Traditionell sind armenische Bücher anders gebunden als europäische.

In Jerewan stellt Helen Mazavian fest, dass sie sich in phonetischer Gesellschaft befindet. „Mazavian“ klingt in Berlin exotisch, in Jerewan alltäglich. Helen fügt sich in die Abläufe der Restaurierungswerkstatt der Nationalbibliothek ein, sie lernt ihre Arbeitskollegen kennen. Mit Ada, einer armenischen Schönheit, geht sie abends tanzen. Sie lernt Lewan, den Sohn ihrer Chefin in der Nationalbibliothek, kennen. Lewan ist Offizier der armenischen Armee. In seiner Freizeit spielt er Saxophon in den Jazzclubs Jerewans.

Helen arbeitet in der Bibliothek an der Restaurierung einer stark mitgenommenen Familienbibel. Nicht besonders alt, nicht besonders wertvoll. Das ideale Objekt für eine Restauratorin in der Ausbildung. So eine Bibel besaß jede christliche armenische Familie. Auf unbedruckten Vorsatzblättern standen handschriftliche Notizen, die Namen der Besitzer, die Orte, an denen sie lebten, besondere Ereignisse im Familienleben. Diese Einträge machen jede dieser Bibeln einmalig. Auch in der Bibel, die Helen restaurieren soll, finden sich solche Einträge. Die Namen der Besitzer und Orte, von denen Helen noch nie gehört hat.

In ihrer Freizeit besucht Helen einige dieser Orte. Manche liegen in Armenien, einige aber auch in der benachbarten Türkei, dort gab es eine große armenische Bevölkerungsgruppe. In den blutigen Pogromen nach der Gründung der türkischen Republik 1915 kamen dort mehr als 1,5 Millionen Armenier ums Leben, die wenigen Überlebenden wurden vertrieben, heute leben dort keine Armenier mehr.

Auf ihren Reisen lernt Helen verschiedene Menschen kennen. Jeder hat seine Version der Vergangenheit, jede dieser Versionen hat weiße Flecken, überall lauern Löwen. In der Bibel, die Helen restauriert, findet sie irgendwo im Text in krakeliger Kinderschrift den Satz „Hrant (männlicher armenischer Vorname) will nicht aufwachen“. Der Rest des Satzes ist nicht lesbar, die Seite ist halb herausgerissen ...


Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-26419-9
Preis: 22,00 €
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Der Gesang der Flusskrebse

Delia Owens, Rezension von Bernhard Söthe

Im Marschland an der Küste North Carolinas leben nur Eigenbrötler, Außenseiter, sozial Deklassierte. Zu ihnen gehört die Familie Clark. Kya ist die jüngste Tochter der kinderreichen Familie. Geld ist knapp bis gar nicht vorhanden. Der Vater ist ein gewalttätiger Alkoholiker, arbeitet nur sporadisch. Kyas älteren Geschwister haben die Familienhölle schnellstmöglich verlassen. Als auch die Mutter nach einer neuen Prügelattacke ihres Mannes einen Koffer packt und spurlos verschwindet, ist Kya mit ihrem Vater allein. Sie ist sieben Jahre alt und versucht verzweifelt, die Aufmerksamkeit und Liebe ihres Vaters zu erlangen. Es gibt in dieser Einöde ja keinen anderen Menschen, an den sie ihre Gefühle hängen kann. Auch der Vater verschwindet oft für Tage oder länger, aber im Gegensatz zu den anderen Familienmitgliedern kommt er zunächst immer zurück. Er kümmert sich herzlich wenig um Wohl und Wehe seiner Tochter, bringt ihr aber immerhin bei, wie man in den Marschen überlebt. Als Kya zwölf Jahre alt ist, verschwindet auch ihr Vater endgültig. Kya ist allein in der baufälligen Hütte mitten in den Marschen, kilometerweit entfernt vom nächsten kleinen Küstenort. Die Schule dort hat sie nur einen Tag besucht. Die anderen Kinder haben ihr unmissverständlich klar gemacht, dass sie, ungewaschen und schlecht gekleidet, hier unerwünscht ist. Auch den zuständigen Behörden ist das Schicksal des Marschmädchens egal. Kya bleibt Analphabetin, bis sie sich mit einem Jungen aus der Stadt anfreundet, der sich in den Marschen fast so gut auskennt wie sie. Es dauert lange, bis Kya ihr Misstrauen überwindet und die Freundschaft des freundlichen, offenen Tate erwidern kann. Er bringt ihr seine Schulbücher in die Marsch, und Kya lernt lesen und schreiben, aber fast noch wichtiger ist ihr der Aquarellkasten, den Tate ihr eines Tages schenkt. Nach und nach wird aus der Kinder- und Jugendfreundschaft eine erste Liebe. Tate beendet die Schule und bekommt einen Studienplatz, weit weg von den Marschen. Er verspricht, Kya regelmäßig zu besuchen und bricht sein Versprechen und lässt sie im Stich, wie schon alle anderen Menschen. mit denen sie bisher zu tun hatte. In der nächsten Stadt weiß man natürlich von der Existenz des "Marschmädchens" und beobachtet, wie aus dem Schmuddelkind eine attraktive junge Frau wird. Chase Andrews, ein gutaussehender junger Mann, Sohn einer der wohlhabenden Familien des Städtchens, ein berüchtigter Herzensbrecher, schafft es, sich das Vertrauen der vereinsamten jungen Frau zu erschleichen. Er verspricht ihr die Ehe, und sie glaubt ihm und hofft, durch eine Heirat mit ihm ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Aber Chase spielt nur mit den Gefühlen der weltfremden Kya, er ist längst mit einer anderen, "standesgemäßen" Frau verlobt. Wieder wird Kya im Stich gelassen. Tief verletzt zieht sie sich in ihr einsames Leben in den Marschen zurück.

Kurze Zeit später stirbt Chase Andrews bei einem obskuren Unfall, und es gibt Hinweise, dass dabei jemand nachgeholfen hat. Sofort fällt der Verdacht auf das "Marschenmädchen", dem Chase so übel mitgespielt hat. Eine ungewöhnliche Mischung aus "Coming of age" und Krimihandlung, fesselnd bis zur letzten Seite. 


Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-10-397465-2
Preis: 20,00 €
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Der Klavierspieler vom Gare du Nord

Gabriel Katz, Rezension von Jutta Pollmann

Mathieu Malinski spielt Klavier wie ein junger Gott, doch dort, wo er herkommt, interessiert das keinen. In den Banlieues von Paris ist das Klavierspielen kein Thema. Hier lebt er oder besser versucht er mit seinem jüngeren Bruder und seiner Mutter, die Nacht für Nacht im Krankenhaus putzt, zu überleben.

Manchmal, wenn er von der Arbeit kommt, setzt er sich an das Klavier, das am Gare du Nord steht und spielt, bis mal wieder die Polizei vorbeikommt, um ihn zu vertreiben oder zu verfolgen. Mit der Kapuze tief im Gesicht, ist er anscheinend ein potentieller Täter...

Doch eines Tages spricht ihn nicht die Polizei, sondern ein eleganter Herr an, Pierre Geithner, der den Fachbereich Musik am CSMP, dem Conservatoire supérieur de musique de Paris leitet. Geithner ist fasziniert von dem Klavierspiel des Jungen, drängt ihn, zum Konservatorium zu kommen; er möchte ihm behilflich sein, sich und seine Fähigkeiten zu entwickeln, an seiner Karriere zu arbeiten. Matthieu winkt dankend ab, so ein Spinner, für Klavierunterricht hat man bei ihm zuhause kein Geld. Doch Geithner drückt ihm für alle Fälle seine Visitenkarte in die Hand.

Pierre Geithners große Zeit am Konservatorium scheint vorbei zu sein. Man will dem Institut die Gelder kürzen, ihm den Posten wegnehmen, einen lächelnden Idioten an seine Stelle setzten, der sich allerdings - das muss er zugeben – im Rampenlicht wohler fühlt als er. Auch die Ehe mit Mathilde hat bessere Zeiten gesehen. Um das Ruder noch herum zu reißen, müsste einer der Zöglinge des Konservatoriums mal wieder den Grand Prix d'excellence der Musik gewinnen, aber der wird seit Jahren von Chinesen oder Japanern gewonnen.

Ein paar Tage später bekommt er dann tatsächlich einen Anruf von Mathieu, nicht weil dieser vorspielen will, Mathieu sitzt in der Klemme. Er ist bei einem Einbruch erwischt worden, soll ins Gefängnis, schließlich ist das nicht das erste Mal gewesen.

Doch Geithner bürgt für ihn und Mathieu bekommt „nur“ Sozialstunden aufgebrummt: Putzen im Konservatorium. Pierre Geithners Plan dahinter: wenn der Junge schon mal da ist, kann man ihn nach und nach auch vorbereiten auf den Prix d'excellence. Frischer Wind im Konservatorium, ein Außenseiter, das wäre was für die Presse.

Doch nicht nur Pierre Geithner hat zu kämpfen, um diesen Plan durchzusetzen, auch der rebellische Mathieu kommt an seine Grenzen.

 

 Absolut lesenswert! Ein Wohlfühlbuch par excellence!!!!!!!!!!!!!!!


Verlag: S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397382-2
Preis: 22,00 €
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Der Honigbus

Meredith May, Rezension von Jutta Pollmann

Amerika 1975: Die Ehe von Meredith Eltern steht von Anfang an unter keinem guten Stern, doch in diesem Jahr liegt sie in Scherben. Meredith und ihr Bruder Matthew ziehen mit ihrer Mutter an die Westküste nach Big Sur, wo ihre Großeltern leben. Und auch wenn es in den letzten Jahren mehr Streit als Nähe zwischen den Ehepartnern gab, ist Merediths` Mutter am Boden zerstört. Zuhause bei ihren Eltern verkriecht sie sich in ihr Zimmer, kümmert sich um nichts mehr, auch nicht um die Kinder und ergibt sich ihren Depressionen. Die Großmutter versorgt die Kinder, aber das ist auch alles. Liebe und Zuneigung sind Fremdworte für diese Frau. Matthew ist noch klein, bekommt vieles nicht mit, doch Meredith leidet. Auch die Schule ist für sie nicht einfach. Sie vermisst ihre alten Freundinnen, hier wird sie nicht richtig heimisch. Nicht zuletzt die Kleidung macht sie zur Außenseiterin – 1975 tragen junge Mädchen eher Schlaghosen und Häkeltops, statt Schottenrock und Bluse, die ihre Großmutter aus der Kleiderkammer besorgt hat.

Einzig ihr Großvater, ein einfacher, ruhiger und besonnener Mann ist für Meredith ein Fels in der Brandung. Sein Geld verdient er sich durch Handwerksaufträge, aber in ersten Linie als Imker. Ein alter Schulbus auf dem Gelände beherbergt eine Honigschleuder und rund um Big Sur stehen seine Bienenkörbe. Nach und nach führt er Meredith in die Kunst des Honigmachens ein und erzählt ihr alles, was er über Bienen weiß.

Irgendwann sollen die Kinder ihre Väter mit in die Schule bringen, damit diese den anderen von ihren Berufen erzählen können. Meredith ist sich unschlüssig, ob sie ihren Großvater fragen soll, schließlich macht er in seinem alten karierten Hemd und der Arbeitshose nicht viel her, doch an dem speziellen Nachmittag, steht ihr Großvater geschniegelt und gespornt vor ihr. An seiner Hand geht es in die Schule. Später lauschen ihm alle Kinder und Erwachsenen, als er von seiner Arbeit als Imker erzählt, wie viele Generationen seiner Familie schon Imker waren, worauf es bei der Arbeit ankommt, welche wichtige Aufgabe die Bienen haben. Meredith hört ihm genauso gebannt zu wie alle anderen und ist zum ersten Mal glücklich.

Ein paar Jahre später, als sie alt genug ist, um allein zu fliegen, verlebt sie eine Woche bei ihrem Vater und seiner neuen Frau an der Ostküste. Eine Woche ist sie die Prinzessin, eine Woche werden ihr alle Wünsche erfüllt, eine Woche Eis und Kirmes und Tierpark und, und...

Als ihr Vater Meredith anbietet, bei ihm an der Ostküste zu bleiben, ist sie hin und her gerissen: sie weiß, sie wird ihn vermissen, aber sie sehnt sich nach ihrem Großvater.

Meredith fliegt zurück und genau wie die Bienen tagtäglich lernen müssen mit den Ungereimtheiten der Natur oder der Umgebung klar zu kommen, so lernt auch Meredith an der Seite ihres Großvaters sich den Widrigkeiten des Lebens zu stellen.

 

Ein wirklich schöner und bewegender biographischer Roman, der auch ein bisschen an „Jeanette Walls, Schloss aus Glas“ erinnert. Meredith May verarbeitet in diesem Buch die schweren Jahre ihrer Kindheit und Jugend in den 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07053-8
Preis: 22,00 €
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Die Liebe im Ernstfall

Daniela Krien, Rezension von Tanja Tenberg

Fünf Frauenschicksale, fünf Frauenleben , fünf Geschichten, von Frauen, die den Fall der Mauer erlebten.

Wir lernen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde kennen, leiden und lieben mit ihnen, hoffen und freuen uns.

Es geht um eine trauernde Mutter, eine viel arbeitende Ärztin, auf der Suche nach der Liebe im Internet, eine zweifache Mutter und Schriftstellerin, aufopfernd in ihrer Mutterrolle, immer auf der Suche nach Inspiration für ihre Bücher.

Eine kinderlose Musiklehrerin, verlassen in jungen Jahren, immer noch ihrem Freund hinterher trauernd, eine erfolgreiche Schauspielerin hin und her gerissen in ihrer Rolle als Mutter und Frau.

 

Daniela Krien, Jahrgang 1975,aufgewachsen in der DDR, weiß, wovon sie redet.

Es ist ihr drittes Buch, für mich war es das Erste und es packte mich von der ersten bis zur letzten Seite. Und meinen Kolleginnen ging es genauso.

Bitte vertrauen Sie uns und lesen und genießen Sie dieses Buch, meine Damen.

Silke Müller vom Stern (Hamburg) schreibt über dieses Buch: "Diese Frauen werden beim Lesen zu Vertrauten, sie offenbaren sich und bleiben so unverstellt und vor allem: glaubwürdig. Vielleicht ist das die Kunst, das literarische Konzept von Daniela Krien, diese distanzlose Wahrhaftigkeit ihrer Figuren, die berührende Intimität."