Belletristik


Verlag: CH.Beck
ISBN: 978-3-406-75535-4
Preis: 24,00 €
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Cloris

Rye Curtis, Rezension von Kathrin Allkemper

Das Ehepaar Waldrip ist seit 45 Jahren verheiratet. Als kleine Überraschung für seine Frau Cloris bucht Mr.Waldrip einen Rundflug über den Bitterroot National Forest in Montana. Geflogen wird die kleine Cessna von Terry, einem jungen Mann, der gerade frisch verheiratet ist. Die drei genießen die wunderbare Landschaft, als die Maschine plötzlich einen Ruck macht, ins Trudeln kommt und kurze Zeit später über der Wildnis Montanas abstürzt. Nur Cloris überlebt wie durch ein Wunder mehr oder weniger unverletzt. Auf der Suche nach Hilfe macht sich die 72jährige Frau auf den Weg durch die Wälder und gerät schnell an ihre Grenzen. Von Zivilisation keine Spur, aber scheinbar ist sie dennoch nicht alleine dort draußen….

In einem anderen Teil dieser Wildnis lebt Rangerin Debra Lewis. Seit der Scheidung von ihrem Mann hilft sie sich mit Merlot durch den Tag. Als sie die Meldung vom Flugzeugabsturz erhält, erwachen ihre Lebensgeister neu. Während die anderen nach dem Fund des Wracks und der beiden Männerleichen schnell davon ausgehen, dass auch Cloris das nicht überlebt haben kann und ihre Leiche einfach von Tieren verschleppt oder gefressen wurde, hält Lewis an der Suche nach der Frau fest. Ein spannender Wettlauf mit der Zeit beginnt….

Ein richtig gut geschriebener Abenteuerroman über zwei ungewöhnliche Frauen, die beide auf ihre Art ums Überleben kämpfen.


Verlag: Piper
ISBN: 9783492059145
Preis: 22,00 €
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Sommergäste

Agnes Krup, Rezension von Kathrin Allkemper

Chicago, 1912. Die angehende Künstlerin und Bildhauerin Ellen trifft auf die lebenslustige Journalistin Charlotte. Zunächst erscheint ihr diese junge Frau unsympathisch und aufdringlich und Ellen fühl sich überrumpelt. Aber je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto stärker werden ihre Gefühle für einander und schließlich trennt Ellen sich von ihrem Geliebten und zieht gegen jegliche Konventionen bei Charlotte ein... 

Rockcliff Isle, 1925. Die mittlerweile recht berühmte Autorin Charlotte reist wie jeden Sommer mit ihrer Partnerin Ellen auf diese kleine schöne Atlantikinsel, um fernab des Trubels in Ruhe an ihrem neuen Roman schreiben zu können. Ellen hat ihr zuliebe auf eine Karriere als Bildhauerin verzichtet und kümmert sich nun um sämtliche Belange in ihrer Beziehung, damit Charlotte sich ganz dem Schreiben widmen kann. Doch in diesem Sommer lernen sie den einheimischen Ornithologen Crawford Maker kennen, der sie gleich einlädt, ihn in seinem Atelier zu besuchen. Ellen kommt der Einladung zu gerne nach und ist fasziniert von seiner Arbeit. Um ihm zu helfen, holt sie ihre alten Skizzenblöcke hervor und beginnt wieder zu modellieren. Durch ihn wird die Sehnsucht nach der Künstlerin in ihr wieder erweckt und sie spürt, was sie all die Jahre vermisst hat. Von nun an haben die Sommer auf Rockcliff Isle einen ganz besonderen Reiz für Ellen und sie beginnt, sich aus dem Schatten von Charlotte zu lösen. Als Crawford das Angebot erhält, eine Expediton im Kongo zu leiten, möchte er Ellen gerne mitnehmen, denn für ihn ist sie nicht nur als Künstlerin sehr interessant...

Eine wunderbar erzählte Geschichte dreier Liebender, angelehnt an die Biografien der Schriftstellerin Willa Cather, die für ihren Roman "One of ours" den Pulitzer-Preis erhielt, und des kanandischen Naturforschers Allan Moses.


Verlag: Blumenbar
ISBN: 9783351050771
Preis: 20,00 €
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Du wirst mein Herz verwüsten

Morgane Ortin, Rezension von Karin Bucconi

"Dieser Roman macht Lust, zu lieben." 

Die Zeitschrift "Le Monde" über den Roman...

Ein Buch geschrieben in Textnachrichten. Nicht das erste, aber ein besonders schönes.

Zwei Menschen,  lernen sich kennen, verlieben, ärgern, verletzen sich,  berühren einander endlich und lieben sich noch mehr.

Der Roman erzählt von der unverhofften Begegnung zweier Menschen, die sowohl Rauschmomente und Glück erleben als auch Traurigkeit und Zweifel.

Die Leserin/der Leser verfolgt eine sehr moderne Liebesbeziehung, aber eben digital. Die Mails und SMS sind zum Teil so wunderschön geschrieben, dass man sich wünscht, man hätte sie selber bekommen.

Morgane Ortin sammelt seit langem über ihr Instagram-Portal mit dem Einverständnis der Nutzer WhatsApp-Unterhaltungen und veröfffentlicht sie anonym auf ihrer Instagramseite. 278 hat sie ausgesucht und mit ihnen eine Liebesgeschichte erzählt. 

Eine intensive Lektüre. Die Nachrichten sind poetisch und berührend: 

Ein Loblied auf die Liebe.

Unbedingt empfehlenswert.

 


Verlag: Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0042-9
Preis: 20,00 €
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Marianengraben

Jasmin Schreiber, Rezension von Christina Heger

Die Biologiestudentin Paula leidet seit dem tragischen Unfalltod ihres kleinen Bruders Timan Depressionen. Sie ist unfähig um ihren Bruder zu trauern, zu weinen und einen Weg aus der Tiefe der Depression zu finden. Sie sieht sich nicht einmal in der Lage, das Grab desBruders zu besuchen, weil sie mit ihrer Trauer allein sein und niemandem begegnen möchte. Aus diesem Grund rät ihr Therapeut ihr, den Friedhof dann aufzusuchen, wenn sich dort sonst niemand aufhält. Und wann ist dies der Fall? Nachts.Paula startet also eine abenteuerliche Expedition auf den nächtlichen Friedhof und begegnet dort dem schrulligen Rentner Helmut, der gerade dabei ist, eine Urne auszugraben...Diese absurde Situation ist der Beginn der gemeinsamen Reise zweier komplett verschiedener Menschen, die eins verbindet: Der Verlust eines geliebten Menschen und der Versuch mit dem daraus resultierenden Schmerz umzugehen.Helmut und Paula machen sich auf eine schmerzliche, erkenntnisreiche und tröstliche Reise und die beiden grundverschiedenen Charaktere freunden sich auf eine bewegende und zutiefst rührende Weise an.Die Geschichte wird aus der Perspektive von Paula erzählt, die ihrem Bruder von ihrem Umgang mit der Trauer, ihren Erinnerungen an ihn und der verrückten Reise mit Helmut erzählt. Tim und Paula teilten die Faszination für Biologie und das Meer, weshalb Paula ihre Depression mit dem Marianengraben, der tiefsten Stelle des Meeres, vergleicht und jedes Kapitel mit Kilometerangaben versehen ist: “...Auch mir war das mit den elftausend Metern eigentlich zu abstrakt. Erst als ich selbst dort ankam, also ganz unten in der Dunkelheit...bekamen diese elf Kilometer und all diese Ziffern und Größenangaben eine greifbare Qualität für mich - elftausend Meter unter Wasser sind gleichbedeutend mit einem Meter neunzig unter der Erde, der Tiefe deines Grabes.”Das Buch ist eine wundervolle Geschichte über Trauer, Depression und den Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen aber auch über die Rückkehr des Lebenswillens. Die Erzählweise ist sehr persönlich und berührend, dabei aber durchaus auch komisch und unterhaltend ohne albern oder unpassend zu sein. Es gelingt Jasmin Schreiber, dem Thema die Schwere zu nehmen und dennoch ein Gefühl für die Depression zu vermitteln.


Verlag: Wunderlich
ISBN: 978-3-8052-0044-8
Preis: 19,90 €
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Das Beste kommt noch

Richard Roper, Rezension von Kathrin Allkemper

Der eher zurückhaltende Andrew arbeitet als Nachlassverwalter. Sein Job ist es, die Wohnung eines Verstorbenen, der auf den ersten Blick keine Angehörigen hat, nach Hinweisen auf Verwandte oder gegebenenfalls auf Geld oder Sparbücher abzusuchen, damit das Begräbnis bezahlt wird. Findet er weder das eine noch das andere, bekommt der Verstorbene ein sogenanntes Armenbegräbnis. Und da Andrew großes Mitleid mit diesen Menschen hat, begleitet er sie oftmals als einziger Gast auf ihrem letzten Weg. Wirklich keine leichte Arbeit und emotional manchmal ganz schön belastend, aber zum Glück hat er ja eine starke Ehefrau an seiner Seite, zwei muntere Kinder und ein schönes Haus – zumindest denken das seine Arbeitskollegen. In Wahrheit wohnt er in einem Mini-Appartement und seine einzigen Mitbewohner sind die Modelleisenbahnen, die sich durchs Zimmer schlängeln. Eigentlich ist er genauso einsam, wie die Verstorbenen, um deren Beerdigungen er sich kümmert. Da fängt die muntere Peggy in der Firma an, die nicht nur frischen Wind in die Gruppe der Kollegen bringt, sondern ganz besonders in Andrews Leben. Leider ist sie liiert und hat zwei Kinder und genau das denkt sie auch von ihrem äußerst netten Arbeitskollegen....

Eine wundervoll warmherzige Geschichte, die beim Lesen wie eine britische Filmromanze a la „Notting Hill“ mit all den verschrobenen, liebevollen Charakteren, vor meinem inneren Auge ablief


Verlag: Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 9783424631878
Preis: 22,00 €
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Ach, Virginia

Michael Kumpfmüller, Rezension von Karin Bucconi

2011 hatte er das letzte Lebensjahr von Kafka erkundet. Dieses Mal hat Kumpfmüller einen Roman über die letzten Tage im Leben von Virginia Woolf geschrieben.

Wir befinden uns im Jahr 1941. Virginia hat gerade ihr letztes Buch beendet und hält es für völlig misslungen. Sie kann nicht schlafen, hört Stimmen und alle Hilfeangebote lehnt sie ab. Ihr Leben war reich, auch an tragischen Momenten. Nun fliegen deutsche Bomber über das kleine Haus, dass sie mit ihrem Mann bewohnt, Sie kommt sich wie eine Gefangene vor. Will ausbrechen, aber wohin?

Der Abschiedsbreif an ihren Ehemann Leonard ist geschrieben. Das Wasser im Fluss ist kalt. Aber- ihr Versuch, sich zu ertränken, scheitert. Als sie völlig durchnässt nach Hause zurückkehrt, ist Leonard sofort an ihrer Seite. Es regnet und er fragt nicht, woher sie kommt. Vielleicht will er es auch gar nicht wissen. 

Nachdem sie ihm in ihrem Abschiedsbrief dankende Worte gewidmet hat, ist ihr Blick auf ihn jetzt ein wütender. Sie hasst seine Mittelmäßigkeit und auch, dass er sie geheiratet hat. Ihre Liebe gilt ohnehin nicht ihm, sondern Vita Sackville West. Jetzt, in ihren letzten Tagen, richtet sie alle Wut, die sie spürt, auf ihn.

Wieviel an dem kleinen Roman Fakt ist und wieviel fiktiv, kann ich nicht beurteilen. Dazu weiß ich nicht genug über das Leben der Virginia Woolf. Aber-  großen Raum nimmt ihr Innenleben ein, vergangene und aktuelle Beziehungen und die jahrelange Liebesbeziehung zu Vita Sackville West. Kumpfmüller beschreibt die Gedankenwelt der Virginia zu besseren Zeiten und an ihrem Lebensende in seiner gewohnt schönen, unaufgeregten Sprache.

Für mich ein gelungener  und glaubwürdiger Roman.


Verlag: Thiele
ISBN: 978-3-85179-451-9
Preis: 22,00 €
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Das Lächeln einer Sommernacht

Luca Ammirati, Rezension von Tanja Tenberg

Samuele, dreißigjähriger unglücklicher Teilzeit-Reporter und leidenschaftlicher Hobbyastronom, lernt eines Abends während einer Führung in der kleinen Sternwarte in San Remo die schöne Emma kennen.

Sie verbringen den Abend zusammen bei gutem Essen und viel Wein, der Tag war lang, und während Emma ins Bad verschwindet, schließt Samuele kurz die Augen und schläft ein.

Am nächsten Morgen ist Emma weg und hinterlässt nur einen roten Kussmund auf dem Badezimmerspiegel.

Samuele ist verzweifelt, wie konnte ihm das nur passieren? Da trifft er seine Traumfrau und weiß am nächsten Morgen leider nur von ihr, dass sie Emma heißt und Kinderbücher illustriert.

Es beginnt eine wilde Suche im Internet, die leider erfolglos verläuft.

Sein bester Freund Iacopo, seines Zeichens Schürzenjäger der Stadt, verzweifelt an der Unglückseligkeit seines Freundes, es gäbe doch genug schöne Frauen in San Remo.

Ilenia, Konditorin in San Remo, glaubt wie Samuele auch an die große Liebe und will ihren Freund unterstützen, getröstet wird er mit leckerem selbstgebackenem Gebäck.

Sein Goldfisch Galileo, kurz Leo, muss für Selbstgespräche herhalten.

Am Ende der herzerwärmenden 350 Seiten stehen sieben Dialoge mit Leo.

Und ob es ein Happy End gibt? Das wird nicht verraten.

Lesen Sie selber und genießen das herrliche italienische Ambiente.

Ein Liebesgeschichte à la Nicolas Barreau zum Wegschmökern für verregnete Frühlingstage oder am Pool im Sonnenschein.


Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446265622
Preis: 19,00 €
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Die Bagage

Monika Helfer, Rezension von Daniela Maifrini

 

Österreich 1914. Irgendwo in der Gegend hinter Bregenz ganz am Ende ihres Dorfes lebt die Familie Moosbrugger. Die Eltern, Josef und Maria, zeichnen sich durch große Attraktivität aus, Josef legt im Gegensatz zu seinen männlichen Mitbürgern großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres, seine Frau Maria ist eine wirkliche Schönheit, was ihr den Neid der Frauen und die Gier der Männer beschert. Sie weiß, dass jeder Einzelne im Dorf sich ihrer bemächtigen würde, wenn nicht alle so große Angst von ihrem Ehemann hätten, der als aufbrausend und im wahrsten Sinne „schlagfertig“ gilt.

Maria und Josef sind mit ihren Kindern nicht auf Rosen gebettet – der Vater hält die Familie mit allerlei „Geschäftchen“ über Wasser - und so wird es für die Moosbruggers recht eng, als Josef direkt zu Beginn des Ersten Weltkriegs seinen Stellungsbefehl erhält und in den Krieg ziehen muss. Aus diesem Grund bittet er den Bürgermeister des Ortes, Gottlieb Fink, während seiner Abwesenheit bei der Familie nach dem Rechten zu sehen und aufzupassen, dass es ihnen an nichts mangelt. Gottlieb verspricht das und nimmt seine Aufgabe auch wirklich sehr ernst.

 

Nun ist es bei einem schmalen Roman wie diesem schnell geschehen, dass man zu viel verrät, also sei nur noch dies gesagt: Josef ist im Krieg und kommt zwischendurch selten auf Fronturlaub. Maria wird schwanger und bringt ihre Tochter Margarete zur Welt. Josef behandelt Margarete zeitlebens wie Luft, nie hat er sie angesehen oder berührt, nie das Wort an sie gerichtet, er verabscheut das Mädchen.

 

Monika Helfer macht sich in diesem Buch auf die Suche nach einem Stück ihrer eigenen Familiengeschichte, nach der Geschichte ihrer Mutter Margarete. Sie ist angewiesen auf die Auskünfte einer fast hundertjährigen Tante, die der Autorin auf dem Totenbett das erzählt, was sie weiß. Der Rest ist erdacht und logisch kombiniert, so dass sich vor uns eine Familiengeschichte auftut, die uns von dem Fluch der Schönheit berichtet, von Verrat, von Misstrauen und Missgunst, von unausgesprochenen und nie ausgeräumten Verdächtigungen, von allerschlimmsten seelischen Verletzungen. Das alles in einer klaren und fast trockenen Sprache und in einem nicht chronologischen Aufbau, der zu Beginn einige Konzentration verlangt, um der Handlung folgen zu können, dann aber eine spannende und sinnvolle Komposition bildet. Sehr lesenswert!

 

 


Verlag: Fischer
ISBN: 9783103900033
Preis: 20,00 €
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Das Haus der Frauen

Laetitia Colombani, Rezension von Annette Kubiak

Die erfolgreiche Pariser Anwältin Solène muss sich nach einem Zusammenbruch neu orientieren. Ein Ehrenamt soll ihr helfen, wieder ins Leben zurückzufinden. Sie wird öffentliche Schreiberin für den „Palais de la Femme“ - für die Frauen im Pariser Frauenhaus. Anfangs sind die Frauen misstrauisch, aber Solène erarbeitet sich ihr Vertrauen und ihren Respekt. Mit jedem Brief, den sie für die Frauen schreibt und jedem Formular, das sie ausfüllt, wächst ihre eigene Zufriedenheit. Jetzt hat sie endlich die Chance, kritisch auf sich selbst und ihre Lebensziele zu blicken...

1926 in Paris gründet Blanche Peyron gemeinsam mit ihrem Mann Albin den „Palais de la Femme“. Sie hat ihr Leben in den Dienst der Heilsarmee gestellt. Sie schont sich nicht, wenn es darum geht, für die Armen und Schwachen einzustehen – aller Erschöpfung und all ihrer fortschreitenden Erkrankungen zum Trotz...

Ein bewegender Roman über Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, ihre Schicksale und die Solidarität untereinander - und das erste Buch, das dem Leben und Werk Blanche Peyrons ein Denkmal setzt.

Der zweite Roman von Laetitia Colombani nach ihrem gefeierten Erstling „Der Zopf“. Absolut empfehlenswert!


Verlag: Klett Cotta
ISBN: 9783608964349
Preis: 17,00 €
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Ein wenig Glaube

Nickolas Butler, Rezension von Kathrin Allkemper

Wisconsin, Amerika.

Vor langer Zeit haben Lyle und Peg ihr Kind verloren. Es wurde nur neun Monate alt. Während Peg sich in ihrer kleinen Gemeinde aufgefangen fühlte, hat Lyle im Stillen mit Gott gebrochen. Er konnte einfach nicht begreifen, wie ein gütiger Gott sein kleines Kind sterben lassen konnte. Nach mehreren Fehlgeburten hatten die beiden eigentlich mit der Gründung einer Familie abgeschlossen, als sie die Chance bekamen, ein kleines Mädchen zu adoptieren.

Heute lebt Adoptivtochter Shiloh mit ihrem Sohn Isaac wieder bei ihnen im Haus und macht die beiden damit zu sehr glücklichen Großeltern. Lyle unternimmt viel mit seinem Enkel, der für seine fünf Jahre recht aufgeweckt ist.

Shiloh hingegen macht ihnen immer mehr Sorgen. Sie besucht zwar nach wie vor mit ihnen den Gottesdienst in der Gemeinde, aber nebenher scheint sie sich einer Art Sekte angeschlossen zu haben. Je mehr Lyle an dieser ominösen Glaubensgemeinde seiner Tochter Anstoß nimmt, desto angespannter wird ihr Verhältnis. Als sich abzeichnet, dass der kleine Isaac mit in die Sache hineingezogen wird, müssen die Großeltern schließlich eine folgenschwere Entscheidung treffen...

Auf sehr feinfühlige Art behandelt Nickolas Butler das Thema Glaube in dieser wunderbar erzählten Familiengeschichte.

 


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07124-5
Preis: 22,00 €
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Rote Kreuze

Sasha Filipenko, Rezension von Bernard Söthe

Es gibt nicht viele Romane, die in Weißrussland spielen. Hier ist einer. Er spielt in Minsk, der Hauptstadt der seit dem Zerfall der Sowjetunion unabhängigen Republik Weißrussland. Überbleibsel aus der unseligen Zeit der Kommunistenherrschaft sind die zahllosen ungepflegten Plattenbauten, die das Stadtbild prägen. Keine Stadt, die man mal eben für einen Kurzurlaub besuchen würde. In einem dieser Plattenbauten im achten Stock beginnt der Roman. Alexander, ein junger Mann Ende 20, bezieht eine der kleinen genormten Wohnungen. Genervt bemerkt er, dass die Nachbarin von Gegenüber, eine sehr alte Dame, neugierig verfolgt, was da vor sich geht. Immer wenn Alexander kommt und geht, lauert sie ihm auf und versucht, ihn in Gespräche zu verwickeln. Zunächst blockt er alle Kontaktversuche ab, er steckt in einer Lebenskrise und hat keinen Sinn für nachbarliche Kontakte. Aber die Beharrlichkeit der alten Frau und ihre offensichtliche Einsamkeit rühren ihn doch, und aus den flüchtigen Kontakten im Hausflur werden längere Besuche in der Wohnung der alten Damen. Sie ist über 90 und an Alzheimer erkrankt. Sie weiß, dass sie diese Krankheit hat und dass der Verlauf unumkehrbar ist. Sie kämpft gegen das Vergessen und erzählt Alexander aus ihrem langen Leben, was sie noch nicht vergessen hat. Sie hat die Schrecken des russischen 20. Jahrhunderts erlebt. In der Zeit des Terrors unter Stalin wurde sie denunziert, verhaftet, von den Schergen vergewaltigt und in einem Scheinprozess zu Haft in einem Arbeitslager in Sibirien verurteilt. Unter menschenunwürdigen Bedingungen hat sie es geschafft zu überleben - und jetzt ist sie alt und verliert ihr Gedächtnis. Zwischen ihr und Alexander entsteht eine ungewöhnliche generationenübergreifende Freundschaft. 

Die titelgebenden "Roten Kreuze" hat die alte Dame auf ihre Wohnungstür gemalt, damit sie nicht vergisst, wo sie wohnt.


Verlag: DTV
ISBN: 978-3-423-28211-6
Preis: 20,00 €
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Eine fast perfekte Welt

Milena Agus, Rezension von Bernhard Söthe

In ihrem neuen Roman beschreibt Milena Agus das Leben dreier Generationen einer sardischen Großfamilie. Angelpunkt der Familie sind die Frauen. Die Großmutter ist früh verwitwet. Gefühlsarm und verbittert regiert sie die Familie mit harter Hand. Den einzigen, ständig kränkelnden Sohn treibt sie mit ihrer Kälte in den Selbstmord. Zwei Töchter heiraten mittellose Kleinbauern aus dem heimatlichen Dorf. Ester, die dritte Tochter, hat sich mit Raffaele, einen gutaussehenden jungen Mann, verlobt. Raffaele muss als Soldat in den Zweiten Weltkrieg. Er überlebt, gerät aber in Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung kehrt er nach Sardinien zurück. Ester, die jahrelang auf ihren Verlobten gewartet hat, stellt fest, dass er in Krieg und Gefangenschaft nicht nur seine Haare, sondern auch seine jugendliche Schönheit verloren hat. Bedrückt merkt sie, dass sie Raffaele mehr mag, wenn er nicht da ist. Sie zögert die Hochzeit hinaus. Raffaele, der auf Sardinien keine Arbeit findet, geht auf das Festland, wo er in Genua in einer Fabrik eine Stelle findet. Fast täglich schreiben sich Ester und Raffaele. Ester findet ihr Leben im Heimatdorf zunehmend unerträglich. "Wie kann man an einem solchen Ort nur leben?", so schließt sie jeden Brief an Raffaele. Nach langem Zögern willigt Ester dann doch in eine Ehe mit Raffaele ein und zieht zu ihm aufs Festland. Ihre einzige Tochter kommt zur Welt, Felicita. Das Geld ist knapp, da Raffaele nicht möchte, dass seine Frau arbeitet. Sarden gelten in Norditalien als zurückgebliebene Hinterwäldler, und Ester tut sich schwer, Freundschaften zu schließen und findet auch hier, an diesem Ort, könne man nicht leben. Raffaele, der seine Frau trotz ihrer Absonderlichkeiten liebt, gibt nach, und die kleine Familie lehrt in das sardische Dorf in das düstere Familienhaus zurück, wo die Großmutter noch lebt, die zwar älter, aber nicht milder geworden ist. Hier wächst Felicita auf. Der Name passt, sie ist wirklich ein glückliches Kind, sie nimmt alles, wie es kommt und gleicht mit ihrem ausgeglichenen Wesen ihrem Vater und nicht ihrer heftigen Stimmungsschwankungen unterworfenen Mutter. Felicita geht zur Schule, das Abitur schafft sie nicht. Eine Schönheit wird sie auch nicht, die pummelige Gestalt hat sie von ihrem Vater geerbt, aber ihre freundliche Ausstrahlung macht das wett. Sie verliebt sich in den einzigen Sohn der einzigen adligen Großgrundbesitzerin des Dorfes Pietro Maria. Die beiden werden ein Paar. Als Felicita schwanger wird - die Zeiten haben sich geändert - , wird tatsächlich eine große Hochzeit zwischen der Arbeitertochter und dem Adelssprössling vorbereitet. Aber Felicita sagt zum Entsetzen ihrer Mutter die Hochzeit ab. Sie liebt Pietro Maria, der zwar gerne mit Felicita schläft, sich aber trotz seiner ehrlichen Bemühungen nicht in der Lage sieht, Felicita seinerseits zu lieben. Das ist ihr als Lebensbasis zu wenig, und sie zieht die Konsequenzen. Statt wie erwartet das ungeborene Kind abtreiben zu lassen, geht Felicita nach Cagliari, der quirligen Hauptstadt Sardiniens, wo sie im multikulturellen Hafenviertel ihren Sohn Gabriele zur Welt bringt und aufzieht.

"Eine fast perfekte Welt" ist ein schmaler, nur knapp 200 Seiten umfassender, aber inhaltsreicher Roman voller Geschichten, die oft nur gestreift, selten zu Ende erzählt werden. Dadurch gelingt es der Autorin Milena Agus, die Phantasie ihrer Leser anzuregen, sie quasi zu Mitautoren dieses fast perfekten Romans zu machen.  Ebenfalls von Milena Agus ist der Roman "Die Frau im Mond", der auch verfilmt wurde und als Taschenbuch inzwischen 7. Auflagen erlebt hat. 


Verlag: Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2816-4
Preis: 12,90 €
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Vaterschaftstest

Markus Behr, Rezension von Kathrin Allkemper

Fabian Weinert ist Lehrer, recht verschroben und mit Mitte 30 noch Jungfrau. Die Sommerferien stehen vor der Tür, für ihn sechs einsame und langweilige Wochen. Ständig nervt ihn seine Mutter, was er denn vorhat und ob er noch verreist. Aber mit wem sollte er das tun? Während er die Hausaufgabe seiner Therapeutin befolgt und im Geiste ständig Listen anfertigt, was zu den guten und was zu den schlechten Dingen in seinem Alltag gehört, beschließt er, mehr unter Leute zu gehen. Und damit er endlich einmal wieder Körperkontakt bekommt, meldet er sich bei einem Kuschelseminar an...

Doch dann passiert etwas, was sein Leben komplett über den Haufen wirft. Er erhält einen Anruf von zwei Mädchen im Teenageralter, die behaupten, dass er ihr Vater ist. Sie wurden als Babys adoptiert und haben nun endlich ihre leibliche Mutter einmal kennengelernt, welche ganz klar Fabian als Vater angibt....Und schon sind die Sommerferien gar nicht mehr langweilig.


Verlag: Droemer Knaur
ISBN: 978-3-426-22708-4
Preis: 14,99 €
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Annika Rose und die Logik der Liebe

Tracey Garvis Graves, Rezension von Kathrin Allkemper

1991: Die junge Studentin Annika ist Autistin. Veränderungen, Lärm und viele Menschen sind ihr ein Graus. Am liebsten umgibt sie sich mit Büchern und Tieren. Als ihre Mitbewohnerin Janice sich an Annikas Verhalten und den Umgang mit ihr gewöhnt hat, freunden die beiden Mädchen sich richtig an. So ist es auch Janice, die Annika sowohl bei der Tierrettung, als auch im Schachclub der Uni unterbringt, damit Annika wenigstens ein paar soziale Kontakte pflegt. Eines Tages setzt man ihr einen neuen Gegenspieler vor die Nase, Jonathan. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten verlieben sich die beiden ineinander. Annika fühlt sich bei ihm ungewohnt sicher und Jonathan ist einfach fasziniert von ihrer ehrlichen und direkten Art. Doch trotz allem steht Annikas Autismus ihrem Glück im Weg und die beiden trennen sich.

2001: Annika arbeitet mittlerweile als Bibliothekarin. Da begegnet ihr nach all den Jahren plötzlich Jonathan auf der Straße. Sie liebt ihn immer noch, aber ist es zu spät für eine zweite Chance?

Die Geschichte wechselt zwischen den beiden Zeitebenen und wird mal aus Jonathans und mal aus Annikas Sicht erzählt. Letztere zeigt auf ganz interessante Weise, wie scheinbar harmlose Situationen für Autisten zu unüberwindbaren oder angsteinflössenden Hindernissen werden können. Mal lustig, mal traurig, auf jeden Fall eine schöne Liebesgeschichte.

 


Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-10402-5
Preis: 15,00 €
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Das Erbe

Ellen Sandberg, Rezension von Jutta Pollmann

1938

Seit ein paar Jahren wohnte die nun 14jährige Klara Hacker im Schwanenhaus. Die großzügige 5 Zimmer Wohnung passte auch eher zu einem Staatsanwalt, meinte ihre anspruchsvolle Mutter. Doch leisten konnten sich die Hackers die Wohnung nur, weil der Vermieter Herr Roth ihnen mit der Miete entgegen gekommen war. Klaras Mutter glaubte, er wolle als Jude in diesen Zeiten nur einen Fürsprecher im Hause haben. Mirjam Roth war Klaras beste Freundin, obwohl seit Klara beim BDM war, war diese Freundschaft etwas abgekühlt. Frau Roth sah es sowieso nicht gern, wenn Klara und Mirjam zusammen waren.

Eines Tages belauscht Klara ein Gespräch ihres Vaters mit Herrn Roth in seinem Arbeitszimmer. Kurze Zeit später sind die Hackers die neuen Besitzer des Schwanenhauses und die Familie Roth verschwindet.

 

2018

Vom Amtsgericht München erhält Mona Lang die Information, dass sie die Alleinerbin von Klara Hacker ist. Mona ist erstaunt, hat sie diese entfernte Verwandte doch nur ein paar Mal gesehen, zuletzt auf dem 70. Geburtstag ihres Vaters. Und nun ist sie Erbin eines riesigen, alten Mietshauses, das Millionen wert ist. Ihrem Steuerberater hat Klara Hacker nur gesagt, Mona würde schon das Richtige tun. Doch Mona weiß nicht, was damit gemeint ist.

Das Erbe bringt ihr aber zunächst kein Glück, eröffnet ihr Freund Bernd ihr doch, er habe seit einem halben Jahr eine neue Freundin, habe sich aber nicht getraut, es ihr zu sagen. Doch jetzt sei sie ja reich, da würde sie ja nicht durch eine Trennung in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Mona packt ihre Koffer in Berlin und reist schnellstens zu ihrer Freundin nach München, ihren Freund Bernd und Berlin will sie so schnell wie möglich hinter sich lassen. Sie bezieht die Wohnung Klaras in dem Gründerzeitgebäude und kämpft sich nach und nach durch Klaras Hinterlassenschaften. Sie stößt auf Briefe, auf Bilder, befragt Nachbarn über Klara aus, denn sie kann sich keinen Reim darauf machen, was Klara gemeint haben könnte. Eine Freundin Monas, die Historikerin ist, wühlt sich durch die Geschichte des Hauses und liefert Mona die Informationen, die sie für ihre Entscheidung braucht.

Wieder eine spannende Geschichte aus der Feder von Ellen Sandberg. Sie versteht es, Geschichte und Fiktion zu verbinden. Lesenswert!

 


Verlag: Klett Cotta
ISBN: 978-3-608-96340-3
Preis: 22,00 €
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Die Zeit des Lichts

Whitney Scharer, Rezension von Bernhard Söthe

"Ich würde lieber ein Bild machen, als eines zu sein", sagt die spätere berühmte Fotografin Lee Miller im spektakulären Debütroman der Amerikanerin Whitney Scharer. Die blendend aussehende Lee Miller war in den späten 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das "Covergirl" der auch damals schon einflussreichen Modezeitschrift "Vogue". Nur schön zu sein reichte Lee Miller nicht, statt vor der Kamera wollte sie hinter der Kamera stehen. In den frühen 30er Jahren ging Lee Miller von New York nach Paris, der damaligen Kulturhauptstadt der Welt. Nach schwierigem Anfang gelang es ihr, in der angesagtesten Künstlerszene Fuß zu fassen. Sie wurde Assistentin des Fotografen Man Ray, der zum Kreis der Surrealisten gehörte und auch als Maler und Filmemacher tätig war. Aus der Arbeitsbeziehung wurde eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit vielen Höhen und Tiefen. Man Ray akzeptierte nie Lee Millers Rolle als eigenständige Künstlerin, und sie sah sich in die untergeordnete Funktion der Assistentin des großen Meisters gedrängt. Daran scheiterte letztendlich die Beziehung: Lee Miller eröffnete ein eigenes Fotostudio, mit dem sie bald großen Erfolg hatte. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie eine der wenigen weiblichen Kriegsberichterstatter der US-Army. Sie war die erste Reporterin, die im gerade befreiten KZ Dachau Fotos machte. Ihr (gestelltes) Foto, wie sie in Hitlers Badewanne in dessen Privatwohnung in München sitzt, ging um die ganze Welt. Nach dem Krieg heiratete Lee Miller einen englischen Künstler, mit dem sie auf einer Farm in der englischen Provinz lebte, hier fühlte sie sich nie heimisch. In den 50er Jahen arbeitete sie noch für internationael Zeitschriften, aber die Aufträge wurden spärlicher, weil Lee Millers zunehmende Alkoholsucht sie immer unzuverlässiger werden ließ.

In den 70er Jahren gab es in London eine große Retrospektive der Arbeiten von Man Ray und Lee Miller. Anlässlich der Ausstellungseröffnung gab es nach vierzig Jahren ein Wiedersehen zwischen den beiden.


Verlag: DTV
ISBN: 978-3-423-23006-3
Preis: 18,00 €
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Das Ting

Artur Dziuk, Rezension von Dagmar Hallay

Vier junge Menschen gründen ein Start-Up in Berlin, was an und für sich erst einmal nichts Besonderes ist, das Produkt, das sie auf den Markt bringen wollen, dafür umso mehr. Es handelt sich um eine App als Navigationssystem durch das Leben, perfekt angepasst an den jeweiligen Nutzer. 

Linus, Adam, Nui und Kasper suchen Investoren für ihr Produkt. Doch bevor es auf den Markt kann, muss es erst einmal getestet werden. Und wer, als die vier wären besser geeignet? Mit einem Zusatzvertrag verpflichten sie sich, jeder Anweisung der App Folge zu leisten, ansonsten ist derjenige raus aus dem Geschäft. 

Aus der Sicht aller Teilnehmer wird geschrieben, was sie so mit der App erleben und was sie dem jeweiligen Nutzer für Anweisungen gibt und wie derjenige darauf reagiert. Zuerst handelt es sich um so belanglose Dinge, wie mehr Sport zu treiben, zu schlafen oder zu trinken. Doch es gibt auch Empfehlungen, die tiefgründiger sind und den Nutzer vor schwere Entscheidungen stellen. 

Spannend geschrieben und teilweise auch beängstigend, wenn man bedenkt, wie weit wir mit dieser Entwicklung schon sind. 

Absolute Leseempfehlung!


Verlag: Kiwi
ISBN: 9783462053494
Preis: 20,00 €
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Laufen

Isabel Bogdan, Rezension von Karin Bucconi

Wer einen leichtgängigen Roman erwartet wie "Der Pfau" (2016 erschienen), wird enttäuscht werden. Die Autorin, die auch als Übersetzerin für Jane Gardam, Nick Hornby und Jonathan Safran Foer arbeitet liefert mit "Laufen" ein kleines, ganz besonders Buch zur Trauerbewätigung ab. 

Eine junge Bratschistin kommt eines Abends nach Hause und trifft auf die Polizei, die ihr mitteilt, dass ihr Mann sich das Leben genommen hat. Eine Welt bricht zusammen. Sie igelt sich ein, beginnt dann zu laufen. Zwei Schritte einatmen, vier Schritte ausatmen. Ein, ein, aus, aus, aus, aus... Sie spürt ihren Körper, hat Beine wie Sandsäcke, schafft nur kurze Runden. Ist wütend. Ist verzagt. Ist unendlich traurig. Vermisst ihren Gefährten, die Rituale, sie verbunden haben.

Seine Eltern, die immer gegen sie waren, geben ihr eine Mitschuld am Tod ihres Kindes, und weil sie nicht die Ehefrau ihres Sohnes war, räumen sie ihr die Wohnung aus, nehmen alles mit, von dem sie glauben, dass es ihm gehörte.

Sie läuft und läuft. Ihre Strecken werden länger. Sie kann die Leute nicht mehr hören: "Da, wo er jetzt ist, geht es ihm gut" oder "die Zeit heilt alle Wunden". Gequirlte Scheiße ist das für sie. Sie zieht um. Und-

ganz langsam nimmt sie wieder die Umgebung wahr, ganz allmählich wird aus dem Negieren des ihres Lebens ein zaghaftes "Vielleicht",  und sie beginnt sich wieder nach einem Du zu sehnen, wissend, dass das nicht bedeutet, dass sie ihre große Liebe vergessen muss...

Ein atemloser Roman, ein kleines Buch, das trotz aller Traurigkeit Hoffnung macht. Eine kleine Kostbarkeit.


Verlag: Kiwi
ISBN: 9783462048902
Preis: 24,00 €
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Die unerlässliche Bedingung des Glücks

Renate Feyl, Rezension von Karin Bucconi

1845...

Der Student Ferdinand Lasalle begegnet auf einer Gesellschaft der schönen Gräfin Sophie von Hatzfeld und verliebt sich unsterblich in sie. Sophie will sich von ihrem Ehemann, dem "Untier" Graf Edmund von Hatzfeld scheiden lassen, der sie von Beginn ihrer Ehe an immer wieder betrogen und belogen hat. Außerdem hat er sich ihres gesamten Vermögens bemächtigt, und sie kann erst einmal nichts dagegen tun, weil Ehefrauen, den Ehemännern zu gehorchen und nichts zu sagen haben.

Einen Scheidungsanwalt findet sie nicht. Niemand wagt es sich mit Männern von Stand, und schon gar nicht mit dem Grafen von Hatzfeld, anzulegen. Ferdinand Lasalle aber, wirft sein Studium hin, um für Sophies Rechte und ihre Freiheit zu kämpfen. Bei Sophie lebt nur ihr Sohn Paul. Beide anderen KInder hat ihr der Gemahl bereits weg genommen. 

Edmund von Hatzfeld besticht vor dem Scheidungsprozess zig Menschen mit insgesamt 100 000 Talern und überredet sie zur Falschaussage. Nun steht Sophie als Betrügerin, Hure und schlechte Mutter da, die nicht im geringsten fähig ist, ihre Kinder zu  erziehen. Er streicht ihr den Unterhalt und macht ihr das Leben unerträglich.

Einzig Lasalle unterstützt sie, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Letztlich findet er aber einen der Zeugen des Grafen, der ihm gegen eine hohe Summe  Unterlagen aushändigt, die vor Gericht beweisen, dass von Hatzfeld gelogen und auch das hohe Gericht betrogen hat. Er muss seine Frau entschädigen, die wieder standesgemäß leben kann. Lasalle wird von Sophie bewundert, vom Adel gehasst und mehrfach verhaftet. Er wird zum Wortführer der frühen Arbeiterbewegung und bereitet den Boden für die Sozialdemokratie.

Die Beziehung zu Lasalle, der wegen seiner Intelligenz und seiner Wortgewandheit immer bekannter wird, bleibt lange platonisch, was Ferdinand nicht gefällt, der immer wieder Liebschaften hat , die aber seine Verbindung zur Gräfin nicht berühren. Sie toleriert seine "Schoßschönen".

Dann aber begegnet Lasalle der Helene von Döningen, macht ihr einen Heiratsantrag und fordert ihren Vater, der ihn beleidigt, zum Duell...

 

Renate Feyl kann erzählen, und ihr ist nach sechs Jahren Pause wieder ein besonderer Roman gelungen.


Verlag: Insel
ISBN: 978-3-458-36440-5
Preis: 10,95 €
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Die kleine Buchhandlung am Ufer der Themse

Frida Skybäck, Rezension von Kathrin Allkemper

Die junge Schwedin Charlotte hat gerade ihren Mann Alex bei einem Unfall verloren und sich total mit Arbeit zugeschüttet, als sie ein Brief aus London erreicht. Ihre Tante Sara ist verstorben und hat ihr eine kleine Buchhandlung vermacht. Charlotte ist mehr als nur verwundert, da sie diese Tante nie kennengelernt hat. Neugierig macht sie sich auf den Weg nach London, zunächst nur, um mit dem Anwalt ihrer Tante über das Erbe zu sprechen. Auf dem Weg zum Hotel kommt sie an "ihrer" Buchhandlung vorbei und da sie davon ausgeht, dass man sie dort nicht kennt, möchte sie einfach schnell und anonym einen Blick riskieren. Doch kaum hat sie den Laden betreten, wird sie schon von Martinique, der langjährigen Angestellten ihre Tante, stürmisch umarmt. Man hat sie bereits sehnsüchtig erwartet. Die kleine Buchhandlung kämpft ums Überleben und Martinique und ihre Kollegin Sam setzen große Hoffnungen in Saras Nichte. Doch warum wurde sie ausgewählt?

Während Charlotte in den kommenden Tagen und Wochen versucht, hinter das Geheimnis ihrer Tante zu kommen, verliebt sie sich immer mehr in die kleine Wohnung über dem Laden, in den Riverside Bookshop und seine Angestellten. Vielleicht schafft sie ja hier einen Neuanfang und kann ihre Trauer um Alex endlich hinter sich lassen... Schöner Schmöker für Freunde von kleinen, besonderen Buchhandlungen :-)


Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-10-397449-2
Preis: 24,00 €
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Aus der Dunkelheit strahlendes Licht

Petina Gappah, Rezension von Bernard Söthe

Vermutlich jeder kennt die Geschichte des schottischen Missionars und Afrika-Forschers David Livingstone, der bei seiner obsessiven Suche nach den Quellen des Nils in den afrikanischen Weiten fast verloren ging und vom Journalisten Henry Morton Stanley im Auftrag einer amerikanischen Zeitung gesucht und gefunden wurde (1871). Damals ein echter Medienhype. David Livingstone ließ sich aber nicht von seiner Suche nach den Nilquellen abbringen. MIt einer großen Entourage einheimischer Helfer, Diener, Übersetzer, Köche, bewaffneter Soldaten, Sklaven (!) zieht Livingstone weiter durch die ostafrikanischen Wälder, wo er 1873 nach schwerer Krankheit stirbt. Seine einheimischen Helfer beschließen, ihn nicht an Ort und Stelle zu beerdigen, sondern den Toten an die Küste zu transportieren, von wo dann die Möglichkeit bestünde, seinen Leichnam in seine schottische Heimat zu überführen. Eine pietätvolle Idee, mit dem kleinen Hintergedanken, dass möglicherweise eine Belohnung für die Helfer dabei herausspringt. Im feucht-schwülen Klima afrikanischer Wälder ist der Transport von Leichen über einen längeren Zeitraum und längere Strecken ein gewagtes Unterfangen. Livingstones Begleiter beschließend daher, seine Eingeweide an Ort und Stelle unter einem mächtigen Urwaldbaum zu begraben. Livingstones ausgeweideter Körper wird quasi luftgetrocknet (Sonne) und gepökelt (Salz). Mit dieser deutlich leichteren Last macht sich die Truppe auf den Weg zur Küste. Unterwegs gibt es Probleme, nicht alle Bewohner der Ortschaften, durch die sie ziehen, sind begeistert, die Leiche eines weißen Mannes auf ihrem Gebiet zu wissen. Auch unter den Mitgliedern des Leichenzugs gibt es heftige Querelen. Stark dezimiert erreichen die Überlebenden nach wochenlangem Marsch die Küste.

Erzählt wird die Geschichte von Halima, der scharfäugigen und scharfzüngigen Köchin aus Livingstones Gefolge. Livingstone hat Halima auf dem Sklavenmarkt in Sansibar gekauft. Halima weiß nicht, ob Livingstone sie freigekauft hat oder ob sie jetzt seine Sklavin ist, respektive die seiner Erben. Ihn kann sie ja nicht mehr fragen. 

Der zweite Erzähler ist ein farbiger junger Mann, der den christlichen Namen John angenommen hat. Als Kind wurde er von englischen Missionaren aus der Sklaverei befreit, getauft und nach Indien gebracht, wo er in einem christlichen Internat aufgezogen wurde. John benimmt sich englischer als die Engländer und lässt es sich nicht nehmen, in korrektem Anzug durch den Dschungel zu ziehen. Seine aufdringlichen Bemühungen, seine Reisegefährten zum christlichen Glauben zu bekehren, machen ihn nicht beliebter. Die Engländer nehmen ihn nicht für voll, die Afrikaner verachten ihn, weil er seine Wurzeln verleugnet.

"Aus der Dunkelheit strahlendes Licht" ist ein Roman, der eine skurrile Episode aus der Kolonialgeschichte Afrikas aus afrikanischer Sicht zeigt. Trotz des betrüblichen Themas ein Buch, bei dem es viel zu schmunzeln gibt, da die Autorin es versteht, Situationskomik glänzend einzusetzen. Unumstritten ist die Autorin Petina Gappah nicht, da sie auch als Beraterin des Präsidenten von Simbabwe, einem der korruptesten Länder Afrikas, tätig ist. 


Verlag: Insel
ISBN: 978-3-458-36411-5
Preis: 9,95 €
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Eine himmlische Katastrophe

Thomas Montasser, Rezension von Jutta Pollmann

Ein kleiner Ort in Burgund, ein altes Kloster, drei in die Jahre gekommene Ordensschwestern, eine junge Frau aus der Banlieu von Paris und der Bleu de Bleaumont, ein Blauschimmelkäse, der seit vielen Jahren in dem Kloster hergestellt wird und die Einnahmequelle der Nonnen ist, das sind die Hauptakteure dieser wunderbaren Geschichte, dieses Märchens für Erwachsene von Thomas Montasser.

Louise Prevost, eine junge Frau aus der Vorstadt von Paris steht eines Tages vor ihrer Tante Madeleine, besser Schwester Madeleine, im Klostergarten von Bleaumont. Sie wolle einige Zeit hier verbringen eröffnet sie ihrer Tante, verschweigt aber lieber, dass dieser Aufenthalt nicht freiwillig, sondern eine richterliche Auflage ist. Für Schwester Madeleine ist es nicht einfach, unter all den Tätowierungen und Piercings ihre Nicht zu erkennen, doch die junge Frau kann bleiben. Der ist als Großstadtkind natürlich sofort aufgefallen, dass im Kräutergarten der Tante nicht nur Rosmarin, Basilikum und Minze wachsen, sondern auch Hanf! Sollten die Schwestern sich gelegentlich einen Joint drehen?

Die Regeln im Kloster gelten nun auch für Louise: aufstehen um 5, Frühstück um 7, Mittagessen um halb 12, Abendessen um halb 6, danach in die Zellen. Zu einer Zeit, wo Louise in Paris gerade mal frühstückt, gehen die Nonnen hier ins Bett! Kein Wunder, dass alle anderen gestorben sind, wenn es hier so sterbenslangweilig ist.

Doch Louise lebt sich in diese schräge WG ein, lernt etwas über die Herstellung des Käses, der die Einnahmequelle des Klosters ist, aber seit dem Tod von Schwester Agathe nicht mehr so schmeckt wie früher, weswegen der Absatz auch stark zurückgegangen ist und lernt eine Seite ihrer Tante kennen, die sie nie vermutet hätte: eines Abends hört Louise Musik, die so gar nicht ins klösterliche Leben passt. Ihr Tante Madeleine spielt Bassgitarre und das mal ziemlich rockig. Mit den beiden anderen Schwestern, Lucie als Sängerin und Sophie am Klavier, machten die drei eine Wahnsinns- Musik, was man ihnen in einem Alter zwischen uralt und scheintot gar nicht zutrauen würde.

Das bringt Louise auf eine Idee. Sie aktiviert ihren Kontakt zu Alphonse-Antoine der la France-Peroche, kurz Ali genannt, und ehe die Nonnen sich versehen, sind sie auf einer Tournee durch Frankreich, auf der so einiges passiert...

 

Ein wunderschönes Buch in einer wohltuenden Sprache, mit viele Witz und Ironie, das einen immer wieder schmunzeln lässt. Unbedingt lesen!!!