Belletristik


Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 9783455003925
Preis: 20,00 €
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Das brennende Mädchen

Claire Messud, Rezension von Karin Bucconi

dieser Roman über eine Mädchenfreundschaft beginnt, als Julie und Cassie 12 Jahre alt und unzertrennlich sind. Julie ist die eher zurückhaltende von beiden und Cassie ist eine Draufgängerin. Beide helfen im Tierheim aus, kümmern sich um Hunde. Nur einem von ihnen dürfen sie sich nicht nähern, weil der Hund sehr gefährlich ist. Aber- das kümmert Cassie  nicht im geringsten, sie landet mit einer zerfetzten Hand im Krankenhaus, und im Tierheim dürfen die zwei sich vorerst nicht sehen lassen. So streifen sie nur -wie immer-durch die Umgebung, halten sich an einem alten Weiher auf und brechen verbotener Weise in eine ehemalige "Irrenanstalt" ein. Sie verschaffen sich immer die Bühne, die sie gerade brauchen.

Warum zieht es uns zu einem bestimmten Menschen hin, warum lassen wir andere links liegen?  Gleich die erste Begegnung verläuft so, das Julie Cassie sieht und nur mit ihr eine Sandburg bauen will. Die beiden sind wie Zwillinge und das über eine lange Zeit.

Nur- irgendwann hat sich die Freundschaft erledigt. Da sind sie siebzehn.  Julie glaubt, dass es am Halloweenabend begann. Da hat Cassie mit ihr um die Häuser ziehen wollen, lügt sie aber an und hängt auf einer Party ausgerechnet mit Peter ab, von dem sie weiß, dass Julie schon lange für ihn schwärmt. Bilder von dieser Fete veröffentlicht sie auf Facebook. Julie würde gerne verstehen, was falsch läuft, aber sie erhält keine Erklärung von ihrer Freundin.

Auch schulisch entwickeln sie sich auseinander. Julie als Einserschülerin geht auf eine weiterführende Schule. Cassie begegnet sie nur noch auf den Schulfluren, und dann haben sie einander kaum mehr etwas zu sagen. Auch wenn Julie vom Kopf her weiß, dass es keine Neuauflage der Freundschaft geben wird, so sagt doch ihr Herz etwas anderes, und sie wünscht sich die gemeinsamen Zeiten zurück... 

Dieses Buch ist eine einzige LIebeserklärung von Claire Messud an die Freundschaft.


Verlag: Ullstein
ISBN: 9783550081965
Preis: 22,00 €
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Der Apfelbaum

Christian Berkel, Rezension von Bucconi, Karin

Daniel Kehlmann, der u. a.  mit "Die Vermessung der Welt" und zuletzt "Tyll"  wunderbare Literatur geschrieben hat, nannte dieses Buch ein besonderes. Es sei nicht einfach nur das Buch eines Schauspielers, der schreibt, sondern das eines wirklichen Schriftstellers...

Christian Berkel, Schauspieler und Hörbuchsprecher  wollte Licht in die dramatische Geschichte seiner Großeltern und Eltern bringen und hat sich auf die Suche nach seinen Wurzeln gemacht. Eingeflossen in seinen Roman sind eigene Recherchen und die bruchstückhaften Erinnerungen seiner an Demenz erkrankten Mutter Sala, die Dinge über ihre angebliche Heirat mit Carl Friedrich Benz    erzählt , der ihr Millionen hinterlassen habe, die sie nun ihren Kindern vererben wolle. Der Gang zu ihrer Hausbank, auf den sie besteht, wird peinlich...

Berkel erzählt die Geschichte des Arbeitersohnes Otto, der auf die schiefe Bahn gerät und in dem Haus, in das seine Bande einbricht, Sala, die Liebe seines Lebens kennenlernt. Da ist er 17 und das Mädchen 13 Jahre alt, aber beiden ist von Beginn an klar, dass sie zusammen gehören.    

Berührend ist auch die Geschichte der jüdischen Urgroßmutter und die der Großmutter Isa, die im Spanien Francos verhaftet wird. Seine Mutter, Sala,  muss wegen der politischen Lage 1938 Deutschland verlassen, und hier trennen sich zunächst ihre Wege. Otto der Medizin studiert hat, landet im Krieg als Sanitätsarzt  in russischer Gefangenschaft. Sala ist wegen ihrer jüdischen Wurzeln immer auf der Flucht und in verschiedenen Ländern unterwegs. Es gibt nur wenige Menschen, denen sie vertraut. Erst Anfang der 50iger finden die Liebenden wieder zueinander...

Christian Berkels Familiengeschichte zeigt, was Verfolgung und Krieg den Menschen antun. Er ist der festen Überzeugung, daß wir den Nationalsozialismusnicht verdrängen, noch vergessen, sondern als Teil der deutschen Identität begreifen sollten. 

Ich kann dieses Buch nur empfehlen.


Verlag: Galiani Berlin
ISBN: 9783869711386
Preis: 25,00 €
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Fräulein Nettes kurzer Sommer

Karen Duve, Rezension von Karin Bucconi

In ihrem neuen Buch widmet sich Karen Duve, die 2008 mit ihrem Roman "Taxi" bekannt wurde, der großen deutschen Dichterin Annette von Droste Hülshoff (1797-1848). 

Annette, oder Nette, ist eine wahre Nervensäge. Statt sich um Frauensachen, wie z.B. Handarbeiten zu kümmern, mischt sie sich in Männergespräche ein, interessiert sich für Mineralogie, Kunst, Politik und Literatur. Von Gestalt klein und schmächtig, aus häßlichen Glubschaugen in die Welt blickend, wird sie nicht unbedingt gemocht. Aber sie ist sehr klug. und das verschafft ihr bei den Männern Respekt, auch wenn das keiner zugibt.

Im Sommer 1820 fliegt ihr Verhältnis mit dem bürgerlichen Dichter und Rechtsstudenten Straube auf. Dahinter steckt die böse Intrige des August von Arnswald, der sie ebenfalls begehrt, aber bei ihr keine Chancen hat. Sein Freund, Heinrich Straube, ist erst recht kein Kandidat für sie. Zwar intelligent, aber mittellos und obendrein Protestant ist er als Ehemann ungeeignet. 

Nun behauptet von Arnswaldt, er hätte sich Nette nähern dürfen, was gelogen ist, denn sie hat ihn sofort zurückgewiesen. Dennoch ist sie durch sein Gerede und seine Verbrüderung mit ihrer Familie, die er in seine Lüge eingeweiht hat,  diskreditiert. Straube will nichts mehr von ihr wissen. So bleibt dieser Sommer der einzige voller Liebesglück. Annette heiratet nie, wird aber eine der bedeutendsten Dichterinnen Deutschlands.

Karen Duve hat eine ganze Epoche charakterisiert. Mal sind ihre Schilderungen heiter, dann wieder ironisch und sogar zynisch. Ihr ist einsehr unterhaltsamer Roman gelungen, der zugleich auch eine "Geschichtsstunde" ist.



ISBN: 9783423262057dtv
Preis: 14,90 €
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Die verlorenen Töchter

Hannelore Hippe, Rezension von Jutta Pollmann

1944 lernt Ase Evenson, eine junge Norwegerin, die in einer Wäscherei in Tromsö für die deutschen Soldaten arbeitet, Kurt Thalbach kennen und lieben. Die Deutschen haben nichts gegen die Liebschaften zwischen Norwegerinnen und deutschen Soldaten, schließlich sind diese auch Arier. Die Norweger allerdings sind hinter den „Deutschenflittchen“ her und so müssen Ase und Kurt aufpassen, wann und wo sie sich treffen.

Doch die Besatzer achten sehr darauf, dass die Soldaten sich der Bevölkerung gegenüber einwandfrei verhalten. Kein Diebstahl, keine Pöbeleien, der kleinste Verstoß – wahr oder nicht wahr - wird geahndet und derjenige kommt direkt an die Ostfront. Kurt wird denunziert und wird ebenfalls nach Osten geschickt.

Im Sommer 1945 bringt Ase ihre Tochter Katrine zur Welt, kommt dann in ein Straflager, ihre Tochter in ein Kinderheim. Als ihr Bruder sie als Arbeitskraft auf dem väterlichen Hof benötigt, wird sie entlassen. Auch ihr Kind will sie natürlich mitnehmen, doch wird ihr gesagt, dass Katrine gar nicht mehr in Norwegen ist, sondern dass das „Tyskerbarn“ ins „Vaterland“ nach Deutschland gebracht wurde.

Ase ist verzweifelt, schafft es aber nach Deutschland zu fahren, denn sie hat herausbekommen, dass nur einige wenige Waisenhäuser in Ostdeutschland infrage kommen. Doch auch beim letzten Heim, das sie besucht, hat sie keinen Erfolg und kehrt unverrichteter Dinge wieder nach Norwegen zurück.

Doch Katrine lebt in diesem Heim in der Nähe von Dresden, das Ase zuletzt besucht hat, doch das wusste Schwester Hiltrud, die junge Schwester, die die Heimleitern an diesem Tag vertreten sollte nicht. Als sie ihren Fehler bemerkt, beruhigt ihre Chefin sie, es würde alles in die Wege geleitet, dass Mutter und Kind zueinander kommen, die junge Schwester aber wird in ein anderes Heim versetzt.

Jahre später besucht Gudrun Frönchen, eine Cousine Kurt Thalbachs mit einer Frauengruppe das Waisenhaus in Gohlis bei Dresden. Sie weiß von Kurts Kind und als sie Katrine sieht, weiß sie, dass sie Kurts Tochter gegenüber steht. Sie möchte das Kind adoptieren, doch Katrine, die mittlerweile Kathrin heißt, darf nur die Wochenenden oder die Ferien bei den Frönchens verbringen. Da ihr Mann Helmut für sich als Ingenieur auch keine Zukunft im Osten sieht, entsteht der Plan, in den Westen zu gehen und Katrine einfach mitzunehmen.

Das Kind begreift nicht, dass sie ihre beste Freundin Margarethe nicht mehr wiedersehen wird. Sie schreibt ihr Briefe, doch die werden nie beantwortet...

Im April 1970 bekommt Kathrin plötzlich unerwarteten Besuch: Margarethe steht plötzlich in Frankfurt vor der Tür, sie ist auch geflohen, über die Ostsee nach Westdeutschland. Sie lebt jetzt in Hamburg und will vor allem Norwegisch lernen, denn sie will nach ihrer leiblichen Mutter suchen. Auch Kathrin macht sich auf den Weg nach Norwegen, was sie ihrer Mutter allerdings nicht erzählt. Dann verliert sich ihre Spur...

 

1970 wird im Isdal bei Bergen die verkohlte Leiche einer jungen Frau gefunden. Alles, was auf ihre Identität hindeuten könnte, ist entfernt worden. Die Polizei tappt im Dunkeln, der Fall wird zu den Akten gelegt. 15 Jahre später, nach Verjährung der Tat, wird der Mordfall noch einmal von der Presse aufgegriffen, die Akten können nun eingesehen werden, aber es ergeben sich keine neuen Tathinweise. Durch den bis heute ungeklärten norwegischen Kriminalfall ließ sich Hannelore Hippe zu diesem Buch inspirieren. 2017 wurde mithilfe neuer forensischer Techniken der Fall noch einmal aufgerollt, die Ermittlungen kamen zu ähnlichen Erkenntnissen wie die fiktionale Romanvorlage.

 

 

Eine tief bewegende Geschichte über ein dunkles Kapitel norwegisch-deutscher Geschichte.

 

 


Verlag: Droemer
ISBN: 9783426281796
Preis: 20,00 €
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Grenzgänger

Mechthild Borrmann, Rezension von Jutta Pollmann

Als Herbert Schöning kurz nach Kriegsende wieder nach Velda zurückkehrt,einem kleinen Ort an der deutsch-belgischen Grenze, ist er nicht mehr derselbe. Der gottesfürchtige Uhrmachermeister kann seine Hände nicht mehr ruhig halten und verbringt ganze Tage nur noch in der Kirche. Die Ehefrau, die Kinder, sie interessieren ihn nicht.

Seine Frau Maria versucht alles, um die Familie mit den vier Kindern über Wasser zu halten, doch das bisschen Geld, was der Pastor Herbert Schöning für seine Hilfe in der Kirche gibt, reicht vorne und hinten nicht. Dann stirbt Maria Schöning und ihr Mann will die Kinder in ein Waisenhaus geben. Doch Henni, die Älteste setzt sich zur Wehr. Sie will für ihre Geschwister sorgen, das hat sie schließlich der Mutter versprochen.

Um an Geld zu kommen, beginnt Henni, wie so viele in der Nachkriegszeit, zu schmuggeln. Sie kennt die Wege übers Moor und Kinder haben nichts zu befürchten, sollten sie mal von den Zollbeamten erwischt werden.

Anfang der 50er Jahre übernehmen aber immer mehr organisierte Banden das Schmuggelgeschäft und die Zöllner fangen an zu schießen. Bei so einer nächtlichen Aktion wird Hennis Schwester Johanna erschossen. Der Vater macht sie dafür verantwortlich und Henni kommt in eine Besserungsanstalt nach Aachen, ihre Brüder in ein Waisenhaus in der Eifel. Henni versucht immer wieder, mit ihren Brüdern in Kontakt zu treten, aber der Vater untersagt das jedes Mal.

Jahre später bei einem Besuch auf dem heimatlichen Friedhof muss Henni dann feststellen, dass auch ihr Bruder Matthias tot ist. Sie will ihren Vater darauf ansprechen, will wissen, wie das passiert ist, doch der will nicht mit ihr reden. Sie verflucht ihn. Kurz darauf kommt ihr Vater bei einem Feuer im Haus um. In der Küche wird ein Benzinkanister gefunden und Henni wird als Hauptverdächtige verhaftet.

Im Prozess schweigt sie zu allen Vorwürfen. Doch es gibt Menschen, die sich für Henni einsetzen und durch das genaue Recherchieren eines jungen Juristen kommt nach und nach die Wahrheit ans Licht.

 

Kein Wohlfühlbuch, beileibe nicht. Mechthild Borrmann erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die einfach leben wollte und gegen die Zwänge ihrer Zeit rebellierte, was ihr dann aber sofort den Stempel der Aufmüpfigkeit, des Ungehorsams einbrachte. Und sie erzählt die Geschichte von Kindern, die in den 50er und 60er Jahren in Waisenhäusern untergebracht waren und denen man - im Namen der Kirche! - ein Höllenleben bereitete. In ihrem Nachwort sagt sie aber auch, dass nicht in allen Heimen so schreckliche Zustände herrschten, „Aber dieses Buch soll an all jene erinnern, deren Schicksal über Jahrzehnte ignoriert und geleugnet wurde und die bis heute darunter leiden.“


Verlag: Fischer
ISBN: 9783596701629
Preis: 16,99 €
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Piccola Sicilia

Daniel Speck, Rezension von Annette Riedel

Tunis 1942: Juden, Christen und Muslime leben in Frieden zusammen, doch dann erreicht der Krieg auch Tunesien, als die deutsche Wehrmacht das Land besetzt. In der Hoffnung, sich dadurch von dem französischen Protektorat zu befreien, machen Teile der Bevölkerung mit den Deutschen gemeinsame Sache. Die gesamte gesellschaftliche Ordnung gerät aus den Fugen.

Der junge Victor Sarfati und seine Stiefschwester Jasmina leben mit ihren jüdischen Eltern im italienischen Einwandererviertel „Piccola Sicilia“. Im Hotel Majestic treffen sie auf den jungen Wehrmachtssoldaten Moritz, der dort mit seinen Kameraden logiert. Jasmina arbeitet als Zimmermädchen, Victor sitzt jeden Abend im großen Saal am Klavier. Moritz ist fasziniert von Jasmina, doch entgeht im nicht, dass sie nur Augen für Victor hat.

Als Victor von den Deutschen aufgegriffen wird, verhilft Moritz ihm zur Flucht. Wenig später erobern die Alliierten Tunis und Moritz flieht zu den Sarfatis, die ihn verstecken...

 

Nina, in den Vierzigern und in Scheidung lebend, hat mit dem Tod ihrer Mutter die letzte Verwandte verloren. Sie ist aufgewachsen mit den Erzählungen über ihren verschollenen Großvater Moritz. Als Archäologin bekommt sie die Information, dass vor Sizilien ein Flugzeugwrack der Deutschen Luftwaffe aus dem zweiten Weltkrieg gefunden wurde und geborgen werden soll. Ihr Großvater stand auf der Passagierliste!

In Trapani, auf Sizilien, trifft sie auf die geheimnisvolle Joelle, eine Jüdin aus Haifa, die vorgibt, Moritz´Tochter zu sein...

 

Eine spannende Familiengeschichte und ein interessanter Einblick in das damalige Leben in Tunis.

Nach dem großen Erfolg von "Bella Germania" der neue Roman von Daniel Speck.

 

 


Verlag: btb
ISBN: 978-3-442-75827-2
Preis: 15,00 €
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Die Schneeschwester

Maja Lunde, Rezension von Kathrin Allkemper

Es ist kurz vor Weihnachten. Eigentlich liebt Julian dieses Fest, doch in diesem Jahr ist alles anders. Seine ältere Schwester Juni ist mit nur 16 Jahren im Sommer gestorben und seit dem ist zuhause alles anders. Seine Eltern schleichen still herum, seine ehemals freche kleine Schwester ist plötzlich ganz ruhig und im ganzen Haus findet sich kein einziges Foto von Juni. Es ist, als hätte es sie gar nicht gegeben.
In dieser traurigen Stimmung lernt Julian im Schwimmbad das Mädchen Hedvig kennen. Sie ist sehr fröhlich und redet wie ein Wasserfall auf den armen Jungen ein, aber mit ihr erlebt er viele lustige Dinge und so langsam fühlt es sich endlich ein bißchen mehr nach Weihnachten an. Doch Hedvig hat ein großes Geheimnis...
Dieses Buch ist passend zur Adventszeit in 24 Kapitel aufgeteilt und zudem wunderschön illustriert. Die Geschichte von Julian, der um das Andenken an seine Schwester kämpft und versucht, die Familie aus ihrer Trauer zu holen, ist sehr anrührend. Der ein oder andere wird womöglich wie ich am Ende eine Träne verdrücken, aber mit dem Bild der Familie am Heiligen Abend ist alles wieder gut:-)
Eine ganz besondere Geschichte zum Vor- und Selberlesen für die ganze Familie. Man kann es sich auch von Axel Milberg als Hörbuch erzählen lassen.
Maja Lunde wurde bei uns mit "Die Geschichte der Bienen" bekannt.


Verlag: Penguin
ISBN: 9783328600039
Preis: 22,00 €
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Mittagsstunde

Dörte Hansen, Rezension von Daniela Maifrini

 

Endlich ist es da: das zweite Buch von Dörte Hansen, die uns – den unabhängigen Buchhandel – und auch viele weitere Leser 2015 mit ihrem Titel „Altes Land“ verzaubert hat! Die ganze Zeit haben wir immer mal wieder nachgeguckt, ob da nicht was Neues „in der Pipeline“ ist, aber Frau Hansen hat sich tatsächlich bis jetzt Zeit gelassen. Das ist ein gutes Zeichen, denkt man, denn dann hat sie nicht unter Druck geschrieben.

Und dann kam das Buch hier an. Und dann habe ich ganz vorsichtig mal die erste Seite gelesen. Und dann wusste ich: Ja, sie hat es wieder geschafft! Das zweite Buch ist das schwierigste, sagt man, Frau Hansen hat diese Schwierigkeit bravourös gemeistert!

Brinkebüll ist ein (fiktives) kleines Straßendorf in Nordfriesland, da wo der heftige Wind und der friesische „Schrägregen“ das Land fest im Griff haben. Und man sollte nicht glauben, wie viele Geschichten und Schicksale in so einem kleinen Dorf stecken!

Wir lernen zunächst Marret Feddersen kennen, eine offenbar psychisch nicht ganz auf der Höhe befindliche Frau, die in Klapperlatschen durchs Dorf rennt und den Weltuntergang prophezeit.

Ingwer Feddersen hingegen ist auf der Höhe, er hat es zum Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Uni Kiel gebracht. Schon vor langer Zeit hat er das Dorf verlassen, seither lebt er in Kiel in einer anachronistisch wirkenden Dreier-WG, in der die Ikea-Stühle fast ebenso zusammenbrechen wie das überholte Wohnkonzept.

Nun sind die alten Feddersens, Sönke und Ella, inzwischen aber nicht mehr in der Lage, ihr Leben ganz alleine zu meistern. Noch immer bewirtet Sönke mit Rollator die spärliche Gästeschar in seinem heruntergekommenen Landgasthof, Ella hingegen ist dement und auf mehr Unterstützung angewiesen. Da reichen der Pflegedienst und die wöchentlichen Besuche von Ingwer nicht mehr aus. Also nimmt Ingwer ein Sabbatjahr und macht sich auf den Weg nach Brinkebüll, das Dorf seiner Kindheit.

In Gesprächen, Gedankengängen und Rückblicken erleben wir die letzten siebzig Jahre von Brinkebüll anhand vieler kleiner Episoden und Momentaufnahmen.

Wir sind beispielsweise dabei, wie Sönke 1947 klapperdürr aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkommt, wie Marrett zur Welt kommt und wie Ingwer geboren wird, wie im alten Gasthaus rauschende Feste gefeiert werden oder wie sich dort aktuell eine skurille Line-Dance-Gruppe trifft, die mitten im Festsaal einen Büffelkopf aufgehängt hat, um das Ambiente aufzupolieren.

Wir lernen Menschen kennen wie den Lehrer Steensen, der bei jedem Schüler genau abwägt, was er ihm beibringen will. Oder den Bauern Bahnsen, der nach einem Mähdrescherunfall mit einem kleinen Reh nie wieder auf das riesige Gefährt steigen will. Wir erfahren, was Ella manchmal in der Mittagsstunde tat, wir sehen zu, wie das Dorf in den 70er Jahren von der Flurbereinigung heimgesucht und völlig verschandelt wird. Wir lesen über die Städter, die die verfallenden Resthöfe kaufen und dem Dorf ein komplett anderes Gesicht verleihen – auch wenn sie oft nicht einmal „Moin“ sagen können!

Die alte Zeit wird von einer neuen Zeit ab- und aufgelöst und all das steckt in diesem Buch zwischen wüsten Schneeballschlachten der 60er-Jahre und Einkaufen bei ALDI in der Stadt (und nicht mehr im Dorfgeschäft der ständig schlecht gelaunten Dora Koopmann) 50 Jahre später.

Das alles lesen wir in der Dörte Hansen eigenen Sprache: immer auf den Punkt, kein Wort zuviel, bildhaft und anschaulich ohne jemals pathetisch zu werden, der friesischen Mundart verpflichtet, sehr sehr humorvoll und ehrlich.

Wer „Altes Land“ mochte, wird ebenso in der „Mittagsstunde“ versinken. Und wie in Nordfriesland üblich, wird man sich verbitten, dass in der Mittagsstunde jemand stört!

 

 


Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3-548-29089-8
Preis: 13,00 €
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Sieben Tag wir

Francesca Hornak, Rezension von Kathrin Allkemper

Olivia ist Ärztin und hat gerade einen äusserst heiklen Afrika-Aufenthalt hinter sich. Zusammen mit einem Team von Ärzten hat sie sich um Menschen gekümmert, die an dem gefährlichen HAAG-Virus erkrankt sind. Dieser Einsatz erforderte strengste Hygienevorschriften und Sicherheitsmaßnahmen und so kommt es, dass sie bei ihrer Rückkehr nach England zunächst eine Woche Quarantäne einhalten muss. Blöd nur, dass das gerade an Weihnachten stattfindet. Ihre Mutter Emma, die gerade gesundheitlich sehr angeschlagen ist, ist überglücklich über ihre Rückkehr und hat sofort einen Plan. Sie will über Weihnachten mit der ganzen Familie in ihrem Landhaus in Norfolk bleiben, fernab aller Mitmenschen. Weder Olivias Schwester Phoebe noch ihr Vater Andrew sind davon allzu begeistert. Phoebe ist eh genervt von den zahlreichen "Wohltaten" ihrer Schwester und deren Verachtung für Konsum und alles Schöne. Zudem möchte sie in aller Ruhe ihre pompöse Hochzeit mit dem wohlhabenden George planen, ohne sich für jedweden Luxus rechtfertigen zu müssen. Und Andrew hat sowieso keine so enge Bindung an seine älteste Tochter und außerdem gerade ein ganz anderes Problem. Eine kurze Affäre während eines beruflichen Auslandsaufenthaltes vor Jahrzehnten ist wohl doch nicht folgenlos geblieben. Andrew erhält kurz vor Weihnachten die Nachricht, dass er einen Sohn namens Jesse hat. Es gibt keinen Grund an dieser Tatsache zu zweifeln. Und nun will Jesse ihn auch noch unbedingt persönlich kennenlernen.

Als dann auch noch im Fernsehen die Meldung kommt, dass einer der Ärzte aus Olivias Team wahrscheinlich am HAAG Virus erkrankt ist, ist das Chaos perfekt. Wie geschockt wäre die Familie erst, wenn sie wüsste, dass die scheinbar so unnahbare spröde Olivia genau mit diesem Kollegen in Afrika eine Affäre begonnen hat...

Turbulente Familienkomödie rund um das Weihnachtsfest


Verlag: Deuticke Verlag
ISBN: 978-3-552-06377-8
Preis: 19,00 €
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Ein Winter in Paris

Jean-Philippe Blondel, Rezension von Dagmar Hallay

Aus einfachen Verhältnissen kommend, verlässt Victor die Provinz , um in Paris zu studieren. Doch die Bedingungen am Lycee D. sind alles andere als angenehm. Die Lehrkörper scheinen mehr daran zu arbeiten, die Studenten zum Aufgeben zu bewegen, als ein Interesse daran zu haben, dass diese es schaffen, die zwei, zu bewältigenden Jahre, zu überstehen. Unglaublich scharfsinnig eingefangen sind die Szenerien, die sich in den Vorlesungen abspielen, so dass man als Leser schon fast selbst Herzklopfen und Angst vor der nächsten Blamage bekommt, die fast jedem durch den unterrichtenden Professor ereilen kann. Zudem ist Victor eher ein Außenseiter und meistens für sich allein. Zu den üblichen Partys und Zusammenkünften wird er nicht eingeladen.
Victor nimmt es selbst eher gelassen und ist nicht wenig überrascht, dass er für das zweite Jaht zugelassen wird.
Dann kommen die neuen Studenten und er trifft auf Mathieu, der ebenfalls sehr zurückhaltend ist und für sich bleibt. Victor und er rauchen ab und zu einmal ein Zigarette zusammen. Und just an dem Tag, an dem er ihn zum Essen einladen möchte, springt Mathieu mitten im Unterricht in den Tod. Unter Schock stehend, stellt er fest, dass sich auf einmal Menschen um ihn bemühen, die vorher vermutlich nicht einmal seinen Namen kannten. Und nur, weil alle denken, dass er der einzige Freund von Mathieu war. Auch Mathieus Vater sucht den Kontakt zu ihm und es baut sich eine Bindung zwischen den beiden auf, enger als sie jemals zu seinem eigenen Vater war.

Ein dünnes Buch, dass mit seiner gewaltigen Sprache, sehr einfühlsam die extremen Situationen erzählt, als wäre man selbst mit dabei gewesen. Sehr berührend dringt es bis unter die Haut!!

 


Verlag: btb Verlag
ISBN: 978-3-422-75794-7
Preis: 20,00 €
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Das Vogelhaus

Eva Meijer, Rezension von Dagmar Hallay

Mit diesem Buch möchte Eva Meijer auf die unbekannte Vogelforscherin Gwendolin Howard aufmerksam machen, die in ihrem Leben bedeutende Vogelstudien erstellt hat. Dies ist ihr mit diesem biografischen Roman, dank seiner poetischen und warmherzigen Sprache, wunderbar gelungen. 
Sie nimmt den Leser mit in die Kindheit von Len (Gwendolin), die in einer kulturell engagierten Familie aufwächst, wohlbehütet, dennoch ist das Verhältnis vor allem zur Mutter und den Geschwistern nicht allzu innig. Am ehesten fühlt sie sich noch dem Vater verbunden, der mit ihr verwaiste, aus dem Nest gefallene Vogelküken aller Art wieder aufpäppelt. Besonders eng ist die Beziehung zu der Krähe Charles, die immer wieder kehrt, obwohl sie längst in Freiheit lebt.

Dem gesellschaftlichen Leben und den Menschen an sich ist sie nicht sehr zugetan, und nach einiger Zeit in London, in der sie als fester Bestandteil dem "Queens Hall" Orchester angehörte, entscheidet sie sich, die  Chance zu nutzen und zieht sich aufs Land zurück. In Sussex, einem ländlichen Idyll, findet sie ihre Heimat in einem kleinen Haus, nur für sich allein. Den einzigen Lebewesen, denen sie Tür und Fenster, selbst im kalten Winter, stets offen hält, sind die Vögel aus der Umgebung. Mit einer unendlichen Geduld und Hingabe beobachtet sie ihre gefiederten Freunde und notiert akribisch alles, was ihr bemerkenswert scheint. 
Die Vögel fliegen ein und aus wie sie wollen, teilweise nisten sie sogar in ihrem Haus, wobei aller Kontakt von den Tieren ausgeht. 

Ein Buch für Naturliebhaber mit unheimlicher Wärme erzählt! Eine Romanbiografie voller leiser Töne und dennoch entbehrt sie nicht der Spannung!


Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-60028-2
Preis: 24,00 €
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Mein Ein und Alles

Gabriel Tallent, Rezension von Kathrin Allkemper

Die junge Turtle Alveston wächst ganz allein bei ihrem Vater in einer spartanischen Holzhütte in den Wäldern Nordkaliforniens auf. In der Hütte nebendran lebt ihr Grandpa, aber da sich der Vater mit ihm zerstritten hat, ist der Kontakt eher selten. Ihre Mutter, der sie unglaublich ähnlich sieht, ist verstorben. Leider projeziert der Vater seither seine ganze Liebe auf seine Tochter. Es ist geradezu krankhaft, wie er sie bedrängt, ihr Leben bestimmt , sie drangsaliert und sie gelegentlich sogar in sein Schlafzimmer holt. Aber auch wenn er sich dafür hasst, er kann es nicht lassen. Jeden Tag bildet er sie im Umgang mit Waffen aller Art aus und macht aus dem Mädchen eine verstörte Einsiedlerin, die in der Schule zurückfällt und nicht fähig ist, Freundschaften zu schließen. In seinen Augen tut er dies alles nur aus Liebe. Für Turtle ist dieses harte einsame Leben normal, da sie es nicht anders kennt. Einerseits hasst sie ihren Vater und seine harte Hand, andereseits ist es die einzige Zuwendung, die sie bekommt und daher bleibt sie bei ihm.

Alles ändert sich, als sie bei einem ihrer Streifzüge durch die Wälder zwei Jungen aus ihrer Schule trifft, die sich beim Wandern vollkommen verlaufen haben. Turtle hilft ihnen und bringt sie zurück in die Zivilisation. Durch Jacob, einer der beiden Jungen, lernt sie eine andere Art der Zuneigung kennen, fernab von Zwang und Gewalt. Doch es ist klar, dass ihr Vater niemand anderen in ihrem Leben akzeptieren wird und so muss Turtle bis zum Äußersten gehen, um seinen Klauen zu entkommen...

Sehr heftige Geschichte, die einem unter die Haut geht. Irgendwo habe ich eine Kritik gelesen, in der stand, dass es alles andere als Wohlfühl-Literatur sei und das stimmt auch. Sehr sprachgewaltig und dadurch, dass man das meiste aus der Sicht bzw. der gestörten Gefühlswelt des Mädchens erfährt, wirkt es nochmal ganz anders. Ein sehr ungewöhnliches Debüt!


Verlag: duMont
ISBN: 9783832198770
Preis: 24,00 €
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Im Kern eine Liebesgeschichte

Elizabeth McKenzie, Rezension von Karin Bucconi

Veblen, Übersetzerin aus dem Norwegischen, lebt in einem gemütlichen kleinen Haus in Palo Alto, Kalifornien. Sie legt keinen Wert auf Kleidung und hat sich als Kind eine imginäre Eichhörnchenwelt -einschließlich Sprache- erschaffen. Sie liebt die kleinen Nager, und es stört sie auch nicht, wenn sie auf ihrem Dachboden herumturnen.

Paul ist ein erfolgreicher Neurologe, der viel Wert auf Äußerlichkeiten legt und in ein möglichst großes luxuriöses Haus ziehen will. Auf dem Weg dahin stören ihn auch nicht die Tier- und Menschenversuche, die er für seinen Arbeitgeber zu "erledigen" hat. Er hasst Eichhörnchen.

Veblen und Paul, die unterschiedlicher nicht sein könnten, wollen heiraten. Beiden ist auch die eigene Familie peinlich. Veblen, weil sie eine hochgradig hypochondrische Mutter hat, Paul wegen seiner Hippie-Eltern und seinem schwierigen Bruder. 

Beide, weder Veblen, noch Paul, haben sich wirklich abgenabelt. Veblens Eichhörnchenliebe stört Paul, und Pauls Tierversuche stören Veblen...

Was also verbindet die zwei? Können sie einander lieben, ohne wirklich viel voneinander zu wissen?

Ein manchmal schräges, aber sehr liebesvolles und humoriges Buch, das die Frage danach stellt, wo unsere Ursprungsfamilie aufhört und unser eigenes Leben anfängt.


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05921-3
Preis: 22,00 €
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Bittere Orangen

Claire Fuller, Rezension von Kathrin Allkemper

Nach dem Tod ihrer dominaten Mutter zieht es die schüchterne, pummelige Frances fort aus London. Sie nimmt einen Auftrag auf dem alten Landgut Lynton an, wo sie ein architektonisches Gutachten über die umliegenden Gartenanlagen erstellen soll. In dem alten Herrenhaus, welches ein amerikanischer Millionär gekauft hat, lebt außerdem vorübergehend ein junges Paar: Peter und Cara. Die beiden wurden ebenfalls engagiert, um das Interieur zu begutachten, zu schätzen und zu katalogisieren. Frances ist von Anfang an fasziniert von diesem lebenslustigen Pärchen, dass ein so anderes Leben führt als sie es kennt. Als die beiden sie dann zum Abendessen einladen, damit man sich besser kennenlernt, ist Frances beglückt. Man freundet sich an und verbringt den Sommer miteinander. Frances wird lockerer und fühlt sich immer mehr zu Peter hingezogen, da er seit langem der erste Mann ist, der ihr freundlich gegenübertritt. Mit Cara hingegen scheint irgendetwas nicht zu stimmen. Sie ist oft launisch und erzählt dramatische Geschichten, die sich später als unwahr herausstellen. Außerdem hat Frances das Gefühl, dass sich noch jemand anderes im Haus und vor allem in ihrem kleinen Zimmer unterm Dach herumtreibt. Doch außer ihr will niemand das Gesicht am Fenster oder die Gestalt hinter der Gardine gesehen haben...

Es wird alles immer merkwürdiger und fast ein bißchen schaurig, doch Frances kommt einfach nicht von den beiden los. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf und man ahnt, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen wird.

Der Roman wird rückblickend von Frances auf dem Sterbebett erzählt und eröffnet dadurch nochmals einige überraschende Wendungen in der Geschichte.

 


Verlag: Thiele
ISBN: 978-3-85179-407-6
Preis: 15,00 €
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Warum ich trotzdem an Happy Ends glaube

Alessia Gazzola, Rezension von Julia Jahns

Emma ist dreißig und lebt mit ihrer Mutter in einer Wohnung in Rom. Sowohl beruflich als auch privat scheint sie vom Pech verfolgt. Nach einer missglückten Affäre mit einem verheirateten Mann ist keine neue Liebe in Sicht. Zudem arbeitet sie seit Jahren als unterbezahlte Praktikantin in einer Film-Produktionsgesellschaft. Jetzt soll aber alles besser werden, denn ihr Vertrag läuft bald aus, und sie rechnet mit der langersehnten Festanstellung. Außerdem hat sie sich mit dem berühmten Schriftsteller Tameyoshi Tessai angefreundet, den sie schon langer Zeit zu überreden versucht, die Filmrechte für sein erfolgreichstes Werk an "ihre" Produktionsfirma abzutreten. Doch dann verliert Emma ihre Stelle und bemüht sich verzweifelt um einen neuen Job. Durch Bekannte wird ihr ein Vorstellungsgespräch bei einer Konkurrenzfirma vermittelt, das grandios in die Hose geht, weil ihr Geschäftsführer, der gut aussehende Pietro Scalzi, Emma vorhält, nur über Kontakte an eine neue Stelle kommen zu wollen. In ihrer Verzweiflung nimmt Emma die nächstbeste Stelle an, die sich ihr bietet: als Verkäuferin und Schneiderin in einer kleinen Kinderboutique, die von der reizenden Vittoria Airoldi geführt wird. Beide freunden sich an und Emma ist vorerst ganz glücklich, bis sie erfahrt, dass Pietro Scalzi Vittorias Sohn ist. Beide laufen sich zwangsläufig des öfteren über den Weg und verstehen sich wider Erwarten doch ganz gut. Doch dann erhält Emma von zwei verschiedenen Seiten ein Jobangebot ...

Lockerleichte Liebesgeschichte mit einer sympathischen und bodenständigen Heldin.


Verlag: Krüger
ISBN: 978-3-8105-3038-7
Preis: 20,00 €
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Helle Tage, helle Nächte

Hiltrud Baier, Rezension von Julia Jahns

 

Frederike hat gerade eine gescheiterte Ende hinter sich, als sie einen Anruf von ihrer Tante Anna erhält, die sie nach dem Unfalltod von Frederikes Eltern aufgezogen hat. Sie bittet ihre Nichte, nach Lappland zu reisen und dort einen Brief an einen gewissen Petter Svakko zu überreichen. Weitere Informationen bekommt Frederike nicht und obwohl sie wenig begeistert ist, macht sie sich schließlich auf den Weg, zumal sie gerade erfahren hat, dass Anna an Krebs erkrankt ist. Zudem erhofft sie sich, mehr über die Vergangenheit ihrer Tante und ihrer Mutter Marie zu erfahren, deren Mutter gebürtig aus Lappland stammt. Dort angekommen, muss Frederike feststellen, dass Petter, der Rentiere züchtet, in der Abgeschiedenheit in einer einfachen Hütte lebt. Obwohl sie zunächst am liebsten einfach wieder zurückfahren möchte, beginnt Frederike, sich in die Schönheit der Natur zu verlieben und die Ruhe und Stille zu genießen. Der Brief, den Petter schließlich erhält, beinhaltet auch einen Brief für Friederike und offenbart Ungeheuerliches ...

In Deutschland kämpft Anna mit ihrer Krankheit und den Dämonen ihrer Vergangenheit, denn sie lebt schon den Großteil ihres Lebens mit einer Lüge ...

Eine Familiengeschichte über mehrere Generationen für die Leser der "Preiselbeertage", warmherzig und berührend geschrieben.


Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87572-9
Preis: 20,00 €
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Neujahr

Juli Zeh, Rezension von Jutta Pollmann

Erster-Erster. Endlich hat Henning es geschafft, sich aufs Fahrrad zu setzen. Seit einer Woche sind er, seine Frau Theresa und die beiden Kinder schon auf Lanzarote, seit einer Woche schon hat er ein Fahrrad, aber erst jetzt kommt er dazu, zu fahren. Zeit für sich, ein bisschen abschalten, mit einem 2 und 4jährigen Kleinkind nicht so einfach.

Aber Theresa und er haben sich die Aufgaben geteilt, sind eine moderne Familie. Keiner arbeitet voll, so dass jeder sich auch um Haushalt und Familie kümmern kann. Und doch ist Theresa manchmal genervt, wenn die Kinder wieder nach Mama rufen. „Ihr habt einen Vater mit zwei gesunden Armen, Beinen und Augen, geht zu dem.“ Manchmal weiß Henning nicht, was er machen soll, es ist doch nicht seine Schuld, dass die Kinder zu Theresa wollen.

Und auch im Haushalt macht er nicht alles so, wie sie das für richtig hält. Und auf der Arbeit ist er auch nicht ganz glücklich, weil er zu wenig vor Ort ist, um sich richtig reinhängen zu können. Doch wenn er mehr arbeitet, ist Theresa wieder sauer. Keinem kann er es recht machen und so sitzt er immer zwischen den Stühlen.

 

Aber jetzt sitzt er auf dem Fahrrad und will den Steilanstieg nach Fermés bezwingen. Doch schon bald wird ihm klar, dass dieses Fahrrad dafür nicht taugt. Dann hat er auch das Wasser vergessen und zu Essen hat er auch nichts dabei. Doch umkehren will Henning nicht. So strampelt er weiter, seine Muskeln protestieren und in seinem Kopf rotiert es. Überall fühlt er sich überfordert, ob zuhause oder bei der Arbeit oder mit den Kindern. Und dann diese Angstzustände, die ihn seit der Geburt seiner Tochter quälen.

Jetzt ist aber erst einmal der Berg dran und er quält sich hinauf, schafft es tatsächlich bis ganz oben und landet vor einem einsam gelegenen Haus, wo Gott sei Dank ein Auto vor der Tür steht, hier gibt es sicherlich was zu trinken für ihn.

Da man auf sein Klingeln hin nicht öffnet, geht er um das Haus herum. Henning bleibt wie angewurzelt stehen: eine Wand im Garten ist über und über mit Spinnen bevölkert, und er erinnert sich: hier war er schon mal als Kind und hier ist damals etwas Schreckliches passiert.

Als kleiner Junge waren er, seine Schwester und die Eltern auf Lanzarote. Der Vater saß schon morgens mit der Flasche in der Sonne, die Mutter war gelangweilt und amüsierte sich mit dem Gärtner. Henning aber, hatte mehr gesehen, als er sehen sollte. Dann verschwand plötzlich der Vater und Hennings Mutter war ihm hinterhergelaufen. Die Kinder machten ja Mittagsschlaf, kriegten garnicht mit, dass niemand zuhause war. Spätestens in einer Stunde würde sie ja wieder da sein. Bis dahin würden die Kinder schlafen! Doch dann lief alles aus dem Ruder...

 

Ein faszinierendes Buch der Autorin. Auf er einen Seite die Skizzierung eines Mannes, der allen gerecht werden will und sich selbst dabei verliert, dabei kaputt geht; auf der anderen Seite die Beschreibung der Geschichte des kleinen Henning, wie er versucht, nachdem die Eltern aus dem Ferienhaus auf Lanzarote verschwunden sind, für seine Schwester zu sorgen, immer die Ermahnungen der Eltern im Kopf und immer die Angst, etwas falsch zu machen, ausgeschimpft zu werden, Ärger zu kriegen. Juli Zeh beschreibt diese Ängste so plastisch, so gekonnt, man fiebert mit dem kleinen Henning, drückt ihm die Daumen, dass alles klappt und lobt ihn für seine Umsicht und ist gleichzeitig genervt von der kleinen Schwester, die nicht begreifen will, dass dieses alles kein Spiel mehr ist, sondern Ernst. Gleichzeitig entwickelt sich hier eine Bruder-Schwester-Beziehung, die so eng ist, dass sie Hennings Leben bis in die Jetzt-Zeit bestimmt und prägt.

 

 

 


Verlag: Kiepenheuer und Witsch
ISBN: 978-3-462-05104-9
Preis: 18,00 €
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Die Tage mit Ora

Michael Kumpfmüller, Rezension von Kathrin Allkemper

In seinem neuesten Roman schickt Michael Kumpfmüller zwei Stadtneurotiker gemeinsam in den Urlaub. Ora und der Erzähler des Romans lernen sich auf einer Hochzeitsparty kennen. Da ahnen die beiden noch nicht, dass sie in naher Zukunft in 12 Tagen 3500km an der Westküste Amerikas entlang fahren werden.Sie sind sich von Anfang an sympathisch und fühlen sich zueinander hingezogen, aber mehr ist da zunächst nicht. Trotzdem beschließen sie, gemeinsam zu verreisen, obwohl sie sich kaum kennen. Beide haben schon diverse Fehltritte in Liebesangelegenheiten hinter sich und so beginnt alles mit einem vorsichtigen Abtasten. Es gibt eigentlich keinen genauen Reiseplan, ausser, dass die Route entlang der Orte aus Oras Lieblingslied „June on the West Coast“ von Bright Eyes führt.

Und so streifen sie mit dem Mietwagen mal große, mal kleine Ortschaften, machen mal Sightseeing und manchmal einfach gar nichts. Natürlich kommen sie sich zwangsläufig näher und lernen den anderen mit all seinen Facetten kennen und ....lieben?!

 


Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-596-70271-8
Preis: 16,99 €
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Zwischen uns ein ganzes Leben

Melanie Levensohn, Rezension von Bernhard Söthe

Béatrice, eine Frau Anfang 40, geboren in Frankreich, arbeitet in der Presseabteilung der Weltbank in Washington. Der Job ist hoch dotiert und ermöglicht es Béatrice, ohne groß nachzudenken, auch mal Schuhe für 500 Dollar zu kaufen. Am nächsten Tag schreibt sie dann an ihrem Arbeitsplatz eine Pressemitteilung über hungernde Schulkinder auf Haiti. Mit ihrem Vorgesetzten hat Béatrice zunehmend Probleme. Er hat grundsätzlich etwas an ihrer Arbeit auszusetzen, nicht ganz zu unrecht, da Béatrice es manchmal mit der Genauigkeit nicht ganz so ernst nimmt, was Probleme machen kann. Allerdings entwickeln sich die Vorwürfe ihres Chefs in Richtung Mobbing, und er macht ihr lautstark klar, bei der nächsten Einsparrunde sei ihr Job gefährdet und aus der angestrebten Beförderung würde sowieso nichts werden. Auch privat läuft nicht alles rund. Seit drei Jahren ist Béatrice mit dem Journalisten Joaquin liiert. Eigentlich ganz nett, aber er ist beruflich sehr eingespannt und hat sehr wenig Zeit. Zudem ist er alleinerziehender Vater einer höchstpubertierenden 14jährigen Tochter, was zusätzlich Zeit und Nerven kosten. Durch Zufall lernt Béatrice die über 70jährige Jacobina kennen, die verbittert und vereinsamt in ihrer verlotterten Wohnung lebt, sich mit Sozialhilfe mühsam über Wasser haltend. Béatrice ist überrascht, als sie in sich altruistische Gefühle entdeckt. Da sie genug eigene Probleme hat, geht sie den Problemen ihrer Mitmenschen gewöhnlich weiträumig aus dem Weg. Aber die alte Jacobina rührt etwas in ihr, vielleicht ist es auch ihr schlechtes Gewissen, da sich Béatrice um ihre alte kränkliche Mutter in Paris nicht wirklich kümmern kann, immerhin liegt ja der Atlantik zwischen Paris und Washington. Jacobina ist schwerkrank und hat ein Problem auf dem Herzen. Vor über 30 Jahren hat Jacobinas Vater, zu dem sie kein gutes Verhältnis hatte, ihr auf dem Totenbett gestanden, dass Jacobina eine Halbschwester hat, die er in den Kriegswirren im besetzten Paris verlassen hat. Und er trägt Jacobina als seinen letzten Wunsch auf, diese Halbschwester zu suchen, was sie aber nie getan hat. Jetzt, den eigenen Tod vor Augen, möchte sie den letzten Wunsch ihres Vaters erfüllen, ist dazu aber selber nicht mehr in der Lage. Béatrice verspricht ihr, trotz ihrer eigenen Probleme zu helfen. Der erste Schritt ist, eine Suchanfrage beim Roten Kreuz zu starten. Dabei hilft Béatrice ein junger Mann, wie sie aus Frankreich stammend, der am Holocaust-Museum in Washington arbeitet. Die Suche nach Jacobinas Halbschwester erweist sich nach all den Jahren als überaus schwierig und zeitraubend. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand weiß: Diese Suche wird das Leben aller Beteiligten grundlegend verändern.

Die Autorin Melanie Levensohn hat Geschehnisse aus der Familiengeschichte ihres Mannes für diesen anrührenden Roman verwandt. Ihr Mann hatte eine Großcousine, die ebenfalls Melanie Levensohn hieß und deren Spur sich in Auschwitz verliert. 

 


Verlag: Piper
ISBN: 9783492056632
Preis: 20,00 €
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Die Büglerin

Heinrich Steinfest, Rezension von Bucconi, Karin

Heinrich Steinfest ist Garant für intelligente, schräge, und auch philosophische Unterhaltung, gespickt mit Wortwitz. 

Ob er seinen Kommissar Lukastik seine gesammelten Weisheiten aus Wittgenstein tractatus logico-philosophicus beziehen, den  Detektiv Cheng mit seinem inkontinenten Hund ermitteln oder in „Gewitter über Pluto“ einen der Pornodarsteller, der nicht mehr drehen und ein Handarbeitsgeschäft eröffnen will, in die Hände einer brutalen Geldverleiherin geraten läßt, kluge Unterhaltung ist gewährleistet.

Dieses Mal ist alles ein wenig anders und eher ein Märchen als ein Krimi.

 

Tonia wächst als Kind von Botanikern auf einer Segeljacht auf. Die elterliche Villa wird von einem chinesischen Ehepaar gehütet. Ihre Eltern sind beide Trinker, haben ihre Segeljacht aber immer im Griff, bis sie eines Tages auf dem Meer umkommen. Bei der Testamentseröffnung erfährt Tonia von einer Halbschwester, mit der sie sich anfreundet und in der elterlichen Villa zusammenzieht. Sie interessiert sich nicht sonderlich für Männer, trägt nur schwarz und isst keine Meerestiere.  Gemeinsam mit Hannah zieht sie ihre kleine Nichte Emilie auf. Als die Kleine auf tragische Weise umkommt verzichtet sie auf viel Geld und tut Buße, indem sie unterbezahlt als Büglerin in Deutschland arbeitet.

Warum fühlt sie sich schuldig? Was ist wirklich geschehen, das sie weit weg ziehen, Studium und Wohlstand aufgeben und schlecht entlohnte Arbeit verrichten lässt?

 

Eine nicht durchgehend logische Geschichte (wie immer bei Steinfest), aber unbedingt empfehlenswert. Ein wahres Lesevergnügen!


Verlag: Hanser
ISBN: 9783446260405
Preis: 22,00 €
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Weit weg von Verona

Jane Gardam, Rezension von Karin Bucconi

Jane Gardam: Weit weg von Verona

Jane Gardam kennen wir, seit die wunderbare Trilogie um den britischen Anwalt Edward Feathers bei uns veröffentlicht wurde (Ein untadeliger Mann/Eine treue Frau/Letzte Freunde) „Weit weg von Verona“ ist ihr erster Roman.

 

Es geht um Jessica, ein junges Mädchen, das wir bis zum Erwachsenwerden begleiten. Jessica ist furchtbar unbeliebt. Sie ist vorlaut und sagt immer die Wahrheit. Außerdem weiß sie (glaubt sie), was die Leute denken. In der Schule lernt sie in einer Unterrichtsstunde einen Schriftsteller kennen, dem sie alles, was sie je geschrieben hat, eilig  auf dem Bahnhof in die Hand drückt und der ihr später schreibt, dass sie wirklich Talent besitzt. Nun weiß sie es: das will sie auch, Schriftstellerin werden.

 

Die Ich-Erzählerin Jessica erzählt ihre eigene Geschichte. Sie wird während des 2. Weltkriegs in einem kleinen englischen Küstenort groß, umgeben von Familienmitgliedern, die mit sich selbst zu tun haben, Lehrern, denen sie lästig ist und Mitschülern, die nichts mit ihr anfangen können. Ganz oft bringt sie sich durch ihren Eigensinn in gefährliche Situationern. Sie dreht sich eigentlich nur um sich selbst, hat nur eine Freundin, und als sie sich einmal mit einem Typen verabredet, überleben beide einen Fliegerangriff nur mit viel Glück. Trotz vieler Hindernisse geht Jessica unbeirrt ihren weg. Wie?

 

Lesen Sie selbst. Es lohnt sich! 


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-6467-6
Preis: 11,00 €
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Als wir unbesiegbar waren

Alice Adams, Rezension von Annette Riedel

Bristol, Sommer 1995: Eva, Benedict und das Geschwisterpaar Lucien und Sylvie sind unzertrennlich. Jetzt ist die gemeinsame Zeit am College zu ende und alle vier freuen sich auf ein aufregendes Leben. Eva plant ihre berufliche Zukunft im Finanzwesen. Als Börsenmaklerin macht sie schnell Karriere, aber der Preis für ihren Erfolg ist sehr hoch, denn sie lebt nur noch für ihre Arbeit. Ihre unerwiderte Liebe zu Lucien versucht Eva zu vergessen. Benedict arbeitet weiter am College und treibt seine Promotion in Physik voran. Er hofft immer noch, dass er Eva für sich gewinnen kann, die er schon lange heimlich liebt. Lucien und Sylvie lassen sich in ein aufregendes Leben ohne Grenzen treiben: Lucien organisiert Veranstaltungen in der Londoner Clubszene und dealt nebenher mit Drogen. Das geht natürlich nicht lange gut. Seine Schwester Sylvie möchte gern malen und von ihrer Kunst leben können, doch bis dahin hält sie sich immer wieder mit Gelegenheitsjobs über Wasser und trinkt viel zu viel.

In den darauffolgenden zwanzig Jahren sehen sich die Freunde ganz intensiv oder auch nur noch sporadisch: jeder ist damit beschäftigt, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen oder seine persönlichen Katastrophen abzuwenden, berufliche Misserfolge wegzustecken oder gescheiterte Beziehungen zu überleben. Doch immer wieder besinnen sich die vier Freunde auf das, was sie verbindet und geben einander in Krisen Halt.

Ein wunderbarer Roman über das Leben, die Liebe und die Freundschaft - also über alles, was im Leben wirklich zählt!


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05727-1
Preis: 20,00 €
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Das innere Ausland

Thommie Bayer, Rezension von Kathrin Allkemper

Andreas Vollmann ist 64 Jahre alt und lebt recht abgeschieden in einem schönen Haus in Südfrankreich. Zuletzt lebte er dort mit seiner jüngeren Schwester Nina. Die beiden hatten sich das große Haus geteilt, jeder hatte seinen eigenen Bereich, aber natürlich hat man dennoch viel Zeit miteinander verbracht. Jetzt ist Nina tot und Andreas spürt eine große Leere. Das Haus ist plötzlich sehr still und die Tage kommen ihm unendlich lang und unausgefüllt vor. Gerade hat er sich einigermaßen an die neue Situation gewöhnt, da steht auf einmal eine jüngere Frau vor der Tür. Sie stellt sich ihm als Malin vor und behauptet, Ninas Tochter zu sein.

Da Andreas seit dem Tod seiner Schwester keine Post mehr geöffnet hat, ist ihm auch Malins Brief entgangen. Etwas überrumpelt nimmt er die Frau bei sich auf und obwohl er einerseits überhaupt nicht glauben kann, dass seine Schwester ihm seine Nichte verschwiegen haben soll, ist er andererseits froh über die Gesellschaft. Sofort spürt er wieder mehr Leben im Haus und merkt dadurch, dass er dort in der Abgeschiedenheit kurz davor war, zu vereinsamen. Durch Malins Anwesenheit ist es für ihn ein bißchen so, als hätte er seine Schwester zurück, da sie viele Angewohnheiten ihrer Mutter geerbt hat. Im Gegenzug bietet er der verloren wirkenden Frau ein Art Zuhause und hilft ihr, wieder auf die Beine zu kommen....

Wie immer bei Thommie Bayer bestehen die Geschichten weniger aus großartigen Handlungen, sondern viel mehr aus gut beschriebenen Einblicken in die Gefühlswelten der Menschen... Sehr schön erzählt!

 


Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-48738-7
Preis: 9,99 €
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Ohne ein einziges Wort

Rosie Walsh, Rezension von Tanja Tenberg

Sarah ist mal wieder bei ihrer Familie in England zu Besuch.

Bei einem Spaziergang in der Gegend, trifft sie Eddie, der gerade auf der Wiese scheinbar ein Streitgespräch mit einem Schaf führt.

Die Beiden kommen ins Gespräch, und es ist um sie geschehen.

Hals über Kopf verliebt verbringen sie eine Woche miteinander, an deren Ende Eddie in seinen Urlaub abreist, mit dem Versprechen, sich nach seinem Urlaub direkt zu melden.

Und Sarah hört und hört nichts von ihm, er scheint verschwunden, gibt kein Lebenszeichen von sich.

Man leidet mit ihr, will wissen was da los ist.

Nach und nach erfährt man aus Sarahs Vergangenheit, ein schwerer Schicksalsschlag hat vor vielen Jahren die Familie ereilt.

Hat ihre Vergangenheit etwas mit Eddies Vergangenheit zu tun?

Ein Buch mit unerwarteten Drehungen und Wendungen, zum weinen schön, für das Kribbeln im Bauch und noch einmal totales Verliebtsein zu fühlen.

Die perfekte Sommerlektüre mit viel Gefühl und Drama, unbedingt Taschentücher in greifbarer Nähe...


Verlag: Harper Collins
ISBN: 978-3-95967-220-7
Preis: 22,00 €
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Alligatoren

Deb Spera, Rezension von Bernhard Söthe

South Carolina in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Weltwirtschaftskrise kündigt sich an. Aber in South Carolina gibt es ein zusätzliches Problem. Eine Ungezieferplage hat die Baumwollernten der letzten Jahre stark beeinträchtigt. Nun hat auch die weiße Oberschicht - die Plantagenbesitzer und ehemaligen Sklavenhalter - massive Wirtschaftsprobleme. Den armen weißen, dem "white trash" ging es noch nie gut, aber jetzt hungern sie. Und die farbige Bevölkerung lebt auch 60 Jahre nach dem Bürgerkrieg  und dem Ende der Sklaverei weitgehend rechtlos am Rande der Gesellschaft. Die farbigen Frauen arbeiten, wenn sie Glück haben, als Hausangestellte bei den weißen "besseren" Leuten, die Männer arbeiten als Tagelöhner auf den Feldern.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von drei Frauen:

Annie, die älteste, ist mit einem Plantagenbesitzer, der wegen der Baumwollkäferplage kurz vor dem Ruin steht, verheiratet. Um die Finanzen der Familie aufzubessern, hat die tatkräftige Annie eine Näherei gegründet. Es läuft auch ganz gut, besonders seit Annies dritter Sohn, ein schüchterner Stotterer, mit einsteigt und die Näherei nicht nur billige Futtersäcke und Arbeitskleidung produziert, sondern hochwertige Bekleidung. Die Näherei beschäftigt immerhin 20 Frauen. Annies zweiter Sohn arbeitet an der Seite seines Vaters, der die Plantage vom Baumwollanbau auf Tabakanbau umstellen will, ein Kraftakt mit ungewissem Ausgang. Annies ältester Sohn hat sich als Zwölfjähriger in einer Scheune der elterlichen Plantage erhängt. Es gibt auch zwei Töchter, die in Charleston in angenehmen Verhältnissen verheiratet sind. Nach einem massiven Streit hat der Vater seinen Töchtern verboten, das Haus zu betreten, ohne dass Annie dies verhindern konnte. Seitdem ist der Kontakt völlig abgebrochen.

Getrude, die zweite Protagonistin, stammt aus einer armen Landarbeiterfamilie. Sie ist gegen ihren Willen als blutjunges Mädchen mit einem mittellosen Hilfsarbeiter verheiratet worden. Die beiden haben vier Töchter. Getrudes Mann ist Alkoholiker und schlägt Frau und Töchter. Die Familie lebt in einer jämmerlichen Hütte am Rande eines Sumpfes, in dem auch Alligatoren leben. Als auf dem Weg zur Hütte der Familie ein riesiger Alligator auftaucht, greift Gertrude zum Gewehr, den Umgang ist sie seit Kindesbeinen gewöhnt. Zufällig kommt auch Gertrudes Mann betrunken, wie so oft, den Weg entlang. Kurzentschlossen ändert Gertrude das Ziel, den Rest erledigt der Alligator. Gertrude findet Arbeit in Annies Näherei, ihre älteste Tochter arbeitet als Küchenhilfe auf Annies Plantage.

Oretta, die dritte Erzählerin, eine ältere Farbige, ist die Köchin, ihre Mutter hatte noch als Sklavin auf der Plantage gearbeitet. Verheiratet ist Oretta mit Odell, der mit einem klapprigen Wagen und einem klapprigen Pferd ein Ein-Mann-Fuhrunternehmen betreibt. Oretta und Odell sind die einzigen Personen des Buches, die eine glückliche Ehe führen.

Die Frauen sind die starken Gestalten dieser Geschichte, die versuchen, ihre Familien trotz persönlicher und wirtschaftlicher Katastrophen zusammen zu halten. Die Männer sind bestenfalls Schwächlinge, schlimmstenfalls krankhafte Psychopathen, die ihren Frauen und Kindern das Leben zur Hölle machen.

Die Handlung kulminiert während eines Hurrikans, der Häuser zerstört und bis dahin verdrängte Verbrechen ans Tageslicht bringt.

Ein beeindruckendes Debüt der Autorin Deb Spera , die ihrer Aussage nach Elemente ihrer eigenen Familie in diesem Roman verarbeitet hat. Für Leserinnen von Sue Monk Kidd und Marilynne Robinson.


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-9898-5
Preis: 20,00 €
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Das weibliche Prinzip

Meg Wolitzer, Rezension von Bernhard Söthe

Der neue Roman von Meg Wolitzer, "einer der klügsten und wichtigsten Schriftstellerinnen Amerikas", wie der Sunday Telegraph meint, ist die Geschichte von drei Frauen, deren Leben wir über einige Dekaden bis in die beklemmende Gegenwart der USA verfolgen.

Greer Kadetsky ist Einzelkind, ihre Eltern sind Alt-Hippies, die sich mühsam mit diversen Jobs über Wasser halten. Um ihre Tochter kümmern sie sich herzlich wenig, sie nennen das: "dem Kind Freiheit lassen". Man könnte auch sagen, eigentlich interessieren sie sich nicht um Wohl und Wehe ihrer einzigen Tochter. Keine guten Startbedingungen. Aber Greer ist zwar schüchtern, aber intelligent und durchläuft die Schule ohne Probleme. Ihr Abschluss ist so gut, dass sie für ein Stipendium an einer der Elite-Universitäten in Frage käme, wenn ihre ständig bekifften Eltern es nicht zu kompliziert gefunden härtten, die Auftragsformulare auszufüllen und pünktlich abzugeben. Greers sowieso nicht gutes Verhältnis zu ihren Eltern ist im Keller. Statt einen stipendienfinanzierten Studienplatz in Yale zu bekommen, muss Greer sich mit einem Platz an einer zweitklassigen No Name-Universität begnügen. Dort trifft Greer auf Zee, ebenfalls Studienanfängerin, ansonsten ihr genaues Gegenteil, extrovertiert, impulsiv, neugierig auf das Leben. Zee kommt aus einem bürgerlichen  Elternhaus, beide Eltern sind Richter und sehr darauf bedacht, dass aus ihrer Tochter "was wird". Zee bemerkt als Jugendliche, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt. Ihre Eltern schicken sie zu einer Therapeutin. Als diese Zee davon überzeugen will, dass sie nur aus Protest gegen ihre Eltern lesbisch sein will und sie sich tief in ihrem Inneren nach einer Beziehung zu einem Mann sehnt, bricht Zee diese "Therapie" ab.

Zee, der es an Talent und Interesse für eine akademische Laufbahn fehlt, wird zum Leidwesen ihrer Eltern auch nur an der mittelprächtigen Universität angenommen, an der auch Greer ihr Studium beginnt. Die beiden so unterschiedlichen jungen Frauen freunden sich an und meistern gemeinsam die ersten Klippen des Studentendaseins. Entscheidend für den weiteren Lebensweg der jungen Frauen wird ihre Begegnung mit Faith Frank, der dritten weiblichen Hauptperson des Buches. Faith Frank ist eine Ikone der US- amerikanischen Frauenbewegung, eine charismatische Frau mittleren Alters, die Herausgeberin einer feministischen Zeitschrift. Nach einem Vortrag von Faith Frank an der Universität von Greer und Zee kommt es zu einer folgenschweren Begegnung der drei Frauen. Die schüchterne Greer bekommt von Faith Frank eine Visitenkarte, die eloquente Zee geht leer aus. Nach dem Ende des Studiums ist Greer auf Jobsuche, sie erinnert sich an die Visitenkarte von Faith Frank und schickt ihr eine Bewerbung. Das feministische Magazin musste inzwischen aus finanziellen Gründen eingestellt werden, aber Faith Frank leitet jetzt eine Stiftung, die sich weltweit für Frauenrechte einsetzt. Finanziert wird diese Stiftung von einem milliardenschweren Unternehmen, dessen Inhaber Faith Frank aus früheren Jahren kennt. Das Unternehmen ist auf vielen Gebieten aktiv, nicht alle sind legal oder moralisch einwandfrei. Die Stiftung mit Faith Frank als Aushängeschild ist das Feigenblatt, mit dem der Konzern seine dubiosen Geschäftsmethoden verdecken will. In feministischen Kreisen ist die Stiftung deshalb nicht unumstritten. Diese Hintergründe kennt Greer nicht und sie ist überglücklich, in der Stiftung einer untergeordnete, aber gut dotierte Stelle zu bekommen und  für und mit der berühmten Feministin Faith Frank für die Rechte der Frauen zu kämpfen. Als ihre Freundin Zee, die in einem ungeliebten Job in einer Anwaltskanzlei steckt, eine Stelle in der Stiftung sucht, hintertreibt Greer ohne Zees Wissen deren Bewerbung. Greer arbeitet sich in der Stiftung hoch und bekommt für ihre Arbeit viel Anerkennung. Als sie aber merkt, dass sich auch eine Lichtgestalt wie Faith Frank vom großen Geld korrumpieren lässt und auch ziemlich fies sein kann, kündigt sie desillusioniert. Die USA leben inzwischen in der Zeit des "großen Grauens", was damit gemeint ist, kann man fast täglich in den Schlagzeilen der Zeitungen lesen. 

Ebenfalls sehr lesenswert: Meg Wolitzers Roman "Die Interessanten", die Geschichte von vier Freunden, deren Lebensweg Wolitzer über Jahre begleitet. "Die Interessanten" sind als Taschenbuch (9,99€) erhältlich und auch als schöne, kleine Geschenkausgabe (14,00€).


Verlag: Kein und Aber
ISBN: 978-3-0369-5775-3
Preis: 22,00 €
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Launen der Zeit

Anne Tyler, Rezension von Bernhard Söthe

Willa Drake wächst in den 60er Jahren des vorherigen Jahrhunderts in einer äußerlich normalen Familie im mittleren Westen der USA auf. Der Vater ist Lehrer, ein liebevoller, aber schwacher Mann, der sich nie neben seiner impulsiven Ehefrau behaupten konnte. Mrs Drake fühlt sich als Hausfrau und Mutter unterfordert und in ihrer Rolle gefesselt. Sie hatte mal größere Ambitionen, die sie als Darstellerin in diversen Laienschauspielgruppen nur ungenügend ausleben kann. Wenn ihr Kinder und Ehemann zuviel werden, verschwindet sie auch schon mal für ein paar Tage, zum Entsetzen von Willa und ihrer kleinen Schwester. Mrs Drake kehrt zwar jedes Mal zu ihrer geschockten Familie zurück, aber die Kinder leben in permanenter Unsicherheit, und Willa lernt schon als Kind, Verantwortung für andere zu übernehmen und ihre eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen. Willa heiratet den mehr oder weniger erstbesten jungen Mann, der sich für sie interessiert. Die Ehe ist nicht schlecht, die Ehe ist nicht gut. Zwei Söhne kommen zur Welt, denen Willa ein stabileres Elternhaus bietet, als es ihr selbst vergönnt war. Als die Jungen Teenager sind, stirbt ihr Vater, Willas Mann, bei einem selbstverschuldeten Autounfall. Willa kümmert sich weiterhin um ihre Söhne, bis sie endgültig flügge sind und eigene Wege gehen. Willa hofft, dass ihre Söhne irgendwann heiraten und ihr Enkel bescheren werden, aber den Gefallen tun ihr beide Söhne nicht. Der jüngere Sohn reist viel in der Welt herum und scheint gänzlich bindungsunfähig zu sein. Der ältere dagegen hat ständig eine Frau an seiner Seite, die aber so häufig wechselt, dass Willa es sich abgewöhnt hat, sich die Namen der Damen zu merken. In zweiter Ehe heiratet Willa einen älteren, wohlhabenden Rentner, dessen Lebensinhalt sich in Golfspielen erschöpft. Willa fühlt sich in dieser Ehe nicht unglücklich, aber Glück fühlt sich anders an, auch wenn man unter ewig blauem Himmel in einem schicken Wüstenresort lebt.

In diese etwas langweilige Idylle platzt ein Anruf. Eine ihr unbekannte Frau ruft Willa an und berichtet ihr panisch, Denise wäre angeschossen worden, sie sei zwar nicht gefährlich verletzt, läge aber im Krankenhaus und könne sich nicht um ihre 9jährige Tochter Cheryl kümmern. Die Anruferin stellt sich als Nachbarin von Denise und Cheryl vor, die sich aber auch nicht kümmern können, da sie schließlich arbeiten müsse. Willas Telefonnummer habe auf einem Zettel am schwarzen Brett in Denise' Küche gehangen, deshalb habe sie angenommen, Willa wäre eine Verwandte von Denise und Cheryl. Ist sie aber nicht. Willa erinnert sich vage, dass eine der abgelegten Lebensabschnittsgefährtinnen ihres ältesten Sohnes Denise hieß, die aus einer früheren Beziehung eine Tochter hatte. Da besagte Denise schnell wieder aus dem Leben von Willas Sohn verschwand, hat Willa weder sie noch ihre Tochter Cheryl jemals kennen gelernt. Willa ist also in keinster Weise verpflichtet, als Nothelferin bei ihr völlig unbekannten Leuten einzuspringen. Das sind Willas erste Gedanken, aber kann man ein neunjähriges Kind, verwandt oder nicht verwandt, bekannt, aber nicht bekannt seinem Schicksal überlassen? Zumal Willa in ihrer privilegierten Lebenssituation - sie hat Zeit und Geld - durchaus helfen könnte. In Begleitung ihres unwilligen Gatten, der sich nur höchst ungern von seinem geliebten Golfplatz entfernt, fliegt Willa nach Boston, um zu prüfen, ob und wie sie dem ihr unbekannten Kind helfen kann ...

Anne Tyler stellt in ihrem neuen Roman ihren Lesern die Frage, ob man auch in vorgerückten Jahren seinen Lebensplan noch einmal ändern kann, um eingefahrene Wege zu verlassen und noch einmal neue Erfahrungen zu machen. Vor Jahren war Anne Tylor eine auch in Deutschland vielgelesene Autorin, in den letzten Jahren ist es ruhiger um sie geworden, aber mit ihrem großartigen neuen Roman wird sie sicherlich an frühere Erfolge anknüpfen können. 


Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN: 978-3-627-00253-4
Preis: 28,00 €
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Dämmer und Aufruhr

Bodo Kirchhoff, Rezension von Bernhard Söthe

Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff sitzt auf dem Balkon eines Hotels in Alassio und macht sich Notizen zu einem autobiographischen Roman über seine Kindheit und Jugend. Ende der 50er Jahren haben seine Eltern in diesem Hotel einige Urlaubstage verbracht und genau auf diesem Balkon gesessen. Die Ehe der Eltern kriselt seit langem. Kurz nach diesem Urlaub trennen sie sich endgültig. Jahrelang hatten sie ihren Kindern, Bodo und seiner jüngeren Schwester, die heile Familie vorgespielt, obwohl der Vater, vorgeblich aus beruflichen Gründen, schon längere Zeit eine eigene Wohnung hat. Er ist fast nur noch zu Festen wie Weihnachten und Geburtstagen präsent. Bis dahin hatten Bodo Kirchhoff und seine Schwester eigentlich eine typische 50er Jahre-Kindheit. Auffallend  nur, dass die Kinder häufig woanders "geparkt" wurden. Bodo hatte das Glück, viel Zeit bei seiner geliebten Oma mütterlicherweits, einer ehemaligen Wiener Opernsängerin, zu verbringen. Sie war sein stabiler Anker in unstabilen Zeiten. Nach der Scheidung seiner Eltern und einem missglückten ersten Gymnasialjahr in Freiburg wurde er an einem evangelischen Internat am Bodensee angemeldet. Auch in dem konservativen Umfeld des Internats waren die Auswirkungen der 68er Studentenbewegung spürbar. Gerade die älteren Schüler können mit den tradierten Verhaltensweisen  nicht mehr viel anfangen. In Maßen proben Kirchhoff und die anderen Schüler der Oberstufe den Aufstand. Lange Haare, Rauchen, Alkohol, laute Musik, sexuelle Erfahrungen. Die hatte Bodo Kirchhoff aber schon viel früher gemacht. Harmlos dürfte es gewesen sein, wenn er seiner geliebten Oma das Korsett öffnen und ihr den Rücken massieren durfte. Nicht mehr so harmlos war es dagegen, wenn der vierjährige Bodo den Unterleib seiner Mutter mit einem Bleistift untersuchen durfte. "Nimm aber nicht die spitze Seite", war der einzige Kommentar der bäuchlings nackt auf dem Bett liegenden Mutter. In der ersten Klasse des Internats entwickelt der musikalisch begabte Bodo eine Neigung zu dem charismatischen Kantor und Sportlehrer, der sich mit seiner Freundlichkeit und Zugewandtheit deutlich von den anderen Lehrkräften unterscheidet. Es kommt zu einem länger andauernden sexuellen Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler. Bodo fühlt sich keineswegs missbraucht, sondern angenommen und gemocht, ja, er sucht geradezu den sexuellen Kontakt zu dem 20 Jahre älteren Lehrer. Er empfindet keinerlei Zwang und reagiert erst geschockt und eifersüchtig, als er merkt, dass der Kantor auch mit anderen Schülern sexuelle Kontakte hat. Als sich der Kantor gerüchteweise nach Südamerika abgesetzt hat, wird im Internat die ganze Geschichte vertuscht. Nach dem Abitur geht Bodo Kirchhoff anders als viele Altersgenossen freiwillig zur Bundeswehr, wo er nach dem Grundwehrdienst als Ausbilder eingesetzt wird. Finanziert durch das Entlassgeld unternimmt er eine ausgedehnte Reise nach Amerika. Zurück in Deutschland schreibt er sich an der Universität Frankfurt ein. Er lebt in einer schlichten Studentenbude, nicht weit von der Wohnung seiner Mutter entfernt, die inzwischen als Autorin von Fortsetzungsgeschichten in Zeitschriften und Unterhaltsromanen tätig ist. Gleich um die Ecke ist das Gebäude des Suhrkamp Verlages. Sehnsüchtig beäugt von Bodo Kirchhoff, der neben seinem Studium erste schriftstellerische Fingerübungen unternimmt. Und nach etlichen Fehlversuchen wird im Suhrkamp Verlag eine Erzählung von Bodo Kirchhoff veröffentlicht. Hier beginnt die Karriere des Schriftstellers Bodo Kirchhoff, der für seinen Roman "Widerfahrnis" 2016 mit den Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde.

Bodo Kirchhoff, der in diesem Jahr 70 Jahre alt wird, lebt am Gardasee.