Belletristik


Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-10-397465-2
Preis: 20,00 €
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Der Klavierspieler vom Gare du Nord

Gabriel Katz, Rezension von Jutta Pollmann

Mathieu Malinski spielt Klavier wie ein junger Gott, doch dort, wo er herkommt, interessiert das keinen. In den Banlieues von Paris ist das Klavierspielen kein Thema. Hier lebt er oder besser versucht er mit seinem jüngeren Bruder und seiner Mutter, die Nacht für Nacht im Krankenhaus putzt, zu überleben.

Manchmal, wenn er von der Arbeit kommt, setzt er sich an das Klavier, das am Gare du Nord steht und spielt, bis mal wieder die Polizei vorbeikommt, um ihn zu vertreiben oder zu verfolgen. Mit der Kapuze tief im Gesicht, ist er anscheinend ein potentieller Täter...

Doch eines Tages spricht ihn nicht die Polizei, sondern ein eleganter Herr an, Pierre Geithner, der den Fachbereich Musik am CSMP, dem Conservatoire supérieur de musique de Paris leitet. Geithner ist fasziniert von dem Klavierspiel des Jungen, drängt ihn, zum Konservatorium zu kommen; er möchte ihm behilflich sein, sich und seine Fähigkeiten zu entwickeln, an seiner Karriere zu arbeiten. Matthieu winkt dankend ab, so ein Spinner, für Klavierunterricht hat man bei ihm zuhause kein Geld. Doch Geithner drückt ihm für alle Fälle seine Visitenkarte in die Hand.

Pierre Geithners große Zeit am Konservatorium scheint vorbei zu sein. Man will dem Institut die Gelder kürzen, ihm den Posten wegnehmen, einen lächelnden Idioten an seine Stelle setzten, der sich allerdings - das muss er zugeben – im Rampenlicht wohler fühlt als er. Auch die Ehe mit Mathilde hat bessere Zeiten gesehen. Um das Ruder noch herum zu reißen, müsste einer der Zöglinge des Konservatoriums mal wieder den Grand Prix d'excellence der Musik gewinnen, aber der wird seit Jahren von Chinesen oder Japanern gewonnen.

Ein paar Tage später bekommt er dann tatsächlich einen Anruf von Mathieu, nicht weil dieser vorspielen will, Mathieu sitzt in der Klemme. Er ist bei einem Einbruch erwischt worden, soll ins Gefängnis, schließlich ist das nicht das erste Mal gewesen.

Doch Geithner bürgt für ihn und Mathieu bekommt „nur“ Sozialstunden aufgebrummt: Putzen im Konservatorium. Pierre Geithners Plan dahinter: wenn der Junge schon mal da ist, kann man ihn nach und nach auch vorbereiten auf den Prix d'excellence. Frischer Wind im Konservatorium, ein Außenseiter, das wäre was für die Presse.

Doch nicht nur Pierre Geithner hat zu kämpfen, um diesen Plan durchzusetzen, auch der rebellische Mathieu kommt an seine Grenzen.

 

 Absolut lesenswert! Ein Wohlfühlbuch par excellence!!!!!!!!!!!!!!!


Verlag: S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397382-2
Preis: 22,00 €
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Der Honigbus

Meredith May, Rezension von Jutta Pollmann

Amerika 1975: Die Ehe von Meredith Eltern steht von Anfang an unter keinem guten Stern, doch in diesem Jahr liegt sie in Scherben. Meredith und ihr Bruder Matthew ziehen mit ihrer Mutter an die Westküste nach Big Sur, wo ihre Großeltern leben. Und auch wenn es in den letzten Jahren mehr Streit als Nähe zwischen den Ehepartnern gab, ist Merediths` Mutter am Boden zerstört. Zuhause bei ihren Eltern verkriecht sie sich in ihr Zimmer, kümmert sich um nichts mehr, auch nicht um die Kinder und ergibt sich ihren Depressionen. Die Großmutter versorgt die Kinder, aber das ist auch alles. Liebe und Zuneigung sind Fremdworte für diese Frau. Matthew ist noch klein, bekommt vieles nicht mit, doch Meredith leidet. Auch die Schule ist für sie nicht einfach. Sie vermisst ihre alten Freundinnen, hier wird sie nicht richtig heimisch. Nicht zuletzt die Kleidung macht sie zur Außenseiterin – 1975 tragen junge Mädchen eher Schlaghosen und Häkeltops, statt Schottenrock und Bluse, die ihre Großmutter aus der Kleiderkammer besorgt hat.

Einzig ihr Großvater, ein einfacher, ruhiger und besonnener Mann ist für Meredith ein Fels in der Brandung. Sein Geld verdient er sich durch Handwerksaufträge, aber in ersten Linie als Imker. Ein alter Schulbus auf dem Gelände beherbergt eine Honigschleuder und rund um Big Sur stehen seine Bienenkörbe. Nach und nach führt er Meredith in die Kunst des Honigmachens ein und erzählt ihr alles, was er über Bienen weiß.

Irgendwann sollen die Kinder ihre Väter mit in die Schule bringen, damit diese den anderen von ihren Berufen erzählen können. Meredith ist sich unschlüssig, ob sie ihren Großvater fragen soll, schließlich macht er in seinem alten karierten Hemd und der Arbeitshose nicht viel her, doch an dem speziellen Nachmittag, steht ihr Großvater geschniegelt und gespornt vor ihr. An seiner Hand geht es in die Schule. Später lauschen ihm alle Kinder und Erwachsenen, als er von seiner Arbeit als Imker erzählt, wie viele Generationen seiner Familie schon Imker waren, worauf es bei der Arbeit ankommt, welche wichtige Aufgabe die Bienen haben. Meredith hört ihm genauso gebannt zu wie alle anderen und ist zum ersten Mal glücklich.

Ein paar Jahre später, als sie alt genug ist, um allein zu fliegen, verlebt sie eine Woche bei ihrem Vater und seiner neuen Frau an der Ostküste. Eine Woche ist sie die Prinzessin, eine Woche werden ihr alle Wünsche erfüllt, eine Woche Eis und Kirmes und Tierpark und, und...

Als ihr Vater Meredith anbietet, bei ihm an der Ostküste zu bleiben, ist sie hin und her gerissen: sie weiß, sie wird ihn vermissen, aber sie sehnt sich nach ihrem Großvater.

Meredith fliegt zurück und genau wie die Bienen tagtäglich lernen müssen mit den Ungereimtheiten der Natur oder der Umgebung klar zu kommen, so lernt auch Meredith an der Seite ihres Großvaters sich den Widrigkeiten des Lebens zu stellen.

 

Ein wirklich schöner und bewegender biographischer Roman, der auch ein bisschen an „Jeanette Walls, Schloss aus Glas“ erinnert. Meredith May verarbeitet in diesem Buch die schweren Jahre ihrer Kindheit und Jugend in den 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07053-8
Preis: 22,00 €
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Die Liebe im Ernstfall

Daniela Krien, Rezension von Tanja Tenberg

Fünf Frauenschicksale, fünf Frauenleben , fünf Geschichten, von Frauen, die den Fall der Mauer erlebten.

Wir lernen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde kennen, leiden und lieben mit ihnen, hoffen und freuen uns.

Es geht um eine trauernde Mutter, eine viel arbeitende Ärztin, auf der Suche nach der Liebe im Internet, eine zweifache Mutter und Schriftstellerin, aufopfernd in ihrer Mutterrolle, immer auf der Suche nach Inspiration für ihre Bücher.

Eine kinderlose Musiklehrerin, verlassen in jungen Jahren, immer noch ihrem Freund hinterher trauernd, eine erfolgreiche Schauspielerin hin und her gerissen in ihrer Rolle als Mutter und Frau.

 

Daniela Krien, Jahrgang 1975,aufgewachsen in der DDR, weiß, wovon sie redet.

Es ist ihr drittes Buch, für mich war es das Erste und es packte mich von der ersten bis zur letzten Seite. Und meinen Kolleginnen ging es genauso.

Bitte vertrauen Sie uns und lesen und genießen Sie dieses Buch, meine Damen.

Silke Müller vom Stern (Hamburg) schreibt über dieses Buch: "Diese Frauen werden beim Lesen zu Vertrauten, sie offenbaren sich und bleiben so unverstellt und vor allem: glaubwürdig. Vielleicht ist das die Kunst, das literarische Konzept von Daniela Krien, diese distanzlose Wahrhaftigkeit ihrer Figuren, die berührende Intimität."


Verlag: Piper
ISBN: 9783492059268
Preis: 22,00 €
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Welch schöne Tiere wir sind

Lawrence Osborne, Rezension von Karin Bucconi

Der Roman spielt auf der griechischen Insel Hydra. Im Mittelpunkt stehen zwei junge Frauen: Naomi und Samantha, genannt Sam. Naomi ist Britin, Sam Amerikanerin. Beide verbindet der Reichtum und die Dekadenz ihrer Familien. Der Vater von Naomi, Jimmie Codington,  ist millionenschwerer Besitzer einer Fluglinie und bekannter Kunstsammler. Naomis Mutter ist früh gestorben, und sie hat mit Phaine eine griechische Stiefmutter. Beide mögen sich nicht. Seit den 80er-Jahren verbringt die Familie die Sommer auf der Insel, die Naomi in- und auswendig kennt. Hier hat einst auch Leonard Cohen für eine längere Zeit gewohnt, und nur die Superreichen sind auf Hydra zuhause. Man ist unter sich. Viele sind -wie Naomi- selbstverliebt, langweilen sich und sind der Trägheit überdrüssig. Die Einheimischen verkommen beinahe zu Statisten.

Naomi, die in London als Anwältin gearbeitet hat, hat einen Fall in den Sand gesetzt, ist entlassen worden und nun wieder auf ders Hydra. Sie lernt Sam kennen, die sich sogleich der coolen 24jährigen Naomi anschließt. Sam studiert noch. Die alsbald einsetzende Langeweile der beiden wird unterbrochen, als sie an abgeschiedener Stelle einen syrischen Flüchtling finden, den Naomi nun "retten" will, quasi als Wiedergutmachung dafür, daß sie alles hat, ohne dafür einen Finger krümmen zu müssen.

Letztlich will sie Faoud instrumentalisieren, um sich an ihrem Vater und dessen Frau zu rächen. Er soll selbige nämlich ausrauben, und das Hausmädchen Carissa soll mitmachen. Sie stimmt zu. Zum einen wegen des Geldes, das Naomi ihr zahlen will, zum andern weil sie seit langem schlecht und von oben herab behandelt wird. Doch der Plan geht gründlich schief...

Eine spannende, sehr gut geschriebene Geschichte, in der Osborne die dekadente Gesellschaft der Insel seziert!

 

 


Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-26217-0
Preis: 15,90 €
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Alles still auf einmal

Rhiannon Navin, Rezension von Annette Riedel

Der 6jährige Zach überlebt ein Massaker an seiner Schule im Wandschrank seines Klassenzimmers mit seinen Mitschülern und seiner Lehrerin. Sein drei Jahre älterer Bruder Andy wird von dem Attentäter erschossen.

Zach beobachtet ganz genau: den Zusammenbruch seiner Mutter, die Streitereien zwischen seinen Eltern, die verzerrte Wahrnehmung seines schwierigen Bruders, der an einem „Syndrom“ litt und mit Medikamenten dagegen behandelt wurde.

Die Erwachsenen sind so sehr mit ihrer Trauer beschäftigt, dass sie oft keine Zeit für Zach haben. Er zieht sich dann in sein Geheimversteck – den Wandschrank im Zimmer seines Bruders – zurück. Dort liest er für ihn die Bücher aus der Reihe „Das magische Baumhaus“ und sucht dort mit den Hauptfiguren nach den Geheimnissen des Glücks für den Zauberer Merlin, der krank vor Traurigkeit ist. Zach hofft, dass diese Glücksformeln auch seiner Familie helfen können...

Was Zach alles unternimmt, um seine Familie wieder zusammenzubringen und einen Hoffnungsfunken in der Zeit der Trauer zu entzünden, wird wunderbar und warmherzig aus der Sicht des kleinen Jungen erzählt.

Es ist sicherlich ein schwieriges Thema und dazu noch unendlich traurig, aber die liebenswürdige Art des kleinen Zach hat mich sehr gerührt. Das Buch habe ich sehr gern gelesen – in einm Rutsch!

 

 


Verlag: Piper
ISBN: 9783492059398
Preis: 25,00 €
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Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Joel Dicker, Rezension von Karin Bucconi

Ende Juli 1994 geschieht in Orphea, New York, ein furchtbares Verbrechen. Der amtierende Bürgermeister, seine Frau und sein Sohn werden niedergemetzelt. Eine Joggerin, die zur gleichen Zeit am Haus vorbeiläuft wird ebenfalls ermordet. Nach aufwendigen Recherchen und vielen kleineren und größeren Rückschlägen in der Ermittlung überführen Jesse Rosenberg und Derek Scott endlich den Mörder.

20 Jahre später taucht die Journalistin Stephanie Mailer auf und behauptet, damals sei der falsche Mann verhaftet worden. Sie habe recherchiert und könne Beweise liefern. Wenig später ist sie vom Erdboden verschwunden, ihre Wohnung wird angezündet, und es dauert nicht lange, da wird die Leiche der Journalistin aus dem Wasser gezogen. Jesse, der eigentlich schon in den Ruhestand verabschiedet wurde, nimmt mit seinem damaligen Partner Derek die Spur des Täters auf. Beide erhalten Unterstützung von der jungen Polizistin Anna, die die Nachfolge des Polizeichefs antreten soll, aber als einzige Frau von den neidischen Kollegen gemobbt wird. 

Der ehemalige Polizeichef Kirk Harvey, der ein Theaterstück inszeniert, das angeblich den damaligen Mörder entlarvt, ist wie auch der berühmte  Literaturkritiker Meta Ostrowski ein Exentriker. Beide tragen zum Verwirrspiel der Leserinnen und Leser bei, zumal es das Stück gar nicht gibt und beide nur den Drang verspüren, endlich wieder einmal im MIttelpunkt zu stehen. 

Es geschehen weitere Morde, und immer wird dieselbe Pistole benutzt. Nur eine Leiche ist dem Mehrfachmörder nicht zuzuordnen. Das Verschwinden der Sekretärin eines Zeitungschefs wird nie aufgeklärt. Sie wurde in den heißen Quellen des Yellowstone-Nationalparks entsorgt. Es heißt, da bliebe von einem Menschen höchstens die Schuhsohle über...

Wie dem auch sei. Die Handlung "spielt" auf zwei Zeitebenen. 1994 und 2014. Unterschiedliche Protagonisten kommen zu Wort, und während die Handlung der ersten zwei Bücher von Dicker, die ich gelesen habe (Die Wahrheit über den Fall Quebert und Die Geschichte der Baltimores)  eher einem roten Faden folgten, war dieses Mal das Verwirrspiel groß, und am Ende hat mich die Auflösung überrascht.



ISBN: 9783827013934

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Trennungen Verbrennungen

Helmut Krausser, Rezension von Karin Bucconi

"Der Krausser kann`s!" Stimmt!

Ich habe bislang zwei Bücher von ihm gelesen: "Eros" und "Die kleinen Gärten des Maestro Puccini". Beide haben mir ausnehmend gut gefallen, und so habe ich mir den neuen Roman sofort bestellt. Es ist eine ist bitterböse Satire und erzählt von Beziehungen, die im ersten Moment gut scheinen, es aber nicht sind.

Es gibt die unterschiedlichsten Verpaarungen. An der Spitze Professor Fred Reitlinger mit seiner Frau Nora, der nicht mehr mit seiner Frau schläft und ihr den Liebhaber, den er sich heimlich angeschaut hat, gönnt. Arnie ist ein Hotelmanager, hat zwei Kinder und trifft sich mit seiner Geliebten in deren Haus, bis die zwei beinahe von Alisha, der Tochter der Reitlingers überrascht werden.

Der Herr Professor lädt immer wieder einmal eine illustre Runde zum Talk. Dieses Mal sind auch zwei seiner Doktoranden dabei, Leopold und Gerry (eigentlich Gerd), die sich im Wettstreit um eine Stelle an der Uni befinden, und sich bei Reitlinger einzuschleimen versuchen. Wenn es passt, holt Reitlinger die eine oder andere Flasche Wein aus dem Keller, nicht ohne den Preis zu nennen. Studenten, die dabei sein dürfen, glauben, es geschafft zu haben.

Alisha, die Tochter des Hauses, hat sich in eine Kommilitonin verliebt, weiß aber nicht, dass Caro als Escort-Girl arbeitet. Das weiß auch ihr serbische Freund Pete (Petar) nicht, den sie zwar gern in ihrem Bett hat, den sie ansonsten aber für ziemlich blöd hält.

Ihr Bruder Ansger ist mit seinem Start Up Unternehmen böse auf die Nase gefallen, kommt in die Stadt, trifft seinen Vater, gewinnt im Kasino Geld, setzt es in Drogen um und verschwindet über Nacht...

Fred Reitlinger kauft ausgerechnet von Petars Vater eine alte Yacht, die seiner Frau künftig als Liebesnest dienen soll. Mittlerweile ist aber die Ehefrau von Arnie mißtrauisch geworden und bespitzelt ihn per App. Irgendwie hängt alles zusammen: jeder hat was mit jedem, Trennungen sind an der Tagesordnung und als plötzlich auf dem Wannsee ein Feuer ausbricht, scheint das Gefühlschaos gar kein Ende mehr zu nehmen...

Ich habe mich ausgezeichnet unterhalten gefühlt.

 


Verlag: Kindler
ISBN: 9783463407203
Preis: 22,00 €
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Eine irische Familiengeschichte

Graham Norton, Rezension von Annette Riedel

Elizabeth Keane kehrt aus New York in ihren verschlafenen irischen Heimatort Buncarragh zurück, um das Haus ihrer verstorbenen Mutter zu verkaufen. Schon als Kind war ihr die Enge der Kleinstadt unangenehm, da sie ohne Vater aufwachsen musste und deswegen von den Dorfbewohnern oft schief angesehen wurde.

Zeit ihres Lebens hat sich ihre Mutter in Schweigen gehüllt, wenn es um ihren Vater ging. Elizabeth weiss nur, dass ihre Mutter eines Tages fortgezogen ist, in der Ferne für alle überraschend geheiratet hat und nach einigen Monaten mit einem Baby auf dem Arm zurückgekehrt ist. Als Elizabeth nun in dem Haus einen Stapel alter Liebesbriefe findet, ist ihr Interesse geweckt....

Eines Tages unterrichtet sie der Anwalt der Familie von einer unerwarteten Erbschaft: Castle House, das Anwesen der Familie ihres Vaters. Sie reist dorthin, um Licht in ihre Familiengeschichte zu bringen.

Eine atmosphärische, spannende und gut erzählte Geschichte auf zwei Zeitebenen. Nach „Ein irischer Dorfpolizist“ das zweite Buch von Graham Norton, einem irischen Moderator, Schauspieler und Komiker. Ein richtig toller Schmöcker!


Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-22509-7
Preis: 18,00 €
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Der Platz

Annie Ernaux, Rezension von Bernhard Söthe

Annie Ernaux ist eine gefeierte und preisgekrönte französische Schriftstellerin, inzwischen auch in Deutschland bekannt. 2017 erschien ihr Roman "Die Jahre" (Suhrkamp, 18€), 2018 "Erinnerungen eines Mädchens" (Suhrkamp, 20€), beide von den Literaturkritikern hochgelobt.                                

Jetzt neu übersetzt, Annie Ernaux' erster, 1984 erschienener Roman. Geschrieben als Hommage an ihren 1967 verstorbenen Vater. Der Vater stammte aus kleinsten Verhältnissen, dessen Vater - Annie Ernaux' Großvater - arbeitete als Knecht auf einem großen Gutshof in der Normandie, er war praktisch Analphabet. Sein Sohn konnte immerhin die Dorfschule besuchen, arbeitete zunächst ebenfalls als Knecht, dann als Schichtarbeiter in einer Fabrik. Diese Arbeit war etwas besser bezahlt. Jeder Sous wurde gespart, um zu heiraten und eine Familie zu gründen. Ein Mädchen aus ähnlichen Verhältnissen wird seine Frau. Die gemeinsamen Ersparnisse reichen für den Kauf eines kleinen Kramladens, die es vor dem Zweiten Weltkrieg noch an jeder Ecke gab.  Die Familie zieht mehrfach um, immer auf der Suche nach einem einträglicheren Laden, bis sie schließlich einen mit Alkoholausschankgenehmigung kaufen können. Hier bleibt die Familie für die nächsten Jahrzehnte. Das älteste Kind der Familie, ein Mädchen, stirbt mit 7 Jahren an Diphtherie. Dann wird Annie geboren, sie bleibt ein Einzelkind. Ihre Eltern ermöglichen es ihr unter großen Entbehrungen zu studieren. Der Umgang in der Familie ist durchaus fürsorglich, aber viel Zeit für Gefühle bleibt nicht. Die Eltern müssen ständig um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen, besonders als nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten Supermärkte aufmachen, die alles in größerer Auswahl und billiger anbieten als die kleinen Kramläden. Die viele Arbeit und die Sorgen belasten natürlich das Familienleben. Durch ihre Bildung und ihren beruflichen Werdegang eröffnen sich Annie ganz neue Horizonte, und es gibt immer weniger Gemeinsamkeiten mit ihren alt gewordenen Eltern. Als sie nach Paris zieht, werden die Besuche in ihrem Elternhaus selten. Aber als der Vater krank wird und stirbt, ist Annie an der Seite ihrer Mutter. Das Buch ist eine Erinnerung an die Welt der "kleinen Leute", die versuchen, ihr Leben in Anstand und Würde zu führen. "Der Platz" ist ein schmales, aber inhaltsreiches Buch. 


Verlag: Deuticke
ISBN: 9783552063952
Preis: 22,00 €
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Aller Anfang

J. Courtney Sullivan, Rezension von Karin Bucconi

Nach "All die Jahre" und "Sommer in Maine" war "Aller Anfang"  mein dritter Roman von J. Courtney Sullivan, und auch diese Geschichte einer lebenslangen Freundschaft hat mich ausgezeichnet unterhalten. 

Sie lernen sich in ihrem ersten Jahr am Smith-College kennen, wo nur Frauen studieren. Die Frauen sind in verschiedenen Häusern untergebracht, wie z.B. die Erstsemester (Erstis), die Normalos und die Lesben.  Alle vier "landen" in den schlechtesten Zimmern des King House und teilen sich einen Flur.     Celia, Bree, Sally und April werden hier Freundinnen und bleiben es auch nach Abschluß ihres Studiums. Vier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und die Kapitel des Buches  sind jeweils einer von ihnen gewidmet.

Celia, die streng katholisch erzogene Tochter konservativer Eltern, hat stets eine Flasche Wodka im Gepäck. Ihre Eltern haben sich hoch verschuldet, um ihr das Studium zu ermöglichen. Die zarte, wunderschöne Bree, die noch aussieht wie ein KInd, trägt bereits einen Verlobungsring am Finger, und sie ist die erste, die Celia kennenlernt. Sie hört sie nämlich im Nebenzimmer weinen und kümmert sich um sie. Sally ist voller Traurigkeit. Ihre geliebte Mutter ist gestorben, weil ihr behandelnder Arzt einen gravierenden Fehler gemacht hat. Sie ist dadurch zwar zu einer reichen jungen Frau geworden, aber sie will das Geld nicht, will ihre Mutter zurück. Last but not least ist da April mit dem Augenbrauen-Piercing, die sich sogleich als radikale Feministin outet und sich entsprechenden Gruppierungen anschließt. 

Gleich bei der abendlichen Zusammenkunft nach ihrer Ankunft wird darum gebeten, dass die Lesben  die allgemeinen Duschen zwischen 8.00 und 10.00 Uhr nicht benutzen, weil es den anderen nicht zumutbar ist, zuzusehen, wenn es bei ihnen zur Sache geht.  

Alle vier Frauen schlagen am Ende unterschiedliche Wege ein. Celia verfolgt nur ein Ziel: sie will Schriftstellerin werden, macht aber zunächst einen anderen Job. Bree wird Anwältin und in der Knazlei ausgebeutet. Sie hatte sich noch auf dem College in eine Frau verliebt, bekennt sich aber nicht völlig zu ihr, weil sie nicht wahrhaben möchte, daß sie eine Lesbe ist, und sie ihre Familie, die damit nicht umgehen kann (will), nicht verlieren will. Sally plant eigentlich, Medizin zu  studieren, kommt aber nicht dazu. Nach einer leidenschadtlichen Affäre mit einem Professor am College heiratet sie bald Jake, den ihre Freundinnen nicht gerade mögen und bekommt recht schnell  ein Kind. Ja, und April schließt sich einer noch radikaleren Frau an, als sie selbst es ist. Ihre Aktionen im In- und Ausland bringen sie immer wieder in Gefahr, und eines Tages verschwindet sie von der Bildfläche...  

Es ist ein witziges, stellenweise auch bitterböses Buch, denn Freundinnen untereinander sind nicht immer wahre Engel... 

Unbedingt lesenswert.

 

 


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-8381-3
Preis: 20,00 €
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Alte Sorten

Ewald Arenz, Rezension von Kathrin Allkemper

Dieser Roman beschreibt das Zusammentreffen zweier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Liss lebt und bewirtschaftet alleine einen großen, alten Bauernhof in den Weinbergen. Eigentlich hasst sie diesen Hof, wollte ihm immer entkommen, aber das Schicksal hatte andere Pläne. Sie hat einiges mitgemacht, was sie aber tief in ihrem Inneren verborgen hält und auf andere somit sehr verschlossen wirkt. Bei allem, was sie tut, ist sie stets ruhig und kontrolliert.

Die sehr viel jüngere Sally hingegen ist temperamentvoll, direkt und voller Wut auf die Welt. Sie steht kurz vor dem Abitur und wurde gerade erneut von ihren Eltern in eine Klinik gesteckt, da man bei ihr Magersucht, Depressionen und Suizidgedanken vermutet. Sally hingegen fühlt sich einfach nur unverstanden und kann mit der Welt ihrer perfekten Eltern nichts anfangen. Sie entkommt aus der Klinik, flieht raus aufs Land und landet so bei Liss. Diese bietet dem verstörten Mädchen ohne groß zu fragen ein Dach über dem Kopf an. Zum ersten Mal begegnet Sally jemandem, der sie einfach in Ruhe lässt, sie nichts fragt und ihr eine ganz andere Welt zeigt, ohne sie ihr aufzudrängen. Die beiden Frauen fechten viele Kämpfe aus und die gemeinsame Zeit ist nicht einfach, aber auf ihre Art können sie einander endlich das geben, was ihnen immer fehlte: das Gefühl, irgendwo zuhause zu sein.

Man spürt und erkennt am Schreibstil sofort, wann die ruhige Liss oder die wütende Sally erzählen. Die leise Annäherung der beiden und die Beschreibungen ihrer Empfindungen sind sehr berührend, aber niemals kitschig. Ich fand dieses Buch wunderschön und einfach ganz toll erzählt.


Verlag: Insel
ISBN: 978-3-458-17784-5
Preis: 20,00 €
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Am Ende ein Blick aufs Meer

Philipp Lyonel Russell, Rezension von Kathrin Allkemper

„Am Ende ein Blick aufs Meer“ beschreibt die fiktive Lebensgeschichte von Frederick Bingo Mandeville, der sein ganzes Leben dem Spaß und Humor gewidmet hat, bis es ihn am Ende fast den Kopf gekostet hätte.

Geboren 1880 im englischen Städtchen Farnham, ist Frederick schon als Baby ein Strahlemann. Während seine Eltern in Hongkong weilen, wo sein Vater seinen Kolonialdienst als Ausbilder chinesischer Polizeitruppen verrichtet, werden Frederick und seine älteren Schwestern daheim in England von vier Tanten und zwei Ammen großgezogen. Auch da entpuppt sich der kleine Junge als Liebling der Erwachsenen, weil er scheinbar immerzu nur lacht und seine Späße macht. Sein ganzes Leben geht es eigentlich so weiter und selbst als der Erste Weltkrieg ausbricht, nimmt Frederick, der mittlerweile in Amerika lebt, das nur als unschöne Randnotiz wahr, von der man sich die Laune nicht verderben lässt. Er feiert große Erfolge am Theater und beim Film und mithilfe seiner durchaus berechnenden Ehefrau Florence, wird er ein gefeierter Romanautor und verdient ein Vermögen. Doch im Zweiten Weltkrieg hat er nicht mehr soviel Glück und es rächt sich, dass er sich sein ganzes Leben lang nur als Spaßmacher gesehen und sich ausschließlich für gute Unterhaltung interessiert hat, ohne jemals einen Blick über den Tellerrand zu werfen. So schaffen es am Ende sogar die Nationalsozialisten, ihn für ihre Zwecke zu nutzen, ohne dass Frederick es merkt...

Eine tolle Geschichte und so lebendig erzählt, dass ich stellenweise dachte, den Mann hat es wirklich gegeben.


Verlag: List
ISBN: 9783471351802
Preis: 20,00 €
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Rheinblick

Brigitte Glaser, Rezension von Jutta Pollmann

Bonn 1972 ist eine riesige Baustelle, überall wachsen neue (Polit)Gebäude aus dem Boden, Straßen werden erneuert und erweitert und mittendrin Hilde Kessel in ihrem Rheinblick. Hier treffen sich die Politiker, die Beamten, die Sekretärinnen zum Mittagessen oder Abends nach der Arbeit auf einen Absacker. Dann werden die Herren oftmals redselig, bevor sie wieder in ihre einsamen Apartements verschwinden, die sie während der Woche in Bonn, weit ab von Frau und Familie bewohnen. Doch bei Hilde Kessel bleibt alles unter Gewahrsam, bei ihr geht das Gehörte hier rein, dort wieder heraus, sie ist verschwiegen. Doch nach dem Tod ihres Mannes hat sie auch zu kämpfen. Die Renovierung des Rheinblick ist noch nicht abbezahlt und die nächste Rate steht aus, und sie hat Informationen, die jemand anders gerne hätte...

Sonja Engel, eine junge Krankenschwester mit einer Zusatzausbildung in Logopädie muss sich bei Professor Becker melden. Alles besser, als bei Oberschwester Herta die Bettpfannen putzen. Sie möchte weiter im Bereich Logopädie arbeiten und der Professor hat ihr auch eine Stelle in Aussicht gestellt. Doch zunächst soll sie sich um den Neuzugang kümmern. Kein Wort zu Keinem, absolute Verschwiegenheit über die Person, die hier am Venusberg behandelt wird. Doch Bonn ist ein Dorf, schnell ist klar, dass Willy Brandt der Patient ist, der sich nach Wahlkampf und Misstrauensvotum einer Stimmband-Operation unterziehen lassen musste und nun mit Hilfe der jungen Logopädin wieder sprechen lernen soll. Doch ein Bundeskanzler, der nicht sprechen kann, dessen Sitzungen Vertreter übernehmen, der auf die Informationen seiner Getreuen angewiesen ist, hat nicht nur das Problem, dass er nicht sprechen kann...

Lotti Legrand, junge Journalistin aus Kehl hat ihrem Chef ein paar Tage Bonn raus gekitzelt. Sie soll den jungen Politiker Wolfgang Schäuble interviewen, der gerade per Direktmandat seine ersten Tage in Bonn bestreitet. Einen Artikel noch über den Bauboom in Bonn und vielleicht ein bisschen was für die Jugendseite. Doch Lotti will mehr: eine Reportage über die Zustände in deutschen Heimen, wo Gewalt und Unterdrückung an der Tagesordnung sind. Bei ihrer Recherche wird sie auf die in Bonn tot aufgefunde Sally Bowles aufmerksam, ein junges Mädchen, von dem keiner weiß, wo es her kommt. Lotti vermutet ein entlaufenes Heimkind, wie es viele in den Jahren gab: junge Menschen, die der Gewalt der Heime entflohen und lieber auf der Straße lebten. Aber es braucht seine Zeit und einige Umwege, bis Lotti die Puzzleteile zusammenhat, um die Geschichte dieses Mädchens zu erzählen...

 

Eine Reise zurück in die 70er, zurück zu Knautschlackstiefeln, Misstrauensvotum, BFBS und Ostverträgen; zwei Wochen Bonn im November und Dezember 1972, zwei Wochen Blick vor und hinter die Kulissen des Bonner Polittheaters. Absolut Lesenswert.


Verlag: Insel
ISBN: 9783458178002
Preis: 20,00 €
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Niemals ohne sie

Jocelyne Saucier, Rezension von Karin Bucconi

1995 treffen sich die 23 Mitglieder der Familie Cardinal anläßlich eines Kongresses in einem Luxushotel. 30 Jahre haben die 21 Geschwister sich nicht gesehen. Nun soll aber ihr Vater als bester Erzsucher der Umgebung ausgezeichnet werden, und alle reisen an. Sie können einander kaum in die Augen sehen. Schreckliches ist in der Vergangenheit geschehen, und niemand redet darüber. Die Wiedersehensfreude hält sich in Grenzen.

Einst hatte ihr Vater ein riesiges Zinnvorkommen entdeckt, und die ganze Familie hoffte auf ein besseres Leben ,aber sie wurden um den Gewinn geprellt und schmiedeten einen gefährlichen Plan, der ihre Ehre wieder herstellen sollte. Bei der Umsetzung geschah ein schreckliches Unglück...

Obwohl alle Kinder stets um die Aufmerksamkeit des Vaters buhlten, lief der -überwiegend Erz suchend- durch die Wälder oder sortierte und katalogisierte Gesteinsbrocken im Keller. Nur  ein Sohn, Geronimo, durfte ihm manchmal assistieren. Die Mutter war stets ausgelaugt. 21 Kinder zur Welt bringen und von morgens bis abends in der Küche stehen. Das forderte seinen Tribut. Um die Kinder, die zumeist auf sich selbst gestellt waren, kümmerte sich überwiegend Tommy, die Zwillingsschwester von Angele.Tagsüber prügelte sich die Horde mit den "Landeiern" der Umgebung, legte kleine Feuer oder verursachte die eine oder andere Sprengung. Zuhause galt unter den Geschwistern eine regelrechte Hackordnung. Nur Angele war anders: klüger, feiner, und friedfertiger. Sie sehnte sich nach einem besseren Leben, und als ihr das von einem kinderlosen Ehepaar angeboten wurde, wurde sie nur noch schikaniert. 

Als Erwachsene vermieden die Geschwister sich zu treffen. Um den Grund dafür geht es indieser Geschichte, die zunächst vom 21. Kind, Matz,  und später wenigen anderen erzählt wird. Konflikte werden totgeschwiegen, Schuldgefühle verdrängt. Letztlich bleibt die Frage, ob es nicht besser ist, Wahrheiten auszusprechen (auch, wenn sie wehtun), als sie totzuschweigen.

Der Roman ist wie schon der Vorgänger auf einem hohen sprachlichen Niveau angesiedelt und der beste, den ich bisher in diesem Frühjahr gelesen habe.


Verlag: Kindler
ISBN: 9783463407098
Preis: 18,00 €
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Die Ballade von Max und Amelie

David Safier, Rezension von Karin Bucconi

Zuerst habe ich mich gefragt, ob ich ein Buch lesen möchte, in dem Hunde wie Menschen miteinander reden. Dann habe ich mit der Lektüre begonnen und nicht mehr aufgehört.

Narbe, eine auf einem Auge blinde Hündin,  wohnt samt Rudel auf einer Müllkippe. Sie hat es nicht leicht in ihrem Hundeleben und glaubt, dass man eine wie sie nicht lieben kann. Eines Tages taucht der sanfte Rüde Max auf der Halde auf. Er wurde von seiner Familie ausgesetzt und sucht nun einen Weg nach Hause. 

Narbe,  die täglich um ihr Überleben kämpfen muss, begleitet ihn. Beide müssen einige Gefahren bewältigen, und ihre Freundschaft wird immer wieder auf die Probe gestellt. Max sieht in Narbe eine willensstarke Hündin, die ihr Leben meistert und immer mutig für andere eintritt. Narbe wiederum sieht in Max einen wunderschönen Rüden, der sanftmütig ist und stets überlegt handelt. Was wird aus den beiden? Ein Liebespaar?

Ein Buch zum Lachen, Weinen, Wundern und Lieben. Es ist wie im wahren Leben.

 


Verlag: Hanser
ISBN: 9783446260023
Preis: 28,00 €
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Süßer Ernst

A.L. Kennedy, Rezension von Karin Bucconi

Ein etwas anderer Liebesroman, aber keinesfalls ein kitschiger, ist es, den Allison Louise Kennedy geschrieben hat. Das besondere ist u.a., dass sie nur von einem einzigen Tag im Leben ihrer Hauptfiguren Meg und Jon erzählt. Von 6.42 bis 6.42 Uhr am nächsten Tag.

Sie lernen sich über eine Zeitungsannonce kennen. Er hatte anonym angeboten, bis zu zwölf Liebesbriefe an alleinstehende Frauen zu schreiben. Antworten hat er nicht erwartet. Meg jedoch antwortet ihm, weil sie glaubt, dass er ein einfühlsamer Mensch sein muss. 

Tagelang beobachtet sie die Postfiliale und macht ihn nach einigen Tagen tatsächlich ausfindig. Beide sind seelisch total fertig. Der 59jährige Jon ist von seiner untreuen Frau geschieden und wohnt nunmehr in einer kleinen Wohnung in einem heruntergekommenen Stadtteil. In Westminster muss er als Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit auch unbeliebte Entscheidungen der Politik so formulieren, dass sie den Wählern nicht allzu negativ erscheinen. Das kann er sehr gut, und- er hasst sich dafür.

Meg, eine 45 Jahre alte Wirtschaftsprüferin, ist bankrott und alkoholkrank. Sie sieht in ihrem Leben keinen Sinn mehr. Einen Entzug hat sie erfolgreich hinter sich gebracht. Völlig unterbezahlt arbeitet sie in einem Tierheim. Abends, in dem kleinen Haus, das sie von ihren Eltern geerbt hat, erstickt sie beinahe an ihrer Einsamkeit. Jon trifft sie ausgerechnet am 10. April 2015. An diesem Tag ist sie genau ein Jahr trocken und will das bei ihrem ersten Treffen feiern, aber die Verabredung muss mehrfach verschoben werden, und es ist fraglich, ob sie noch zustande kommt...

Kennedy ist als Desillusionistin bekannt. Sie verknüpft auch dieses Mal wieder die Probleme der Protagonisten mit den sozialen und politischen Problemen des Landes und nicht selten klingeln einem die Ohren.  Der Sehnsucht der meisten Menschen nach Geborgenheit stellt sie die heutige Lebensrealität gegenüber und läßt dennoch Hoffnung aufkeimen...

Unbedingt lesenswert!

 

 


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05845-2
Preis: 22,00 €
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Für eine kurze Zeit waren wir glücklich

William Kent Krueger, Rezension von Kathrin Allkemper

New Bremen, Minnesota im Jahr 1961.

In diesem Sommer passiert so einiges in der kleinen Stadt, in der der 13jährige Frank Drum und sein kleiner Bruder Jake leben. Die beiden Jungs sind die Söhne des Pfarrers und wachsen natürlich dementsprechend christlich erzogen auf. Aber trotz strenger Erziehung bleiben es Jungs und die wollen nun einmal Abenteuer erleben. Verbotenerweise schleichen sich die beiden immer wieder hinunter zu den alten Bahngleisen und eines Tages finden sie dort eine Leiche. Es ist bereits der zweite Todesfall, mit dem sie in diesem Sommer konfrontiert werden und es soll nicht der letzte sein. Neben all den guten und den schlechten Dingen, die passieren, und die sie auf dem Weg zum Erwachsenwerden bewältigen müssen, gibt es einen Schicksalschlag, der sie besonders trifft. Ihre ältere Schwester Ariel verschwindet spurlos und die Ehe der Eltern scheint daran zu zerbrechen. Also bleibt den beiden nichts anderes übrig, als in diesem Sommer ihre unbeschwerte Kindheit für immer hinter sich zu lassen...

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Frank und ich war wirklich von der ersten Seite an gefesselt. Die Charaktere werden sehr liebevoll beschrieben. Ob es nun der alte Kriegskamerad des Vaters ist, der diesem treu ergeben ist und seit seiner Heimkehr quasi mit zur Familie gehört oder die Mutter der Jungs, die ihre Rolle als Pfarrersfrau hasst, alle Figuren wirken sehr lebendig . Ein ganz tolles Buch!

„Alle Jubeljahre landet ein Buch auf Ihrem Tisch, dass Sie unbeding lesen müssen. Sobald Sie die erste, die zweite Seite gelesen haben, sind Sie gefangen. „Für eine kurze Zeit waren wir glücklich“ ist ein solches Buch. Huffington Post

 


Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-498-06556-0
Preis: 20,00 €
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Palm Beach, Finland

Antti Tuomainen, Rezension von Kathrin Allkemper

Ein Palmenstrand in Finnland ? Rettungsschwimmer wie in Malibu? Ein unerschrockener Investor setzt genau das in die Tat um, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. Zu seinem Glück fehlt ihm nur noch die alte Villa in der Bucht neben seinem Palm Beach, doch die Besitzerin geht nicht auf sein Angebot ein. Kurzum hetzt er ihr zwei minderbemittelte Kleinganoven auf den Hals, die sie von dort vertreiben sollen. Als erste Schikane schmeißen die beiden einen dicken Stein durch die Panoramascheibe und treffen nicht nur das Glas. Von da an geht irgendwie alles schief...

Ein toter Einbrecher, ein Polizist undercover und ein Auftragskiller im Rachemodus in einem surrealen Urlaubsparadies. Wie schon der Vorgänger „Die letzten Meter bis zum Friedhof“, der es sogar auf die Bestenliste der FAZ geschafft hat, ist auch der neue Roman toll geschrieben, herrlich schräg und einfach nur typisch finnisch!

 


Verlag: Rütten&Loening
ISBN: 978-3-352-00921-1
Preis: 22,00 €
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Die verborgenen Stimmen der Bücher

Bridget Collins, Rezension von Kathrin Allkemper

Nachdem der junge Emmett Farmer lange krank war, schafft er die harte körperliche Arbeit auf dem elterlichen Hof kaum noch. Da bekommen die Eltern einen Brief, in dem sie aufgefordert werden, ihren Sohn bei der Buchbinderin Seredith in die Lehre zu geben. Es scheint die ideale Lösung für alle Beteiligten zu sein- außer für Emmett. Er will nicht zu dieser mysteriösen alten Frau im Wald, von der es heisst, sie würde den Menschen die Seele rauben. Aber sein Klagen ist umsonst. Kurze Zeit später beginnt er seine Ausbildung. Es gibt klare Regeln, was er zu tun und zu lassen hat und vor allem, welchen Raum er niemals betreten darf: das Gewölbe.

Immer wieder tauchen Menschen auf, die mit der alten Buchbinderin dorthin verschwinden und danach völlig verändert wieder herauskommen. Zunächst scheint sich der Verdacht also zu bestätigen, dass es sich bei Seredith um eine Hexe handelt, die den Menschen die Seele nimmt. Aber dann erkennt Emmett nach und nach, was dort wirklich geschieht. Seredith hat die Gabe, Leid und die damit verbundenen Erinnerungen von den Menschen zu nehmen, indem sie ihnen zuhört, die Geschichten aufschreibt, zu Büchern bindet, mit Namen versieht und für immer sicher im Gewölbe wegschließt. Doch nicht jeder Buchbinder setzt seine Gabe auf diese gutherzige Art ein. Wie immer im Leben gibt es auch die andere, die dunkle Seite. Und eines Tages muss Emmett sich nicht nur mit dieser auseinandersetzen, sondern auch mit der Tatsache, dass es angeblich ein Buch mit seinem Namen auf dem Rücken gibt....Wo ist es und welche Erinnerung wollte er für immer löschen?

 


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07045-3
Preis: 24,00 €
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Abendrot

Kent Haruf, Rezension von Jutta Pollmann

Kent Haruf nimmt uns wieder mit, mit nach Holt, dieser fiktiven Kleinstadt in Colorado in den Great Plains. Und er lässt uns wieder hinter die Fassaden der Häuser schauen, lässt uns das Leben der Menschen beobachten, die hier wohnen und versuchen, ihr Leben zu meistern.

 

Da sind die McPheron – Brüder, die im ersten Band von „Lied der Weite“ ein junges schwangeres Mädchen bei sich aufgenommen haben, Victoria Roubideaux, und jetzt damit fertig werden müssen, dass diese junge Frau sie verlässt, um ans College zu gehen. Sie wissen, dass es der richtige Weg für Victoria ist, aber sie hatte in den letzten zwei Jahren ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben, und jetzt mit dieser Leere klar zu kommen, fällt den beiden nicht leicht.

Da gibt es den kleinen DJ, der bei seinem Großvater aufwächst, und eigentlich ist er es, der auf den Großvater aufpasst und nicht umgekehrt, der Großvater auf ihn.

Da gibt es Mary Wells, die mit ihren beiden Töchtern in Holt lebt, während ihr Mann in Alaska arbeitet. Sie nimmt sich DJ ein wenig an, solange bis ihr eigenes Leben auf den Kopf gestellt wird.

Und da sind Luther und Betty, die mit ihren beiden Kindern in einem Wohnmobil am Stadtrand leben, von der Sozialhilfe abhängig sind, Probleme über Probleme haben und für die die Welt oftmals viel zu kompliziert ist.

Allen wird ihr Leben kräftig durcheinander gewirbelt, alle müssen kämpfen, um wieder auf die Füße zu kommen, aber nicht allen gelingt es.

 

Kent Haruf blickt so liebevoll auf das Leben der Menschen in dieser kleinen Stadt. Er führt uns durch die Straßen, in die Wohnzimmer und Küchen der Häuser, lässt uns teilhaben am Leben dieser Menschen.

Was sagte Bernhard Schlink: „Das kleine Leben in einer kleinen Stadt in den Great Plains – Kent Haruf nimmt uns mit, wohin wir nie wollten, und bald wollen wir von dort nicht mehr weg.“

 

Ich liebe seine Bücher!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

 


Verlag: Dumont Verlag
ISBN: 9783832183882
Preis: 24,00 €
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Serotonin

Michel Houellebecq, Rezension von Daniela Maifrini

 

Wenige Autoren polarisieren die Leserschaft so wie Michel Houellebecq, wenn er ein Buch schreibt, kann er sich der Aufmerksamkeit des Feuilletons sicher sein und die Literaturkritik schwankt stets zwischen „genial, weitsichtig“ und „fürchterlich“.

Meiner unmaßgeblichen Meinung nach kann man auch bei der Beurteilung von „Serotonin“ wieder beide Positionen einnehmen.

Doch erst einmal zum Buch: Florent-Claude Labrouste ist 46 Jahre und ein typischer Houellebecq-Antiheld: hedonistisch, zynisch, völlig asozial im ursprünglichen Sinne dieses Wortes. Sein berufliches Leben hat er im weitesten Sinne mit der Bürokratisierung der französischen Landwirtschaft zugebracht, zunächst bei Monsanto dann bei der EU, er hat sich ohne jede Beziehung zum Land, zu den Tieren und natürlich auch nicht zu den Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, theoretisch mit der Organisation und der Globalisierung der französischen Agrarstandards beschäftigt. Weil er unter Depressionen leidet, nimmt er das Antidepressivum Captorix, das seinen Serotoninspiegel steigern soll, leider jedoch als Nebenwirkung seine Libido komplett ausschaltet.

Dieser Florent-Claude fängt während eines Spanienaufenthaltes an, sich an sein bisheriges Leben zu erinnern. Dabei zieht er keine für ihn nutzbringenden Schlüsse, außer vielleicht dem, dass er froh ist, einen 3,5-Liter-Diesel-Geländewagen zu fahren, wodurch er wenigstens seinen Teil zur Zerstörung des Planeten beigesteuert hat.

Er lässt uns teilhaben an seinen „Frauengeschichten“ – Beziehungen kann man das kaum nennen. Das sind im weitesten Sinne keine Liebesgeschichten, sondern eher Beschreibungen eines jeweils vorprogrammierten Scheiterns, das stets mit sehr viel Sex einhergeht. Sex und Liebe sind für unseren völlig entwurzelten Helden vermutlich dasselbe, weil er sowas Liebe kaum empfinden kann. Er glaubt zwar, dass es da mal eine Frau gegeben hat, Camille, mit der es so etwas wie Liebe gewesen ist. Doch die Tatsache, dass er auch sie betrogen hat, straft ihn Lügen. Frauen werden durchgehend als „Schlampen“ bezeichnet, ihre Beschreibung erschöpft sich zumeist in der Schilderung ihrer Sex-Techniken.

Dann könnten da ja noch Freunde sein, doch auch da Fehlanzeige! Es gibt einen alten Studienkollegen, Aymeric, der als Landwirt versucht, ökologisch und dem Tierwohl verpflichtet zu wirtschaften und der stets an der aktuellen Gesetzeslage und den verfallenden Preisen für seine Produkte scheitert. Darüber ist seine Ehe zerbrochen, er ist in einer finanziell desolaten Situation und völlig verzweifelt. Florent-Claude besucht ihn, sieht das Elend, kann aber auch da kaum einen Zusammenhang mit seiner beruflichen Tätigkeit sehen, geschweige denn eine Verantwortung erkennen. Die Begegnung endet in einer Katastrophe…

Selbstmitleidig zieht Florent-Claude sich danach in die absolute Einsamkeit zurück und verabschiedet sich, in meinen Augen ohne Erkenntnisgewinn, von seinem bisherigen Dasein…

 

Wie gesagt, das Feuilleton ist gepalten, die einen sagen, er habe eine Zusammenfassung seiner bisherigen Bücher geschrieben und nichts Neues geliefert. Houellebecq wird vorgeworfen, dass bis Seite 160 nichts passiert. Gleichzeitig wird ihm wieder einmal bescheinigt, er habe die „Gelbwesten“ vorausgeahnt (Man fragt sich wirklich langsam, ob er eine Kristallkugel auf seinem Schreibtisch stehen hat!) und sich der aktuell brennenden Themen seines Heimatlandes angenommen.

 

Ich kann zu diesem Buch nur sagen, dass ich inzwischen ein wenig an diesen Heldentypus gewöhnt bin, ich hatte nichts anderes erwartet und fühle mich insofern bestens unterhalten, weil Monsieur Houellebecq mich auf vielen Seiten sehr wütend gemacht hat – das belebt ja auch!

Und es stimmt: er hat ein Gespür für die Entwicklungen in Frankreich und lässt diese gekonnt in seine Romanhandlungen einfließen. Gleichzeitig kann ich mich der Freude an seiner brillanten Sprache nicht entziehen, ich bin des Französischen nicht besonders mächtig, gehe aber davon aus, dass die Übersetzung wirklich gut ist.

Die Konzeption des Buches, dieses Schwadronieren und in Erinnerungen eintauchen, mag ich persönlich sehr gerne. „Serotonin“ hat mich bewegt, weil es natürlich die Geschichte eines großen Scheiterns ist. Was es meines Erachtens nicht ist, ist „ein tieftrauriger Liebesroman“, wie Jan Wiele in der FAZ schreibt.

 

Sie sehen also, zu diesem Titel kann man durchaus sehr viele verschiedene Perspektiven entwickeln. Die Neugier scheint groß zu sein, das Buch ist direkt auf Platz 1 der Bestsellerlisten eingestiegen – machen Sie sich ein eigenes Bild und lernen Sie Florent-Claude kennen und lieben – oder hassen…wie Sie möchten!

 

 


Verlag: Jung und Jung
ISBN: 9783990272244
Preis: 24,00 €
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Königin der Berge

Daniel Wisser, Rezension von Karin Bucconi

Hätte ich nur das Cover angeschaut, hätte ich das Buch nicht gekauft, und auch, als ich die Inhaltsangabe las, fragte ich mich: Will ich mich mit unheilbarer Krankheit und Sterbehilfe konfrontieren?  Eigentlich nicht, denn wie viele Menschen verdränge ich solche Themen lieber, aber-

ich hätte etwas verpasst, nämlich ein komisches, ein kluges und überaus taktvolles Buch über ein schwieriges Thema. 

Robert Turin (der Nachname wird auf der ersten Silbe betont und keinesfalls wie die italiensiche Stadt ausgesprochen) war früher IT-Fachmann, ist knapp 50 Jahre alt und lebt seit 10 Jahren in einem Heim. Er leidet an Multipler Sklerose im fortgeschrittenen Stadium, verfällt körperlich zusehends, wird von Tag zu Tag zynischer und zum Alkoholiker. Er will nur noch sterben.

Robert führt lange Gespräche mit seinem verstorbenen Kater Dukakis, ärgert die Krankenschwestern oder schmeichelt ihnen (je nachdem ob er sie attraktiv findet oder nicht), verliebt sich in die Psychologin Katharina Payer und will seiner Ehefrau Irene auf keinen Fall noch weiter zur Last fallen.

Als er endlich ein tablett erhält, schaut er sich auf youtube Filme über Sterbehilfe an und nimmt auch Kontakt mit der Schweiz auf, weil er seinem eigenen Leben selbstbestimmt ein Ende setzen will, bevor er nicht mehr Herr seiner Sinne ist....

Lachen und Weinen liegen bei der Lektüre dieses wunderbaren Buches nahe beieinander, und der österreichische Buchpreis wurde Daniel Wisser völlig zu Recht verliehen.