Belletristik


Verlag: mare
ISBN: 978-3-86648-624-9
Preis: 22,00 €
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Bären füttern verboten

Rachel Elliott, Rezension von Kathrin Allkemper

Als kleines Mädchen ist Sydney oft mit ihren Eltern und dem Bruder nach St.Yves an die Küste gefahren. Doch in einem dieser Sommer stirbt die Mutter und Sydney gibt sich ihr ganzes Leben lang die Schuld dafür. Auch das Verhältnis zu ihrem Vater ist seither angespannt.

Jetzt ist Sydney 47 und reist nach all den Jahren an diesen Ort, um mit der Vergangenheit abzuschließen. Nur dort schafft sie es, mit ihrer Mutter Zwiesprache zu halten.

Es warten dort aber noch weitere Lebensgeschichten darauf, erzählt zu werden. Da ist zum Beispiel Maria. Sie ist zu zweit allein. Ihr Mann hält sie klein und zudem auf Abstand. So sehnt sie sich in ihrer Ehe nach Nähe und Respekt und findet schließlich unverhofft einen Menschen, der ihr beides ganz von alleine entgegen bringt. Aber schafft sie den Absprung?

Ihre Tochter Belle, 29 Jahre alt, arbeitet in einer kleinen Buchhandlung und ist stets in Abwehrhaltung. Sie ist gegen alles, was der Norm entspricht, gegen alles, was man in ihrem Alter eigentlich erreicht haben sollte und vor allem ist sie gegen ihren neunmalklugen Kollegen Dexter. Aber ist der wirklich so perfekt wie es den Anschein hat?

Und schließlich ist da noch die Geschichte von Howard, Sydneys Vater, und seiner Liebe zu ihrer Mutter. Er ist nie wirklich über den plötzlichen Tod seiner Frau hinweg gekommen und konnte auch das anklagende Gefühl gegenüber Sydney nie ganz abschütteln. Hat er damals auch seine Tochter verloren?

Sie alle sortieren ihr Leben noch einmal neu und erkennen, dass jede Geschichte ihre Berechtigung hat, egal, was alle anderen von einem erwarten.

Die Autorin beschreibt dies durch wechselnde Perspektiven und in einer so wunderbaren Sprache, die zwar oft rührt, aber niemals kitschig wird. Mein absolutes Lieblingsbuch in diesem Herbst!


Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42897-9
Preis: 22,00 €
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Was man sät

Marieke Lucas Rijneveld, Rezension von Kathrin Allkemper

Die 10jährige Jas wächst zusammen mit einer jüngeren Schwester und zwei älteren Brüdern auf einem Bauernhof auf. Die Eltern sind Anhänger des calvinistischen Glaubens. In dieser sehr strengen Form wird Gott als Allmacht angesehen und seine Anhänger führen ein äusserst sittsames Leben, möglichst frei von jedweder Sünde und stets fleißig. So dreht sich auf dem Hof alles um die Kühe und die Kinder wachsen mit wenig Zuneigung, aber vielen Geboten und Verboten auf. Als Jas vor Weihnachten merkt, dass der Vater ihr geliebtes Kaninchen mästet, befürchtet sie, dass es als Weihnachtsessen geopfert werden soll. Sie bittet Gott, doch lieber ihren älteren Bruder zu nehmen. Die arglose Bitte eines kleinen Mädchens, das nicht auf die Zuneigung und Wärme des Tieres verzichten möchte, die ihr die eigenen Eltern verwehren.

Noch am selben Tag bricht ihr Bruder im Eis ein und stirbt. Die Familie sieht darin eine Strafe Gottes. Die Mutter isst kaum noch etwas und der Vater ist fast nur noch bei seinen Kühen. Die drei Geschwister wachsen jetzt mehr oder weniger alleine auf, keiner kümmert sich um ihre Belange. Während der zweite Bruder Obbe zu einem Sadisten mutiert, entwickelt Jas diverse andere Störungen. Ständig leidet sie unter Verstopfungen und hypochondrischen Anwandlungen und ihre Jacke zieht sie von da an auch nie wieder aus. Das ganze Dorf munkelt schon, was mit diesen Kindern nicht stimmt. Durch die fehlenden Einflüsse durch aufklärende Eltern oder andere Menschen und Medien von aussen, entwickeln diese Kinder zudem ein völlig gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper und der aufkeimenden Sexualität, was zu bizarren Spielchen führt. Der größte Wunsch von Jas und ihrer Schwester ist es, dem Hof zu enkommen, auf welche Weise auch immer..

Die FAZ hat in ihrer Kritik folgenden Satz geschrieben: "Düster, fast apokalyptisch, anziehend und abstoßend zugleich". Passender kann man es in Kürze nicht sagen. Absolut heftige Lektüre, die den Leser mit voller Wucht trifft, etwa vergleichbar mit "Und es schmilzt" von Lize Spit.

Für diesen Roman hat die Autorin den International Booker Prize 2020 bekommen

 


Verlag: S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397470-6
Preis: 22,00 €
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Zugvögel

Charlotte McConaghy, Rezension von Christina Heger

Charlotte McConaghy entwirft in ihrem Erstling ein dystopisches Weltbild einer nahen Zukunft und verknüpft dieses mit der abgründigen Geschichte einer jungen Frau auf einer abenteuerlichen, gefährlichen und kräftezehrenden Reise in die Antarktis und in ihre Vergangenheit. 

Franny ist eine Einzelgängerin mit einem dunklen Geheimnis, einer schweren Last, die sie offenbar schon ihr ganzes Leben mit sich trägt. Sie fühlt sich dem Meer und den Vögeln tief verbunden und als die Vögel zu verschwinden beginnen, begibt Franny sich auf eine Reise in die Antarktis, um die letzten Küstenseeschwalben zu finden. Doch die Reise an Bord eines der letzten Hochseefischerboote inmitten einer Crew aus verschrobenen Charakteren ist nicht nur eine Reise auf den Spuren der Vögel, sondern auch eine Reise auf den Spuren einer außergewöhnlichen Liebe und eine Reise zu sich selbst, zu ihrer dunklen Vergangenheit.

Eine ungewöhnlich erzählte, mitreißende und tief bewegende Geschichte, die einen nachdenklich zurücklässt und noch länger nachklingt. 


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-06240-4
Preis: 12,99 €
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Lehrerin einer neuen Zeit

Laura Baldini, Rezension von Jutta Pollmann

Als Maria Montessori Ende des 19. Jahrhunderts in Medizin promoviert, hat sie einen steinigen Weg hinter sich. Ihr Vater ist generell gegen dieses Studium gewesen, allein ihre Mutter hat sie in all den Jahren immer wieder unterstützt. Die Mitstudenten, allesamt männlich, oftmals faule, reiche Schnösel, hassen sie und machen ihr das Leben nicht selten zur Hölle. Allein Professor Bartolotti hält viel von der strebsamen und fleißigen Studentin und gibt ihr die Möglichkeit schon während des Studiums praktisch zu arbeiten. Die Assistenzstelle in der Psychiatrischen Klinik gibt Maria die Möglichkeit, für ihre Abschlussarbeit nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu arbeiten. Doch was Maria bei ihrem ersten Besuch in dieser Klinik zu sehen bekommt, schockiert sie. Menschen hinter Gittern, Stromschläge und Eiswasserbecken als Therapie, überall der Gestank von Urin und Erbrochenem. Selbst der Kindersaal, den ihr Professor Sciamanna als Neuheit und einzigartig in Italien vorstellt, erscheint ihr wie ein Grab. Kein fröhliches Kinderlachen, sondern Grabesstille: die Kinder sitzen alle auf ihren Betten, dürfen sich nicht bewegen, nicht spielen, nichts tun, denn sie sind schwachsinnig.

Doch hier beginnt Marias Arbeit: sie hat die Bücher diverser Pädagogen gelesen, weiß wie wichtig Ansprache und Förderung für das menschliche Hirn sind. Hier beginnt sie mit ihren Experimenten: lässt aus Holz diverse Formen herstellen, lässt die Kinder, spielen, b e g r e i f e n und erzielt schnell Erfolge bei der Entwicklung dieser „schwachsinnigen“ Kinder.

An ihrer Seite immer öfter ihr Kollege Dr. Giuseppe Montesano, der nicht nur ihre Arbeit unterstützt, sich auch in sie verliebt. Diese Liebe hält Maria allerdings geheim: sie will ihre Arbeit nicht aufgeben, weiter forschen, doch als verheiratete Frau hätte sie das im späten 19. Jahrhunderts in Italien nicht mehr tun dürfen.

Durch eine enge Freundin kommt sie mit der Frauenbewegung in Kontakt und als begnadete Rednerin, die es mit ihrer diplomatischen Art schafft, auch Männer zu überzeugen, spricht sie in London und Berlin und ist erstaunt, wie selbstständig hier Frauen schon unterwegs sind, ganz anders als in Italien.

Dann wird sie schwanger. Auch jetzt will sie Montesano nicht heiraten, sie entbindet in einem Kloster, ihren Sohn Mario gibt sie zu Pflegeeltern. Maria arbeitet weiter, studiert noch einmal Pädagogik und schreibt ihr erstes Buch „Il metodo“, in dem sie eine neue Pädagogik, die „Montessori-Methode“ beschreibt. Im römischen Armenviertel San Lorenzo leitet sie ein Kinderhaus nach dieser Methode. Und es gelingt ihr innerhalb kürzester Zeit, die Kinder der Arbeiter von der Straße zu holen und im Lesen, Rechnen und Schreiben zu unterrichten.In ihrem ganzen Leben hat sie sich für den respektvollen Umgang mit Kindern eingesetzt und ist immer von dem Grundgedanken ausgegangen, dass jedes Kind lernen will und kann, man ihm nur helfen muss: „Hilf mir, es selbst zu tun“, ist Marias Devise.

Als ihre Mutter 1912 stirbt, nimmt sie ihren Sohn zu sich und eröffnet ihm, dass sie nicht sein Tante, sondern seine Mutter ist. Mario begleitet Maria danach auf all ihren Reisen bis zu ihrem Tod 1952.

 

Laura Baldini alias Beate Maly hat eine Romanbiographie geschrieben, die sich wirklich flüssig lesen lässt und fesselt. Auch Leser, die vielleicht noch nie etwas von Maria Montessori gehört haben, werden die spannende Lebensgeschichte dieser faszinierenden Frau mit Begeisterung lesen.

 


Verlag: Suhrkamp
ISBN: 9783518429464
Preis: 15,00 €
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Alt sind nur die anderen

Lily Brett, Rezension von Karin Bucconi

Dieses kleine Büchlein enthält Kurzgeschichten, die vom "Alter und anderen Überraschungen" handeln.

Lily Brett, jüdischer Herkunft deren Bücher ich seit "Chuzpe" liebe, und deren Kolumnen über ihre Wahlheimat New York und das Älterwerden in diesem Buch veröffentlicht werden, wurde in Deutschland geboren, floh im Zweiten Weltkrieg mit ihrer Familie nach Australien und lebt nunmehr seit 30 Jahren in New York. Sie ist mit dem Maler David Rankin verheiratet und hat drei KInder.

In kurzen, heiteren Episoden schreibt sie darüber, dass jeder gerne alt werden möchte, keiner jedoch alt sein will.

Sie erzählt von ihrem Alltag einer 74jährigen und all`den kleinen und großen Veränderungen, die das Alter unwillkürlich mit sich bringt. Wie immer schreibt sie warmherzig und mit viel Humor.

Ein wunderbares kleines Buch, indem sich ältere Menschen, insbesondere Frauen, häufig wiederfinden.

 


Verlag: Kindler
ISBN: 9783463000015
Preis: 22,00 €
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Die Surrealistin

Michaela Carter, Rezension von Karin Bucconi

Leonora Carrington in England geboren, lernt als junge Kunststudentin 1937 den bekannten Surrealisten Max Ernst kennen und folgt ihm nach Parins, wo er sie in die Künstlerszene um Dali und Picasso einführte. Aus einer anfänglichen Affäre wurde allmählich eine Liebesbeziehung. Das Paar zieht nach Südfrankreich, wo Leonora Carrington sich voll und ganz der Malerei widmet.

Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, wird Ernst von den Franzosen inhaftiert. 

Im Krieg floh Leonora nach Spanien, in die USA und ließ sich später in Mexiko nieder. Sie genoss zu der Zeit einen ausgezeichneten Ruf als Malerin. Als Schriftstellerin wurde sie vor einigen Jahren wiederentdeckt. Ihr Buch "Das Hörrohr" entstand Anfang der 60iger-Jahre. Das Manuskript gin verloren, und als die Rohfassung 1973 wiederentdeckt wurde, schrieb Leonora Carrington das Buch neu, das 1974 in französicher Sprache erschien.

Aus der Gefangenschaft entlassen, findet Max Ernst das gemeinsame Haus verlassen vor. Er sucht Leonora, die sich jedoch mittlerweile als Frau und Künstlerin, auch von Max Ernst, emanzipiert hat.......

Eine gut recherchierte und gut geschriebene Romanbiografie einer besonderen Künstlerin. 


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07136-8
Preis: 26,00 €
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Der Halbbart

Charles Lewinsky, Rezension von Bernhard Söthe

Ein Dorf in der Schweiz ca. 1310:

Der Bauernjunge Sebi hat es nicht leicht. Sein Vater ist gestorben, seine Mutter und zwei ältere Brüder versuchen, die kleine Landwirtschaft am Laufen zu halten. Das Land gehört einem benachbarten Kloster, und die Abgaben sind hoch und besonders in schlechten Erntejahren kaum aufzubringen. Der Sebi ist für die harte Landarbeit nicht geschaffen. Er ist ein Träumer, der gerne Geschichten hört und auch selbst welche erfindet. Dem Totengräber des Dorfes hilft er beim Ausschachten der Gräber und kann so etwas eigenes Geld verdienen. Mit seinem ältesten Bruder, einem dumpfen Haudrauf, versteht sich Sebi nicht, dieser möchte nur, dass Sebi möglichst schnell verschwindet. Der kleine Hof kann unmöglich drei junge Männer ernähren, hier ist also kein Platz für den Träumer. Vielleicht ist Platz für ihn im Kloster? In der benachbarten Kleinstadt sucht der Schmied einen anstelligen Lehrling. Er hat überdies eine höchst ansehnliche Tochter. Oder soll Sebi bei der Geschichtenerzählerin in die Lehre gehen, die im Winter durch die umliegenden Bauerndörfer zieht und den Bauern mit ihren haarsträubenden Geschichten die winterliche Langeweile vertreibt? Sebi weiß nicht, welchen Weg der richtige für ihn wäre. 

Als im Dorf ein geheimnisvoller Fremder auftaucht, eine große Seltenheit in dieser abgelegenen Gegend, stößt dieser bei den Dorfbewohnern auf misstrauische Ablehnung, zudem ist er grausam entstellt. Die eine Hälfte seines Gesichts ist durch Brandnarben versehrt, sein Bart wächst nur auf der unverletzten Gesichtshälfte. So hat er seinen Namen bekommen: Halbbart. Seinen wahren Namen verrät er nicht, auch nicht, wo er herkommt. Dass er schwere Zeiten durchgemacht hat, sieht man ihm an. Der Halbbart und Sebi, die Außenseiter der Dorfgemeinschaft, freunden sich nach und nach an. Sebi, der verzweifelt nach Orientierung sucht, hat in Halbbart jemanden gefunden, dem er seine Sorgen und Hoffnungen anvertrauen kann. 

Dem Autoren Charles Lewinsky ist es (fast) gelungen, einen Schelmenroman zu schreiben. Ganz von ferne erinnert der Roman an Grimmelshausens "Simplicissimus", auch im "Halbbart" gibt es einen "reinen Toren", hier der Sebi, der sich in einer unheiligen Welt zurecht finden muss. Auch die Geschichte von Wilhelm Tell, der Konflikt zwischen Schweizer Bauern und den damaligen Landesherren, den österreichischen Habsburgern deutet sich an ("Durch diese hohle Gasse muss er kommen"). Das Buch steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020.


Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-20613-1
Preis: 15,00 €
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Das war die schönste Zeit

Jane Sanderson, Rezension von Tanja Tenberg

1979, Sheffield:

Daniel Lawrence, 18 Jahre alt und Alison Connor, 16 Jahre alt, frisch verliebt, die erste große Liebe. Er aus gutem Hause, sie aus zerrütteten Familienverhältnissen, der Vater schon lange weg, die Mutter Alkoholikerin. Ali wird quasi von ihrem älteren Bruder großgezogen, er passt auf sie auf. Daniel versorgt seine große Liebe mit guter Musik, erstellt ihr seine Lieblingslieder als Mixtape auf Kassette zusammen.

Dann passiert etwas Schreckliches, und Alison verlässt Sheffield Hals über Kopf, kann sich nicht von Daniel verabschieden.

2013:

Ali, mittlerweile erfolgreiche Schriftstellerin, lebt in Adelaide, Australien, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Daniel lebt immer noch in England, ist verheiratet, Musikjournalist und hat einen erwachsenen Sohn. Eines Nachts schickt ihm ein Freund eine Mail mit dem Twitter Account von Alison, mit dem Hinweis: „ Kennst du noch Alison Connor? Guck mal, was die so treibt ... voll berühmt!“ Das erste Lebenszeichen seit über 30 Jahren bringt Daniel gedanklich wieder zurück in die alte, längst vergessene Zeit. Spontan schickt er Alison einen Link mit einem Musiktitel aus ihrer gemeinsamen Zeit, ganz ohne Worte. Sie antwortet ebenfalls mit Musik.

Werden die zwei sich wiedersehen? Mehr wird nicht verraten.

Eine wunderschöne Liebesgeschichte, gespickt mit viel Musik der siebziger und achtziger Jahre. Man wird hineingezogen in die Leben dieser zwei Erwachsenen abwechselnd mit ihrer gemeinsamen Jugendzeit.

Erinnern Sie sich an „Zwei an einem Tag“ von David Nicholls? Dieses Buch hatte ich beim Lesen manchmal gedanklich im Hinterkopf.  Ein Schmöker, den man nicht aus der Hand legt. Die Musik kann man übrigens passend zum Buch bei Spotify anhören.

Dringende Empfehlung.


Verlag: Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-382-3
Preis: 22,00 €
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Ein Mann der Kunst

Kristof Magnusson, Rezension von Bernhard Söthe

Das Museum Wendevogel in Frankfurt, berühmt für seine avantgardistischen Ausstellungen, ist ein Privatmuseum, welches von einem tatkräftigen und finanzstarken Förderverein unterstützt wird. Eine Gönnerin vermacht dem Museum ein unbebautes, benachbartes Grundstück, direkt an das Museum angrenzend. Beste Frankfurter Innenstadtlage, ein städtebauliches Filetstück. Die Erbschaft hat nur einen Haken: Binnen zwei Jahren muss auf dem Grundstück neben dem Museum ein Museumsbau errichtet werden, sonst verfällt das generöse Vermächtnis. Einen Anbau in zwei Jahren zu erstellen sollte kein Problem sein. Aber womit dann füllen? Das Museum Wendevogel führt zwar überregional beachtete Ausstellungen durch, verfügt aber nicht über einen so großen eigenen Bestand an Kunstwerken, um einen Anbau sinnvoll damit zu füllen. Hier kommt die Vorsitzende des Fördervereins ins Spiel, Ingeborg Marx, Psychotherapeutin mit eigener Praxis, eine begeisterte Freundin der modernen Kunst. Besonders verehrt sie den Maler KD Pratz. Ein weltberühmter Maler, dessen Bilder auf dem internationalen Kunstmarkt zu geradezu absurd hohen Preisen gehandelt werden.  KD Pratz ist, zurückhaltend ausgedrückt, eine etwas eigenwillige Persönlichkeit. Ein Künstler halt. Er lebt in selbstgewählter Isolation allein auf einer Burg am Mittelrhein, gar nicht weit entfernt von Frankfurt. Ingeborg Marx hat folgende Idee: Der Förderverein, geleitet von ihr und dem eloquenten Museumsleiter Michael Neuhuber, macht sich auf den Weg zu KD Pratz auf Betteltour. Wenn der Künstler bereit wäre, dem Museum Wendevogel Bilder zu schenken, würde ihm der komplette neue Anbau als Ausstellungsfläche zur Verfügung stehen. Es wäre das erste KD Pratz-Museum weltweit. Jetzt muss der Künstler nur noch den ausgelegten Köder schlucken. Ein Bus wird organisiert, um die Mitglieder des Fördervereins zur Burg des Großkünstlers zu befördern. Mit geballten Kräften soll er von der Seriösität ihres Plans überzeugt werden. Der Museumsleiter Michael Neuhuber hatte versprochen, seine vielfältigen Kontakte zu nutzen, um Zugang zum eigenbrödlerischen KD Pratz zu erlangen. Ob ihm dies jedoch gelungen ist, bleibt seltsam nebulös. Neuhuber ist ein hochtalentierter Schwafler, hinter dessen eloquenten Wortkaskaden wenig Substanz zu finden ist. 

Erzählt wird die Geschichte von Ingeborg Marx' Sohn Constantin, einem Architekten, der in seiner Freizeit den Förderverein des Museums gerne auf Exkursionen begleitet. Auch Constantin ist ein begeisterter, aber auch kritischer Freund der Kunst mit scharfem Blick für die Überspanntheiten des Kunstbetriebs. Unter den Mitgliedern  des Förderveeins gibt es auch eine Anzahl von Kunst-Adabeis, die Kunst nutzen, um ihren langweiligen Wochenenden einen gewissen schicken Kick zu geben. Wer schon einmal auf einer Ausstellungseröffnung war und miterlebt hat, wie unmittelbar nach dem Verklingen (und sofortigen Vergessen) der einführenden Worte die "Kunstfreunde" der Kunst den Rücken kehren und sich intensiv dem (kostenlosen) Wein und Gesprächen widmen, die garantiert nichts mit Kunst zu tun haben, kann sich vorstellen, was auf der Exkursion des Fördervereins so alle passierte. Beobachtet und kommentiert vom teils amüsierten, teils fassungslosen Constantin Marx. Ein komischer Roman über moderne Kunst? Kann das funktionieren? Ja, wenn der Autor Kristof Magnusson heißt. 

Der Autor lässt in seinem Roman fiktive und reale Personen auftreten. KD Pratz ist fiktiv, man darf aber spekulieren, welche deutschen Großkünstler als Vorbilder gedient haben könnten. Dem fiktiven KD Pratz wird dann die reale Künstlerin Marina Abramovic als Lebensabschnittsgefährtin untergeschoben. Wer mag, kann sich einen Spaß daraus machen, auch weitere Personen des Kunstbusiness zu entdecken. 


Verlag: BTB
ISBN: 978-3-442-75076-4
Preis: 18,00 €
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Der weiße Abgrund

Henning Boetius, Rezension von Bernhard Söthe

Ein Roman über die letzten Lebensjahre des Dichters Heinrich Heine. Darüber ist viel, und darüber ist wenig bekannt. Bruchstücke von seinen Freunden, Bruchstücke von Heine selbst. Das Buch handelt auch von der Jagd nach dem Manuskript von Heines Autobiografie, die er angeblich in seinen letzten Lebensjahren verfasst hat.

Heine ist schwerkrank. Halbblind und fast bewegungsunfähig liegt er in seiner "Matratzengruft", wie er sein Schmerzenslager selbst nannte. Er wiegt nur noch 30kg, er kann kaum Nahrung bei sich behalten, aber Weintrinken geht noch. Über den Ursprung von Heines Krankheit wird bis heute gerätselt. War es eine Syphilis, eine Geschlechtskrankheit, die damals nicht heilbar war? Manche Symptome sprechen dafür, andere dagegen. Manches spricht aber auch für eine Bleivergiftung. Eingebettet in die Krankheitsgeschichte sind Rückblicke auf Heines Leben, seine Kindheit und Jugend, seine Erfolge als Dichter, seine Ankunft in Paris. Dort schließt er Freundschaft mit den literarischen Größen seiner Zeit: Alexandre Dumas, Charles Baudelaire, Gustave Flaubert, Gerard de Nerval. Aber mit seiner spitzen Zunge und bösen Satiren verschaffte er sich auch Feinde, was sogar dazu führte, dass sich ein beleidigter Zeitgenosse mit ihm duellierte, ganz klassisch mit Duellpistolen. Der schon damals halbblinde Heine verfehlte seinen Gegner, er selbst wurde leicht verletzt. 

Heines Verwandte und Freunde sind auch entsetzt über die Wahl seiner Ehefrau, einer Pariser "Grisette", einer geistig und auch sonst völlig unbemittelten Schuhverkäuferin, die im Laufe der Ehe deutlich aufquoll. Für Heines literarische Arbeit hatte Mathilde kein Verständnis. Statt sich um ihren zunehmend kränker werdenden Gatten zu kümmern, zieht sie mit Freundinnen durch Cafés und Kneipen. Ihre Liebe gehört nicht ihrem Mann, sondern ihrem Papagei.

In Heines letzten Lebensjahren taucht auch noch eine letzte (platonische) Geliebte auf. Heine nennt sie zärtlich "Mouche" (Fliege). Mouche entwickelt zunehmend auch die unangenehmen  Eigenarten einer Fliege, aufdringlich und schwer zu vertreiben zu sein. Mouche beabsichtigt, Schriftstellerin zu werden. Sucht sie Kontakt zum berühmten Dichter Heine, um über ihn in der Gesellschaft der Literaten Fuß zu fassen? Sie bietet sich auch an, als Sekretärin behilflich zu sein. Heines deutscher Verleger Campe hat gerüchteweise von der Existenz einer Autobiografie Heines erfahren. Er wittert ein großes Geschäft für seinen Verlag. Da er selbst in Deutschland unabkömmlich ist, schickt er einen zwielichtigen Mittelsmann, einen Herrn Meißner, nach Paris, der herausfinden soll, ob das geheimnisvolle Manuskript wirklich existiert und was Heine damit vorhat.

Für Heinrich Heine gibt es kein beschauliches Lebensende, er stirbt unter großen körperlichen Qualen. Der "weiße Abgrund" wartet auf ihn. Zu seiner letzten Ruhestätte begleitet ihn eine große Anhängerschar, alle seine Freunde aus dem Schriftstellermilieu sind dabei, auch Mouche, nur seine Frau Mathilde nicht, sie muss dringend einen neuen Papagei kaufen. Heine hasste Papageien. Nach seinem Tod wird in seinem Nachlass nach der ominösen Autobiografie gesucht, aber nichts wird gefunden. Hat Heines Ehefrau Mathilde das Manuskript, dessen Wert sie nicht erkannte, schlicht verschlampt? Hat die ehrgeizige Mouche es unterschlagen? Hatte der schwerkranke Heine überhaupt noch die Kraft, seine Autobiografie zu schreiben? Fragen, die bis heute nicht beantwortet sind. 

All dies mixt Henning Boetius zu einem unterhaltsamen Roman, in dem er auch ein farbenprächtiges Bild des Lebens im Paris der Mitte des 19. Jahrhunderts zeichnet. 


Verlag: Kein und Aber
ISBN: 978-3-0369-5825-5
Preis: 22,00 €
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Ein Wochenende

Charlotte Wood , Rezension von Bernhard Söthe

Weihnachten vor der Brust und über 30 Grad im Schatten: Was uns befremdlich erscheint, ist in Australien normal. Aber auch Rentier- und Santa Claus-Figuren in den Vorgärten, Kunstschnee und bunt blickende Lichterketten bringen die drei Freundinnen Jude, Wendy und Adele nicht in Festtagsstimmung. Ausgerechnet jetzt haben sie sich verabredet, das Strandhaus ihrer kürzlich verstorbenen Freundin Sylvie an den Weihnachtstagen zu entrümpeln. Entsprechend gemischt sind ihre Gefühle bei der Anreise. Die Damen sind alle Anfang 70, Freundinnen seit Jahrzehnten, haben sich durch Höhen und Tiefen ihrer Leben begleitet. Freundschaft ist das Gummiband, das die Frauen zusammenhält. Aber alle haben das Gefühl, dass das Gummiband inzwischen arg ausgeleiert ist und statt Zuneigung Gewöhnung ihre Beziehung bestimmt. Die gereizte Stimmung zwischen den drei Frauen entlädt sich schon mal in bissigen Wortgefechten. Es gibt aber auch harmonische Momente. Die drei Frauen können über die gleichen Dinge lachen, was über manche Missstimmung hinweg hilft. Als ausgerechnet an diesen Weihnachtstagen jede der drei Frauen ein völlig unerwarteter Schicksalsschlag trifft, muss sich zeigen, ob das ausgeleierte Gummiband ihrer Freundschaft noch zusammenhalten kann. Eine wichtige Rolle in diesem Buch spielt Wendys Mischlingsrüde Finn. Vor 17 Jahren hat die verstorbene Freundin Sylvie ihn Wendy, die in einer Lebenskrise steckte, geschenkt. Und das kleine Wollknäuel hat Wendy tatsächlich aus einer tiefen Depression herausholen können. Aber jetzt ist Finn alt, taub, fast blind, jede Bewegung fällt ihm schwer. Können Hunde eigentlich dement werden? Alle Symptome Finns sprechen dafür. Der arme, alte, inkontinente Finn ist oft der Auslöser der Misshelligkeiten zwischen den drei Frauen. Jude und Adele wollen Wendy überreden, Finn die längst überfällige Spritze zu gönnen, aber Wendy kann sich noch nicht von ihm lösen.

Elke Heidenreich fand laut Klappentext: "Ein Wochenende" ist "ein Roman, der beim Lesen glücklich macht". Glücklich? Meiner Meinung nach ist "Ein Wochenende" ein fantastisch geschriebener Roman, der zum Nachdenken über das Älterwerden und über das Verhältnis zu seinen lieben oder nicht so lieben Mitmenschen anregt. Im gleichen Klappentext verspricht die New York Times: "Eine unvergessliche Leseerfahrung!" Das stimmt. 


Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-26788-6
Preis: 19,00 €
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Der letzte Satz

Robert Seethaler, Rezension von Bernhard Söthe

1911, an Deck eines Ozeandampfers auf der Fahrt von New York nach Europa, sitzt der berühmteste Komponist und Dirigent seiner Zeit Gustav Mahler. Kränklich war er schon immer, Herzprobleme, Nervenkrisen, heftige Migräneattacken machen ihm zu schaffen. Mahler stammt aus einer vorbelasteten Familie, mehr als die Hälfte seiner 13 Geschwister sind im Kindes-  bzw. Jugendalter verstorben. Jetzt ist Mahler, 51 Jahre alt, sterbenskrank. Er weiß, dass diese Atlantiküberquerung seine letzte sein wird. Geschlossene Räume erträgt er nicht, wann immer möglich, verbringt er Zeit an Deck, eingehüllt in Decken, umsorgt von einem Schiffsjungen, der eigens für diese Aufgabe abgestellt wurde. Irgendwo an Bord befinden sich auch Mahlers Ehefrau Alma und die Tochter Anna. Mahler liebt seine Frau abgöttisch, sie hat sich innerlich längst von ihm abgewandt. In Wien wartet ihr Geliebter Walter Gropius auf sie, der ihr nächster Ehemann werden wird, er wird nicht ihr letzter sein. Von heftigem Fieber geschüttelt, driftet Mahler zwischen Traum und Wirklichkeit. Bilder aus seiner Vergangenheit steigen in ihm auf ...

Nach seinen großen Bucherfolgen "Der Trafikant", "Ein ganzes Leben" und "Das Feld" ein neues Meisterwerk des österreichischen Autoren. Ein schmaler Band über die letzte Reise eines großen Künstlers. Ergänzend empfiehlt sich die Lektüre von Alma Mahler-Werfels Autobiographie "Mein Leben" (erhältlich als Fischer TB 14.00€)


Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5825-5
Preis: 22,00 €
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Ein Wochenende

Charlotte Wood, Rezension von Annette Kubiak

Ein letzter Freundschaftsdienst für Sylvie: Nach ihrem Tod treffen sich ihre Freundinnen über die Weihnachtsfeiertage, um ihr altes Strandhaus an der australischen Küste auszuräumen, damit es verkauft werden kann. 

Dort prallen die äußerst unterschiedlichen Lebensgeschichten und -entwürfe der drei Frauen aufeinander:

Jude, ehemalige Gastronomin, sehr strukturiert, leitet die Aufräumarbeiten und plant, die Tage nach Weihnachten mit ihrem langjährigen, verheirateten Geliebten in dem Haus zu verbringen. Adele, die früher erfolgreiche und berühmte Schauspielerin, wurde gerade von ihrer Lebensgefährtin verlassen und weiß nicht, wo sie nach den Feiertagen wohnen und wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten soll. Und dann ist da noch die verwitwete Wissenschaftsautorin Wendy, die ihren hochbetagten Hund im Schlepptau hat, den sie einst von Sylvie geschenkt bekam und an dem sie deshalb besonders hängt. 

Diese drei Frauen, alle über 70, entdecken sich und das Wesen ihrer Freundschaft neu. 

Ein wunderbares Buch!

"Ein Roman über die Geometrie von Freundschaft."   The Guardian


Verlag: Luchterhand
ISBN: 9783630875293
Preis: 20,00 €
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Die langen Abende

Elizabeth Strout, Rezension von Karin Bucconi

In Cosby, einer kleinen Stadt an der Küste von Maine ist kaum etwas los. Elizabeth Strout kehrt in diesem Roman zu ihrer Heldin Olive Kitteridge (bekannt aus dem Roman "Mit Blick auf`s Meer") zurück, aber man muss den ersten Roman nicht gelesen haben, um sich an ihrem neuen Buch zu erfreuen.

Olive gehört zwar schon zum "alten Eisen" erlebt aber nach dem Tod ihres Mannes noch einmal eine späte Liebe. Dennoch ist das Buch keine Schmonzette über LIebe im Alter.

Olive ist spröde und zynisch, hat aber das Herz auf dem rechten Fleck. Sie wird Jack heiraten, einen ehemaligen Harvard Professor und ebenfalls Witwer. Früher war er nur hinter den hübschen Frauen her und hätte der unattraktiven Olive keine Beachtung geschenkt. Nun aber ist auch er nicht mehr sehr ansehnlich. Fettbauchig und seit einer Prostata-Operation inkontinent, ist er bescheidener geworden und allein will er nicht bleiben.

Beide haben Kinder, aber kaum Kontakt zu ihnen. Beide sehnen sich nach ihren Ehepartnern oder vielmehr nach einer Zeit zurück, die endgültig vergangen ist. Als ehemalige Lehrerin weiß Olive so ziemlich alles über die Bewohner der Stadt und ist mit ihren Meinungsäußerungen auch nicht gerade zurückhaltend.

Die kleinen Dinge des Lebens werden im Alter wichtiger, aber es wird auch klar, daß jeder den letzten Weg alleine gehen muss. Es werden in diesem Buch zumeist ältere Menschen beschrieben, die viel erlebt haben: Freude, Trauer, Verluste... Aber- sie habe auch viel zu geben und zu erzählen.

Ein Roman, der Aufmerksamkeit erfordert und seine LeserInnen mit seinen leisen Tönen und hinreißenden Personenbeschreibungen beschenkt.


Verlag: Hanser
ISBN: 9783446265691
Preis: 26,00 €
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Das Gewicht der Worte

Pascale Mercier, Rezension von Karin Bucconi

Simon Leyland die Hauptfigur des Romans erhält eine  Diagnose, die ihn zwingt, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen.  Immer wieder denkt er über den Sinn des Lebens nach und versucht ihn in Gesprächen mit vertrauten Menschen und Briefen an seine verstorbene Frau zu ergründen. 11 Wochen später erhält er die Nachricht, dass er gar nicht an einem Hirntumor leidet, alle Ängste unbegründet waren. "Er nimmt sich vor, in Zukunft verschwenderischer mit seiner Zeit umzugehen"

Schon als kleiner Junge will er nur eines: die Sprachen des Mittelmeerraums  und noch dazu Russisch lernen. Er ist regelrecht besessen von Worten.

Er lebt in Triest und arbeitet als Übersetzer. Nach dem plötzlichen Herztod seiner Frau , der Erbin eines Verlages, gibt er seinen Beruf auf, um den Verlag weiterzuführen. dann veranlaßt ihn die Diagnose,  den Verlag zu verkaufen, und er entschließt sich nach vielen Triestiner  Jahren nach London zurückzukehren, um  das von seinem Onkel ererbte Haus zu beziehen.

Der medizinische Irrtum ist Ausgangspunkt, über die großen Themen des Lebens nachzudenken. Es geht natürlich um die Liebe, auch die Liebe zur Literatur und zur Sprache an sich.

Mercier läßt ihn ausgiebig über Sterblichkeit, Sinn und Sehnsucht, Liebe und Hass und über die Bedeutung von Sprache reflektieren.

Ein philosophischer Roman, sprachgewaltig und anspruchsvoll auch und gerade in den Personenbeschreibungen. 



ISBN: 978395201436
Preis: 15,00 €
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Die Liebenden in den Dünen

Lu Bonauer, Rezension von Karin Bucconi

Lu Bonauer hat eine wunderschöne Novelle geschrieben, in der es um die große (und eweige) LIebe geht. Nie ist das Buch kitschig. Es ist vielmehr ein literarisches Kleinod.

Romy und Silas, ein älteres Ehepaar hat in jungen Jahren über die Begeisterung für die Weltliteratur zueinander gefunden. Beide glaubten schon damals fest an DIE große Liebe, niemals besitzergreifend, aber immer auch Nähe suchend und zulassend.

Silas ist Arzt geworden, Romy Lehrerin. Nie mochten sie Menschenmengen, sondern zogen die Stille vor. Sie kaufen sich irgendwann ein Strandhaus und werden alt. Sie wollen immer alles gemeinsam tun und versprechen sich, gemeinsam zu sterben. Als Romy an Alzheimer erkrankt und sich ihr Zustand zusehends verschlechtert, wählen sie einen Zeitpunkt für ihren gemeinsamen Tod aus.

Sie machen einen letzten Spaziergang, genießen noch einmal die Natur, halten Händchen und trinken ihr Sterbeli (so hatten sie es von Beginn an genannt).

Wenige Stunden später wacht Silas neben seiner toten Frau auf und kann es nicht fassen. Warum lebt er noch? Hat er sie verraten? Wollte sie ihn "nur" prüfen? Silas hat Schuldgefühle bis er eine Entdeckung macht, die vieles in einem anderen LIcht erscheinen läßt....

Ein kleiner, großer Roman mit dem Zeug zum Klassiker, so Hauke Harder, ein Rezensent


Verlag: CH.Beck
ISBN: 978-3-406-75535-4
Preis: 24,00 €
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Cloris

Rye Curtis, Rezension von Kathrin Allkemper

Das Ehepaar Waldrip ist seit 45 Jahren verheiratet. Als kleine Überraschung für seine Frau Cloris bucht Mr.Waldrip einen Rundflug über den Bitterroot National Forest in Montana. Geflogen wird die kleine Cessna von Terry, einem jungen Mann, der gerade frisch verheiratet ist. Die drei genießen die wunderbare Landschaft, als die Maschine plötzlich einen Ruck macht, ins Trudeln kommt und kurze Zeit später über der Wildnis Montanas abstürzt. Nur Cloris überlebt wie durch ein Wunder mehr oder weniger unverletzt. Auf der Suche nach Hilfe macht sich die 72jährige Frau auf den Weg durch die Wälder und gerät schnell an ihre Grenzen. Von Zivilisation keine Spur, aber scheinbar ist sie dennoch nicht alleine dort draußen….

In einem anderen Teil dieser Wildnis lebt Rangerin Debra Lewis. Seit der Scheidung von ihrem Mann hilft sie sich mit Merlot durch den Tag. Als sie die Meldung vom Flugzeugabsturz erhält, erwachen ihre Lebensgeister neu. Während die anderen nach dem Fund des Wracks und der beiden Männerleichen schnell davon ausgehen, dass auch Cloris das nicht überlebt haben kann und ihre Leiche einfach von Tieren verschleppt oder gefressen wurde, hält Lewis an der Suche nach der Frau fest. Ein spannender Wettlauf mit der Zeit beginnt….

Ein richtig gut geschriebener Abenteuerroman über zwei ungewöhnliche Frauen, die beide auf ihre Art ums Überleben kämpfen.


Verlag: Piper
ISBN: 9783492059145
Preis: 22,00 €
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Sommergäste

Agnes Krup, Rezension von Kathrin Allkemper

Chicago, 1912. Die angehende Künstlerin und Bildhauerin Ellen trifft auf die lebenslustige Journalistin Charlotte. Zunächst erscheint ihr diese junge Frau unsympathisch und aufdringlich und Ellen fühl sich überrumpelt. Aber je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto stärker werden ihre Gefühle für einander und schließlich trennt Ellen sich von ihrem Geliebten und zieht gegen jegliche Konventionen bei Charlotte ein... 

Rockcliff Isle, 1925. Die mittlerweile recht berühmte Autorin Charlotte reist wie jeden Sommer mit ihrer Partnerin Ellen auf diese kleine schöne Atlantikinsel, um fernab des Trubels in Ruhe an ihrem neuen Roman schreiben zu können. Ellen hat ihr zuliebe auf eine Karriere als Bildhauerin verzichtet und kümmert sich nun um sämtliche Belange in ihrer Beziehung, damit Charlotte sich ganz dem Schreiben widmen kann. Doch in diesem Sommer lernen sie den einheimischen Ornithologen Crawford Maker kennen, der sie gleich einlädt, ihn in seinem Atelier zu besuchen. Ellen kommt der Einladung zu gerne nach und ist fasziniert von seiner Arbeit. Um ihm zu helfen, holt sie ihre alten Skizzenblöcke hervor und beginnt wieder zu modellieren. Durch ihn wird die Sehnsucht nach der Künstlerin in ihr wieder erweckt und sie spürt, was sie all die Jahre vermisst hat. Von nun an haben die Sommer auf Rockcliff Isle einen ganz besonderen Reiz für Ellen und sie beginnt, sich aus dem Schatten von Charlotte zu lösen. Als Crawford das Angebot erhält, eine Expediton im Kongo zu leiten, möchte er Ellen gerne mitnehmen, denn für ihn ist sie nicht nur als Künstlerin sehr interessant...

Eine wunderbar erzählte Geschichte dreier Liebender, angelehnt an die Biografien der Schriftstellerin Willa Cather, die für ihren Roman "One of ours" den Pulitzer-Preis erhielt, und des kanandischen Naturforschers Allan Moses.


Verlag: Blumenbar
ISBN: 9783351050771
Preis: 20,00 €
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Du wirst mein Herz verwüsten

Morgane Ortin, Rezension von Karin Bucconi

"Dieser Roman macht Lust, zu lieben." 

Die Zeitschrift "Le Monde" über den Roman...

Ein Buch geschrieben in Textnachrichten. Nicht das erste, aber ein besonders schönes.

Zwei Menschen,  lernen sich kennen, verlieben, ärgern, verletzen sich,  berühren einander endlich und lieben sich noch mehr.

Der Roman erzählt von der unverhofften Begegnung zweier Menschen, die sowohl Rauschmomente und Glück erleben als auch Traurigkeit und Zweifel.

Die Leserin/der Leser verfolgt eine sehr moderne Liebesbeziehung, aber eben digital. Die Mails und SMS sind zum Teil so wunderschön geschrieben, dass man sich wünscht, man hätte sie selber bekommen.

Morgane Ortin sammelt seit langem über ihr Instagram-Portal mit dem Einverständnis der Nutzer WhatsApp-Unterhaltungen und veröfffentlicht sie anonym auf ihrer Instagramseite. 278 hat sie ausgesucht und mit ihnen eine Liebesgeschichte erzählt. 

Eine intensive Lektüre. Die Nachrichten sind poetisch und berührend: 

Ein Loblied auf die Liebe.

Unbedingt empfehlenswert.

 


Verlag: Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0042-9
Preis: 20,00 €
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Marianengraben

Jasmin Schreiber, Rezension von Christina Heger

Die Biologiestudentin Paula leidet seit dem tragischen Unfalltod ihres kleinen Bruders Timan Depressionen. Sie ist unfähig um ihren Bruder zu trauern, zu weinen und einen Weg aus der Tiefe der Depression zu finden. Sie sieht sich nicht einmal in der Lage, das Grab desBruders zu besuchen, weil sie mit ihrer Trauer allein sein und niemandem begegnen möchte. Aus diesem Grund rät ihr Therapeut ihr, den Friedhof dann aufzusuchen, wenn sich dort sonst niemand aufhält. Und wann ist dies der Fall? Nachts.Paula startet also eine abenteuerliche Expedition auf den nächtlichen Friedhof und begegnet dort dem schrulligen Rentner Helmut, der gerade dabei ist, eine Urne auszugraben...Diese absurde Situation ist der Beginn der gemeinsamen Reise zweier komplett verschiedener Menschen, die eins verbindet: Der Verlust eines geliebten Menschen und der Versuch mit dem daraus resultierenden Schmerz umzugehen.Helmut und Paula machen sich auf eine schmerzliche, erkenntnisreiche und tröstliche Reise und die beiden grundverschiedenen Charaktere freunden sich auf eine bewegende und zutiefst rührende Weise an.Die Geschichte wird aus der Perspektive von Paula erzählt, die ihrem Bruder von ihrem Umgang mit der Trauer, ihren Erinnerungen an ihn und der verrückten Reise mit Helmut erzählt. Tim und Paula teilten die Faszination für Biologie und das Meer, weshalb Paula ihre Depression mit dem Marianengraben, der tiefsten Stelle des Meeres, vergleicht und jedes Kapitel mit Kilometerangaben versehen ist: “...Auch mir war das mit den elftausend Metern eigentlich zu abstrakt. Erst als ich selbst dort ankam, also ganz unten in der Dunkelheit...bekamen diese elf Kilometer und all diese Ziffern und Größenangaben eine greifbare Qualität für mich - elftausend Meter unter Wasser sind gleichbedeutend mit einem Meter neunzig unter der Erde, der Tiefe deines Grabes.”Das Buch ist eine wundervolle Geschichte über Trauer, Depression und den Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen aber auch über die Rückkehr des Lebenswillens. Die Erzählweise ist sehr persönlich und berührend, dabei aber durchaus auch komisch und unterhaltend ohne albern oder unpassend zu sein. Es gelingt Jasmin Schreiber, dem Thema die Schwere zu nehmen und dennoch ein Gefühl für die Depression zu vermitteln.


Verlag: Wunderlich
ISBN: 978-3-8052-0044-8
Preis: 19,90 €
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Das Beste kommt noch

Richard Roper, Rezension von Kathrin Allkemper

Der eher zurückhaltende Andrew arbeitet als Nachlassverwalter. Sein Job ist es, die Wohnung eines Verstorbenen, der auf den ersten Blick keine Angehörigen hat, nach Hinweisen auf Verwandte oder gegebenenfalls auf Geld oder Sparbücher abzusuchen, damit das Begräbnis bezahlt wird. Findet er weder das eine noch das andere, bekommt der Verstorbene ein sogenanntes Armenbegräbnis. Und da Andrew großes Mitleid mit diesen Menschen hat, begleitet er sie oftmals als einziger Gast auf ihrem letzten Weg. Wirklich keine leichte Arbeit und emotional manchmal ganz schön belastend, aber zum Glück hat er ja eine starke Ehefrau an seiner Seite, zwei muntere Kinder und ein schönes Haus – zumindest denken das seine Arbeitskollegen. In Wahrheit wohnt er in einem Mini-Appartement und seine einzigen Mitbewohner sind die Modelleisenbahnen, die sich durchs Zimmer schlängeln. Eigentlich ist er genauso einsam, wie die Verstorbenen, um deren Beerdigungen er sich kümmert. Da fängt die muntere Peggy in der Firma an, die nicht nur frischen Wind in die Gruppe der Kollegen bringt, sondern ganz besonders in Andrews Leben. Leider ist sie liiert und hat zwei Kinder und genau das denkt sie auch von ihrem äußerst netten Arbeitskollegen....

Eine wundervoll warmherzige Geschichte, die beim Lesen wie eine britische Filmromanze a la „Notting Hill“ mit all den verschrobenen, liebevollen Charakteren, vor meinem inneren Auge ablief


Verlag: Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 9783424631878
Preis: 22,00 €
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Ach, Virginia

Michael Kumpfmüller, Rezension von Karin Bucconi

2011 hatte er das letzte Lebensjahr von Kafka erkundet. Dieses Mal hat Kumpfmüller einen Roman über die letzten Tage im Leben von Virginia Woolf geschrieben.

Wir befinden uns im Jahr 1941. Virginia hat gerade ihr letztes Buch beendet und hält es für völlig misslungen. Sie kann nicht schlafen, hört Stimmen und alle Hilfeangebote lehnt sie ab. Ihr Leben war reich, auch an tragischen Momenten. Nun fliegen deutsche Bomber über das kleine Haus, dass sie mit ihrem Mann bewohnt, Sie kommt sich wie eine Gefangene vor. Will ausbrechen, aber wohin?

Der Abschiedsbreif an ihren Ehemann Leonard ist geschrieben. Das Wasser im Fluss ist kalt. Aber- ihr Versuch, sich zu ertränken, scheitert. Als sie völlig durchnässt nach Hause zurückkehrt, ist Leonard sofort an ihrer Seite. Es regnet und er fragt nicht, woher sie kommt. Vielleicht will er es auch gar nicht wissen. 

Nachdem sie ihm in ihrem Abschiedsbrief dankende Worte gewidmet hat, ist ihr Blick auf ihn jetzt ein wütender. Sie hasst seine Mittelmäßigkeit und auch, dass er sie geheiratet hat. Ihre Liebe gilt ohnehin nicht ihm, sondern Vita Sackville West. Jetzt, in ihren letzten Tagen, richtet sie alle Wut, die sie spürt, auf ihn.

Wieviel an dem kleinen Roman Fakt ist und wieviel fiktiv, kann ich nicht beurteilen. Dazu weiß ich nicht genug über das Leben der Virginia Woolf. Aber-  großen Raum nimmt ihr Innenleben ein, vergangene und aktuelle Beziehungen und die jahrelange Liebesbeziehung zu Vita Sackville West. Kumpfmüller beschreibt die Gedankenwelt der Virginia zu besseren Zeiten und an ihrem Lebensende in seiner gewohnt schönen, unaufgeregten Sprache.

Für mich ein gelungener  und glaubwürdiger Roman.


Verlag: Thiele
ISBN: 978-3-85179-451-9
Preis: 22,00 €
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Das Lächeln einer Sommernacht

Luca Ammirati, Rezension von Tanja Tenberg

Samuele, dreißigjähriger unglücklicher Teilzeit-Reporter und leidenschaftlicher Hobbyastronom, lernt eines Abends während einer Führung in der kleinen Sternwarte in San Remo die schöne Emma kennen.

Sie verbringen den Abend zusammen bei gutem Essen und viel Wein, der Tag war lang, und während Emma ins Bad verschwindet, schließt Samuele kurz die Augen und schläft ein.

Am nächsten Morgen ist Emma weg und hinterlässt nur einen roten Kussmund auf dem Badezimmerspiegel.

Samuele ist verzweifelt, wie konnte ihm das nur passieren? Da trifft er seine Traumfrau und weiß am nächsten Morgen leider nur von ihr, dass sie Emma heißt und Kinderbücher illustriert.

Es beginnt eine wilde Suche im Internet, die leider erfolglos verläuft.

Sein bester Freund Iacopo, seines Zeichens Schürzenjäger der Stadt, verzweifelt an der Unglückseligkeit seines Freundes, es gäbe doch genug schöne Frauen in San Remo.

Ilenia, Konditorin in San Remo, glaubt wie Samuele auch an die große Liebe und will ihren Freund unterstützen, getröstet wird er mit leckerem selbstgebackenem Gebäck.

Sein Goldfisch Galileo, kurz Leo, muss für Selbstgespräche herhalten.

Am Ende der herzerwärmenden 350 Seiten stehen sieben Dialoge mit Leo.

Und ob es ein Happy End gibt? Das wird nicht verraten.

Lesen Sie selber und genießen das herrliche italienische Ambiente.

Ein Liebesgeschichte à la Nicolas Barreau zum Wegschmökern für verregnete Frühlingstage oder am Pool im Sonnenschein.


Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446265622
Preis: 19,00 €
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Die Bagage

Monika Helfer, Rezension von Daniela Maifrini

 

Österreich 1914. Irgendwo in der Gegend hinter Bregenz ganz am Ende ihres Dorfes lebt die Familie Moosbrugger. Die Eltern, Josef und Maria, zeichnen sich durch große Attraktivität aus, Josef legt im Gegensatz zu seinen männlichen Mitbürgern großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres, seine Frau Maria ist eine wirkliche Schönheit, was ihr den Neid der Frauen und die Gier der Männer beschert. Sie weiß, dass jeder Einzelne im Dorf sich ihrer bemächtigen würde, wenn nicht alle so große Angst von ihrem Ehemann hätten, der als aufbrausend und im wahrsten Sinne „schlagfertig“ gilt.

Maria und Josef sind mit ihren Kindern nicht auf Rosen gebettet – der Vater hält die Familie mit allerlei „Geschäftchen“ über Wasser - und so wird es für die Moosbruggers recht eng, als Josef direkt zu Beginn des Ersten Weltkriegs seinen Stellungsbefehl erhält und in den Krieg ziehen muss. Aus diesem Grund bittet er den Bürgermeister des Ortes, Gottlieb Fink, während seiner Abwesenheit bei der Familie nach dem Rechten zu sehen und aufzupassen, dass es ihnen an nichts mangelt. Gottlieb verspricht das und nimmt seine Aufgabe auch wirklich sehr ernst.

 

Nun ist es bei einem schmalen Roman wie diesem schnell geschehen, dass man zu viel verrät, also sei nur noch dies gesagt: Josef ist im Krieg und kommt zwischendurch selten auf Fronturlaub. Maria wird schwanger und bringt ihre Tochter Margarete zur Welt. Josef behandelt Margarete zeitlebens wie Luft, nie hat er sie angesehen oder berührt, nie das Wort an sie gerichtet, er verabscheut das Mädchen.

 

Monika Helfer macht sich in diesem Buch auf die Suche nach einem Stück ihrer eigenen Familiengeschichte, nach der Geschichte ihrer Mutter Margarete. Sie ist angewiesen auf die Auskünfte einer fast hundertjährigen Tante, die der Autorin auf dem Totenbett das erzählt, was sie weiß. Der Rest ist erdacht und logisch kombiniert, so dass sich vor uns eine Familiengeschichte auftut, die uns von dem Fluch der Schönheit berichtet, von Verrat, von Misstrauen und Missgunst, von unausgesprochenen und nie ausgeräumten Verdächtigungen, von allerschlimmsten seelischen Verletzungen. Das alles in einer klaren und fast trockenen Sprache und in einem nicht chronologischen Aufbau, der zu Beginn einige Konzentration verlangt, um der Handlung folgen zu können, dann aber eine spannende und sinnvolle Komposition bildet. Sehr lesenswert!

 

 


Verlag: Fischer
ISBN: 9783103900033
Preis: 20,00 €
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Das Haus der Frauen

Laetitia Colombani, Rezension von Annette Kubiak

Die erfolgreiche Pariser Anwältin Solène muss sich nach einem Zusammenbruch neu orientieren. Ein Ehrenamt soll ihr helfen, wieder ins Leben zurückzufinden. Sie wird öffentliche Schreiberin für den „Palais de la Femme“ - für die Frauen im Pariser Frauenhaus. Anfangs sind die Frauen misstrauisch, aber Solène erarbeitet sich ihr Vertrauen und ihren Respekt. Mit jedem Brief, den sie für die Frauen schreibt und jedem Formular, das sie ausfüllt, wächst ihre eigene Zufriedenheit. Jetzt hat sie endlich die Chance, kritisch auf sich selbst und ihre Lebensziele zu blicken...

1926 in Paris gründet Blanche Peyron gemeinsam mit ihrem Mann Albin den „Palais de la Femme“. Sie hat ihr Leben in den Dienst der Heilsarmee gestellt. Sie schont sich nicht, wenn es darum geht, für die Armen und Schwachen einzustehen – aller Erschöpfung und all ihrer fortschreitenden Erkrankungen zum Trotz...

Ein bewegender Roman über Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, ihre Schicksale und die Solidarität untereinander - und das erste Buch, das dem Leben und Werk Blanche Peyrons ein Denkmal setzt.

Der zweite Roman von Laetitia Colombani nach ihrem gefeierten Erstling „Der Zopf“. Absolut empfehlenswert!


Verlag: Klett Cotta
ISBN: 9783608964349
Preis: 17,00 €
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Ein wenig Glaube

Nickolas Butler, Rezension von Kathrin Allkemper

Wisconsin, Amerika.

Vor langer Zeit haben Lyle und Peg ihr Kind verloren. Es wurde nur neun Monate alt. Während Peg sich in ihrer kleinen Gemeinde aufgefangen fühlte, hat Lyle im Stillen mit Gott gebrochen. Er konnte einfach nicht begreifen, wie ein gütiger Gott sein kleines Kind sterben lassen konnte. Nach mehreren Fehlgeburten hatten die beiden eigentlich mit der Gründung einer Familie abgeschlossen, als sie die Chance bekamen, ein kleines Mädchen zu adoptieren.

Heute lebt Adoptivtochter Shiloh mit ihrem Sohn Isaac wieder bei ihnen im Haus und macht die beiden damit zu sehr glücklichen Großeltern. Lyle unternimmt viel mit seinem Enkel, der für seine fünf Jahre recht aufgeweckt ist.

Shiloh hingegen macht ihnen immer mehr Sorgen. Sie besucht zwar nach wie vor mit ihnen den Gottesdienst in der Gemeinde, aber nebenher scheint sie sich einer Art Sekte angeschlossen zu haben. Je mehr Lyle an dieser ominösen Glaubensgemeinde seiner Tochter Anstoß nimmt, desto angespannter wird ihr Verhältnis. Als sich abzeichnet, dass der kleine Isaac mit in die Sache hineingezogen wird, müssen die Großeltern schließlich eine folgenschwere Entscheidung treffen...

Auf sehr feinfühlige Art behandelt Nickolas Butler das Thema Glaube in dieser wunderbar erzählten Familiengeschichte.

 


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07124-5
Preis: 22,00 €
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Rote Kreuze

Sasha Filipenko, Rezension von Bernard Söthe

Es gibt nicht viele Romane, die in Weißrussland spielen. Hier ist einer. Er spielt in Minsk, der Hauptstadt der seit dem Zerfall der Sowjetunion unabhängigen Republik Weißrussland. Überbleibsel aus der unseligen Zeit der Kommunistenherrschaft sind die zahllosen ungepflegten Plattenbauten, die das Stadtbild prägen. Keine Stadt, die man mal eben für einen Kurzurlaub besuchen würde. In einem dieser Plattenbauten im achten Stock beginnt der Roman. Alexander, ein junger Mann Ende 20, bezieht eine der kleinen genormten Wohnungen. Genervt bemerkt er, dass die Nachbarin von Gegenüber, eine sehr alte Dame, neugierig verfolgt, was da vor sich geht. Immer wenn Alexander kommt und geht, lauert sie ihm auf und versucht, ihn in Gespräche zu verwickeln. Zunächst blockt er alle Kontaktversuche ab, er steckt in einer Lebenskrise und hat keinen Sinn für nachbarliche Kontakte. Aber die Beharrlichkeit der alten Frau und ihre offensichtliche Einsamkeit rühren ihn doch, und aus den flüchtigen Kontakten im Hausflur werden längere Besuche in der Wohnung der alten Damen. Sie ist über 90 und an Alzheimer erkrankt. Sie weiß, dass sie diese Krankheit hat und dass der Verlauf unumkehrbar ist. Sie kämpft gegen das Vergessen und erzählt Alexander aus ihrem langen Leben, was sie noch nicht vergessen hat. Sie hat die Schrecken des russischen 20. Jahrhunderts erlebt. In der Zeit des Terrors unter Stalin wurde sie denunziert, verhaftet, von den Schergen vergewaltigt und in einem Scheinprozess zu Haft in einem Arbeitslager in Sibirien verurteilt. Unter menschenunwürdigen Bedingungen hat sie es geschafft zu überleben - und jetzt ist sie alt und verliert ihr Gedächtnis. Zwischen ihr und Alexander entsteht eine ungewöhnliche generationenübergreifende Freundschaft. 

Die titelgebenden "Roten Kreuze" hat die alte Dame auf ihre Wohnungstür gemalt, damit sie nicht vergisst, wo sie wohnt.


Verlag: DTV
ISBN: 978-3-423-28211-6
Preis: 20,00 €
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Eine fast perfekte Welt

Milena Agus, Rezension von Bernhard Söthe

In ihrem neuen Roman beschreibt Milena Agus das Leben dreier Generationen einer sardischen Großfamilie. Angelpunkt der Familie sind die Frauen. Die Großmutter ist früh verwitwet. Gefühlsarm und verbittert regiert sie die Familie mit harter Hand. Den einzigen, ständig kränkelnden Sohn treibt sie mit ihrer Kälte in den Selbstmord. Zwei Töchter heiraten mittellose Kleinbauern aus dem heimatlichen Dorf. Ester, die dritte Tochter, hat sich mit Raffaele, einen gutaussehenden jungen Mann, verlobt. Raffaele muss als Soldat in den Zweiten Weltkrieg. Er überlebt, gerät aber in Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung kehrt er nach Sardinien zurück. Ester, die jahrelang auf ihren Verlobten gewartet hat, stellt fest, dass er in Krieg und Gefangenschaft nicht nur seine Haare, sondern auch seine jugendliche Schönheit verloren hat. Bedrückt merkt sie, dass sie Raffaele mehr mag, wenn er nicht da ist. Sie zögert die Hochzeit hinaus. Raffaele, der auf Sardinien keine Arbeit findet, geht auf das Festland, wo er in Genua in einer Fabrik eine Stelle findet. Fast täglich schreiben sich Ester und Raffaele. Ester findet ihr Leben im Heimatdorf zunehmend unerträglich. "Wie kann man an einem solchen Ort nur leben?", so schließt sie jeden Brief an Raffaele. Nach langem Zögern willigt Ester dann doch in eine Ehe mit Raffaele ein und zieht zu ihm aufs Festland. Ihre einzige Tochter kommt zur Welt, Felicita. Das Geld ist knapp, da Raffaele nicht möchte, dass seine Frau arbeitet. Sarden gelten in Norditalien als zurückgebliebene Hinterwäldler, und Ester tut sich schwer, Freundschaften zu schließen und findet auch hier, an diesem Ort, könne man nicht leben. Raffaele, der seine Frau trotz ihrer Absonderlichkeiten liebt, gibt nach, und die kleine Familie lehrt in das sardische Dorf in das düstere Familienhaus zurück, wo die Großmutter noch lebt, die zwar älter, aber nicht milder geworden ist. Hier wächst Felicita auf. Der Name passt, sie ist wirklich ein glückliches Kind, sie nimmt alles, wie es kommt und gleicht mit ihrem ausgeglichenen Wesen ihrem Vater und nicht ihrer heftigen Stimmungsschwankungen unterworfenen Mutter. Felicita geht zur Schule, das Abitur schafft sie nicht. Eine Schönheit wird sie auch nicht, die pummelige Gestalt hat sie von ihrem Vater geerbt, aber ihre freundliche Ausstrahlung macht das wett. Sie verliebt sich in den einzigen Sohn der einzigen adligen Großgrundbesitzerin des Dorfes Pietro Maria. Die beiden werden ein Paar. Als Felicita schwanger wird - die Zeiten haben sich geändert - , wird tatsächlich eine große Hochzeit zwischen der Arbeitertochter und dem Adelssprössling vorbereitet. Aber Felicita sagt zum Entsetzen ihrer Mutter die Hochzeit ab. Sie liebt Pietro Maria, der zwar gerne mit Felicita schläft, sich aber trotz seiner ehrlichen Bemühungen nicht in der Lage sieht, Felicita seinerseits zu lieben. Das ist ihr als Lebensbasis zu wenig, und sie zieht die Konsequenzen. Statt wie erwartet das ungeborene Kind abtreiben zu lassen, geht Felicita nach Cagliari, der quirligen Hauptstadt Sardiniens, wo sie im multikulturellen Hafenviertel ihren Sohn Gabriele zur Welt bringt und aufzieht.

"Eine fast perfekte Welt" ist ein schmaler, nur knapp 200 Seiten umfassender, aber inhaltsreicher Roman voller Geschichten, die oft nur gestreift, selten zu Ende erzählt werden. Dadurch gelingt es der Autorin Milena Agus, die Phantasie ihrer Leser anzuregen, sie quasi zu Mitautoren dieses fast perfekten Romans zu machen.  Ebenfalls von Milena Agus ist der Roman "Die Frau im Mond", der auch verfilmt wurde und als Taschenbuch inzwischen 7. Auflagen erlebt hat. 


Verlag: Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2816-4
Preis: 12,90 €
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Vaterschaftstest

Markus Behr, Rezension von Kathrin Allkemper

Fabian Weinert ist Lehrer, recht verschroben und mit Mitte 30 noch Jungfrau. Die Sommerferien stehen vor der Tür, für ihn sechs einsame und langweilige Wochen. Ständig nervt ihn seine Mutter, was er denn vorhat und ob er noch verreist. Aber mit wem sollte er das tun? Während er die Hausaufgabe seiner Therapeutin befolgt und im Geiste ständig Listen anfertigt, was zu den guten und was zu den schlechten Dingen in seinem Alltag gehört, beschließt er, mehr unter Leute zu gehen. Und damit er endlich einmal wieder Körperkontakt bekommt, meldet er sich bei einem Kuschelseminar an...

Doch dann passiert etwas, was sein Leben komplett über den Haufen wirft. Er erhält einen Anruf von zwei Mädchen im Teenageralter, die behaupten, dass er ihr Vater ist. Sie wurden als Babys adoptiert und haben nun endlich ihre leibliche Mutter einmal kennengelernt, welche ganz klar Fabian als Vater angibt....Und schon sind die Sommerferien gar nicht mehr langweilig.


Verlag: Droemer Knaur
ISBN: 978-3-426-22708-4
Preis: 14,99 €
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Annika Rose und die Logik der Liebe

Tracey Garvis Graves, Rezension von Kathrin Allkemper

1991: Die junge Studentin Annika ist Autistin. Veränderungen, Lärm und viele Menschen sind ihr ein Graus. Am liebsten umgibt sie sich mit Büchern und Tieren. Als ihre Mitbewohnerin Janice sich an Annikas Verhalten und den Umgang mit ihr gewöhnt hat, freunden die beiden Mädchen sich richtig an. So ist es auch Janice, die Annika sowohl bei der Tierrettung, als auch im Schachclub der Uni unterbringt, damit Annika wenigstens ein paar soziale Kontakte pflegt. Eines Tages setzt man ihr einen neuen Gegenspieler vor die Nase, Jonathan. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten verlieben sich die beiden ineinander. Annika fühlt sich bei ihm ungewohnt sicher und Jonathan ist einfach fasziniert von ihrer ehrlichen und direkten Art. Doch trotz allem steht Annikas Autismus ihrem Glück im Weg und die beiden trennen sich.

2001: Annika arbeitet mittlerweile als Bibliothekarin. Da begegnet ihr nach all den Jahren plötzlich Jonathan auf der Straße. Sie liebt ihn immer noch, aber ist es zu spät für eine zweite Chance?

Die Geschichte wechselt zwischen den beiden Zeitebenen und wird mal aus Jonathans und mal aus Annikas Sicht erzählt. Letztere zeigt auf ganz interessante Weise, wie scheinbar harmlose Situationen für Autisten zu unüberwindbaren oder angsteinflössenden Hindernissen werden können. Mal lustig, mal traurig, auf jeden Fall eine schöne Liebesgeschichte.