Belletristik


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-6540-6
Preis: 15,00 €
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Das verborgene Zimmer

Kate Riordan, Rezension von Julia Jahns

Sommer 1993:

Die Französin Sylvie lebt mit ihrer 13jährigen Tochter Emma in London. Als sie einen Anruf erhält, dass es auf dem Anwesen ihrer Familie in der Provence gebrannt hat, muss sie sich wieder mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Als junge Frau lernte sie ihren Mann Greg, einen Engländer, kennen und zog mit ihm in ihr Elternhaus "La Reverie". Als sie einen Tochter bekamen, Elodie, schien das Glück perfekt zu sein. Doch dann passierte etwas, dass bis Sylvie bis heute traumatisiert und sie dazu brachte, ihr Heimatland zu verlassen.

Nach dem Brand hat sie nun keine Wahl und muss sich den Schaden vor Ort ansehen. Da ihre Tochter Emma nicht bei ihrem Vater, der mittlerweile wieder geheiratet und eine neue Familie gegründet hat, bleiben kann, muss sie diese wohl oder übel mitnehmen. Emma, die ihre ersten vier Lebensjahr auf "La Reverie" verbracht hat, versteht nicht, warum ihre Eltern das zauberhafte Anwesen mit Pool verlassen haben. Sie kann sich an ihre eigene Zeit dort kaum erinnern, sie weiß nur, dass es irgendwas mit ihrer verstorbenen älteren Schwester Elodie zu tun hat, über die Sylvie und Greg nicht sprechen möchten.

Vor Ort steht schnell fest, dass der Brandschaden nicht allzu groß ist. Sylvie möchte das Anwesen, das sie zusammen mit ihrer Schwester geerbt hat, möglichst schnell verkaufen, doch Emma überredet sie, dort den Urlaub zu verbringen. Sie löchert ihre Mutter weiterhin mit Fragen über Elodie und deren Kinderzimmer, das sie nicht betreten darf.

Sylvia beginnt sich, an die Ereignisse vor zehn Jahren wieder zu erinnern, die Zeit nach Elodies Geburt und die quälende Erkenntnis, dass mit ihrer Tochter irgendwas nicht stimmte. Zudem hat sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Wird ihre Vergangenheit sie nun endgültig einholen?

Nach dem Cover dachte ich, es hier mit einem Liebesroman mit dunklem Familiengeheimnis zu tun zu haben, die Geschichte entwickelt sich dann aber eher in Richtung Familiendrama und Krimi.  Sehr fesselnd beschrieben, aber nichts für schwache Nerven.


Verlag: Ullstein
ISBN: 9783550200465
Preis: 24,00 €
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Ada

Christian Berkel, Rezension von Karin Bucconi

Schon mit seinem ersten Roman "Der Apfelbaum" hat Christian Berkel bewiesen, dass er schreiben kann. Ging es in seinem Erstling um seine Familiengeschichte, steht dieses Mal  der Blick einer jungen Frau (Ada) auf die Generation ihrer Eltern und deren Verschweigen all dessen, was in der jüngsten Vergangenheit geschehen ist, im Mittelpunkt.

Ada, 1945 geboren, ist auf der Suche nach sich selbst, ihrer Familie und insbesondere ihrem Vater. Der Roman reicht bis in die 90er Jahre, der Schwerpunkt der Handlung liegt aber auf den 50er und 60er Jahren.

Kurz nach Adas Geburt emigriert ihre jüdische Mutter mit ihr nach Argentinien und kehrt erst neun Jahre später nach Berlin zurück. Ada war in Buenos Aires nie zuhause und ist es nun auch in Berlin nicht, das eine kalte graue Stadt ist, in der die jüngste Vergangenheit von den Menschen totgeschwiegen wird. Erschwerend kommt hinzu, dass sie der deutschen Sprache nicht mächtig ist.

Aber- endlich lernt sie ihren Vater Otto kennen, der hier als Arzt arbeitet. Die drei ziehen zusammen und versuchen, eine Familie zu werden. Nur fühlt sich Ada zu keiner Zeit so angenommen, wie ihr Bruder der bald geboren wird. Sie hat viele Fragen und erhält kaum befriedigenden Antworten. So lernt sie sehr früh, fast alles mit sich selbst auszumachen.

In dem Roman wird die Sprachlosigkeit der Nachkriegszeit besonders deutlich. Es geht um Identitätsfindung Adas und darum, sich ein Bild von der eigenen Vergangenheit und ihren jüdischen Wurzeln machen zu können.

Ada will verstehen.

Liebe, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Freiheit spielen eine große Rolle in diesem Buch, und Christian Berkel ist in der Lage, all die Gefühle und die Zerrissenheit eines Menschen in einer besonders schönen Sprache auszudrücken.


Verlag: Eisele
ISBN: 978-3-96161-096-9
Preis: 24,00 €
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Wenn du mich heute wieder fragen würdest

Mary Beth Keane, Rezension von Kathrin Allkemper

Francis Gleeson und Brian Stanhope absolvieren gemeinsam die Ausbildung auf der Polizeiakademie und treten als Frischlinge 1973 in der New Yorker Bronx ihren Streifendienst an. So erleben sie schnell eine ganze Menge brenzlige Situationen und der Wunsch nach einem sicheren Zuhause wird täglich größer. Da erfahren sie von Gillam, einer New Yorker Vorstadt, wo die Welt noch in Ordnung ist. Schöne Häuser, große Gärten, familienfreundlich. Nach der Hochzeit ziehen die Gleesons dorthin und während Francis einfach nur glücklich ist, leidet seine Frau Lena zunächst unter Einsamkeit, weil sie niemanden kennt. Doch dann ziehen die Stanhopes in das Haus nebenan und Lena hofft auf eine Freundschaft mit Brians Frau Anne. Diese ist allerdings nach einer Fehlgeburt psychisch labil, kühl, distanziert und verweigert den Kontakt.

Nach und nach bekommt Lena drei Kinder, alles Mädchen, und ihr Leben ist endlich ausgefüllt. Auch Anne bekommt ein Kind, einen Sohn, Peter. Über die Jahre entwickelt sich zwischen Peter und Lenas jüngster Tochter Kate eine innige Freundschaft, die im Teenageralter zu Liebe wird. Aufgrund ihres angespannten Verhältnisses, sind die Eltern der beiden davon überhaupt nicht begeistert und gerade Anne rastet mehrfach richtig aus.

Eines Tages kommt es zu einer Katastrophe, die die jungen Liebenden für Jahre auseinander bringen wird….

Super geschriebenes, fesselndes Familiendrama, das berührt und aufwühlt.


Verlag: Rütten & Loening
ISBN: 978-3-352-00948-8
Preis: 18,00 €
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Der geheime Code der Frauen

Celia Rees, Rezension von Bernhard Söthe

Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei. Die Alliierten haben Deutschland besetzt, die Briten den Nordwesten. In allen Besatzungszonen sind diverse konkurrierende Geheimdienste aktiv. Während des Kriegens hatten die Briten einen Ring weiblicher Agenten rekrutiert, die in den von den Nazis besetzten Gebieten eingesetzt waren, um vor der Invasion dringend benötigte Informationen zu beschaffen. All diese Agentinnen, überwiegend junge Frauen, wurden von den Deutschen enttarnt und sind spurlos verschwunden, wahrscheinlich umgebracht.

Diese Agentinnen wurden in London von einer Unterabteilung des militärischen Geheimdienstes geführt. Die Leitung dieser Abteilung hatte während des Krieges eine Frau. Diese Abteilung wurde unmittelbar bei Kriegsende aufgelöst, weil angeblich überflüssig. Eigentlich steckte etwas anderes dahinter. Die Frauen, die im Krieg eine wichtige Rolle spielten, sollten jetzt wieder an den Herd und die großen Jungs nicht beim Spielen stören. Für das Schicksal der verschwundenen Agentinnen interessiert sich niemand, außer ihrer ehemaligen Vorgesetzten, einer Dame, fest verankert in der besseren Londoner Gesellschaft, von ihren Freunden Darli genannt. Auch Darli ist ungefragt aufs Agenten-Altenteil geschickt worden. Sie will aber unbedingt wissen, was mit den Agentinnen passiert ist. Sie vermutet einen Verräter/Verräterin in den eigenen Reihen, anders ist nicht zu erklären, wieso alle Agentinnen ihres Krieges aufgeflogen sind. Von ihren im aktiven Dienst stehenden Kollegen wird ihr unmissverständlich klar gemacht, dass ihre Einmischung absolut unerwünscht ist. Darli kann also nicht offiziell auf Spurensuche gehen. Sie benutzt ihr inoffizielles Frauennetzwerk, um trotzdem an Informationen zu kommen. Edith, eine Freundin von ihr, ist mit den Britischen Besatzungstruppen entsandt worden, um beim Aufbau eines nazifreien Schulwesens mitzuwirken. Edith soll sich nebenbei in Geheimdienstkreisen umhören, ob etwas über den Verbleib der verschwundenen Agentinnen bekannt ist. Was Edith erfährt, soll sie Darli per Brief mitteilen. Da sie wissen, dass die Post kontrolliert wird, haben sie sich einen raffinierten Code, basierend auf Kochzrepten, ausgedacht.


Verlag: Kunstmann
ISBN: 97839561438407
Preis: 22,00 €
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Wie ich den Sex erfand

Peter Probst, Rezension von Karin Bucconi

Eine Jugend in den 70er Jahren, in einer bayrischen Weltstadt mit Herz, aber dennoch in dörflich anmutender Umgebung. Peter Gillitzer, ein 12 Jahre alter Knabe, lebt hier. Seine Familie ist tief katholisch und erzkonservativ. Über Sexualität wird nicht gesprochen, und so etwas wie körperliche Nähe gibt es in Peters Elternhaus nicht. Alles "Linke" ist verpönt,  und Franz Josef Strauß ist das leuchtende Vorbild von Peters Vater.

Als Peter in einem Heft auf  Wörter wie z. B.  "unbefleckte Empfängnis" und "Hingabe" stößt, weiß er damit nun wirklich nichts anzufangen. Zuhause fragen kann er auf keinen Fall. Das gäbe eine Katastrophe. Vor seinen Mitschülern will er sich auch nicht blamieren. Zu gerne möchte auch er zu den umschwärmten Jungen seiner Klasse gehören, und so tut er als ob auch er Bescheid wüßte. Dabei tritt er in jedes nur mögliche Fettnäpfchen.

Über seinem Bett hängt ein riesiges Strauß-Plakat, und dieses grobschlächtige Urgestein gibt ihm zum Glück den einen oder anderen guten Rat...

Eine überaus vergnügliche Lektüre, in der Peter Probst anschaulich den Mief der erzkonservativen katholischen Welt der 70er Jahre schildert.

Intelligente und gute Unterhaltung.

 


Verlag: Mare
ISBN: 9783866486409
Preis: 20,00 €
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Beinahe Alaska

Arezu Weitholz, Rezension von Kathrin Allkemper

Eine alleinstehende Fotografin Mitte vierzig begibt sich auf eine Expeditionskreuzfahrt von Grönland nach Alaska. Natürlich hat sie dort eine Arbeit für ihren Verlag zu erledigen, aber sie möchte diese Reise auch für sich selbst nutzen. Nach dem Verlust der Eltern und einem ganzen Berg unbewältigter Trauer, sucht sie in den eisigen Welten Ruhe und Stille. Das ist allerdings nicht so einfach wie gedacht, denn die anderen Teilnehmer der Expedition sind Touristen aus aller Welt, die eine Menge erleben wollen für ihr Geld. So hat die Protagonistin unter anderem mit einer ziemlich nervigen Influencerin zu tun, die jedem Mitreisenden ungefragt ihren Blog unter die Nase hält und bei Tisch ständig irgendwelche Lebensmittel wieder ausspuckt. Außerdem ist da noch ein Buchclub, der sich erhofft, das Schreiben zu erlernen, woran nicht einmal ihr Lehrer, selbst ein Schriftsteller, glaubt.

Die Landausflüge sind ebenfalls ziemlich skurrile Events, wenn knapp hundert Touristen in orangen Sicherheitsjacken auf der Suche nach Eisbären durch die Landschaft marschieren wie die Lemminge, um sich über die Folgen des Klimawandels zu beschweren, den sie selbst verursachen. Dabei ist es schwer, Ruhe zu finden und so unglaublich es klingt, es scheint unmöglich, in einer der einsamsten Gegenden der Welt einfach mal alleine zu sein. Mit einer gehörigen Portion Sarkasmus erzählt die Fotografin das Geschehen an Bord und findet schließlich in einem älteren Herren und einem Journalisten zwei Verbündete...

Die Autorin war selbst schon auf solchen Reisen dabei und beschreibt die Naturgewalten und das Leben auf dem Meer unglaublich eindrucksvoll. Ich konnte das Buch einfach nicht aus der Hand legen und habe die knapp 190 Seiten, von denen nicht eine langweilig war, in einem Rutsch verschlungen.

 


Verlag: Suhrkamp
ISBN: 9783518429525
Preis: 24,00 €
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Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Elena Ferrante, Rezension von Karin Bucconi

Elena Ferrante hat einen Roman geschrieben, der so ganz anders ist, als die neapolitanische Saga um Lenu, Lila und die Geschichten vieler anderer Leute im Neapel der fünfziger Jahre.

Das neue Buch erzählt Giovannas Geschichte. Die 13jährige ist Tochter von Eltern der kultivierten MIttelschicht der Stadt. Sie ist mitten in der Pubertät. Ihr Körper verändert sich fortwährend, sie ist launisch und gerät immer wieder mit ihren Eltern aneinander.

Durch eine unbedachte Äußerung ihres Vaters gerät ihr Selbstbild ins Wanken. Die Fassade ihrer Eltern, die immer so perfekt zu sein schienen, bröckelt. Sie findet u.a. heraus, dass ihr Vater aus einem vulgären Teil Napolis stammt, was er verschwiegen hat, und nun treibt sie sich dort herum. Sie trifft die verhasste Schwester ihres Vaters und lernt die dunklen Seiten der Menschen und auch ihre eigenen kennen.

Der Kontakt zu ihrer Tante Vittoria, der schillerndsten Figur dieses Romans, verändert ihr Denken. Zwar ist Vittoria schwierig, weil unbeherrscht und unberechenbar, aber Giovanna wird wahrgenommen und wie eine Erwachsene behandelt...

Ein Roman über ein junges Mädchen, das zur Frau wird. Psychologisch ausgefeilt und in schöner Sprache geschrieben. Unbedingt lesen!!!


Verlag: mare
ISBN: 978-3-86648-624-9
Preis: 22,00 €
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Bären füttern verboten

Rachel Elliott, Rezension von Kathrin Allkemper

Als kleines Mädchen ist Sydney oft mit ihren Eltern und dem Bruder nach St.Yves an die Küste gefahren. Doch in einem dieser Sommer stirbt die Mutter und Sydney gibt sich ihr ganzes Leben lang die Schuld dafür. Auch das Verhältnis zu ihrem Vater ist seither angespannt.

Jetzt ist Sydney 47 und reist nach all den Jahren an diesen Ort, um mit der Vergangenheit abzuschließen. Nur dort schafft sie es, mit ihrer Mutter Zwiesprache zu halten.

Es warten dort aber noch weitere Lebensgeschichten darauf, erzählt zu werden. Da ist zum Beispiel Maria. Sie ist zu zweit allein. Ihr Mann hält sie klein und zudem auf Abstand. So sehnt sie sich in ihrer Ehe nach Nähe und Respekt und findet schließlich unverhofft einen Menschen, der ihr beides ganz von alleine entgegen bringt. Aber schafft sie den Absprung?

Ihre Tochter Belle, 29 Jahre alt, arbeitet in einer kleinen Buchhandlung und ist stets in Abwehrhaltung. Sie ist gegen alles, was der Norm entspricht, gegen alles, was man in ihrem Alter eigentlich erreicht haben sollte und vor allem ist sie gegen ihren neunmalklugen Kollegen Dexter. Aber ist der wirklich so perfekt wie es den Anschein hat?

Und schließlich ist da noch die Geschichte von Howard, Sydneys Vater, und seiner Liebe zu ihrer Mutter. Er ist nie wirklich über den plötzlichen Tod seiner Frau hinweg gekommen und konnte auch das anklagende Gefühl gegenüber Sydney nie ganz abschütteln. Hat er damals auch seine Tochter verloren?

Sie alle sortieren ihr Leben noch einmal neu und erkennen, dass jede Geschichte ihre Berechtigung hat, egal, was alle anderen von einem erwarten.

Die Autorin beschreibt dies durch wechselnde Perspektiven und in einer so wunderbaren Sprache, die zwar oft rührt, aber niemals kitschig wird. Mein absolutes Lieblingsbuch in diesem Herbst!


Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42897-9
Preis: 22,00 €
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Was man sät

Marieke Lucas Rijneveld, Rezension von Kathrin Allkemper

Die 10jährige Jas wächst zusammen mit einer jüngeren Schwester und zwei älteren Brüdern auf einem Bauernhof auf. Die Eltern sind Anhänger des calvinistischen Glaubens. In dieser sehr strengen Form wird Gott als Allmacht angesehen und seine Anhänger führen ein äusserst sittsames Leben, möglichst frei von jedweder Sünde und stets fleißig. So dreht sich auf dem Hof alles um die Kühe und die Kinder wachsen mit wenig Zuneigung, aber vielen Geboten und Verboten auf. Als Jas vor Weihnachten merkt, dass der Vater ihr geliebtes Kaninchen mästet, befürchtet sie, dass es als Weihnachtsessen geopfert werden soll. Sie bittet Gott, doch lieber ihren älteren Bruder zu nehmen. Die arglose Bitte eines kleinen Mädchens, das nicht auf die Zuneigung und Wärme des Tieres verzichten möchte, die ihr die eigenen Eltern verwehren.

Noch am selben Tag bricht ihr Bruder im Eis ein und stirbt. Die Familie sieht darin eine Strafe Gottes. Die Mutter isst kaum noch etwas und der Vater ist fast nur noch bei seinen Kühen. Die drei Geschwister wachsen jetzt mehr oder weniger alleine auf, keiner kümmert sich um ihre Belange. Während der zweite Bruder Obbe zu einem Sadisten mutiert, entwickelt Jas diverse andere Störungen. Ständig leidet sie unter Verstopfungen und hypochondrischen Anwandlungen und ihre Jacke zieht sie von da an auch nie wieder aus. Das ganze Dorf munkelt schon, was mit diesen Kindern nicht stimmt. Durch die fehlenden Einflüsse durch aufklärende Eltern oder andere Menschen und Medien von aussen, entwickeln diese Kinder zudem ein völlig gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper und der aufkeimenden Sexualität, was zu bizarren Spielchen führt. Der größte Wunsch von Jas und ihrer Schwester ist es, dem Hof zu enkommen, auf welche Weise auch immer..

Die FAZ hat in ihrer Kritik folgenden Satz geschrieben: "Düster, fast apokalyptisch, anziehend und abstoßend zugleich". Passender kann man es in Kürze nicht sagen. Absolut heftige Lektüre, die den Leser mit voller Wucht trifft, etwa vergleichbar mit "Und es schmilzt" von Lize Spit.

Für diesen Roman hat die Autorin den International Booker Prize 2020 bekommen

 


Verlag: S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397470-6
Preis: 22,00 €
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Zugvögel

Charlotte McConaghy, Rezension von Christina Heger

Charlotte McConaghy entwirft in ihrem Erstling ein dystopisches Weltbild einer nahen Zukunft und verknüpft dieses mit der abgründigen Geschichte einer jungen Frau auf einer abenteuerlichen, gefährlichen und kräftezehrenden Reise in die Antarktis und in ihre Vergangenheit. 

Franny ist eine Einzelgängerin mit einem dunklen Geheimnis, einer schweren Last, die sie offenbar schon ihr ganzes Leben mit sich trägt. Sie fühlt sich dem Meer und den Vögeln tief verbunden und als die Vögel zu verschwinden beginnen, begibt Franny sich auf eine Reise in die Antarktis, um die letzten Küstenseeschwalben zu finden. Doch die Reise an Bord eines der letzten Hochseefischerboote inmitten einer Crew aus verschrobenen Charakteren ist nicht nur eine Reise auf den Spuren der Vögel, sondern auch eine Reise auf den Spuren einer außergewöhnlichen Liebe und eine Reise zu sich selbst, zu ihrer dunklen Vergangenheit.

Eine ungewöhnlich erzählte, mitreißende und tief bewegende Geschichte, die einen nachdenklich zurücklässt und noch länger nachklingt. 


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-06240-4
Preis: 12,99 €
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Lehrerin einer neuen Zeit

Laura Baldini, Rezension von Jutta Pollmann

Als Maria Montessori Ende des 19. Jahrhunderts in Medizin promoviert, hat sie einen steinigen Weg hinter sich. Ihr Vater ist generell gegen dieses Studium gewesen, allein ihre Mutter hat sie in all den Jahren immer wieder unterstützt. Die Mitstudenten, allesamt männlich, oftmals faule, reiche Schnösel, hassen sie und machen ihr das Leben nicht selten zur Hölle. Allein Professor Bartolotti hält viel von der strebsamen und fleißigen Studentin und gibt ihr die Möglichkeit schon während des Studiums praktisch zu arbeiten. Die Assistenzstelle in der Psychiatrischen Klinik gibt Maria die Möglichkeit, für ihre Abschlussarbeit nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu arbeiten. Doch was Maria bei ihrem ersten Besuch in dieser Klinik zu sehen bekommt, schockiert sie. Menschen hinter Gittern, Stromschläge und Eiswasserbecken als Therapie, überall der Gestank von Urin und Erbrochenem. Selbst der Kindersaal, den ihr Professor Sciamanna als Neuheit und einzigartig in Italien vorstellt, erscheint ihr wie ein Grab. Kein fröhliches Kinderlachen, sondern Grabesstille: die Kinder sitzen alle auf ihren Betten, dürfen sich nicht bewegen, nicht spielen, nichts tun, denn sie sind schwachsinnig.

Doch hier beginnt Marias Arbeit: sie hat die Bücher diverser Pädagogen gelesen, weiß wie wichtig Ansprache und Förderung für das menschliche Hirn sind. Hier beginnt sie mit ihren Experimenten: lässt aus Holz diverse Formen herstellen, lässt die Kinder, spielen, b e g r e i f e n und erzielt schnell Erfolge bei der Entwicklung dieser „schwachsinnigen“ Kinder.

An ihrer Seite immer öfter ihr Kollege Dr. Giuseppe Montesano, der nicht nur ihre Arbeit unterstützt, sich auch in sie verliebt. Diese Liebe hält Maria allerdings geheim: sie will ihre Arbeit nicht aufgeben, weiter forschen, doch als verheiratete Frau hätte sie das im späten 19. Jahrhunderts in Italien nicht mehr tun dürfen.

Durch eine enge Freundin kommt sie mit der Frauenbewegung in Kontakt und als begnadete Rednerin, die es mit ihrer diplomatischen Art schafft, auch Männer zu überzeugen, spricht sie in London und Berlin und ist erstaunt, wie selbstständig hier Frauen schon unterwegs sind, ganz anders als in Italien.

Dann wird sie schwanger. Auch jetzt will sie Montesano nicht heiraten, sie entbindet in einem Kloster, ihren Sohn Mario gibt sie zu Pflegeeltern. Maria arbeitet weiter, studiert noch einmal Pädagogik und schreibt ihr erstes Buch „Il metodo“, in dem sie eine neue Pädagogik, die „Montessori-Methode“ beschreibt. Im römischen Armenviertel San Lorenzo leitet sie ein Kinderhaus nach dieser Methode. Und es gelingt ihr innerhalb kürzester Zeit, die Kinder der Arbeiter von der Straße zu holen und im Lesen, Rechnen und Schreiben zu unterrichten.In ihrem ganzen Leben hat sie sich für den respektvollen Umgang mit Kindern eingesetzt und ist immer von dem Grundgedanken ausgegangen, dass jedes Kind lernen will und kann, man ihm nur helfen muss: „Hilf mir, es selbst zu tun“, ist Marias Devise.

Als ihre Mutter 1912 stirbt, nimmt sie ihren Sohn zu sich und eröffnet ihm, dass sie nicht sein Tante, sondern seine Mutter ist. Mario begleitet Maria danach auf all ihren Reisen bis zu ihrem Tod 1952.

 

Laura Baldini alias Beate Maly hat eine Romanbiographie geschrieben, die sich wirklich flüssig lesen lässt und fesselt. Auch Leser, die vielleicht noch nie etwas von Maria Montessori gehört haben, werden die spannende Lebensgeschichte dieser faszinierenden Frau mit Begeisterung lesen.

 


Verlag: Suhrkamp
ISBN: 9783518429464
Preis: 15,00 €
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Alt sind nur die anderen

Lily Brett, Rezension von Karin Bucconi

Dieses kleine Büchlein enthält Kurzgeschichten, die vom "Alter und anderen Überraschungen" handeln.

Lily Brett, jüdischer Herkunft deren Bücher ich seit "Chuzpe" liebe, und deren Kolumnen über ihre Wahlheimat New York und das Älterwerden in diesem Buch veröffentlicht werden, wurde in Deutschland geboren, floh im Zweiten Weltkrieg mit ihrer Familie nach Australien und lebt nunmehr seit 30 Jahren in New York. Sie ist mit dem Maler David Rankin verheiratet und hat drei KInder.

In kurzen, heiteren Episoden schreibt sie darüber, dass jeder gerne alt werden möchte, keiner jedoch alt sein will.

Sie erzählt von ihrem Alltag einer 74jährigen und all`den kleinen und großen Veränderungen, die das Alter unwillkürlich mit sich bringt. Wie immer schreibt sie warmherzig und mit viel Humor.

Ein wunderbares kleines Buch, indem sich ältere Menschen, insbesondere Frauen, häufig wiederfinden.

 


Verlag: Kindler
ISBN: 9783463000015
Preis: 22,00 €
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Die Surrealistin

Michaela Carter, Rezension von Karin Bucconi

Leonora Carrington in England geboren, lernt als junge Kunststudentin 1937 den bekannten Surrealisten Max Ernst kennen und folgt ihm nach Parins, wo er sie in die Künstlerszene um Dali und Picasso einführte. Aus einer anfänglichen Affäre wurde allmählich eine Liebesbeziehung. Das Paar zieht nach Südfrankreich, wo Leonora Carrington sich voll und ganz der Malerei widmet.

Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, wird Ernst von den Franzosen inhaftiert. 

Im Krieg floh Leonora nach Spanien, in die USA und ließ sich später in Mexiko nieder. Sie genoss zu der Zeit einen ausgezeichneten Ruf als Malerin. Als Schriftstellerin wurde sie vor einigen Jahren wiederentdeckt. Ihr Buch "Das Hörrohr" entstand Anfang der 60iger-Jahre. Das Manuskript gin verloren, und als die Rohfassung 1973 wiederentdeckt wurde, schrieb Leonora Carrington das Buch neu, das 1974 in französicher Sprache erschien.

Aus der Gefangenschaft entlassen, findet Max Ernst das gemeinsame Haus verlassen vor. Er sucht Leonora, die sich jedoch mittlerweile als Frau und Künstlerin, auch von Max Ernst, emanzipiert hat.......

Eine gut recherchierte und gut geschriebene Romanbiografie einer besonderen Künstlerin. 


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07136-8
Preis: 26,00 €
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Der Halbbart

Charles Lewinsky, Rezension von Bernhard Söthe

Ein Dorf in der Schweiz ca. 1310:

Der Bauernjunge Sebi hat es nicht leicht. Sein Vater ist gestorben, seine Mutter und zwei ältere Brüder versuchen, die kleine Landwirtschaft am Laufen zu halten. Das Land gehört einem benachbarten Kloster, und die Abgaben sind hoch und besonders in schlechten Erntejahren kaum aufzubringen. Der Sebi ist für die harte Landarbeit nicht geschaffen. Er ist ein Träumer, der gerne Geschichten hört und auch selbst welche erfindet. Dem Totengräber des Dorfes hilft er beim Ausschachten der Gräber und kann so etwas eigenes Geld verdienen. Mit seinem ältesten Bruder, einem dumpfen Haudrauf, versteht sich Sebi nicht, dieser möchte nur, dass Sebi möglichst schnell verschwindet. Der kleine Hof kann unmöglich drei junge Männer ernähren, hier ist also kein Platz für den Träumer. Vielleicht ist Platz für ihn im Kloster? In der benachbarten Kleinstadt sucht der Schmied einen anstelligen Lehrling. Er hat überdies eine höchst ansehnliche Tochter. Oder soll Sebi bei der Geschichtenerzählerin in die Lehre gehen, die im Winter durch die umliegenden Bauerndörfer zieht und den Bauern mit ihren haarsträubenden Geschichten die winterliche Langeweile vertreibt? Sebi weiß nicht, welchen Weg der richtige für ihn wäre. 

Als im Dorf ein geheimnisvoller Fremder auftaucht, eine große Seltenheit in dieser abgelegenen Gegend, stößt dieser bei den Dorfbewohnern auf misstrauische Ablehnung, zudem ist er grausam entstellt. Die eine Hälfte seines Gesichts ist durch Brandnarben versehrt, sein Bart wächst nur auf der unverletzten Gesichtshälfte. So hat er seinen Namen bekommen: Halbbart. Seinen wahren Namen verrät er nicht, auch nicht, wo er herkommt. Dass er schwere Zeiten durchgemacht hat, sieht man ihm an. Der Halbbart und Sebi, die Außenseiter der Dorfgemeinschaft, freunden sich nach und nach an. Sebi, der verzweifelt nach Orientierung sucht, hat in Halbbart jemanden gefunden, dem er seine Sorgen und Hoffnungen anvertrauen kann. 

Dem Autoren Charles Lewinsky ist es (fast) gelungen, einen Schelmenroman zu schreiben. Ganz von ferne erinnert der Roman an Grimmelshausens "Simplicissimus", auch im "Halbbart" gibt es einen "reinen Toren", hier der Sebi, der sich in einer unheiligen Welt zurecht finden muss. Auch die Geschichte von Wilhelm Tell, der Konflikt zwischen Schweizer Bauern und den damaligen Landesherren, den österreichischen Habsburgern deutet sich an ("Durch diese hohle Gasse muss er kommen"). Das Buch steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020.


Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-20613-1
Preis: 15,00 €
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Das war die schönste Zeit

Jane Sanderson, Rezension von Tanja Tenberg

1979, Sheffield:

Daniel Lawrence, 18 Jahre alt und Alison Connor, 16 Jahre alt, frisch verliebt, die erste große Liebe. Er aus gutem Hause, sie aus zerrütteten Familienverhältnissen, der Vater schon lange weg, die Mutter Alkoholikerin. Ali wird quasi von ihrem älteren Bruder großgezogen, er passt auf sie auf. Daniel versorgt seine große Liebe mit guter Musik, erstellt ihr seine Lieblingslieder als Mixtape auf Kassette zusammen.

Dann passiert etwas Schreckliches, und Alison verlässt Sheffield Hals über Kopf, kann sich nicht von Daniel verabschieden.

2013:

Ali, mittlerweile erfolgreiche Schriftstellerin, lebt in Adelaide, Australien, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Daniel lebt immer noch in England, ist verheiratet, Musikjournalist und hat einen erwachsenen Sohn. Eines Nachts schickt ihm ein Freund eine Mail mit dem Twitter Account von Alison, mit dem Hinweis: „ Kennst du noch Alison Connor? Guck mal, was die so treibt ... voll berühmt!“ Das erste Lebenszeichen seit über 30 Jahren bringt Daniel gedanklich wieder zurück in die alte, längst vergessene Zeit. Spontan schickt er Alison einen Link mit einem Musiktitel aus ihrer gemeinsamen Zeit, ganz ohne Worte. Sie antwortet ebenfalls mit Musik.

Werden die zwei sich wiedersehen? Mehr wird nicht verraten.

Eine wunderschöne Liebesgeschichte, gespickt mit viel Musik der siebziger und achtziger Jahre. Man wird hineingezogen in die Leben dieser zwei Erwachsenen abwechselnd mit ihrer gemeinsamen Jugendzeit.

Erinnern Sie sich an „Zwei an einem Tag“ von David Nicholls? Dieses Buch hatte ich beim Lesen manchmal gedanklich im Hinterkopf.  Ein Schmöker, den man nicht aus der Hand legt. Die Musik kann man übrigens passend zum Buch bei Spotify anhören.

Dringende Empfehlung.


Verlag: Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-382-3
Preis: 22,00 €
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Ein Mann der Kunst

Kristof Magnusson, Rezension von Bernhard Söthe

Das Museum Wendevogel in Frankfurt, berühmt für seine avantgardistischen Ausstellungen, ist ein Privatmuseum, welches von einem tatkräftigen und finanzstarken Förderverein unterstützt wird. Eine Gönnerin vermacht dem Museum ein unbebautes, benachbartes Grundstück, direkt an das Museum angrenzend. Beste Frankfurter Innenstadtlage, ein städtebauliches Filetstück. Die Erbschaft hat nur einen Haken: Binnen zwei Jahren muss auf dem Grundstück neben dem Museum ein Museumsbau errichtet werden, sonst verfällt das generöse Vermächtnis. Einen Anbau in zwei Jahren zu erstellen sollte kein Problem sein. Aber womit dann füllen? Das Museum Wendevogel führt zwar überregional beachtete Ausstellungen durch, verfügt aber nicht über einen so großen eigenen Bestand an Kunstwerken, um einen Anbau sinnvoll damit zu füllen. Hier kommt die Vorsitzende des Fördervereins ins Spiel, Ingeborg Marx, Psychotherapeutin mit eigener Praxis, eine begeisterte Freundin der modernen Kunst. Besonders verehrt sie den Maler KD Pratz. Ein weltberühmter Maler, dessen Bilder auf dem internationalen Kunstmarkt zu geradezu absurd hohen Preisen gehandelt werden.  KD Pratz ist, zurückhaltend ausgedrückt, eine etwas eigenwillige Persönlichkeit. Ein Künstler halt. Er lebt in selbstgewählter Isolation allein auf einer Burg am Mittelrhein, gar nicht weit entfernt von Frankfurt. Ingeborg Marx hat folgende Idee: Der Förderverein, geleitet von ihr und dem eloquenten Museumsleiter Michael Neuhuber, macht sich auf den Weg zu KD Pratz auf Betteltour. Wenn der Künstler bereit wäre, dem Museum Wendevogel Bilder zu schenken, würde ihm der komplette neue Anbau als Ausstellungsfläche zur Verfügung stehen. Es wäre das erste KD Pratz-Museum weltweit. Jetzt muss der Künstler nur noch den ausgelegten Köder schlucken. Ein Bus wird organisiert, um die Mitglieder des Fördervereins zur Burg des Großkünstlers zu befördern. Mit geballten Kräften soll er von der Seriösität ihres Plans überzeugt werden. Der Museumsleiter Michael Neuhuber hatte versprochen, seine vielfältigen Kontakte zu nutzen, um Zugang zum eigenbrödlerischen KD Pratz zu erlangen. Ob ihm dies jedoch gelungen ist, bleibt seltsam nebulös. Neuhuber ist ein hochtalentierter Schwafler, hinter dessen eloquenten Wortkaskaden wenig Substanz zu finden ist. 

Erzählt wird die Geschichte von Ingeborg Marx' Sohn Constantin, einem Architekten, der in seiner Freizeit den Förderverein des Museums gerne auf Exkursionen begleitet. Auch Constantin ist ein begeisterter, aber auch kritischer Freund der Kunst mit scharfem Blick für die Überspanntheiten des Kunstbetriebs. Unter den Mitgliedern  des Förderveeins gibt es auch eine Anzahl von Kunst-Adabeis, die Kunst nutzen, um ihren langweiligen Wochenenden einen gewissen schicken Kick zu geben. Wer schon einmal auf einer Ausstellungseröffnung war und miterlebt hat, wie unmittelbar nach dem Verklingen (und sofortigen Vergessen) der einführenden Worte die "Kunstfreunde" der Kunst den Rücken kehren und sich intensiv dem (kostenlosen) Wein und Gesprächen widmen, die garantiert nichts mit Kunst zu tun haben, kann sich vorstellen, was auf der Exkursion des Fördervereins so alle passierte. Beobachtet und kommentiert vom teils amüsierten, teils fassungslosen Constantin Marx. Ein komischer Roman über moderne Kunst? Kann das funktionieren? Ja, wenn der Autor Kristof Magnusson heißt. 

Der Autor lässt in seinem Roman fiktive und reale Personen auftreten. KD Pratz ist fiktiv, man darf aber spekulieren, welche deutschen Großkünstler als Vorbilder gedient haben könnten. Dem fiktiven KD Pratz wird dann die reale Künstlerin Marina Abramovic als Lebensabschnittsgefährtin untergeschoben. Wer mag, kann sich einen Spaß daraus machen, auch weitere Personen des Kunstbusiness zu entdecken. 


Verlag: BTB
ISBN: 978-3-442-75076-4
Preis: 18,00 €
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Der weiße Abgrund

Henning Boetius, Rezension von Bernhard Söthe

Ein Roman über die letzten Lebensjahre des Dichters Heinrich Heine. Darüber ist viel, und darüber ist wenig bekannt. Bruchstücke von seinen Freunden, Bruchstücke von Heine selbst. Das Buch handelt auch von der Jagd nach dem Manuskript von Heines Autobiografie, die er angeblich in seinen letzten Lebensjahren verfasst hat.

Heine ist schwerkrank. Halbblind und fast bewegungsunfähig liegt er in seiner "Matratzengruft", wie er sein Schmerzenslager selbst nannte. Er wiegt nur noch 30kg, er kann kaum Nahrung bei sich behalten, aber Weintrinken geht noch. Über den Ursprung von Heines Krankheit wird bis heute gerätselt. War es eine Syphilis, eine Geschlechtskrankheit, die damals nicht heilbar war? Manche Symptome sprechen dafür, andere dagegen. Manches spricht aber auch für eine Bleivergiftung. Eingebettet in die Krankheitsgeschichte sind Rückblicke auf Heines Leben, seine Kindheit und Jugend, seine Erfolge als Dichter, seine Ankunft in Paris. Dort schließt er Freundschaft mit den literarischen Größen seiner Zeit: Alexandre Dumas, Charles Baudelaire, Gustave Flaubert, Gerard de Nerval. Aber mit seiner spitzen Zunge und bösen Satiren verschaffte er sich auch Feinde, was sogar dazu führte, dass sich ein beleidigter Zeitgenosse mit ihm duellierte, ganz klassisch mit Duellpistolen. Der schon damals halbblinde Heine verfehlte seinen Gegner, er selbst wurde leicht verletzt. 

Heines Verwandte und Freunde sind auch entsetzt über die Wahl seiner Ehefrau, einer Pariser "Grisette", einer geistig und auch sonst völlig unbemittelten Schuhverkäuferin, die im Laufe der Ehe deutlich aufquoll. Für Heines literarische Arbeit hatte Mathilde kein Verständnis. Statt sich um ihren zunehmend kränker werdenden Gatten zu kümmern, zieht sie mit Freundinnen durch Cafés und Kneipen. Ihre Liebe gehört nicht ihrem Mann, sondern ihrem Papagei.

In Heines letzten Lebensjahren taucht auch noch eine letzte (platonische) Geliebte auf. Heine nennt sie zärtlich "Mouche" (Fliege). Mouche entwickelt zunehmend auch die unangenehmen  Eigenarten einer Fliege, aufdringlich und schwer zu vertreiben zu sein. Mouche beabsichtigt, Schriftstellerin zu werden. Sucht sie Kontakt zum berühmten Dichter Heine, um über ihn in der Gesellschaft der Literaten Fuß zu fassen? Sie bietet sich auch an, als Sekretärin behilflich zu sein. Heines deutscher Verleger Campe hat gerüchteweise von der Existenz einer Autobiografie Heines erfahren. Er wittert ein großes Geschäft für seinen Verlag. Da er selbst in Deutschland unabkömmlich ist, schickt er einen zwielichtigen Mittelsmann, einen Herrn Meißner, nach Paris, der herausfinden soll, ob das geheimnisvolle Manuskript wirklich existiert und was Heine damit vorhat.

Für Heinrich Heine gibt es kein beschauliches Lebensende, er stirbt unter großen körperlichen Qualen. Der "weiße Abgrund" wartet auf ihn. Zu seiner letzten Ruhestätte begleitet ihn eine große Anhängerschar, alle seine Freunde aus dem Schriftstellermilieu sind dabei, auch Mouche, nur seine Frau Mathilde nicht, sie muss dringend einen neuen Papagei kaufen. Heine hasste Papageien. Nach seinem Tod wird in seinem Nachlass nach der ominösen Autobiografie gesucht, aber nichts wird gefunden. Hat Heines Ehefrau Mathilde das Manuskript, dessen Wert sie nicht erkannte, schlicht verschlampt? Hat die ehrgeizige Mouche es unterschlagen? Hatte der schwerkranke Heine überhaupt noch die Kraft, seine Autobiografie zu schreiben? Fragen, die bis heute nicht beantwortet sind. 

All dies mixt Henning Boetius zu einem unterhaltsamen Roman, in dem er auch ein farbenprächtiges Bild des Lebens im Paris der Mitte des 19. Jahrhunderts zeichnet. 


Verlag: Kein und Aber
ISBN: 978-3-0369-5825-5
Preis: 22,00 €
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Ein Wochenende

Charlotte Wood , Rezension von Bernhard Söthe

Weihnachten vor der Brust und über 30 Grad im Schatten: Was uns befremdlich erscheint, ist in Australien normal. Aber auch Rentier- und Santa Claus-Figuren in den Vorgärten, Kunstschnee und bunt blickende Lichterketten bringen die drei Freundinnen Jude, Wendy und Adele nicht in Festtagsstimmung. Ausgerechnet jetzt haben sie sich verabredet, das Strandhaus ihrer kürzlich verstorbenen Freundin Sylvie an den Weihnachtstagen zu entrümpeln. Entsprechend gemischt sind ihre Gefühle bei der Anreise. Die Damen sind alle Anfang 70, Freundinnen seit Jahrzehnten, haben sich durch Höhen und Tiefen ihrer Leben begleitet. Freundschaft ist das Gummiband, das die Frauen zusammenhält. Aber alle haben das Gefühl, dass das Gummiband inzwischen arg ausgeleiert ist und statt Zuneigung Gewöhnung ihre Beziehung bestimmt. Die gereizte Stimmung zwischen den drei Frauen entlädt sich schon mal in bissigen Wortgefechten. Es gibt aber auch harmonische Momente. Die drei Frauen können über die gleichen Dinge lachen, was über manche Missstimmung hinweg hilft. Als ausgerechnet an diesen Weihnachtstagen jede der drei Frauen ein völlig unerwarteter Schicksalsschlag trifft, muss sich zeigen, ob das ausgeleierte Gummiband ihrer Freundschaft noch zusammenhalten kann. Eine wichtige Rolle in diesem Buch spielt Wendys Mischlingsrüde Finn. Vor 17 Jahren hat die verstorbene Freundin Sylvie ihn Wendy, die in einer Lebenskrise steckte, geschenkt. Und das kleine Wollknäuel hat Wendy tatsächlich aus einer tiefen Depression herausholen können. Aber jetzt ist Finn alt, taub, fast blind, jede Bewegung fällt ihm schwer. Können Hunde eigentlich dement werden? Alle Symptome Finns sprechen dafür. Der arme, alte, inkontinente Finn ist oft der Auslöser der Misshelligkeiten zwischen den drei Frauen. Jude und Adele wollen Wendy überreden, Finn die längst überfällige Spritze zu gönnen, aber Wendy kann sich noch nicht von ihm lösen.

Elke Heidenreich fand laut Klappentext: "Ein Wochenende" ist "ein Roman, der beim Lesen glücklich macht". Glücklich? Meiner Meinung nach ist "Ein Wochenende" ein fantastisch geschriebener Roman, der zum Nachdenken über das Älterwerden und über das Verhältnis zu seinen lieben oder nicht so lieben Mitmenschen anregt. Im gleichen Klappentext verspricht die New York Times: "Eine unvergessliche Leseerfahrung!" Das stimmt. 


Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-26788-6
Preis: 19,00 €
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Der letzte Satz

Robert Seethaler, Rezension von Bernhard Söthe

1911, an Deck eines Ozeandampfers auf der Fahrt von New York nach Europa, sitzt der berühmteste Komponist und Dirigent seiner Zeit Gustav Mahler. Kränklich war er schon immer, Herzprobleme, Nervenkrisen, heftige Migräneattacken machen ihm zu schaffen. Mahler stammt aus einer vorbelasteten Familie, mehr als die Hälfte seiner 13 Geschwister sind im Kindes-  bzw. Jugendalter verstorben. Jetzt ist Mahler, 51 Jahre alt, sterbenskrank. Er weiß, dass diese Atlantiküberquerung seine letzte sein wird. Geschlossene Räume erträgt er nicht, wann immer möglich, verbringt er Zeit an Deck, eingehüllt in Decken, umsorgt von einem Schiffsjungen, der eigens für diese Aufgabe abgestellt wurde. Irgendwo an Bord befinden sich auch Mahlers Ehefrau Alma und die Tochter Anna. Mahler liebt seine Frau abgöttisch, sie hat sich innerlich längst von ihm abgewandt. In Wien wartet ihr Geliebter Walter Gropius auf sie, der ihr nächster Ehemann werden wird, er wird nicht ihr letzter sein. Von heftigem Fieber geschüttelt, driftet Mahler zwischen Traum und Wirklichkeit. Bilder aus seiner Vergangenheit steigen in ihm auf ...

Nach seinen großen Bucherfolgen "Der Trafikant", "Ein ganzes Leben" und "Das Feld" ein neues Meisterwerk des österreichischen Autoren. Ein schmaler Band über die letzte Reise eines großen Künstlers. Ergänzend empfiehlt sich die Lektüre von Alma Mahler-Werfels Autobiographie "Mein Leben" (erhältlich als Fischer TB 14.00€)


Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5825-5
Preis: 22,00 €
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Ein Wochenende

Charlotte Wood, Rezension von Annette Kubiak

Ein letzter Freundschaftsdienst für Sylvie: Nach ihrem Tod treffen sich ihre Freundinnen über die Weihnachtsfeiertage, um ihr altes Strandhaus an der australischen Küste auszuräumen, damit es verkauft werden kann. 

Dort prallen die äußerst unterschiedlichen Lebensgeschichten und -entwürfe der drei Frauen aufeinander:

Jude, ehemalige Gastronomin, sehr strukturiert, leitet die Aufräumarbeiten und plant, die Tage nach Weihnachten mit ihrem langjährigen, verheirateten Geliebten in dem Haus zu verbringen. Adele, die früher erfolgreiche und berühmte Schauspielerin, wurde gerade von ihrer Lebensgefährtin verlassen und weiß nicht, wo sie nach den Feiertagen wohnen und wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten soll. Und dann ist da noch die verwitwete Wissenschaftsautorin Wendy, die ihren hochbetagten Hund im Schlepptau hat, den sie einst von Sylvie geschenkt bekam und an dem sie deshalb besonders hängt. 

Diese drei Frauen, alle über 70, entdecken sich und das Wesen ihrer Freundschaft neu. 

Ein wunderbares Buch!

"Ein Roman über die Geometrie von Freundschaft."   The Guardian


Verlag: Luchterhand
ISBN: 9783630875293
Preis: 20,00 €
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Die langen Abende

Elizabeth Strout, Rezension von Karin Bucconi

In Cosby, einer kleinen Stadt an der Küste von Maine ist kaum etwas los. Elizabeth Strout kehrt in diesem Roman zu ihrer Heldin Olive Kitteridge (bekannt aus dem Roman "Mit Blick auf`s Meer") zurück, aber man muss den ersten Roman nicht gelesen haben, um sich an ihrem neuen Buch zu erfreuen.

Olive gehört zwar schon zum "alten Eisen" erlebt aber nach dem Tod ihres Mannes noch einmal eine späte Liebe. Dennoch ist das Buch keine Schmonzette über LIebe im Alter.

Olive ist spröde und zynisch, hat aber das Herz auf dem rechten Fleck. Sie wird Jack heiraten, einen ehemaligen Harvard Professor und ebenfalls Witwer. Früher war er nur hinter den hübschen Frauen her und hätte der unattraktiven Olive keine Beachtung geschenkt. Nun aber ist auch er nicht mehr sehr ansehnlich. Fettbauchig und seit einer Prostata-Operation inkontinent, ist er bescheidener geworden und allein will er nicht bleiben.

Beide haben Kinder, aber kaum Kontakt zu ihnen. Beide sehnen sich nach ihren Ehepartnern oder vielmehr nach einer Zeit zurück, die endgültig vergangen ist. Als ehemalige Lehrerin weiß Olive so ziemlich alles über die Bewohner der Stadt und ist mit ihren Meinungsäußerungen auch nicht gerade zurückhaltend.

Die kleinen Dinge des Lebens werden im Alter wichtiger, aber es wird auch klar, daß jeder den letzten Weg alleine gehen muss. Es werden in diesem Buch zumeist ältere Menschen beschrieben, die viel erlebt haben: Freude, Trauer, Verluste... Aber- sie habe auch viel zu geben und zu erzählen.

Ein Roman, der Aufmerksamkeit erfordert und seine LeserInnen mit seinen leisen Tönen und hinreißenden Personenbeschreibungen beschenkt.


Verlag: Hanser
ISBN: 9783446265691
Preis: 26,00 €
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Das Gewicht der Worte

Pascale Mercier, Rezension von Karin Bucconi

Simon Leyland die Hauptfigur des Romans erhält eine  Diagnose, die ihn zwingt, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen.  Immer wieder denkt er über den Sinn des Lebens nach und versucht ihn in Gesprächen mit vertrauten Menschen und Briefen an seine verstorbene Frau zu ergründen. 11 Wochen später erhält er die Nachricht, dass er gar nicht an einem Hirntumor leidet, alle Ängste unbegründet waren. "Er nimmt sich vor, in Zukunft verschwenderischer mit seiner Zeit umzugehen"

Schon als kleiner Junge will er nur eines: die Sprachen des Mittelmeerraums  und noch dazu Russisch lernen. Er ist regelrecht besessen von Worten.

Er lebt in Triest und arbeitet als Übersetzer. Nach dem plötzlichen Herztod seiner Frau , der Erbin eines Verlages, gibt er seinen Beruf auf, um den Verlag weiterzuführen. dann veranlaßt ihn die Diagnose,  den Verlag zu verkaufen, und er entschließt sich nach vielen Triestiner  Jahren nach London zurückzukehren, um  das von seinem Onkel ererbte Haus zu beziehen.

Der medizinische Irrtum ist Ausgangspunkt, über die großen Themen des Lebens nachzudenken. Es geht natürlich um die Liebe, auch die Liebe zur Literatur und zur Sprache an sich.

Mercier läßt ihn ausgiebig über Sterblichkeit, Sinn und Sehnsucht, Liebe und Hass und über die Bedeutung von Sprache reflektieren.

Ein philosophischer Roman, sprachgewaltig und anspruchsvoll auch und gerade in den Personenbeschreibungen. 



ISBN: 978395201436
Preis: 15,00 €
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Die Liebenden in den Dünen

Lu Bonauer, Rezension von Karin Bucconi

Lu Bonauer hat eine wunderschöne Novelle geschrieben, in der es um die große (und eweige) LIebe geht. Nie ist das Buch kitschig. Es ist vielmehr ein literarisches Kleinod.

Romy und Silas, ein älteres Ehepaar hat in jungen Jahren über die Begeisterung für die Weltliteratur zueinander gefunden. Beide glaubten schon damals fest an DIE große Liebe, niemals besitzergreifend, aber immer auch Nähe suchend und zulassend.

Silas ist Arzt geworden, Romy Lehrerin. Nie mochten sie Menschenmengen, sondern zogen die Stille vor. Sie kaufen sich irgendwann ein Strandhaus und werden alt. Sie wollen immer alles gemeinsam tun und versprechen sich, gemeinsam zu sterben. Als Romy an Alzheimer erkrankt und sich ihr Zustand zusehends verschlechtert, wählen sie einen Zeitpunkt für ihren gemeinsamen Tod aus.

Sie machen einen letzten Spaziergang, genießen noch einmal die Natur, halten Händchen und trinken ihr Sterbeli (so hatten sie es von Beginn an genannt).

Wenige Stunden später wacht Silas neben seiner toten Frau auf und kann es nicht fassen. Warum lebt er noch? Hat er sie verraten? Wollte sie ihn "nur" prüfen? Silas hat Schuldgefühle bis er eine Entdeckung macht, die vieles in einem anderen LIcht erscheinen läßt....

Ein kleiner, großer Roman mit dem Zeug zum Klassiker, so Hauke Harder, ein Rezensent


Verlag: CH.Beck
ISBN: 978-3-406-75535-4
Preis: 24,00 €
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Cloris

Rye Curtis, Rezension von Kathrin Allkemper

Das Ehepaar Waldrip ist seit 45 Jahren verheiratet. Als kleine Überraschung für seine Frau Cloris bucht Mr.Waldrip einen Rundflug über den Bitterroot National Forest in Montana. Geflogen wird die kleine Cessna von Terry, einem jungen Mann, der gerade frisch verheiratet ist. Die drei genießen die wunderbare Landschaft, als die Maschine plötzlich einen Ruck macht, ins Trudeln kommt und kurze Zeit später über der Wildnis Montanas abstürzt. Nur Cloris überlebt wie durch ein Wunder mehr oder weniger unverletzt. Auf der Suche nach Hilfe macht sich die 72jährige Frau auf den Weg durch die Wälder und gerät schnell an ihre Grenzen. Von Zivilisation keine Spur, aber scheinbar ist sie dennoch nicht alleine dort draußen….

In einem anderen Teil dieser Wildnis lebt Rangerin Debra Lewis. Seit der Scheidung von ihrem Mann hilft sie sich mit Merlot durch den Tag. Als sie die Meldung vom Flugzeugabsturz erhält, erwachen ihre Lebensgeister neu. Während die anderen nach dem Fund des Wracks und der beiden Männerleichen schnell davon ausgehen, dass auch Cloris das nicht überlebt haben kann und ihre Leiche einfach von Tieren verschleppt oder gefressen wurde, hält Lewis an der Suche nach der Frau fest. Ein spannender Wettlauf mit der Zeit beginnt….

Ein richtig gut geschriebener Abenteuerroman über zwei ungewöhnliche Frauen, die beide auf ihre Art ums Überleben kämpfen.


Verlag: Piper
ISBN: 9783492059145
Preis: 22,00 €
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Sommergäste

Agnes Krup, Rezension von Kathrin Allkemper

Chicago, 1912. Die angehende Künstlerin und Bildhauerin Ellen trifft auf die lebenslustige Journalistin Charlotte. Zunächst erscheint ihr diese junge Frau unsympathisch und aufdringlich und Ellen fühl sich überrumpelt. Aber je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto stärker werden ihre Gefühle für einander und schließlich trennt Ellen sich von ihrem Geliebten und zieht gegen jegliche Konventionen bei Charlotte ein... 

Rockcliff Isle, 1925. Die mittlerweile recht berühmte Autorin Charlotte reist wie jeden Sommer mit ihrer Partnerin Ellen auf diese kleine schöne Atlantikinsel, um fernab des Trubels in Ruhe an ihrem neuen Roman schreiben zu können. Ellen hat ihr zuliebe auf eine Karriere als Bildhauerin verzichtet und kümmert sich nun um sämtliche Belange in ihrer Beziehung, damit Charlotte sich ganz dem Schreiben widmen kann. Doch in diesem Sommer lernen sie den einheimischen Ornithologen Crawford Maker kennen, der sie gleich einlädt, ihn in seinem Atelier zu besuchen. Ellen kommt der Einladung zu gerne nach und ist fasziniert von seiner Arbeit. Um ihm zu helfen, holt sie ihre alten Skizzenblöcke hervor und beginnt wieder zu modellieren. Durch ihn wird die Sehnsucht nach der Künstlerin in ihr wieder erweckt und sie spürt, was sie all die Jahre vermisst hat. Von nun an haben die Sommer auf Rockcliff Isle einen ganz besonderen Reiz für Ellen und sie beginnt, sich aus dem Schatten von Charlotte zu lösen. Als Crawford das Angebot erhält, eine Expediton im Kongo zu leiten, möchte er Ellen gerne mitnehmen, denn für ihn ist sie nicht nur als Künstlerin sehr interessant...

Eine wunderbar erzählte Geschichte dreier Liebender, angelehnt an die Biografien der Schriftstellerin Willa Cather, die für ihren Roman "One of ours" den Pulitzer-Preis erhielt, und des kanandischen Naturforschers Allan Moses.


Verlag: Blumenbar
ISBN: 9783351050771
Preis: 20,00 €
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Du wirst mein Herz verwüsten

Morgane Ortin, Rezension von Karin Bucconi

"Dieser Roman macht Lust, zu lieben." 

Die Zeitschrift "Le Monde" über den Roman...

Ein Buch geschrieben in Textnachrichten. Nicht das erste, aber ein besonders schönes.

Zwei Menschen,  lernen sich kennen, verlieben, ärgern, verletzen sich,  berühren einander endlich und lieben sich noch mehr.

Der Roman erzählt von der unverhofften Begegnung zweier Menschen, die sowohl Rauschmomente und Glück erleben als auch Traurigkeit und Zweifel.

Die Leserin/der Leser verfolgt eine sehr moderne Liebesbeziehung, aber eben digital. Die Mails und SMS sind zum Teil so wunderschön geschrieben, dass man sich wünscht, man hätte sie selber bekommen.

Morgane Ortin sammelt seit langem über ihr Instagram-Portal mit dem Einverständnis der Nutzer WhatsApp-Unterhaltungen und veröfffentlicht sie anonym auf ihrer Instagramseite. 278 hat sie ausgesucht und mit ihnen eine Liebesgeschichte erzählt. 

Eine intensive Lektüre. Die Nachrichten sind poetisch und berührend: 

Ein Loblied auf die Liebe.

Unbedingt empfehlenswert.

 


Verlag: Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0042-9
Preis: 20,00 €
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Marianengraben

Jasmin Schreiber, Rezension von Christina Heger

Die Biologiestudentin Paula leidet seit dem tragischen Unfalltod ihres kleinen Bruders Timan Depressionen. Sie ist unfähig um ihren Bruder zu trauern, zu weinen und einen Weg aus der Tiefe der Depression zu finden. Sie sieht sich nicht einmal in der Lage, das Grab desBruders zu besuchen, weil sie mit ihrer Trauer allein sein und niemandem begegnen möchte. Aus diesem Grund rät ihr Therapeut ihr, den Friedhof dann aufzusuchen, wenn sich dort sonst niemand aufhält. Und wann ist dies der Fall? Nachts.Paula startet also eine abenteuerliche Expedition auf den nächtlichen Friedhof und begegnet dort dem schrulligen Rentner Helmut, der gerade dabei ist, eine Urne auszugraben...Diese absurde Situation ist der Beginn der gemeinsamen Reise zweier komplett verschiedener Menschen, die eins verbindet: Der Verlust eines geliebten Menschen und der Versuch mit dem daraus resultierenden Schmerz umzugehen.Helmut und Paula machen sich auf eine schmerzliche, erkenntnisreiche und tröstliche Reise und die beiden grundverschiedenen Charaktere freunden sich auf eine bewegende und zutiefst rührende Weise an.Die Geschichte wird aus der Perspektive von Paula erzählt, die ihrem Bruder von ihrem Umgang mit der Trauer, ihren Erinnerungen an ihn und der verrückten Reise mit Helmut erzählt. Tim und Paula teilten die Faszination für Biologie und das Meer, weshalb Paula ihre Depression mit dem Marianengraben, der tiefsten Stelle des Meeres, vergleicht und jedes Kapitel mit Kilometerangaben versehen ist: “...Auch mir war das mit den elftausend Metern eigentlich zu abstrakt. Erst als ich selbst dort ankam, also ganz unten in der Dunkelheit...bekamen diese elf Kilometer und all diese Ziffern und Größenangaben eine greifbare Qualität für mich - elftausend Meter unter Wasser sind gleichbedeutend mit einem Meter neunzig unter der Erde, der Tiefe deines Grabes.”Das Buch ist eine wundervolle Geschichte über Trauer, Depression und den Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen aber auch über die Rückkehr des Lebenswillens. Die Erzählweise ist sehr persönlich und berührend, dabei aber durchaus auch komisch und unterhaltend ohne albern oder unpassend zu sein. Es gelingt Jasmin Schreiber, dem Thema die Schwere zu nehmen und dennoch ein Gefühl für die Depression zu vermitteln.


Verlag: Wunderlich
ISBN: 978-3-8052-0044-8
Preis: 19,90 €
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Das Beste kommt noch

Richard Roper, Rezension von Kathrin Allkemper

Der eher zurückhaltende Andrew arbeitet als Nachlassverwalter. Sein Job ist es, die Wohnung eines Verstorbenen, der auf den ersten Blick keine Angehörigen hat, nach Hinweisen auf Verwandte oder gegebenenfalls auf Geld oder Sparbücher abzusuchen, damit das Begräbnis bezahlt wird. Findet er weder das eine noch das andere, bekommt der Verstorbene ein sogenanntes Armenbegräbnis. Und da Andrew großes Mitleid mit diesen Menschen hat, begleitet er sie oftmals als einziger Gast auf ihrem letzten Weg. Wirklich keine leichte Arbeit und emotional manchmal ganz schön belastend, aber zum Glück hat er ja eine starke Ehefrau an seiner Seite, zwei muntere Kinder und ein schönes Haus – zumindest denken das seine Arbeitskollegen. In Wahrheit wohnt er in einem Mini-Appartement und seine einzigen Mitbewohner sind die Modelleisenbahnen, die sich durchs Zimmer schlängeln. Eigentlich ist er genauso einsam, wie die Verstorbenen, um deren Beerdigungen er sich kümmert. Da fängt die muntere Peggy in der Firma an, die nicht nur frischen Wind in die Gruppe der Kollegen bringt, sondern ganz besonders in Andrews Leben. Leider ist sie liiert und hat zwei Kinder und genau das denkt sie auch von ihrem äußerst netten Arbeitskollegen....

Eine wundervoll warmherzige Geschichte, die beim Lesen wie eine britische Filmromanze a la „Notting Hill“ mit all den verschrobenen, liebevollen Charakteren, vor meinem inneren Auge ablief


Verlag: Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 9783424631878
Preis: 22,00 €
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Ach, Virginia

Michael Kumpfmüller, Rezension von Karin Bucconi

2011 hatte er das letzte Lebensjahr von Kafka erkundet. Dieses Mal hat Kumpfmüller einen Roman über die letzten Tage im Leben von Virginia Woolf geschrieben.

Wir befinden uns im Jahr 1941. Virginia hat gerade ihr letztes Buch beendet und hält es für völlig misslungen. Sie kann nicht schlafen, hört Stimmen und alle Hilfeangebote lehnt sie ab. Ihr Leben war reich, auch an tragischen Momenten. Nun fliegen deutsche Bomber über das kleine Haus, dass sie mit ihrem Mann bewohnt, Sie kommt sich wie eine Gefangene vor. Will ausbrechen, aber wohin?

Der Abschiedsbreif an ihren Ehemann Leonard ist geschrieben. Das Wasser im Fluss ist kalt. Aber- ihr Versuch, sich zu ertränken, scheitert. Als sie völlig durchnässt nach Hause zurückkehrt, ist Leonard sofort an ihrer Seite. Es regnet und er fragt nicht, woher sie kommt. Vielleicht will er es auch gar nicht wissen. 

Nachdem sie ihm in ihrem Abschiedsbrief dankende Worte gewidmet hat, ist ihr Blick auf ihn jetzt ein wütender. Sie hasst seine Mittelmäßigkeit und auch, dass er sie geheiratet hat. Ihre Liebe gilt ohnehin nicht ihm, sondern Vita Sackville West. Jetzt, in ihren letzten Tagen, richtet sie alle Wut, die sie spürt, auf ihn.

Wieviel an dem kleinen Roman Fakt ist und wieviel fiktiv, kann ich nicht beurteilen. Dazu weiß ich nicht genug über das Leben der Virginia Woolf. Aber-  großen Raum nimmt ihr Innenleben ein, vergangene und aktuelle Beziehungen und die jahrelange Liebesbeziehung zu Vita Sackville West. Kumpfmüller beschreibt die Gedankenwelt der Virginia zu besseren Zeiten und an ihrem Lebensende in seiner gewohnt schönen, unaufgeregten Sprache.

Für mich ein gelungener  und glaubwürdiger Roman.