Belletristik


Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-27356-6
Preis: 20,00 €
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Achtsam morden am Ende der Welt

Karsten Dusse, Rezension von Kathrin Allkemper

In seinem neuesten Roman um den Rechtsanwalt Björn Diemel schickt ihn sein Achtsamkeitstherapeut auf den Jakosbweg. In einer äusserst missverständlichen Sitzung, bei der Björn ihm von seiner Geburtstagsfeier erzählt, die eigentlich keine war und die mit einem toten Boss der chinesischen Mafia endete, zieht der Psychiater seine Schlüsse. Verschiedene weitere Aussagen von Björn führen am Ende zu der Diagnose "Midlifecrisis" und der Therapeut empfiehlt ihm einen Selbstfindungstrip. Anfangs wehrt sich Björn noch recht heftig, weil er befürchtet, dass er seine diversen kriminellen Nebentätigkeiten nicht vier Wochen ruhen lassen kann, aber schließlich willigt er ein. Tatsächlich lernt er gleich zu Beginn des Caminos einen netten älteren Staatsanwalt kennen, der den Jakobsweg schon zum zweiten Mal geht und Björn gerne begleitet. So entspannt war dieser schon lange nicht mehr und ihm gefällt die Idee des Wanderns immer besser. Leider wird der neue Wanderfreund schon am zweiten Tag während des Pilgerns erschossen und Björn wird sehr schnell klar, dass die Kugel aus dem Schalldämpfergewehr eigentlich ihm selbst galt. Es war also doch kein Zufall, dass ein chinesischer Pilger mit einer Art GItarrenkoffer in der Nähe war, denn wer pilgert schon freiwillig mit schwerem Gepäck auf dem Jakobsweg...

Sehr kurzweilige Unterhaltung, in der es um Herrn Diemel wieder die ein oder andere Leiche gibt, entweder achtsam ermordet oder zumindest durch seine indirekte Beteiligung ums Leben gekommen.


Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446269187
Preis: 19,00 €
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Unsichtbare Tinte

Patrick Modiano, Rezension von Daniela Maifrini

 

Patrick Modiano hat 2014 den Nobelpreis für Literatur erhalten und ist in Frankreich ein Star der Literaturszene. In Deutschland jedoch spielt sein Werk leider nur eine kleinere Rolle, die in erster Linie auf dem Jubel des Feuilletons und weniger auf dem Erfolg bei den Leserinnen und Lesern gründet. Vielleicht weil es in der Tat sehr französisch ist, im besten Sinne: elegant, bildhaft, detailversessen, melancholisch. Er wird als Marcel Proust der Gegenwart bezeichnet und setzt sich in allen seinen Büchern in immer neuen Variationen mit Erinnerung und Vergessen auseinander. Das Interesse an diesem Sujet begründet er selbst damit, dass er 1945 geboren ist und damit fast vom ersten Tag an mit Menschen konfrontiert war, die das Vergessen praktizierten, nämlich mit denjenigen, die gerade den zweiten Weltkrieg und alle damit verbundenen Katastrophen erlebt hatten und diese hinter sich lassen wollten. Dies alles hatte mir bislang immer ein wenig Respekt vor seinen Büchern eingeflößt, das gebe ich zu. Doch an seinen neuen Roman „Unsichtbare Tinte“ habe ich mich dann doch herangewagt – und ich wurde belohnt!

Der zwanzigjährige Jean Eyben arbeitet Anfang der Sechziger Jahre in einer Detektei in Paris und bekommt ein sehr lückenhaftes Dossier über die junge Noëlle Lefebvre, deren plötzliches Verschwinden er aufklären soll. Sein Chef schickt ihn also zu einer „Ermittlung vor Ort“ an die Stelle in Paris, an der sich ihre Spur verlaufen hat. Jean entdeckt einige Personen, die wohl mit Noëlle in Kontakt gestanden haben, doch niemand weiß, wo sie sein könnte. Auf der Karteikarte zu seinem Dossier entdeckt er erst nach einigen Tagen, dass die Gesuchte – wie er selbst – aus der Gegend von Annecy stammt. Ist er ihr dort schon einmal begegnet? Die Suche bleibt ergebnislos, doch während der folgenden dreißig Jahre seines Lebens gibt es immer wieder Ereignisse oder Begegnungen, die ihn an seinen alten Rechercheauftrag erinnern, es bleibt stets ein hintergründiger Drang in ihm, der ihn veranlasst, weiter nach Noëlle zu suchen und sich dabei auch an seine eigene längst verschwommene Vergangenheit zu erinnern.

Der schmale Roman spielt überwiegend in Paris, das sprachlich so gekonnt in Szene gesetzt wird, dass man sich in einen der eleganten französischen Kinofilme aus der Zeit versetzt fühlt. Ein Krimi, eine Entwicklungsgeschichte und – das wussten wir ja bereits vorher – eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Erinnerung. Wer sich dem Werk Patrick Modianos nähern möchte, findet hier einen perfekten Einstieg. Und wer ihn schon kennt, hat das Buch als Modiano-Fan vermutlich längst gelesen, denn wie der Rezensent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Peter Körte es formuliert: "Und jedes Mal fasziniert es wieder, wie jemandem auf selten mehr als 140 Seiten ein so filigranes, reiches Gewebe der Erinnerungen gelingt."

 


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05856-8
Preis: 22,00 €
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Schwester

Marie Krügel, Rezension von Kathrin Allkemper

Iulia führt als Pfarrersgattin ein sehr geordnetes Leben. Stets achtet sie darauf, dass es bei den Gemeindemitgliedern keinen Grund zur Klage gibt, was ihr Verhalten, ihren Kleidungsstil oder die Anzahl der besuchten Gottesdienste angeht. Sie führt den Haushalt und hat außerdem einen Job in einer Bank, den sie liebt, weil auch dort mit all den Zahlen eine bestimmte Ordnung herrscht.

Als ihre Schwester Lone, die als Hebamme arbeitet und deren Leben das komplette Gegenteil darstellt, bei einem Autounfall schwer verletzt wird und im Koma liegt, verliert Iulia den Halt. Ihre Welt steht Kopf und sie kann auch zunächst nicht zu Lone ins Krankenhaus. Stattdessen fährt sie in die Wohnung ihrer Schwester und stößt dort auf Unterlagen und vier Namen von Frauen, die Lone bis zu dem Unfall betreut hat. Weil Iulia den Schwangeren nicht am Telefon sagen will, dass ihre Hebamme ausfällt und sie einfach irgendwie helfen will, sucht sie die Patientinnen zuhause auf. Die Begegnungen mit den Frauen und deren unterschiedlichen Lebensgeschichten verändert nicht nur Iulias Denkweise über viele Dinge, sondern gleichzeitig auch ihr ganzes Leben.

Tolle Geschichte um eine Frau, die erst zögerlich und dann sehr entschlossen ihr Leben neu in die Hand nimmt.


Verlag: Kindler
ISBN: 9783463000237
Preis: 20,00 €
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Die Erfindung der Sprache

Anja Baumheier, Rezension von Julia Kresal

Mit viel Witz und Einfühlungsvermögen erzäht Anja Baumheier von Adam, der seinen Vater sucht. Dieser brach vor Jahren zu einer Pilgerreise auf, kam jedoch nie zurück. Und sie erzählt von Adams Mutter Oda, die in einer Buchhandlung in Ohnmacht fiel und verstummte. Und von Leska, Adams Oma und Odas Mutter, die vor Jahren der Liebe wegen auf eine ostfriesische Insel zog.  Die Lebensgeschichten von drei Generationen verweben sich zu einem bunten und liebenswerten Bild, mit leichter einfallsreicher Sprach gekonnt erzählt. Schließlich ist "Die Erfindung der Sprache" nicht nur der Titel des Romans den wir gerade selbst in der Hand halten, sondern auch der Titel des Buches, das Adams verschwundener Vater seinem Sohn hinterließ. Für alle die Leser, die gern eine Geschichte mit Herz, Humor und Verstand genießen.


Verlag: Droemer
ISBN: 978-3-426-28263-2
Preis: 18,00 €
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Glück hat einen langsamen Takt

Mechtild Borrmann, Rezension von Jutta Pollmann

Als Krimiautorin ist uns Mechtild Borrmann hinlänglich bekannt. Mit „Wer das Schweigen bricht“ schrieb sie einen Bestseller, der mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde und wochenlang auf der Krimi Zeit-Bestenliste zu finden war. Für den "Geiger" wurde Mechtild Borrmann als erste deutsche Autorin mit dem renommierten französischen Publikumspreis "Grand Prix des Lectrices" der Zeitschrift Elle ausgezeichnet. 2015 wurde sie mit "Die andere Hälfte der Hoffnung" für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Ihr Roman "Trümmerkind" hielt sich monatelang auf Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste.

Nun legt sie einen Erzählband vor, der mit sehr unterschiedlichen Geschichten gespickt ist. Mal beäugt sie nur eine kleine Sequenz im Leben eines Menschen. Mal lässt sie uns in menschliche Abgründe sehen, mal erzählt sie Geschichten von Menschen, die sich am Rande der Legalität bewegen und wir als Leser fragen uns, wie hätten wir uns entschieden.

Sie erzählt von der Ehefrau, die Jahr für Jahr mit ansehen muss, wie ihr Garten mehr und mehr zuwuchert, weil ihr Ehemann den nächsten Weihnachtsbaum in den Garten pflanzt. Tja, bis auf das eine Weihnachten...; sie erzählt von zwei Jugendlichen, die sich von einer Lehrerin ungerecht behandelt fühlen und ohne Unrechtsbewusstsein bis zum Äußersten gehen und sie erzählt von einem Dorf, wo bei Baumaßnahmen plötzlich ein Skelett auftaucht und jeder im Dorf weiß, wer das ist, nur nicht, wer ihn getötet hat. Doch das wissen wir als Leser und stehen da und müssen entscheiden, ob man für das, was damals geschah, jemanden zur Rechenschaft ziehen sollte, müsste... Kann man Unrecht mit Unrecht vergelten oder setzt man sich dann selbst ins Unrecht?

Die 20 Geschichten dieses Buches lassen uns teilweise amüsiert, manchmal aber auch irritiert oder nachdenklich zurück.

 

Ich war erst etwas skeptisch, mag ich doch Erzählungen nicht so gern, doch man fliegt durch dieses Buch. Manche Geschichten erinnern in ihrer Art und ihrer lakonischen Schreibweise an Schirachs „Schuld“ oder „Verbrechen“. Hat mir gut gefallen.

 


Verlag: Steidl
ISBN: 9783958299313
Preis: 16,80 €
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Am Gletscher

Halldór Laxness, Rezension von Daniela Maifrini

 

Ein Ausflug in das Land mit der „höchsten Dichte an Trägern des Literaturnobelpreises“, der 1955 unserem Autoren Halldór Laxness als erstem und einzigen Isländer verliehen wurde.

Eine winzige Ansiedlung am Snaefellsgletscher gibt dem Bischof Anlass zur Sorge:

Der Pfarrer Jon Primus ist offenbar etwas aus der Spur geraten, lässt dem Vernehmen nach die Kirche verfallen, hält keine Gottesdienste ab und kümmert sich überhaupt nicht um seine seelsorgerischen Pflichten. Stattdessen beschlägt er Pferde oder ist halt anderweitig unterwegs. Und als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, kommt dem Bischof noch zu Ohren, dass irgendwer eine Leiche auf den Gletscher geschafft hat, statt diese ordnungsgemäß beizusetzen. Zeit zu handeln! Ein junger Theologe wird mit einem Aufnahmegerät ausgestattet und als Vertreter des Bischofs (kurz: Vebi) in den tiefen Westen des Landes entsandt, wo er die Zustände in dem sonderbaren Dorf protokollieren und Bericht erstatten soll.

Der Vebi macht sich also auf den Weg, und mit seiner Ankunft im Dorf beginnt für ihn eine lange Reihe skurriler Begegnungen und aberwitziger Gespräche, die ihn dem Ergründen der Verhältnisse irgendwie keinen Schritt näher bringen...

Ein kleiner Roman, eine Posse fast, die leicht ins Klamaukige hätte abrutschen können – wären da nicht die vielen Merkwürdigkeiten, mit denen der junge Mann konfrontiert wird. So erzählen die Dorfbewohner, die überhaupt mit ihm sprechen, gerne in „Gleichnissen“, die Anleihen in der nordischen Mythologie nehmen. Oder es erscheint eine Gruppe Männer, die – so stellt sich nach kurzer Zeit heraus – allesamt dem Buddhismus anhängen. In Island! Und wenn man sich mit den Aussagen der Gesprächspartner des Vebi auseinandersetzt, qualmt irgendwann der Google-Account und man ist um ein wenig Wissen reicher. Nicht ohne sich zwischendurch amüsiert zurücklehnen zu können und einfach mal laut über diese durchgeknallten Isländer zu lachen.

 


Verlag: Steidl
ISBN: 9783958299344
Preis: 24,00 €
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Annie Dunne

Sebastian Barry, Rezension von Daniela Maifrini

 

Der Steidl Verlag ist unter anderem bekannt für wirklich „schöne“ Bücher. So wurde ich zunächst durch das Cover aufmerksam auf Annie Dunne: ein gebundenes Buch, bedrucktes Leinen – wirklich hübsch. Der Klappentext verheißt eine sommerliche Geschichte aus dem Irland des Jahres 1959, darauf hatte ich Lust, das wollte ich lesen.

Bekommen habe ich dann allerdings ein Buch, das ganz anders lief, als ich es mir vorgestellt hatte. Keine leichte Sommergeschichte, sondern das eindringliche Porträt einer Frau, die es im Leben wirklich nicht leicht hat. Eine Überraschung – aber eine wahrhaft gute!

Annie Dunne ist um die sechzig Jahre alt. Noch in ihrer Kindheit war ihre Familie hoch angesehen, ihr Vater war Polizeichef in Dublin, ihr Großvater Gutsverwalter. Doch von diesem Glanz vergangener Zeiten ist nichts mehr übrig. Annie ist unverheiratet, ohne Vermögen und zudem gezeichnet von einer sichtbaren Rückgratverkrümmung als Resultat von Kinderlähmung.

Als unverheiratete Tante war sie nach dem Tod ihrer Schwester Maud vor Jahren in die Bresche gesprungen und zu ihrem Schwager Matt gezogen, um ihm und seinen beiden Kindern den Haushalt zu führen. Doch als Matt beabsichtigt, sich neu zu vermählen, wirft er Annie kurzerhand hinaus. Sie sucht verzweifelt bei Verwandten Obdach und gelangt so zu ihrer Cousine Sarah, die ebenfalls alleinstehend einen winzigen Bauernhof in der Grafschaft Wicklow besitzt – am Ende der Welt. Die beiden Frauen haben sich ihren arbeitsintensiven Alltag - ohne Strom oder fließendes Wasser - gut organisiert und es scheint, dass sie sich selbst genügen.

Wie jeden Sommer kommen die beiden Kinder von Annies Neffen Trevor für einige Wochen zu Besuch, Stadtkinder, die sich auf dem Land pudelwohl fühlen. Annie hat ein Händchen für das sechsjährige Mädchen und den vierjährigen Jungen, die im Buch namenlos bleiben. Zu dritt unternehmen sie viel miteinander und haben eine gute Zeit. Vollkommen irritiert wird Annie jedoch, als sie ihre Besucher bei einer Art merkwürdigem „Doktorspiel“ beobachtet, das sie als ledige Dame sehr verwirrt. Es scheint ihr, als wäre das Band zwischen ihr und den Kindern plötzlich gerissen.

Weitere Verunsicherung kommt auf, als der nutzlose Knecht ihrer Cousinen, Billy Kerr, sich offenbar mit Heiratsabsichten trägt – seine Auserwählte ist nach Annies Theorie wohl ihre Cousine Sarah. Und nun wird ihr der Boden unter den Füßen weggerissen, denn eines ist klar: wenn Sarah heiraten sollte, kann sie nicht auf dem Hof bleiben und muss sich schon wieder der Gnade ihrer Familie ausliefern, um irgendwo leben zu dürfen.

In diesem Buch sind wir Zeuge eines Sommers, der sich über lange Strecken wunderschön ausnimmt, die Freude an den Unternehmungen mit den Kindern ist groß, die irische Landschaft bildhaft, die Abläufe auf dem kleinen Bauernhof und die Interaktion zwischen den beiden Frauen werden in einer eindringlichen Sprache, die zwischen schroff und poetisch pendelt, dargestellt. Und dann tritt bei Annie diese unvermittelte Verunsicherung ein und wir begleiten sie bei einem Denkprozess über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, der so wenig konstruiert ist, dass man ihn an jeder einzelnen Stelle nachvollziehen kann. Das spannende Ringen unserer Heldin mit ihrer eigenen Angst und die Suche nach einem Weg hat mich fasziniert und sehr berührt – wie gesagt: kein leichter Sommerroman sondern sehr viel mehr!

 

 


Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87667-2
Preis: 22,00 €
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Über Menschen

Juli Zeh, Rezension von Jutta Pollmann

Bracken in Brandenburg. Doras neues Zuhause, nachdem sie Berlin, ihren Kollegen und vor allem ihrem Freund Robert den Rücken gekehrt hat. Hier in dem Gutsverwalterhaus mit 4000qm Grund will sie zur Ruhe kommen, nachdenken, ihr Leben neu sortieren. Homeoffice kann sie im Lockdown auch von hieraus betreiben und der Abstand zu Robert war nötig. Vom Ökopapst (er hatte ihr nahegelegt in eine politisch-korrekte, sprich ökologisch ausgerichtete Werbeagentur zu wechseln, wenn sie schon diesen Job machen müsse!), nun zum Corona-Fachmann par excellence mutiert, wurde das Zusammenleben mit ihm immer schwieriger (zuletzt hatte er ihr verboten mehrmals am Tag mit Jochen, ihrer Hündin, spazieren zu gehen, schließlich sei die Devise „Wir bleiben zuhause!“). Obwohl sie die Abende mit ihm auf dem Balkon ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg sehr genossen hatte und die Gespräche vermisste, war das der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Und seit Corona das Land im Griff hatte, konnte Robert sowieso nur noch über dieses Thema reden.

Nun also Bracken. Ein Haus ohne Möbel, nur die Luftmatratze, die Kiste mit zusammen gewürfeltem Geschirr aus der Studentenzeit und ein paar Klamotten. Der Garten verwildert und in die nächste Stadt brauchte man Jahre...Das sollte also der Neubeginn werden!?!

Das hieß auch, plötzlich Nachbarn zu haben, anders als in Berlin, wo man täglich an 100en Menschen vorbei rannte, ohne sie je kennen zu lernen. Hier stellten Nachbarn sich vor: Gote, z.B., ihr direkter Nachbar: Ich bin hier der Dorf-Nazi. Er will Jochen umbringen, wenn der noch einmal seine Kartoffeln ausbuddelt. Und dann stellt er ihr ein Bett ins Schlafzimmer, weil sie doch keins habe. Gote singt mit seinen Kumpanen das Horst-Wessels-Lied und am anderen Tag organisiert er, dass ein Nachbar mit der Motorsense zu ihr kommt, um die Wildnis zu roden. In kurzer Zeit hat sie mit mehr Menschen zu tun, als in all den Jahren in Berlin, man lebt hier unter Leuten, nicht nebeneinander her.

Doras Weltbild bekommt in Bracken Risse und nicht nur Gote ist Grund dafür. Denn die Menschen hier passen in kein spezielles Raster, sie lassen sich nicht einfach in schwarz oder weiß einteilen.Es gibt viele Graustufen und die muss Dora erst mal verarbeiten.

 

Ein wunderbares Buch zum Lachen und zum Weinen, nachdenklich, witzig, überraschend, traurig, ein Buch eben, wie das Leben.

 

Unbedingt lesen!!!!!!


Verlag: Ullstein
ISBN: 9783864931482
Preis: 14,99 €
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Fritz und Emma

Barbara Leciejewski, Rezension von Daniela Maifrini

 

Jakob und Marie sind das neue Pfarrer-Ehepaar in dem kleinen pfälzischen Dorf Oberkirchbach. Jakob als Pfarrer fühlt sich sehr wohl, er ist optimistisch die aktuell leeren Kirchenbänke mit der Zeit füllen zu können. Marie findet es auch schön in Oberkirchbach, aber ihr fällt schnell die Decke auf den Kopf. Sie ist eine quirlige junge Frau und hat nichts zu tun.

Da kommt es gerade recht, dass das Dorf in Kürze seinen 750. Geburtstag erleben wird – ein Ereignis, zu dem eigentlich eine ordentliche Feier gehört, aber irgendwie scheint niemand einen Plan oder besonders große Lust zu haben. Marie springt in die Bresche und beginnt mit den Vorbereitungen. Dazu gehört zuerst einmal, alle Dorfbewohner zu befragen, ob sie für oder gegen eine Jubiläumsfeier wären. Und bei dieser Umfrage stößt Marie auf Fritz am einen Ende des Dorfes und Emma am anderen. Beide sind am selben Tag geboren und werden 92 Jahre alt. Sie wuchsen zusammen auf, gingen zusammen zur Schule, haben den Krieg und die Nachkriegszeit miteinander verbracht, waren ein Paar und wollten heiraten. Doch dann muss irgendetwas geschehen sein, denn seit 70 Jahren haben sie kein Wort mehr miteinander gewechselt.

Das Dorf entscheidet sich für die Feierlichkeiten, und die aufwändigen Vorbereitungen bringen viele Menschen zusammen, die sonst nur nebeneinander her gelebt haben. Doch der Programmpunkt, bei dem die beiden Dorfältesten Fritz und Emma geehrt werden sollen, bereitet allgemein Kopfschmerzen, da diese sich vehement weigern. Da haben sie aber nicht mit der Überzeugungskraft der jungen Pfarrersfrau gerechnet, die alles daransetzt, die beiden Alten miteinander zu versöhnen – und dabei treten wir eine Reise in die Vergangenheit an…

Ein wunderbar emotionaler Schmöker, bei dem die Geschichte um Fritz und Emma natürlich die Hauptrolle spielt, in dem es aber auch um Nachbarschaft, Freundschaft, Gemeinschaft und Zusammenhalt geht.

 


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05726-4
Preis: 22,00 €
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Das Glück meiner Mutter

Thommie Bayer, Rezension von Tanja Tenberg

Der Drehbuchautor Phillip Dorn hat gerade sein letztes Buchprojekt beendet. Zur Belohnung reist er in die Toskana in ein kleines Ferienhäuschen, um zu entspannen. Bei Espresso und gutem Rotwein sitzt er in Gedanken versunken auf der Veranda, blickt zurück auf seine gescheiterte Beziehung zu Brigitte und das Leben seiner verstorbenen Mutter. Den Frauen hat der Endvierziger abgeschworen, besinnt sich auf das Schreiben, gutes Essen und leckeren Wein.

Eines Nachts hört er ein Plätschern aus dem Pool, heimlich schaut er um die Ecke und entdeckt eine nackte Frau schwimmend in seinem Pool. Am nächsten Spätabend sitzt Phillip wieder auf seiner Terrasse, nachdenklich auf sein Leben zurückschauend. Da taucht die unbekannte Schwimmerin im Bademantel bekleidet an seinem Platz auf, stellt sich vor als Livia, seine Nachbarin und Vermieterin des Ferienhauses. Die beiden kommen ins Gespräch, reden vertraut miteinander bis in den frühen Morgen. Sie verabreden sich wieder für die nächste Nacht, gemeinsames Essen, guten Wein und gutes Gespräch in der lauen Sommernacht.

Das geht ein paar Abende gut, bis eines Nachts der eifersüchtige Ehemann auftaucht. Livia wollte sich trennen, Phillip ist nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Um Abstand zwischen den wütenden, betrunkenen Ehemann und seine Frau zu bringen, fährt er sie in ihre Stadtwohnung nach Pisa. Nach und nach offenbart sich ein lange zurückliegendes Ereignis, das ihr gemeinsames Schicksal war.

Mehr wird nicht verraten. Lesen und genießen Sie selbst.

In schnörkelloser Sprache, mit viel italienischem Ambiente und melancholischer Stimmung taucht man ab in eine wie immer toll erzählte Geschichte. Thommie Bayer, 1953 geboren, ist immer gut für toll erzählte Romane. Ich bin Fan.

Wenn man aktuell schon nicht nach Italien reisen kann, kann man sich wenigstens das italienische Ambiente auf seine Couch zaubern mit einem guten  italienischen Rotwein in der anderen Hand.


Verlag: List
ISBN: 9783471360354
Preis: 22,00 €
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Das Flüstern der Bienen

Sofiá Segovia, Rezension von Daniela Maifrini

 

Im Norden Mexikos in der kleinen Stadt Linares lernen wir in den 1880er Jahren unter dramatischen Umständen die Vorfahren der Familie Morales kennen - und Reja, die Frau, die jahrzehntelang die Amme der Kinder aus der Familie sein wird.

Zwei Generationen später übt Reja zwar ihren Beruf nicht mehr aus, lebt aber noch immer bei Francisco und Béatriz Morales, die inzwischen auf der Hazienda „La Amistad“ ansässig sind, wo sie als Großgrundbesitzer erfolgreich Obst und Getreide anbauen lassen. Eines Morgens ist die alte Amme verschwunden. Es wird das Schlimmste befürchtet, die Männer bilden Suchtrupps und finden sie schließlich mit einem Baby, das über und über mit Bienen bedeckt ist, die dem Kleinen aber nichts tun. Das Kind löst bei den abergläubischen Landarbeitern großen Schrecken aus, hat es doch eine große Kiefer-Gaumenspalte, einen „Teufelskuss“, der das Überleben fast unmöglich macht. Nicht alle legen ihre Vorurteile ab, nicht alle sind dem Kind wohlgesonnen. Doch Reja schafft es, den Säugling zu ernähren. Die Familie Morales nimmt den Jungen, der den Namen Simonopio erhält, auf, und die Eheleute werden sehr gerne seine liebevollen Paten.

Simonopio kann nicht verständlich sprechen, dafür hat er einen ganz besonderen Sinn für die Natur – vor allem für seine Bienen, die ihn begleiten, wo er geht und steht. Er ist ein freundlicher und guter Junge, der sich später aufopfernd um das Nesthäkchen der Familie, den kleinen Francisco, kümmert. Zudem hat er die Gabe, bestimmte Ereignisse vorauszusehen, was ihm mehr als einmal Gelegenheit gibt, die Familie zu unterstützen oder sogar zu retten. Dieses Erahnen der Zukunft gelingt ihm durch eine Art Kommunikation mit seinen Bienen. Oft hilft ihm diese „Weitsicht“, doch ein Ereignis in der Zukunft überschattet sein Leben, er weiß, dass er sich irgendwann, irgendwo einem bislang unbekannten Gegner stellen muss…

Simonopio ist ganz klar der Star des Romans, doch auch alle anderen Protagonisten werden detailreich und immer stimmig in den historischen Kontext eingebettet beleuchtet. Die Handlung umfasst ungefähr 100 dramatische Jahre, in denen Mexiko ordentlich durchgeschüttelt wurde, durch die Mexikanische Revolution, den Ersten Weltkrieg, die Spanische Grippe, die in Mexiko 20% der Bevölkerung vernichtete, die Landreform, die unserer Familie Morales besonders zu schaffen macht und ihren Lebensstil bedroht. All das erleben wir zusammen mit Simonopio und seiner Wahlfamilie – und Sofía Segovia erzählt uns diese opulente Familiengeschichte in einer wunderschön poetischen Sprache und in einem besonders interessanten Zusammenspiel zweier Erzählperspektiven.

Mit großen internationalen Vorschusslorbeeren kommt dieser Roman in Deutschland an – ein Vertreter des „magischen Realismus“, der mit Autoren wie Gabriel García Márquez, Isabel Allende oder auch Mario Vargas Llosa in Lateinamerika weit verbreitet ist. Er erinnert unweigerlich an Allendes „Geisterhaus“, in dem es ja auch das mystische Element in Gestalt der hellsichtigen Clara Trueba gibt.

 


Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 9783455009019
Preis: 24,00 €
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Eine ganze Welt

Goldie Goldbloom, Rezension von Daniela Maifrini

 

Goldie Goldbloom ist eine chassidische Autorin, die heute mit ihrem Mann und ihren acht Kindern in Chicago lebt. Sie verfügte also über die nötigen Inneneinsichten, um den Roman „Eine ganze Welt“ zu schreiben.

Natürlich ist der erste Gedanke bei diesem Buch der an „Unorthodox“ von Deborah Feldman, oder auch „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ von Eve Harris, doch dieser Roman nimmt eine zwar nicht unkritische, aber doch versöhnlichere Position zu der exotisch anmutenden Lebensform chassidischer Juden inmitten des brodelnden und modernen Kosmos New Yorks ein.

Surie Eckstein ist 57 Jahre alt, achtfache Mutter mit dreiundzwanzig Enkelkindern und in Erwartung des ersten Urenkelchens. Sie ist verheiratet mit Yidel, einem guten und empathischen Mann, der sehr lieb zu ihr und den Kindern ist, ein sehr gläubiger Mann, der jedoch auch einmal Fünfe gerade sein lässt.

Die Familie lebt in Williamsburg, New York, und ist aus Überzeugung fest verwurzelt in der chassidischen Gemeinschaft und dem starren Regelwerk, das sie umgibt.

Am Tag nach der Hochzeit ihrer Tochter hat Surie einen Termin bei der nichtjüdischen Hebamme Val, die ihr schon früher beigestanden hatte. Hier erhält sie Sicherheit über einen Umstand, den sie selbst schon ängstlich erahnt hatte: sie ist schwanger – mit 57 Jahren. Was sollen die Anderen von ihr denken? In diesem Alter ist es nicht richtig, noch ein Kind zur Welt zu bringen!

In einer Art Schockstarre kann Surie mit niemandem über ihre Schwangerschaft sprechen, am allerwenigsten mit Yidel. So macht sie also ihren Konflikt mit sich selber und manchmal auch mit Val aus. Und während dieser Zeit denkt Surie nach – über ihre Familie, über ihre eigene Rolle und vor allem über ein Ereignis, das ihr Leben seit langer Zeit unweigerlich überschattet, eines, bei dem sie vielleicht eine falsche Entscheidung getroffen hat. Und so steuert Surie unentdeckt und innerlich rebellierend dem Zeitpunkt der Niederkunft entgegen…

Ein Roman, der uns Einblicke in eine verschworene Gemeinschaft bietet, oft nicht ohne ein Augenzwinkern, der uns aber auch konfrontiert mit einem daraus resultierenden Dilemma – genau genommen sind es zwei: eines, an dem nichts mehr zu ändern ist und eines, über das Surie ein ganzes Buch lang nachdenken muss.

Sehr interessant und lohnenswert, gut komponiert und spannend.

 


Verlag: Insel
ISBN: 9783458179009
Preis: 20,00 €
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Der Klang der Wälder

Natsu Miyashita, Rezension von Daniela Maifrini

 

Wie soll ein Klavier klingen?

Hell, ruhig und klar, wehmütige Erinnerungen weckend.

Voller Strenge und Tiefe, aber zugleich nachsichtig mild.

Schön wie ein Traum und wahrhaftig wie die Wirklichkeit.

 

In seiner Schule in einem japanischen Bergdorf wird der junge Erzähler Tomura unfreiwillig Zeuge, wie der altgediente Klavierstimmer Itadori sich des Flügels in der Turnhalle annimmt. Tomura ist entsprechend seiner ländlichen Herkunft mit kaum vorhandener kultureller Bildung ausgestattet, doch diese Klänge, die Itadori dem Tasteninstrument entlockt, bringen eine Saite in ihm zum Schwingen, die ihm bislang verborgen war. Er erkennt, dass es Klangfarben gibt, er entdeckt unmittelbar, dass der Klang des Instrumentes sich mit Emotionen und Erinnerungen verknüpfen lässt. Er weiß sofort, dass er auch den Beruf des Klavierstimmers ergreifen muss – eine ungewöhnliche Wahl für einen Jungen aus den Bergen.

Er besucht also zwei Jahre lang die Fachschule für Klavierstimmer, bevor er in der Nähe seines Heimatdorfes bei dem berühmten Instrumentenhandel „Etŏ“ seine erste Anstellung findet. Tomura arbeitet dort als Kollege des von ihm über die Maße bewunderten Itadori.

Und nun geht er zusammen mit den anderen Klavierstimmern an die Arbeit. Es gilt, die Klaviere der Kundschaft so herzurichten, dass sie zufrieden ist. Doch schnell stellt sich heraus, dass es sehr viele Möglichkeiten gibt, ein Klavier „einzustellen“, es gibt keine absolute Wahrheit, keine Perfektion. Und während er arbeitet und die Instrumente in ihrer Seele zu erfassen versucht, nähert er sich seiner professionellen Grundhaltung an, die darin besteht, jedem Pianisten sein Instrument so herzurichten, dass es das Beste aus seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen präsentieren kann.

Unter den vielen unterschiedlichen Erlebnissen in der Kundschaft beeindruckt Tomura sein erster Hausbesuch nachhaltig, der bei den Zwillingen Yuni und Kazune, die beide ausgezeichnet spielen und seinen Ehrgeiz schüren, das „perfekte Klavier“ bereitzustellen, damit die Mädchen damit glänzen können.

Ein wunderschönes Buch über Musik, über Menschen, über Emotionen, geschrieben in einer zurückhaltend poetischen Sprache. Tomuras Entwicklung in diesem Roman ist eindringlich und sehr empathisch dargestellt, eine Geschichte vom Streben nach Perfektion, der Gewissheit, dass es diese nicht geben kann und dem daraus resultierenden Kompromiss, stets das Beste zu geben.

Der Klang der Wälder“ wurde mit dem renommierten japanischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet und bereits 2018 verfilmt.

 


Verlag: dtv
ISBN: 9783423282734
Preis: 22,00 €
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Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Alena Schröder, Rezension von Daniela Maifrini

 

Evelyn ist eine 95jährige Dame, die spitzzüngig und zurückgezogen in einer edlen Berliner Seniorenresidenz wohnt. Nur ihre Enkelin Hannah besucht sie jeden Dienstag pflichtschuldigst, mehr Familie gibt es nicht, da Evelyns Tochter (Hannahs Mutter) zehn Jahre zuvor einem Krebsleiden erlegen war. Oma und Enkelin haben ein nicht wirklich harmonisches Verhältnis zueinander, sie wissen fast nichts voneinander. Das liegt daran, dass Hannah sich nach dem Tod ihrer Mutter sehr in sich selbst zurückgezogen hat und dass Evelyn sowieso ein eher verschlossener Mensch ist.

Bei einem Besuch entdeckt Hannah in der Fernsehzeitung einen Brief von einer Anwaltskanzlei aus Israel. Als sie Evelyn danach fragt, gibt sie keine richtige Antwort und sagt ihrer Enkelin, sie könne mit dem Brief machen, was sie wolle, er interessiere sie nicht. Es stellt sich heraus, dass die Kanzlei in einem Fall von Rückerstattung von Beutekunst aus dem Dritten Reich auf Evelyn gestoßen ist. Sie sei die letzte lebende Angehörige des 1942 ermordeten Berliner Kunsthändlers Itzig Goldmann und die Kanzlei sei auf der Suche nach Kunstwerken, die ihm bei der Enteignung abgenommen wurden. Hannah ist verwirrt, denn den Namen Itzig Goldmann hat sie noch nie gehört, sie kann sich den Zusammenhang nicht erklären. Halbherzig beginnt sie, sich in ihre Familiengeschichte einzuarbeiten. Hierbei sucht sie die Hilfe ihres unnahbaren Geliebten und Doktorvaters Andreas, der sie jedoch mit Jörg abspeist, der sie als Rechercheur unterstützen soll, und der sie mit seinem penetranten Interesse für alles, was die NS-Zeit und vor allem die jüdische Geschichte betrifft, fürchterlich nervt. Hannah weiß noch nicht, dass das auch Teil der Geschichte ihrer Familie ist. Nach einiger Zeit stellt sich heraus, dass sich die Suche eigentlich nur noch auf ein einziges Bild aus dem Goldmann-Besitz beschränken kann, da alle anderen nicht klar zugeordnet werden können. Es geht um ein Bild von Vermeer, dessen Titel unbekannt ist, das aber folgendes Motiv zeigt: Junge Frau, am Fenster stehen, Abendlicht, blaues Kleid…

1922 fängt die zweite Erzählebene an, die uns diese Familiengeschichte erzählt. Hannahs Urgroßmutter Senta ist mit ihrem Verlobten, dem Luftwaffenheld Ulrich, verlobt und schwanger. Das Kind, Evelyn, ist ein Unfall, Ulrich jedoch ein Ehrenmann, der sie heiraten wird. Es stellt sich im Laufe der Ehe heraus, dass Senta nicht glücklich ist, sie kann mit dem Kind nichts anfangen, der Haushalt geht ihr nicht von der Hand, sie fühlt sich minderwertig. Die Ehe scheitert und ihre Tochter Evelyn bleibt bei der Schwester ihres Mannes, Trude, die sich sehr aufopferungsvoll um ihre Nichte kümmert und mit ihr nach Güstrow aufs Land zieht. Ulrich kommt kurz darauf bei einem Autounfall ums Leben. Nun gibt es nur noch Trude und Evelyn – und irgendwo in Berlin auch Senta. Sie findet im Lauf der folgenden Jahre ihr Glück als recht erfolgreiche Mitarbeiterin einer Zeitung, wo sie auch Julius Goldmann kennen und lieben lernt. Die beiden sind sehr glücklich miteinander und irgendwann sucht Senta auch wieder den Kontakt zu ihrer Tochter Evelyn, was sich als sehr schwierig darstellt, da sie sich noch immer nicht richtig als Mutter fühlt. Die Jahre gehen ins Land und die Situation in Deutschland wird für die Goldmanns kompliziert und gefährlich, während Trude als Ortsgruppenleiterin in Güstrow zum ersten Mal eine respektierte Person ist und immer mehr im nationalsozialistischen Gedankensumpf versinkt.

Wieder eine Familiengeschichte, die die Zeit des Nationalsozialismus aufnimmt! Aber diese hier ist etwas anders. Sie schildert die weit zurückliegenden Ereignisse sehr anschaulich und mitreißend, mit einprägsamen Personen, die in einer furchtbaren Zeit um ihre Unversehrtheit oder sogar ihr Leben kämpfen müssen. Die Erzählebene mit Hannah als Hauptfigur ist jedoch trotz aller Dramatik „leichter“, teilweise sogar richtig schnodderig geschrieben, so wie eben eine junge Frau im heutigen Berlin ihr Leben lebt und zu sich selber finden muss. Die Sprünge zwischen den beiden Zeitebenen machen den Roman spannend, man wird sofort eingesogen in beide Geschichten. Alena Schröder liefert mit ihrem Debüt sehr gute, anrührende und spannende Unterhaltung zum Beispiel für Leserinnen von Dörte Hansen oder Carmen Korn.

 


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-8153-6
Preis: 20,00 €
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Der große Sommer

Ewald Arenz, Rezension von Kathrin Allkemper

Friedrich, genannt Frieder, ist 16 Jahre alt, als er einen Sommer erlebt, der sein Leben verändert. Während um ihn herum sowohl seine Familie als auch die Freunde in die Ferien fahren, wird er zu seinen Großeltern abkommandiert, um da ungestört für die Nachprüfungen zu lernen. Da sein Großvater, ein sehr gebildeter Professor, eher streng ist, freut sich Frieder natürlich überhaupt nicht auf diese sechs Wochen. Doch es wird so Einiges passieren, das nicht nur die Beziehung zu seinem Opa, sondern auch das Wissen über die eigene Familie sehr bereichert.

Wenn Frieder nicht gerade lernt oder sich im Institut bei seinem Großvater ein Taschengeld verdient, hängt er mit seiner Schwester und seinem besten Freund Johann ab. Die drei sind ein eingeschworenes Trio. Um der Hitze des Sommers zu trotzen, gehen sie oft ins Schwimmbad, wo Frieder das Mädchen Beate kennenlernt und sich sofort verliebt.

Aber während Frieder die erste Liebe mit all ihren Facetten erlebt, verändert sich Johann nach einem Schicksalsschlag in der Familie so sehr, dass die Freundschaft auf eine harte Probe gestellt wird.

Eine ganz wunderbar erzählte Geschichte um einen jungen Mann, der in diesem Sommer die erste Erfahrung mit der Liebe, mit dem Tod und der wahren Bedeutung von Familie und Freundschaft macht.

Schon der Vorgänger "Alte Sorten" hat viele Leser begeistert und ich bin mir sicher, dass Ihnen der neue Roman ebenso gut gefällt.


Verlag: Atlantik
ISBN: 9783455009866
Preis: 16,00 €
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Pinguine bringen Glück

Lorraine Fouchet, Rezension von Julia Jahns

Der 15jährige Dom lebt zusammen mit seinem Vater Yrieix in einer Wohnung eines Pariser Hauses, in dem alle Bewohner einer bretonischen Familie angehören. Seine Mutter Claire hat die beiden vor Jahren verlassen. Eines Tages stirbt Doms Vater in seinem Schlafzimmer an einem Herzinfarkt, während Dom nebenan an seinem Computer sitzt. Doch Yrieix war nicht allein, eine unbekannte blonde Frau hat den Notruf gesendet und ist dann spurlos verschwunden. Dom muss nun nicht nur mit seiner Trauer fertig werden, sondern steht auch noch vor einem Rätsel. Wer ist die Frau, die sein Vater heimlich liebte und die wohl indirekt für seinen Tod verantwortlich ist? Nach dem Wunsch seines Vaters wird Doms Onkel Gaston, der ebenfalls im Haus lebt, sein Vormund. Probleme macht seine Tante Desir, die es auf das Erbe und die Wohnung ihres verstorbenen Bruders abgesehen hat. Eines Tages erhält Dom einen Kondolenzbrief aus Argentinien, der ihm Hinweise darauf liefert, dass er eine ältere Schwester namens Oriana hat, über die seine Eltern nie gesprochen haben. Er fühlt sich von allen verraten und flüchtet in die Bretagne, wo seine Familie ursprünglich herkommt und sucht nach Antworten ...

Sehr berührender Roman über Familiengeheimnisse, unerfüllte Sehnsüchte und den Zusammenhalt.

 


Verlag: Blumenbar
ISBN: 978-3-351-05089-4
Preis: 15,00 €
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Das Baby ist meins

Oyinkan Braithwaite, Rezension von Kathrin Allkemper

Bambi ist 29 Jahre alt und seine Freundin hat ihn gerade vor die Tür gesetzt, weil er sie betrogen hat. Es herrscht aufgrund von Corona ein strenger Lockdown in Nigeria, man darf sich nicht unnötig auf der Straße aufhalten. Er kann also nicht endlos im Auto herumfahren oder womöglich irgendwo draußen schlafen, obwohl es wahrlich heiß genug wäre. Da fällt ihm ein, dass er in dem Haus seines verstorbenen Onkels unterkommen könnte. Dieser war sehr wohlhabend, es ist Platz genug und Bambi weiß, unter welcher Fußmatte der Haustürschlüssel liegt. Als er das Haus betritt, erlebt er eine Überraschung. Neben seiner Tante wohnt dort scheinbar noch eine junge Frau, die Bambi als die Geliebte des Onkels wiedererkennt. Außerdem hört er ein Baby schreien. Es stellt sich heraus, dass die beiden Frauen zum einen unfreiwillig aufgrund des Lockdowns dort zusammenhocken und zum anderen einen völlig irren Streit austragen, wem das Baby gehört. Jede hat eine für Bambi zunächst schlüssige Theorie, aber schon bald weiß er nicht mehr, wem er glauben soll und vor allem wird ihm immer unheimlicher, mit welchen Methoden die beiden um dieses kleine Kind kämpfen. Und so beschließt dieser Mann, der bis dato mit Kindern rein gar nicht zu tun hatte, sich um das Baby zu kümmern. Eine wirklich unterhaltsame, kurzweilige kleine Geschichte.


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07148-1
Preis: 24,00 €
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Hard Land

Benedict Wells, Rezension von Tanja Tenberg

Grady, irgendwo in Missouri im Sommer 1985. Sam soll die Ferien bei seinen nervigen Cousins verbringen. Um dem zu entkommen, nimmt er spontan einen Job im örtlichen Kino an. Seine Eltern sind froh, das Sam unter die Leute kommt, er ist ein Einzelgänger.

Seine Mutter hat eine kleine Buchhandlung im Einkaufscenter der Stadt, ist aber schon länger an Krebs erkrankt, mit 30 prozentiger Genesungswahrscheinlichkeit. Sein Vater, ein schweigsamer Typ, hat gerade seinen Job in der örtlich geschlossenen Fabrik verloren.

Im Kino lernt Sam Cameron, Hightower und Kristie, die Tochter des Kinobesitzers kennen. Langsam taut er auf, lernt diese drei jungen Menschen besser kennen. Und während zu Hause seine Mutter öfters krankheitsbedingt ausfällt, schafft er es, sich zu öffnen und endlich Freunde zu finden. Es soll Sams Sommer werden, bevor seine drei älteren Freunde am Ende des Sommers Grady verlassen werden, um auf die Universität zu gehen. An seinem 16. Geburtstag verpasst er die Verabredung mit seinen Eltern im Restaurant, verbringt den Tag feiernd mit seinen Freunden. Als er am Morgen müde heim läuft, sieht er von weitem schon die blinkenden Lichter des Rettungswagens. Sam kommt zu spät, seine Mutter ist in der Nacht eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Er gibt sich die Schuld, weil er mit seinen Freunden gefeiert hat, statt den Abend mit seinen Eltern zu verbringen, verkriecht sich, redet mit niemanden, lässt niemanden an sich heran . Zur Beerdigung kommt seine große Schwester Jean heim, mittlerweile erfolgreiche Drehbuchautorin in Hollywood. In seiner Familie kämpft jeder auf seine Art mit dem Verlust.

Als im Herbst seine Freunde die Stadt verlassen haben, das Kino schließt und der alteingesessene Diner im Dorf dicht macht, muss der sechzehnjährige Sam sehen, wo er bleibt. Der Theaterkurs der Schule, seine Gitarre und sein langsam sich öffnender Vater helfen Sam durch die schwierige Zeit. Mit Kristie, in die er die ganze Zeit verliebt ist, schreibt er Briefe, sie ist in New York. Er hofft, dass sie im Sommer 1986 endlich mal wieder in ihre alte Heimat zurückkommt.

Eine Geschichte über die 80er, das Erwachsenwerden, amerikanische Kleinstädte, Freundschaften und das Leben. Mehr wird nicht verraten. Lesen Sie selber.

Benedict Wells lebt mittlerweile in Berlin und Bayern. Es ist der fünfte Roman des 1984 in München geborenen Autors, der bekannt wurde mit seinem vierten Roman „Vom Ende der Einsamkeit“.

 


Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7857-2731-7
Preis: 22,00 €
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Die vier Gezeiten

Anne Prettin, Rezension von Kathrin Allkemper

Juist 2008. Dem Bürgermeister der Insel, Eduard Kießling, soll das Bundesverdienstkreuz verliehen werden. Das gefällt dem selbstverliebten Patriarchen und natürlich soll seine gesamte Familie dabei sein und ihm ein großes Fest im familieneigenen Hotel bescheren. Seine Frau Adda und die drei erwachsenen Töchter sind gerade mit den Vorbereitungen beschäftigt, als eine junge Frau namens Helen aus Neuseeland auftaucht und behauptet, ebenfalls zur Familie zu gehören. Diese Aussage ruft ganz unterschiedliche Reaktionen hervor. Während Eduard in Wut gerät, weil sie mit dieser unruhestiftenden Behauptung ausgerechnet zu diesem großen Event nach Juist gekommen ist, gerät Adda ins Grübeln, ob eine ihrer Töchter ihr all die Jahre eine Mutterschaft verschwiegen hat. Der Vorfall holt Dinge aus der Vergangenheit zurück, die sie eigentlich ganz tief in sich verschlossen hatte.

Die vier Gezeiten, so hat sie ihre Töchter immer genannt. Es gab nämlich noch eine weitere Tochter, Wanda, die vor 30 Jahren im Watt verschwand, obwohl sie sich dort besser auskannte als jeder andere. Was hat sie damals ins den Tod getrieben?

Auch bei Großmutter Johanne löst das Auftauchen von Helen etwas aus und in den wenigen lichten Momenten der dementen Frau, erzählt sie Adda von früher und lüftet zumindest ein paar der zahlreichen Familiengeheimnisse…

Ein gut erzählter Familienroman, der auf verschiedenen Zeitebenen spielt und sich sehr flüssig weglesen lässt.


Verlag: HarperCollins
ISBN: 9783959675574
Preis: 22,00 €
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Die Schwimmerin

Gina Mayer, Rezension von Annette Kubiak

Essen 1962: Betty ist frisch mit Martin verheiratet und die beiden beziehen ihre modern eingerichtete Wohnung. Martin hat einen gut bezahlten Arbeitsplatz bei Krupp und Betty gibt als Ehefrau ganz selbstverständlich ihre Arbeit in einer Bäckerei auf. Sie verbringt ihre Zeit mit Hausarbeit, Kochen und wann immer es sich einrichten lässt, geht sie ins Schwimmbad um ihre Bahnen zu ziehen. Das Schwimmen gibt ihr Halt und erdet sie. Im Hallenbad trifft sie auf ein junges Mädchen, dass ihr vertraut vorkommt und gleichzeitig ihr Glück zu bedrohen scheint...

Betty muss sich den Schatten ihrer Vergangenheit stellen: der Zeit als Schülerin in Düsseldorf, bevor ihr Vater im Krieg fiel und die Wohnung ausgebomt wurde, als Flüchtlingsmädchen im schwäbischen Weilerbach, wo sie von einer Pfarrersfamilie unter ihre Fittiche genommen wird und wo sie ihre erste große Liebe erlebt...

Eine spannend geschriebene Lebens- und Liebesgeschichte einer starken Frau und eine faszinierende Zeitreise in die Nachkriegszeit inklusive Lokalkolorit!

 

 


Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42983-9
Preis: 23,00 €
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Big Sky Country

Callan Wink, Rezension von Kathrin Allkemper

August wächst auf einer Farm in Michigan auf. Schon früh muss er auf dem Hof mithelfen und sich mit dem harten Farmleben auseinandersetzen. Als sein Vater eine junge Frau einstellt, die ihm bei den Milchkühen helfen soll, ist das der Beginn vom Ende der Ehe von Augusts Eltern. Schon bald zieht seine Mutter in das alte Farmhaus am Rande des Grundstücks, während sein Vater es sich mit der Farmgehilfin im Haupthaus gemütlich macht. August steht permanent zwischen den Stühlen, bis ihm seine Mutter irgendwann die Entscheidung abnimmt und mit ihm nach Montana zieht.
Neben der Schule bzw. auch nach seinem Abschluss, jobbt er immer wieder auf verschiedenen Farmen und zieht diese ehrliche Arbeit nach wie vor einem Studium vor. Er knüpft Freundschaften, mal die richtigen, mal die falschen und er verliebt sich zum ersten Mal, leider unglücklich in die falsche Frau. Sein Verhältnis zu Frauen scheint immer schwierig zu sein und auch der Spagat zwischen seinen Eltern, denen er beiden gerecht werden will, dauert fortwährend an. Doch August geht seinen eigenen Weg und bleibt sich und der rauen Schönheit Montanas treu.
Ein wirklich gut erzählter Bildungsroman um den Farmersjungen August, der von der Wildheit und Weite Montanas genauso beeindruckt ist wie der Leser dieses Buches!


Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-10645-6
Preis: 11,00 €
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Der Platz im Leben

Anna Quindlen, Rezension von Jutta Pollmann

25 Jahre glücklich verheiratet, zwei erwachsene Kinder, die bald ins Berufsleben eintreten, einen Job im Museum, der sie ausfüllt, ein Haus in einer kleinen Straße in der Upper West Side in Manhattan, Nora Nolan kann sich rundum glücklich schätzen.

Die Nachbarn haben sich im Laufe der Jahre zu Freunden entwickelt, man lädt sich zu gemeinsamen Grillabenden ein (natürlich nur die Eigentümer untereinander, nicht die Mieter!), verbringt Weihnachten zusammen.

Doch dann passiert etwas, was niemand für möglich gehalten hat: ihr hispanischer Handwerker wird zusammen geschlagen, der Täter, ein befreundeter Nachbar. Und plötzlich ist alles anders. Man sieht sich mit anderen Augen, man lebt nicht mehr miteinander und nebeneinander, sondern beobachtet jedes Tun des anderen und muss sich entscheiden, auf welcher Seite man steht. Da gehen Gräben auf und selbst der eigene Mann ist Nora plötzlich fremd geworden.

 

Anna Quindlen malt nicht nur ein Sittengemälde der „besseren“ Gesellschaft New Yorks, sondern zeigt uns auch eine starke Frau, die den Mut und die Kraft besitzt, noch einmal von vorn zu beginnen.

 

Jetzt als Taschenbuch erschienen.

 


Verlag: DTV
ISBN: 978-3-423-21838-2
Preis: 10,95 €
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Der Faden der Vergangenheit

Felicity Whitmore, Rezension von Julia Jahns

Die Staatsanwältin Melody ist verheiratet und hat zwei Töchter. Als sie beruflich nach Stockmill versetzt wird und dort unter der Woche arbeiten soll, während ihre Familie in London bleibt, bezieht sie Quartier in Abigail's Place, einer alten Villa, die sie geerbt hat. Das baufällige Gebäude befindet sich auf dem Gelände einer Baumwollfabrik, die einst im Besitz ihrer Familie war. Um die Villa und Melodys Vorfahrin Abigal rankt sich eine düstere Geschichte, der Melody auf den Grund gehen möchte. Unterstützung erhält sie dabei von dem attraktiven Detective Inspector Daniel.

Stockmill, 1838: Lady Abigail kehrt von einer Reise zurück und trifft in der Nähe ihres Herrenhauses auf eine völlig verwahrloste und unterernährte Frau samt Kind. Sie erfährt, dass diese eine Arbeiterin in der Baumwollfabrik ihres Mannes ist und dass die Lebens- und Arbeitsbedingungen dort katastrophal sind. Als sie ihren Mann zu Rede stellen möchte, der ebenfalls verreist war, ist sie entsetzt. Dieser zeigt deutliche Anzeichen von Verwirrung und Geistesabwesenheit und ist nicht mehr in der Lage, sich um die Fabrik zu kümmern. Mithilfe des Angestellten Oliver setzt sie alles daran, den Zustand ihres Mannes vor der Öffentlichkeit zu verbergen und gleichzeitig die Umstände für ihre Arbeiter zu verbessern. Doch ihr Schwager ahnt bereits, dass Abigail etwas zu verbergen hat ...

Spannender Auftakt einer Trilogie für die Leser von Lucinda Riley mit einer charmanten Hauptperson und einem dunklen Familiengeheimnis.


Verlag: Insel
ISBN: 978-3-458-68127-4
Preis: 11,00 €
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Das Einmaleins des Glücks

Katherine Collette, Rezension von Julia Jahns

Germaine ist Anfang 30, Mathematikerin und besessen von Sudoku. Sie ist Einzelgängerin und hat zu ihrer Mutter, einer Aktivistin für Tierschutz, ein eher schwieriges Verhältnis. Als sie ihren Job bei einer Versicherung verliert, bekommt sie durch die Initiative ihrer Cousine eine Stelle bei der Stadtverwaltung. Dort soll sie Senioren am Telefon beraten. Zunächst scheint dieser Job für Germaine, die weder Geduld noch Feingefühl hat, völlig ungeeignet zu sein, doch dann tritt die Bürgermeisterin mit einer besonderen Aufgabe an sie heran. Sie soll ihr bei einem Problem helfen. In der Vergangenheit gab es wiederholt Stress mit dem örtlichen Seniorenzentrum, das an einen Golfclub grenzt und den Parkplatz nicht an diesen abtreten will. Die Aussicht auf eine Beförderung treibt die analytische Germaine zu Höchstleistungen an. Sie sieht das Problem in der Vorsitzenden des Seniorenzentrums – Celia - und überlegt sich einen Plan, wie man diese loswerden könnte. Bei ihren Recherchen lernt sie Don, den Besitzer des Golfclubs, kennen und erkennt ihn ihm das Idol ihrer Jugend, den Sudoku-Profi Alan, wieder, in den sie immer sehr verliebt war. Und sie lernt die Mitglieder des Seniorenzentrums und auch Celia näher kennen und knüpft neue Kontakte zu ihrem Arbeitskollegen Jack und zu ihrer Nachbarin Jin-Jin.

Als durch Germaines Einsatz nicht nur Celia ihren Posten verliert, sondern plötzlich der Verkauf des Seniorenzentrums an den Golfclub bevorsteht, setzt bei Germaine ein Umdenken ein, wer ihre wirklichen Freunde sind ...

Charmante und witzige Entwicklungsgeschichte mit einer hinreißenden Hauptperson für die Leser von "Das Rosie-Projekt".


Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-596-70029-5
Preis: 10,00 €
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Das Glück in vollen Zügen

Lisa Kirsch, Rezension von Julia Jahns

Marie, Anfang 30, lebt mit ihrer hochschwangeren Hündin Dexter in einem kleinen Bauwagen auf dem Grundstück ihrer Mutter am Ammersee. Täglich pendelt sie mit dem Zug nach München, wo sie als Designerin für Küchenmaschinen arbeitet. Fast immer sieht sie im Zug den gleichaltrigen Johannes, der bei BMW arbeitet und während der Fahrt immer telefoniert. Beide haben quasi ein Auge aufeinander geworfen, trauen sich aber nicht, sich anzusprechen. Johannes ist von der lebenslustigen Marie fasziniert, die während der Fahrt immer ihre legere Kleidung gegen den Businesslook wechselt. Sie wiederum findet ihn ebenfalls attraktiv, hält ihn aber für einen oberflächlichen Geschäftsmann. Sie ahnt nicht, dass er privat viele Probleme hat, weil er mit seinem Vater zusammenlebt, der allmählich dement wird und deswegen unbeaufsichtigt viel Chaos verursacht. Marie wiederum sorgt sich um ihre Mutter, die scheinbar auf einen Heiratsschwindler hereingefallen ist. Für die Liebe haben beide keine Zeit – oder etwa doch?

Witzige, federleichte Liebesgeschichte mit Tiefgang und viel Situationskomik


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05915-2
Preis: 22,00 €
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Unheimlich nah

Johann Scheerer, Rezension von Kathrin Allkemper

Der Name Johann Scheerer hat mir nicht sofort etwas gesagt, der Name seines Vaters schon: Jan Philipp Reemtsma ist wohl den meisten Menschen ein Begriff.

Als Johann 13 Jahre alt ist, wird sein Vater entführt, wochenlang festgehalten und nach zunächst einigen verunglückten Lösegeldübergaben schließlich doch gegen eine Zahlung von 30 Millionen D-Mark freigelassen.

In diesem Roman erzählt Johann Scheerer von dem Leben in den Jahren danach. Er beschreibt kurzweilig und spannend, wie es war, mit 14 Jahren auf Schritt und Tritt bewacht zu werden. Aus Angst vor einer weiteren Entführung hatte die Familie Reemtsma den 24-Stunden-Personenschutz. So konnte der junge Johann weder spontan zu irgendwelchen Treffen mit seinen Freunden noch einfach so bei der ersten Freundin übernachten, ohne dass einer der Sicherheitsleute vor der Tür gewartet hat. Er muss selbst so peinliche Situationen überstehen, in denen ihm einer seiner Beschützer ein Kondom zuspielt, "für den Fall, dass heute was geht mit der Süßen". Nichts bleibt verborgen.

Wie ist es, wenn man in einem Alter, in dem man vom Kind zum Erwachsenen heranreift, keine Geheimnisse hüten kann, keine Freiheiten hat, Spontanität verboten ist und man sich zwischen dem Gefühl, beschützt zu werden und eingesperrt zu sein, nicht entscheiden kann? Das erzählt Johann Scheerer in diesem Coming-of-Age-Roman, den ich an einem Tag gelesen habe.

 


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-6540-6
Preis: 15,00 €
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Das verborgene Zimmer

Kate Riordan, Rezension von Julia Jahns

Sommer 1993:

Die Französin Sylvie lebt mit ihrer 13jährigen Tochter Emma in London. Als sie einen Anruf erhält, dass es auf dem Anwesen ihrer Familie in der Provence gebrannt hat, muss sie sich wieder mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Als junge Frau lernte sie ihren Mann Greg, einen Engländer, kennen und zog mit ihm in ihr Elternhaus "La Reverie". Als sie einen Tochter bekamen, Elodie, schien das Glück perfekt zu sein. Doch dann passierte etwas, dass bis Sylvie bis heute traumatisiert und sie dazu brachte, ihr Heimatland zu verlassen.

Nach dem Brand hat sie nun keine Wahl und muss sich den Schaden vor Ort ansehen. Da ihre Tochter Emma nicht bei ihrem Vater, der mittlerweile wieder geheiratet und eine neue Familie gegründet hat, bleiben kann, muss sie diese wohl oder übel mitnehmen. Emma, die ihre ersten vier Lebensjahr auf "La Reverie" verbracht hat, versteht nicht, warum ihre Eltern das zauberhafte Anwesen mit Pool verlassen haben. Sie kann sich an ihre eigene Zeit dort kaum erinnern, sie weiß nur, dass es irgendwas mit ihrer verstorbenen älteren Schwester Elodie zu tun hat, über die Sylvie und Greg nicht sprechen möchten.

Vor Ort steht schnell fest, dass der Brandschaden nicht allzu groß ist. Sylvie möchte das Anwesen, das sie zusammen mit ihrer Schwester geerbt hat, möglichst schnell verkaufen, doch Emma überredet sie, dort den Urlaub zu verbringen. Sie löchert ihre Mutter weiterhin mit Fragen über Elodie und deren Kinderzimmer, das sie nicht betreten darf.

Sylvia beginnt sich, an die Ereignisse vor zehn Jahren wieder zu erinnern, die Zeit nach Elodies Geburt und die quälende Erkenntnis, dass mit ihrer Tochter irgendwas nicht stimmte. Zudem hat sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Wird ihre Vergangenheit sie nun endgültig einholen?

Nach dem Cover dachte ich, es hier mit einem Liebesroman mit dunklem Familiengeheimnis zu tun zu haben, die Geschichte entwickelt sich dann aber eher in Richtung Familiendrama und Krimi.  Sehr fesselnd beschrieben, aber nichts für schwache Nerven.


Verlag: Ullstein
ISBN: 9783550200465
Preis: 24,00 €
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Ada

Christian Berkel, Rezension von Karin Bucconi

Schon mit seinem ersten Roman "Der Apfelbaum" hat Christian Berkel bewiesen, dass er schreiben kann. Ging es in seinem Erstling um seine Familiengeschichte, steht dieses Mal  der Blick einer jungen Frau (Ada) auf die Generation ihrer Eltern und deren Verschweigen all dessen, was in der jüngsten Vergangenheit geschehen ist, im Mittelpunkt.

Ada, 1945 geboren, ist auf der Suche nach sich selbst, ihrer Familie und insbesondere ihrem Vater. Der Roman reicht bis in die 90er Jahre, der Schwerpunkt der Handlung liegt aber auf den 50er und 60er Jahren.

Kurz nach Adas Geburt emigriert ihre jüdische Mutter mit ihr nach Argentinien und kehrt erst neun Jahre später nach Berlin zurück. Ada war in Buenos Aires nie zuhause und ist es nun auch in Berlin nicht, das eine kalte graue Stadt ist, in der die jüngste Vergangenheit von den Menschen totgeschwiegen wird. Erschwerend kommt hinzu, dass sie der deutschen Sprache nicht mächtig ist.

Aber- endlich lernt sie ihren Vater Otto kennen, der hier als Arzt arbeitet. Die drei ziehen zusammen und versuchen, eine Familie zu werden. Nur fühlt sich Ada zu keiner Zeit so angenommen, wie ihr Bruder der bald geboren wird. Sie hat viele Fragen und erhält kaum befriedigenden Antworten. So lernt sie sehr früh, fast alles mit sich selbst auszumachen.

In dem Roman wird die Sprachlosigkeit der Nachkriegszeit besonders deutlich. Es geht um Identitätsfindung Adas und darum, sich ein Bild von der eigenen Vergangenheit und ihren jüdischen Wurzeln machen zu können.

Ada will verstehen.

Liebe, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Freiheit spielen eine große Rolle in diesem Buch, und Christian Berkel ist in der Lage, all die Gefühle und die Zerrissenheit eines Menschen in einer besonders schönen Sprache auszudrücken.


Verlag: Eisele
ISBN: 978-3-96161-096-9
Preis: 24,00 €
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Wenn du mich heute wieder fragen würdest

Mary Beth Keane, Rezension von Kathrin Allkemper

Francis Gleeson und Brian Stanhope absolvieren gemeinsam die Ausbildung auf der Polizeiakademie und treten als Frischlinge 1973 in der New Yorker Bronx ihren Streifendienst an. So erleben sie schnell eine ganze Menge brenzlige Situationen und der Wunsch nach einem sicheren Zuhause wird täglich größer. Da erfahren sie von Gillam, einer New Yorker Vorstadt, wo die Welt noch in Ordnung ist. Schöne Häuser, große Gärten, familienfreundlich. Nach der Hochzeit ziehen die Gleesons dorthin und während Francis einfach nur glücklich ist, leidet seine Frau Lena zunächst unter Einsamkeit, weil sie niemanden kennt. Doch dann ziehen die Stanhopes in das Haus nebenan und Lena hofft auf eine Freundschaft mit Brians Frau Anne. Diese ist allerdings nach einer Fehlgeburt psychisch labil, kühl, distanziert und verweigert den Kontakt.

Nach und nach bekommt Lena drei Kinder, alles Mädchen, und ihr Leben ist endlich ausgefüllt. Auch Anne bekommt ein Kind, einen Sohn, Peter. Über die Jahre entwickelt sich zwischen Peter und Lenas jüngster Tochter Kate eine innige Freundschaft, die im Teenageralter zu Liebe wird. Aufgrund ihres angespannten Verhältnisses, sind die Eltern der beiden davon überhaupt nicht begeistert und gerade Anne rastet mehrfach richtig aus.

Eines Tages kommt es zu einer Katastrophe, die die jungen Liebenden für Jahre auseinander bringen wird….

Super geschriebenes, fesselndes Familiendrama, das berührt und aufwühlt.


Verlag: S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397470-6
Preis: 22,00 €
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Zugvögel

Charlotte McConaghy, Rezension von Christina Heger

Charlotte McConaghy entwirft in ihrem Erstling ein dystopisches Weltbild einer nahen Zukunft und verknüpft dieses mit der abgründigen Geschichte einer jungen Frau auf einer abenteuerlichen, gefährlichen und kräftezehrenden Reise in die Antarktis und in ihre Vergangenheit. 

Franny ist eine Einzelgängerin mit einem dunklen Geheimnis, einer schweren Last, die sie offenbar schon ihr ganzes Leben mit sich trägt. Sie fühlt sich dem Meer und den Vögeln tief verbunden und als die Vögel zu verschwinden beginnen, begibt Franny sich auf eine Reise in die Antarktis, um die letzten Küstenseeschwalben zu finden. Doch die Reise an Bord eines der letzten Hochseefischerboote inmitten einer Crew aus verschrobenen Charakteren ist nicht nur eine Reise auf den Spuren der Vögel, sondern auch eine Reise auf den Spuren einer außergewöhnlichen Liebe und eine Reise zu sich selbst, zu ihrer dunklen Vergangenheit.

Eine ungewöhnlich erzählte, mitreißende und tief bewegende Geschichte, die einen nachdenklich zurücklässt und noch länger nachklingt. 


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-06240-4
Preis: 12,99 €
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Lehrerin einer neuen Zeit

Laura Baldini, Rezension von Jutta Pollmann

Als Maria Montessori Ende des 19. Jahrhunderts in Medizin promoviert, hat sie einen steinigen Weg hinter sich. Ihr Vater ist generell gegen dieses Studium gewesen, allein ihre Mutter hat sie in all den Jahren immer wieder unterstützt. Die Mitstudenten, allesamt männlich, oftmals faule, reiche Schnösel, hassen sie und machen ihr das Leben nicht selten zur Hölle. Allein Professor Bartolotti hält viel von der strebsamen und fleißigen Studentin und gibt ihr die Möglichkeit schon während des Studiums praktisch zu arbeiten. Die Assistenzstelle in der Psychiatrischen Klinik gibt Maria die Möglichkeit, für ihre Abschlussarbeit nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu arbeiten. Doch was Maria bei ihrem ersten Besuch in dieser Klinik zu sehen bekommt, schockiert sie. Menschen hinter Gittern, Stromschläge und Eiswasserbecken als Therapie, überall der Gestank von Urin und Erbrochenem. Selbst der Kindersaal, den ihr Professor Sciamanna als Neuheit und einzigartig in Italien vorstellt, erscheint ihr wie ein Grab. Kein fröhliches Kinderlachen, sondern Grabesstille: die Kinder sitzen alle auf ihren Betten, dürfen sich nicht bewegen, nicht spielen, nichts tun, denn sie sind schwachsinnig.

Doch hier beginnt Marias Arbeit: sie hat die Bücher diverser Pädagogen gelesen, weiß wie wichtig Ansprache und Förderung für das menschliche Hirn sind. Hier beginnt sie mit ihren Experimenten: lässt aus Holz diverse Formen herstellen, lässt die Kinder, spielen, b e g r e i f e n und erzielt schnell Erfolge bei der Entwicklung dieser „schwachsinnigen“ Kinder.

An ihrer Seite immer öfter ihr Kollege Dr. Giuseppe Montesano, der nicht nur ihre Arbeit unterstützt, sich auch in sie verliebt. Diese Liebe hält Maria allerdings geheim: sie will ihre Arbeit nicht aufgeben, weiter forschen, doch als verheiratete Frau hätte sie das im späten 19. Jahrhunderts in Italien nicht mehr tun dürfen.

Durch eine enge Freundin kommt sie mit der Frauenbewegung in Kontakt und als begnadete Rednerin, die es mit ihrer diplomatischen Art schafft, auch Männer zu überzeugen, spricht sie in London und Berlin und ist erstaunt, wie selbstständig hier Frauen schon unterwegs sind, ganz anders als in Italien.

Dann wird sie schwanger. Auch jetzt will sie Montesano nicht heiraten, sie entbindet in einem Kloster, ihren Sohn Mario gibt sie zu Pflegeeltern. Maria arbeitet weiter, studiert noch einmal Pädagogik und schreibt ihr erstes Buch „Il metodo“, in dem sie eine neue Pädagogik, die „Montessori-Methode“ beschreibt. Im römischen Armenviertel San Lorenzo leitet sie ein Kinderhaus nach dieser Methode. Und es gelingt ihr innerhalb kürzester Zeit, die Kinder der Arbeiter von der Straße zu holen und im Lesen, Rechnen und Schreiben zu unterrichten.In ihrem ganzen Leben hat sie sich für den respektvollen Umgang mit Kindern eingesetzt und ist immer von dem Grundgedanken ausgegangen, dass jedes Kind lernen will und kann, man ihm nur helfen muss: „Hilf mir, es selbst zu tun“, ist Marias Devise.

Als ihre Mutter 1912 stirbt, nimmt sie ihren Sohn zu sich und eröffnet ihm, dass sie nicht sein Tante, sondern seine Mutter ist. Mario begleitet Maria danach auf all ihren Reisen bis zu ihrem Tod 1952.

 

Laura Baldini alias Beate Maly hat eine Romanbiographie geschrieben, die sich wirklich flüssig lesen lässt und fesselt. Auch Leser, die vielleicht noch nie etwas von Maria Montessori gehört haben, werden die spannende Lebensgeschichte dieser faszinierenden Frau mit Begeisterung lesen.

 


Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-20613-1
Preis: 15,00 €
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Das war die schönste Zeit

Jane Sanderson, Rezension von Tanja Tenberg

1979, Sheffield:

Daniel Lawrence, 18 Jahre alt und Alison Connor, 16 Jahre alt, frisch verliebt, die erste große Liebe. Er aus gutem Hause, sie aus zerrütteten Familienverhältnissen, der Vater schon lange weg, die Mutter Alkoholikerin. Ali wird quasi von ihrem älteren Bruder großgezogen, er passt auf sie auf. Daniel versorgt seine große Liebe mit guter Musik, erstellt ihr seine Lieblingslieder als Mixtape auf Kassette zusammen.

Dann passiert etwas Schreckliches, und Alison verlässt Sheffield Hals über Kopf, kann sich nicht von Daniel verabschieden.

2013:

Ali, mittlerweile erfolgreiche Schriftstellerin, lebt in Adelaide, Australien, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Daniel lebt immer noch in England, ist verheiratet, Musikjournalist und hat einen erwachsenen Sohn. Eines Nachts schickt ihm ein Freund eine Mail mit dem Twitter Account von Alison, mit dem Hinweis: „ Kennst du noch Alison Connor? Guck mal, was die so treibt ... voll berühmt!“ Das erste Lebenszeichen seit über 30 Jahren bringt Daniel gedanklich wieder zurück in die alte, längst vergessene Zeit. Spontan schickt er Alison einen Link mit einem Musiktitel aus ihrer gemeinsamen Zeit, ganz ohne Worte. Sie antwortet ebenfalls mit Musik.

Werden die zwei sich wiedersehen? Mehr wird nicht verraten.

Eine wunderschöne Liebesgeschichte, gespickt mit viel Musik der siebziger und achtziger Jahre. Man wird hineingezogen in die Leben dieser zwei Erwachsenen abwechselnd mit ihrer gemeinsamen Jugendzeit.

Erinnern Sie sich an „Zwei an einem Tag“ von David Nicholls? Dieses Buch hatte ich beim Lesen manchmal gedanklich im Hinterkopf.  Ein Schmöker, den man nicht aus der Hand legt. Die Musik kann man übrigens passend zum Buch bei Spotify anhören.

Dringende Empfehlung.


Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5825-5
Preis: 22,00 €
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Ein Wochenende

Charlotte Wood, Rezension von Annette Kubiak

Ein letzter Freundschaftsdienst für Sylvie: Nach ihrem Tod treffen sich ihre Freundinnen über die Weihnachtsfeiertage, um ihr altes Strandhaus an der australischen Küste auszuräumen, damit es verkauft werden kann. 

Dort prallen die äußerst unterschiedlichen Lebensgeschichten und -entwürfe der drei Frauen aufeinander:

Jude, ehemalige Gastronomin, sehr strukturiert, leitet die Aufräumarbeiten und plant, die Tage nach Weihnachten mit ihrem langjährigen, verheirateten Geliebten in dem Haus zu verbringen. Adele, die früher erfolgreiche und berühmte Schauspielerin, wurde gerade von ihrer Lebensgefährtin verlassen und weiß nicht, wo sie nach den Feiertagen wohnen und wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten soll. Und dann ist da noch die verwitwete Wissenschaftsautorin Wendy, die ihren hochbetagten Hund im Schlepptau hat, den sie einst von Sylvie geschenkt bekam und an dem sie deshalb besonders hängt. 

Diese drei Frauen, alle über 70, entdecken sich und das Wesen ihrer Freundschaft neu. 

Ein wunderbares Buch!

"Ein Roman über die Geometrie von Freundschaft."   The Guardian


Verlag: CH.Beck
ISBN: 978-3-406-75535-4
Preis: 24,00 €
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Cloris

Rye Curtis, Rezension von Kathrin Allkemper

Das Ehepaar Waldrip ist seit 45 Jahren verheiratet. Als kleine Überraschung für seine Frau Cloris bucht Mr.Waldrip einen Rundflug über den Bitterroot National Forest in Montana. Geflogen wird die kleine Cessna von Terry, einem jungen Mann, der gerade frisch verheiratet ist. Die drei genießen die wunderbare Landschaft, als die Maschine plötzlich einen Ruck macht, ins Trudeln kommt und kurze Zeit später über der Wildnis Montanas abstürzt. Nur Cloris überlebt wie durch ein Wunder mehr oder weniger unverletzt. Auf der Suche nach Hilfe macht sich die 72jährige Frau auf den Weg durch die Wälder und gerät schnell an ihre Grenzen. Von Zivilisation keine Spur, aber scheinbar ist sie dennoch nicht alleine dort draußen….

In einem anderen Teil dieser Wildnis lebt Rangerin Debra Lewis. Seit der Scheidung von ihrem Mann hilft sie sich mit Merlot durch den Tag. Als sie die Meldung vom Flugzeugabsturz erhält, erwachen ihre Lebensgeister neu. Während die anderen nach dem Fund des Wracks und der beiden Männerleichen schnell davon ausgehen, dass auch Cloris das nicht überlebt haben kann und ihre Leiche einfach von Tieren verschleppt oder gefressen wurde, hält Lewis an der Suche nach der Frau fest. Ein spannender Wettlauf mit der Zeit beginnt….

Ein richtig gut geschriebener Abenteuerroman über zwei ungewöhnliche Frauen, die beide auf ihre Art ums Überleben kämpfen.


Verlag: Blumenbar
ISBN: 9783351050771
Preis: 20,00 €
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Du wirst mein Herz verwüsten

Morgane Ortin, Rezension von Karin Bucconi

"Dieser Roman macht Lust, zu lieben." 

Die Zeitschrift "Le Monde" über den Roman...

Ein Buch geschrieben in Textnachrichten. Nicht das erste, aber ein besonders schönes.

Zwei Menschen,  lernen sich kennen, verlieben, ärgern, verletzen sich,  berühren einander endlich und lieben sich noch mehr.

Der Roman erzählt von der unverhofften Begegnung zweier Menschen, die sowohl Rauschmomente und Glück erleben als auch Traurigkeit und Zweifel.

Die Leserin/der Leser verfolgt eine sehr moderne Liebesbeziehung, aber eben digital. Die Mails und SMS sind zum Teil so wunderschön geschrieben, dass man sich wünscht, man hätte sie selber bekommen.

Morgane Ortin sammelt seit langem über ihr Instagram-Portal mit dem Einverständnis der Nutzer WhatsApp-Unterhaltungen und veröfffentlicht sie anonym auf ihrer Instagramseite. 278 hat sie ausgesucht und mit ihnen eine Liebesgeschichte erzählt. 

Eine intensive Lektüre. Die Nachrichten sind poetisch und berührend: 

Ein Loblied auf die Liebe.

Unbedingt empfehlenswert.

 


Verlag: Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0042-9
Preis: 20,00 €
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Marianengraben

Jasmin Schreiber, Rezension von Christina Heger

Die Biologiestudentin Paula leidet seit dem tragischen Unfalltod ihres kleinen Bruders Timan Depressionen. Sie ist unfähig um ihren Bruder zu trauern, zu weinen und einen Weg aus der Tiefe der Depression zu finden. Sie sieht sich nicht einmal in der Lage, das Grab desBruders zu besuchen, weil sie mit ihrer Trauer allein sein und niemandem begegnen möchte. Aus diesem Grund rät ihr Therapeut ihr, den Friedhof dann aufzusuchen, wenn sich dort sonst niemand aufhält. Und wann ist dies der Fall? Nachts.Paula startet also eine abenteuerliche Expedition auf den nächtlichen Friedhof und begegnet dort dem schrulligen Rentner Helmut, der gerade dabei ist, eine Urne auszugraben...Diese absurde Situation ist der Beginn der gemeinsamen Reise zweier komplett verschiedener Menschen, die eins verbindet: Der Verlust eines geliebten Menschen und der Versuch mit dem daraus resultierenden Schmerz umzugehen.Helmut und Paula machen sich auf eine schmerzliche, erkenntnisreiche und tröstliche Reise und die beiden grundverschiedenen Charaktere freunden sich auf eine bewegende und zutiefst rührende Weise an.Die Geschichte wird aus der Perspektive von Paula erzählt, die ihrem Bruder von ihrem Umgang mit der Trauer, ihren Erinnerungen an ihn und der verrückten Reise mit Helmut erzählt. Tim und Paula teilten die Faszination für Biologie und das Meer, weshalb Paula ihre Depression mit dem Marianengraben, der tiefsten Stelle des Meeres, vergleicht und jedes Kapitel mit Kilometerangaben versehen ist: “...Auch mir war das mit den elftausend Metern eigentlich zu abstrakt. Erst als ich selbst dort ankam, also ganz unten in der Dunkelheit...bekamen diese elf Kilometer und all diese Ziffern und Größenangaben eine greifbare Qualität für mich - elftausend Meter unter Wasser sind gleichbedeutend mit einem Meter neunzig unter der Erde, der Tiefe deines Grabes.”Das Buch ist eine wundervolle Geschichte über Trauer, Depression und den Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen aber auch über die Rückkehr des Lebenswillens. Die Erzählweise ist sehr persönlich und berührend, dabei aber durchaus auch komisch und unterhaltend ohne albern oder unpassend zu sein. Es gelingt Jasmin Schreiber, dem Thema die Schwere zu nehmen und dennoch ein Gefühl für die Depression zu vermitteln.


Verlag: Wunderlich
ISBN: 978-3-8052-0044-8
Preis: 19,90 €
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Das Beste kommt noch

Richard Roper, Rezension von Kathrin Allkemper

Der eher zurückhaltende Andrew arbeitet als Nachlassverwalter. Sein Job ist es, die Wohnung eines Verstorbenen, der auf den ersten Blick keine Angehörigen hat, nach Hinweisen auf Verwandte oder gegebenenfalls auf Geld oder Sparbücher abzusuchen, damit das Begräbnis bezahlt wird. Findet er weder das eine noch das andere, bekommt der Verstorbene ein sogenanntes Armenbegräbnis. Und da Andrew großes Mitleid mit diesen Menschen hat, begleitet er sie oftmals als einziger Gast auf ihrem letzten Weg. Wirklich keine leichte Arbeit und emotional manchmal ganz schön belastend, aber zum Glück hat er ja eine starke Ehefrau an seiner Seite, zwei muntere Kinder und ein schönes Haus – zumindest denken das seine Arbeitskollegen. In Wahrheit wohnt er in einem Mini-Appartement und seine einzigen Mitbewohner sind die Modelleisenbahnen, die sich durchs Zimmer schlängeln. Eigentlich ist er genauso einsam, wie die Verstorbenen, um deren Beerdigungen er sich kümmert. Da fängt die muntere Peggy in der Firma an, die nicht nur frischen Wind in die Gruppe der Kollegen bringt, sondern ganz besonders in Andrews Leben. Leider ist sie liiert und hat zwei Kinder und genau das denkt sie auch von ihrem äußerst netten Arbeitskollegen....

Eine wundervoll warmherzige Geschichte, die beim Lesen wie eine britische Filmromanze a la „Notting Hill“ mit all den verschrobenen, liebevollen Charakteren, vor meinem inneren Auge ablief