Belletristik


Verlag: Eisele
ISBN: 978-3-96161-007-5
Preis: 22,00 €
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Sag den Wölfen, ich bin Zuhause

Carol Rifka Brunt, Rezension von Kathrin Allkemper

New York, 1987: Die 13jährige June hat ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem Onkel Finn, einem berühmten Maler. Die beiden teilen die Vorliebe für Kunst und Mittelaltermärkte und verstehen sich auch sonst fast ohne Worte. Daher sind die Besuche bei ihrem Onkel für die sehr introvertierte June stets ein Highlight, hat sie doch sonst kaum Freunde. Doch dann erkrankt Finn an einem noch unbekannten tödlichen Virus. Mit seinem viel zu frühen Tod bricht für June eine Welt zusammen. Sie fühlt sich in ihrer Trauer allein, da die Familie über vieles aus Finns Leben schweigt und sich, auch was seine Krankheit angeht, merkwürdig distanziert verhält. Als auf der Beerdigung ein junger Mann auftaucht, spürt June bei den anderen eine Welle der Abscheu ihm gegenüber. Wer ist dieser schüchterne Kerl, den ihre Familie als Finns Mörder bezeichnet?

Kurz darauf erhält June ein Päckchen mit Finns Lieblingsteekanne und einem Brief für sie. Der Brief ist von Toby, dem Unbekannten auf der Beerdigung. Er möchte sich mit ihr treffen, sie kennenlernen und mit ihr Erinnerungen über Finn austauschen. Nach anfänglichem Misstrauen lässt June sich darauf ein und erfährt sehr schnell, dass ihre Familie völlig falsch liegt mit ihren Anschuldigungen. Auch Toby hat jemanden verloren, den er liebt und so zeigt er June, dass es gegen ihre Trauer doch ein Heilmittel gibt: Freundschaft und Zusammenhalt.

Dieser Roman wurde in 20 Sprachen übersetzt und eine Verfilmung ist in Vorbereitung. Ich teile die Begeisterung für diese so wunderbar erzählte Geschichte, Für mich ist es schon jetzt mein Lieblingsbuch in diesem Frühjahr.

 


Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-25819-8
Preis: 23,00 €
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Von Vögeln und Menschen

Margriet de Moor, Rezension von Bernhard Söthe

Marie Lina, eine Krankenschwester, schläft friedlich neben ihrem Mann Rinus Caspers, der als Vogelvertreiber auf dem Flughafen Schiphol arbeitet. Es ist noch früh morgens, als sich ein unauffälliges Auto der Wohnung der Caspers nähert. Drin sitzen zwei Kriminalbeamte, die gleich Marie Lina Caspers verhaften werden.

Marie Lina hatte am Vortag vor dem Hauptbahnhof in Amsterdam, wo gerade Ausschachtungsarbeiten für die neue U-Bahn-Linie im Gange sind, vor zahlreichen Zeugen eine ältere, sich heftig zur Wehr setzende Frau in die Baugrube gestoßen, mit tödlichem Ausgang. Die alte Frau, die so ums Leben gebracht wurde, ist eine Mörderin.

Vor Jahrzehnten hat Marie Linas Mutter Louise als Zugehfrau in einem Seniorenzentrum gearbeitet. Regelmäßig war sie für die Pflege der Wohnung des über 90jährigen Bruno zuständig. Die Beiden verstanden sich gut, wenn Louise bei der Arbeit fröhlich sang, fühlte sich der alte Mann nicht mehr so einsam.

Als der alte Bruno mit einem Schal erstickt wird und aus seinem Sekretär eine größere Summe Bargelds und Schecks gestohlen werden, gerät Louise, die einen Schlüssel zu Brunos Seniorenwohnung hatte, unter Verdacht. Die einfache Frau wird von den sie verhörenden Kriminalbeamten so massiv unter Druck gesetzt, dass sie einen Mord gesteht, den sie gar nicht begangen hat. Louise wird vor Gericht gestellt, verurteilt und geht ins Gefängnis. Die damals noch kleine Tochter Marie Lina wächst bei Verwandten auf.

Aus dem Gefängnis heraus zieht Louise ihr erzwungenes Geständnis zurück und versucht, eine Neuaufnahme ihres Verfahrens zu erreichen, was erst viele Jahre später gelingt.

Im neuen Verfahren wird Louise mangels Beweisen freigesprochen. Also kein Freispruch wegen erwiesener Unschuld. Ein Hauch von Verdacht bleibt an ihr haften.

Nach Louises Entlassung aus dem Gefängnis versuchen sie und ihre inzwischen erwachsene Tochter, eine Bindung zueinander aufzubauen. Aber Louise ist noch nicht lange in Freiheit, als sie stirbt.

Erst als das Verbrechen an Bruno verjährt ist, stellt sich heraus, dass nicht Louise, sondern eine andere Angestellte des Seniorenheims Bruno erdrosselte, als er sie beim Diebstahl des Geldes überraschte.

Kladzien Wroude hatte als Pflegerin ebenfalls Zugang zu Brunos Wohnung. Da die Tat bereits verjährt ist, wird sie nie vor Gericht gestellt. Und Louise, die ihre Unschuld nie beweisen konnte, ist tot. Louise wird von ihrer Tochter gerächt, die die wahre Mörderin des alten Bruno in die Baugrube stößt.

Was das Treffen von Marie Lina Caspers und Kladzien Wroude vor dem Bahnhof in Amsterdam Zufall oder war es geplant?

Margriet de Moor versteht es meisterhaft, mit den Gefühlen ihrer Leser zu spielen.

Der Klappentext des Verlages verspricht, „Von Vögeln und Menschen“ zeige Margriet de Moor auf dem Höhepunkt ihrer psychologischen und erzählerischen Meisterschaft, stimmt!


Verlag: DTV
ISBN: 978-3-423-26169-2
Preis: 14,90 €
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Frischluftvergiftung bei minus 20 Grad

Siina Tiuraniemi, Rezension von Kathrin Allkemper

Miska, der sich selbst als Halbautisten bezeichnet, ist wirklich ein komischer Vogel. Mit Menschen kann er überhaupt nicht umgehen und sein Studium läuft auch schlecht. Seine einzigen Freunde sind sein Mitbewohner Ville, der ihn und seine Eigenheiten schon aus Kindertagen kennt, und der Alkohol. Daher ist es kein Wunder, dass Miska völlig überfordert ist, als seine Mutter ihn dazu drängt, an ihrer Stelle die kürzlich ins Heim gekommene Tante Brigitta zu besuchen und ein paar Blumen vorbeizubringen. Brigitta ist so gar nicht die nette alte Dame, mit der er gerechnet hat, sondern ein ziemlich ruppiger Besen. Sie flucht wie ein Rohrspatz und bekundet gleich, dass sie statt Blumen lieber einen ordentlichen Schnaps hätte. Schließlich hätte sie nicht mehr viel zu verlieren, hat man ihr doch gerade erst beide Beine amputiert. Hinter der bärbeißigen Art steckt also auch etwas Verletzliches und vor lauter Mitleid lässt Miska ihr wenigstens seinen letzten Joint da, nichtahnend, zu welch ungewöhnlicher Freundschaft das am Ende führt....

Sehr unterhaltsame Geschichte und ein bißchen wie die finnische Variante von „ Ziemlich beste Freunde“!


Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-498-06552-2
Preis: 19,95 €
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Die letzten Meter bis zum Friedhof

Antti Tuomainen, Rezension von Kathrin Allkemper

Jaakob und seine Frau haben eine Pilzfarm in den Wäldern Finnlands. Zusammen haben sie dieses Geschäftsmodell ins Leben gerufen und verkaufen die Pilze äußerst lukrativ nach Japan. Allerdings fühlt sich Jaakob seit längerem nicht wirklich wohl. Leider ist es keine hartnäckige Grippe, wie ihm sein Arzt bedauernd eröffnet, sondern die Folge einer Vergiftung über einen langen Zeitraum hinweg. So blickt Jaakob also im Alter von 37 schon dem Tod ins Auge, denn man kann nichts mehr für ihn tun. Gebeutelt macht er sich auf den Heimweg, um seiner Frau die schlechte Nachricht zu überbringen. Doch statt eines tröstenden Gespräches erwartet ihn zuhause der Anblick seiner Gattin, wie sie sich mit seinem jüngeren Mitarbeiter Petri im Garten vergnügt. Die beiden bekommen nichts mit von seiner Anwesenheit, doch in Jaakob keimt sofort ein Gedanke: was, wenn seine Frau ihn vergiftet hat,um mit Petri die Firma zu übernehmen? Das ist aber nicht seine eizige Sorge. In der Stadt versuchen ihm drei üble Typen Konkurrenz zu machen, die auch vor Gewalt nicht zurück schrecken. Jaakob hat nichts mehr zu verlieren und beschließt daher, herauszufinden, wer ihn umbringen will und seine Firma mit allen Mitteln zu verteidigen. Dass es dabei zu ein paar Toten kommt, war eigentlich nicht beabsichtigt...

Dieser Roman ist gleichermaßen lustig, tragisch, nachdenklich und durchaus mit ein paar Lebensweisheiten gespickt.


Verlag: Deuticke
ISBN: 9783552063662
Preis: 22,00 €
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All die Jahre

J. Courtney Sullivan, Rezension von Annette Riedel

Irland 1957: Die beiden sehr unterschiedlichen Schwestern Nora und Theresa bereiten ihre Auswanderung nach Amerika vor. Nora reist zu ihrem Verlobten Charlie, der dort auf sie wartet. Theresa möchte Lehrerin werden, aber in Irland hat sie keine Zukunftsperspektive. Die pflichtbewusste Nora bittet Charlie, auch ihre Schwester aufzunehmen. Die hübsche, lebhafte und lebenslustige Theresa lebt sich schnell in der neuen Welt ein und genießt das Leben in vollen Zügen, bis sie eines Tages schwanger ist und der Vater des Kindes die Verantwortung nicht übernimmt. Nora trifft eine folgenschwere Entscheidung für sich, ihre Familie und auch für Theresa...

Fünfzig Jahre später: Als Noras ältester Sohn Patrick, ihr ausgesprochener Liebling, bei einem Autounfall stirbt, bricht sie das über dreißig Jahre währende Schweigen mit ihrer Schwestern, die als Nonne in einem Kloster lebt. Die anderen Kinder sind verwundert über ihre Tante, von deren Existenz sie bis dato nichts wussten und fragen neugierig nach: John, der Karriere in der Politik gemacht hat, Bridget, die mit ihrer Partnerin versucht, ein Kind zu bekommen und Brian, dem der Halt im Leben fehlt und der mit seinem Bruder Patrick eine Kneipe betrieben hat.

Eine spannende Familiengeschichte über zwei Schwestern, die ihren Weg finden und über unausgesprochene Dinge und Geheimnisse – sehr einfühlsam geschrieben mit liebevoll gezeichneten Figuren.


Verlag: Klett Cotta
ISBN: 978-3-608-98313-5
Preis: 22,00 €
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Die Herzen der Männer

Nickolas Butler, Rezension von Bernhard Söthe

Der Titel klingt schon sehr gefühlig, aber da das amerikanische Original den gleichen Titel trägt, geht das wohl in Ordnung. Es geht in dem Roman tatsächlich um Gefühle, aber gefühlig oder gar kitschig ist die Geschichte nicht.

Über eine Zeitspanne von drei Generationen und ebenso vielen Kriegen werden die Gefühle der Männer erkundet. Ihre Schwäche, ihre Geheimnisse, ihre Bedürfnisse, ihre Werte. Männer sind eindeutig die Hauptpersonen dieses garndios erzählten Romans. Erst im letzten Viertel rückt auch eine Frauengestalt in den Vordergrund. Rachel, immerhin Schwiegertochter, Ehefrau und Mutter von männlichen Hauptpersonen. 

Die Geschichte spielt im ländlichen konservativen Wisconsin. Konservativ ist auch die Erziehung der Jungen. Gelobt sei, was hart macht, schließlich sollen die Jungen ja später mal "ihren Mann stehen". Das geht nicht ohne innere und manchmal auch äußere Blessuren ab. Ganz wichtig im Leben dieser Familien ist der sommerliche Aufenthalt im Pfadfindercamp, wo Generationen von Jungen mit heute eher archaisch wirkenden Ritualen zu "mannhaftem Verhalten" erzogen werden sollen. Der Roman bietet tiefe Einblicke in das ganz normale Leben ganz normaler Bürger, die meisten von den beschriebenen Personen dürften vermutlich begeisterte Trump-Wähler sein. Für Nichtamerikaner ist der Waffenkult in den USA schwer verständlich, diese Verbreitung der Waffen im ganzen normalen Alltag, die Begeisterung, mit der hobbymäßig geschossen wird. Es gilt durchaus als nette Freizeitbeschäftigung, wenn Ehepaare in Schießanlagen auf Pappfiguren oder Wassermelonen ballern. Man will schließlich "vorbereitet" sein. Vorbereitet worauf?

Dieser lockere Umgang mit Waffen endet für einen der eher sympathischeren Protagonisten auch tödlich. 

Interessant ist dieses Buch sicherlich auch für die Leser von Yanagihara: "Ein wenig Leben" oder auch der großen amerikanischen Gesellschaftsromane von Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides, Dave Eggers etc.

 


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-9891-6
Preis: 26,00 €
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Die Ermordung des Commendatore Band 1 - Eine Idee erscheint

Haruki Murakami, Rezension von Bernhard Söthe

Der namenlose Ich-Erzähler des Romans, ein Mann in seinen 30ern, wird nach sechsjähriger - und wie er glaubt, durchaus harmonischer - Ehe, für ihn völlig überraschend, von seiner Frau Yuzu um die Scheidung gebeten.

Von Beruf ist der Erzähler Maler. Nach dem Ende seine Kunststudiums und seit dem Beginn seiner Ehe hat er allen künstlerischen Ambitionen ade gesagt. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Porträtmaler. Er malt Menschen, die ihr Konterfei unbedingt in Öl verewigt sehen wollen. Er hat auf diesem Spezialgebiet der Kunst oder eher des Kunstgewerbes einen durchaus guten Ruf. Er weiß aber, dass er mit dieser Art der Malerei niemals in angesehenen Galerien oder gar Museen ausstellen wird. Aber mit diesen Auftragsarbeiten verdient er seinen Lebensunterhalt.

Nachdem seine Frau die Trennung verlangt hat, verlässt der Erzähler die eheliche Wohnung und fährt mit kleinem Gepäck in einem schrottreifen Auto ziellos über Land. Nach einigen Wochen ist er des Herumziehens müde und sucht eine neue Bleibe. Ein Freund bietet ihm ein kleines Häuschen in einem stillen Bergtal an. Dort hat bis vor kurzem der Vater des Freundes, ein bekannter Maler, gelebt und gearbeitet. Aber der alte Herr ist inzwischen dement und lebt in einer Pflegeeinrichtung. Der Erzähler ist froh, zu einem Freundschaftspreis wieder ein Dach über dem Kopf zu bekommen, sogar mit einem kleinen Atelier, schließlich muss er irgendwann wieder Geld verdienen. Außerdem will er die Gelegenheit nutzen, sich in dieser ablenkungsarmen Gegend auf seine Malerei zu konzentrieren und vielleicht neue künstlerische Wege zu gehen. Daher ist es ihm zunächst gar nicht recht, dass er einen neuen Porträtauftrag bekommt. Ein offensichtlich sehr wohlhabender Mann, der auf der anderen Talseite eine luxuriöse moderne Villa bewohnt, macht ihm ein so lukratives Angebot, dass der Erzähler nach anfänglichem Zögern zusagt. Doch der Auftrag erweist sich als ungewöhnlich schwierig, und obwohl der neue Auftraggeber geduldig Modell sitzt, merkt der Erzähler, dass er mit seiner üblichen Porträtroutine hier nicht weiter kommt. Zum Porträtieren gehört das Erfassen der Persönlichkeit des Darzustellenden, und genau hier liegt das Problem. Der Auftraggeber ist ein angenehmer, durchaus sympathischer Mann, dessen Alter schwer zu schätzen ist. Aber was verbirgt sich hinter der glatten Miene und den ausgesuchten Umgangsformen? Nach vielem Herumprobieren und etlichen Fehlversuchen gelingt dem Erzähler ein Porträt, von dem er weiß, dass es das beste Bild ist, das er je gemalt hat und dass er damit künstlerisch in neue Dimensionen vorgestoßen ist. Auch sein Auftraggeber ist mit dem Porträt hochzufrieden, aber es stellt sich heraus, dass er nicht nur dieses Porträts wegen Kontakt zum Erzähler gesucht hat ...

Auch das alte Haus mit dem angebauten Atelier hat so einige Besonderheiten. Der Erzähler findet auf dem kaum zugänglichen Dachboden ein sorgfältiges verpacktes Gemälde seines Vorgängers in diesem Haus. Auf der Rückseite dieses Ölbildes ist der Titel verzeichnet "Die Ermordung des Commendatore", es stellt eine Szene aus Mozarts Oper "Don Giovanni" dar. Der Erzähler sieht mit Kennerblick, dass es sich bei diesem Gemälde um ein Meisterwerk handelt, aber warum hat der alte Maler dieses Bild so sorgfältig versteckt?

Eines Nachts schreckt der Erzähler von ungewöhnlichen Geräuschen geweckt auf. In einiger Entfernung vom Haus erklingt ein Glöckchen. Das Geräusch scheint aus einem vernachlässigten buddhistischen Schrein, der sich auf dem höchsten Punkt des Grundstückes befindet, zu kommen ...

Eine Beziehungsgeschichte? Ein Künstlerroman? Eine Geistergeschichte? Von allem etwas und doch viel mehr. Viele lose Handlungsstränge schreien danach, verbunden zu werden. Da das Ende von Band 1 viele Fragen offen lässt, darf man auf Band 2 "Die Ermordung des Commendatore - Eine Metapher wandelt sich" neugierig sein. Das Buch erscheint am 10. April 2018.

 


Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783498001025
Preis: 25,00 €
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Patria

Fernando Aramburo, Rezension von Bernhard Söthe

Fernando Aramburo, spanischer Schriftsteller, der seit den 80er Jahren in Hannover lebt, ist mit höchsten spanischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Sein Roman "Patria" war in Spanien "Buch des Jahres" und hat sich über eine halbe Million Mal verkauft, er selbst ist hierzulande noch unbekannt, was sich mit diesem großartigen Buch ändern dürfte.

Zwei Frauen und ihre Familien im Baskenland, in einem Dorf unweit San Sebatians, Donostia auf baskisch. Das ist den nationalbewussten Basken wichtig. Und von irregleitetem Nationalstolz handelt unter anderem dieser Roman.

Zwei Familien, seit Jahrzehnten aufs engste befreundet. Die Kinder wachsen gemeinsam auf, die Männer verbringen ihre knappe Freizeit miteinander, sonntägliche Fahrradtouren, gemeinsames Kochen mit Freunden in einem der traditionellen baskischen Männer-Kochclubs. Zwei Familien, zwischen die kein Blatt Papier passt. Zwei  Familien aufs heftigste verfeindet.

Seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden die baskischen Nationalisten, die die Loslösung vom spanischen Königriech anstrebten, zunehmend militanter. Die Untergrundorganisation ETA verstand sich als militärischer Arm der Befreiungsbewegung und versuchte, mit Terroranschlägen ihre Ziele gewaltsam durchzusetzen, da die Nationalisten bei demokratischen Wahlen nie eine Mehrheit erringen können.

Zwei Familien, der Fuhrunternehmer Txako und seine Frau Bittoni, ein Sohn, eine Tocher. Txako ackert hart, um seiner Familie einen bescheidenen Wohlstand zu ermöglichen. Beide Kinder können studieren. Der Sohn wird Chirurg, die Tochter Juristin.

Bittonis Freundin Miren ist das unangefochtene Oberhaupt ihrer Familie, ihr Mann, ein ständig müder Stahlarbeiter, hat wenig zu melden, auch die drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, werden von ihrer Mutter an der kurzen Leine geführt.

Txako und Bittoni fühlen sich zwar als Basken, aber ohne Fanatismus. Txako möchte eigentlich nur ungestört seine Firma führen, was seine ganze Kraft kostet. Bittoni geht ganz in der Familie auf. Ihre Freundin Miren dagegen ist stramme Nationalistin, die die echte oder vermeintliche Unterdrückung durch den spanischen Zentralstaat unerträglich findet. Als ihr ältester Sohn sich der ETA anschließt, um mit der Waffe in der Hand für die baskische Unabhängigkeit zu kämpfen, reagiert sie nicht entsetzt sondern begeistert.

Um die militärischen Aktionen zu finanzieren ist viel Geld nötig. Die ETA erpresst Unternehmer, Kaufleute und alle, bei denen sie Geld vermuten, eine sogenannte "Revolutionssteuer" zu zahlen. Wer sich weigert, hat mit massiven Konsequenzen zu rechnen. Die Bandbreite der "Maßnahmen" reicht von geschäftsschädigendem Rufmord bis zu nackter Gewalt. Als Txako sich weigert, an die ETA zu zahlen, werden er und seine Angehörigen im Dorf, in dem die Familie seit Generationen lebt, ausgegrenzt. Gegen Txako gerichtete Wandschmierereien tauchen auf. Bittoni wird in manchen Dorfläden nicht mehr bedient. Trotzdem weigert sich Txako weiterhin zu zahlen. Aus den Drohungen wird Ernst. Auf der Straße vor seinem Wohnhaus wird Txako von einem ETA-Kommando erschossen. Am Tatort wird der in den Untergrund gegangene älteste Sohn Mirens gesehen, er entkommt.

20 Jahre später, Txakos Witwe Bittoni ist nach dem Mord an ihrem Mann aus dem Dorf nach San Sebatian gezogen. Als bei ihr eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird, beschließt sie, in ihr Heimatdorf zurückzukehren, in das alte Familienhaus, das sie nie verkauft hat. In dem kleinen Dorf kann man sich nicht aus dem Weg gehen, und so stehen sich Bittoni und Miren eines Tages gegenüber. Die Witwe des Ermordeten und die Mutter des mutmaßlichen Mörders, die zwanzig Jahre kein Wort miteinander gewechselt haben.

Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa zu diesem Buch: "Ich habe seit langem kein so überzeugendes und bewegendes Buch mehr gelesen!"

Stimmt! Dieses Buch begleitet den Leser noch lange, nachdem er es ausgelesen hat!

 


Verlag: Diogenes Verlag
ISBN: 9783257070170
Preis: 24,00 €
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Lied der Weite

Kent Haruf, Rezension von Bernhard Söthe

Zwei so einsame Kerle wie Sie brauchen auch jemanden, jemand für den sie sorgen, etwas worüber sie sich Gedanken machen können, nicht immer nur ihre Kühe. Schauen Sie sich doch an. Eines Tages werden Sie sterben, ohne jemals im Leben genug Sorgen gehabt zu haben. Jedenfalls nicht die richtige Sorte Sorgen. Das ist Ihre Chance.“

Einer der Schlüsselsätze aus Kent Harufs neuem Roman.

Holt, ein Kaff in Colorado. Nicht unbedingt eine ländliche Idylle, zu schwierig die Lebensumstände, zu hart die Menschen. Rücksichtnahme, Freundlichkeit, Mitgefühl sind für die meisten Einwohner von Holt überflüssiges, sentimentales Zeug.

Als die 17-jährige Victoria fast schon klassisch auf dem Rücksitz eines Autos ungewollt schwanger wird, setzt ihre Mutter sie kurzerhand auf die Straße. Der Kindsvater ist inzwischen über alle Berge und wäre als Bezugsperson für Mutter und Kind wohl auch eher ungeeignet.

Maggie, eine Lehrerin an der Highschool, wo Victoria kurz vor ihrem Abschluss steht, nimmt sie auf. Im Haushalt der Lehrerin kann Victoria aber nicht bleiben, denn der auch dort lebende Vater Maggies ist dement und reagiert aggressiv auf die ihm unbekannte Person. So kommt Maggie auf die Idee, die beiden alten McPheron-Brüder, die seit Jahrzehnten immer schon alleine auf der geerbten elterlichen Farm als Viehzüchter gelebt haben, zu fragen, ob sie Victoria für eine Weile bei sich aufnehmen können. (siehe Zitat oben)

Die Brüder zieren sich, eine Fremde, weiblich und dann noch schwanger, in ihren Haushalt seit Jahrzehnten eingeschliffenen Junggesellenhaushalt aufzunehmen. Als sie sich doch überreden lassen, gibt es natürlich eine Menge Probleme, aber auch eine Menge positiver Überraschungen.

Die Geschichte von der schwangeren Victoria und den beiden alten Brüdern ist der rote Faden des Romans, aber es gibt noch etliche andere Protagonisten. Da ist Guthrie, Lehrer an Victorias Highschool, der gerade von seiner depressiven Frau verlassen wurde, und ihre beiden Söhne Ike und Bobby, die mit dieser häuslichen Katastrophe fertig werden müssen.

Da sind Klassenkameraden von Victoria, wahre Kotzbrocken, die ihr das Leben zur Hölle machen.

Die ganze Bandbreite der menschlichen Mistigkeiten wird vor dem Leser ausgebreitet, also ein sehr realistischer Roman.

Holt ist überall und überall scheinen die dummen Soziopathen die Mehrheit zu haben. Und mitten drin ein paar Menschlein, die versuchen, trotzdem anständig durchs Leben zu kommen, vielleicht sogar anderen Menschen in ihren Nöten beizustehen und den Idioten möglichst aus dem Weg zu gehen.

Nein, keine Idylle, nirgends, aber ein paar Fünkchen Hoffnung, dass es auch anders sein könnte. Ja, es gibt in diesem Buch sogar ein paar Stellen zum Lachen, z.B. wenn Victoria und die beiden alten Brüder versuchen, beim Abendessen ein gemeinsames Gesprächsthema zu finden.

Das „Lied der Weite“ ist ein würdiger Nachfolger von Kent Harufs Überraschungserfolg „Unsere Seelen bei Nacht“, gerade mit Jane Fonda und Robert Redford verfilmt.

 


Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446258129
Preis: 26,00 €
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Unter der Drachenwand

Arno Geiger, Rezension von Bernhard Söthe

1944, das „großdeutsche“ Reich und seine Verbündeten haben den Weltkrieg, den sie so größenwahnsinnig angezettelt hatten, verloren. Das weiß jeder, aber keiner traut sich, dies in der Öffentlichkeit zu sagen. Die Nazijustiz funktioniert immer noch, und für ein falsches Wort am falschen Ort sitzt man schnell im Zuchthaus, oder man kann sogar seinen Kopf verlieren. Angst und Unsicherheit bestimmen das Lebensgefühl.

Veit Kolbe, ein 24-jähriger Wiener, ist seit Jahren „für Führer, Volk und Vaterland“ als Soldat im Osten eingesetzt. Nach einer schweren Verwundung kehrt er zur Wiederherstellung seiner Gesundheit „heim ins Reich“. In einem Lazarett im Saarland wird er zusammengeflickt. Aber eine Wunde am Bein heilt nicht, sie „suppt“ immer aufs Neue. Außerdem leidet er an Panikattacken und Schlaflosigkeit. Solange die Wunde am Bein nicht heilt, ist Kolbe nicht „kriegsverwendungsfähig“, muss sich aber regelmäßig von Militärärzten untersuchen lassen, um seinen Gesundheitszustand überprüfen zu lassen. Aus dem Lazarett entlassen, geht er zu seinen Eltern, in deren Wohnung sein ehemaliges Kinderzimmer auf ihn wartet. Hier hält er es nicht lange aus. Es gibt Streit mit seinem Vater, der immer noch glaubt, oder zumindest so tut, als stünde der „Endsieg“ unmittelbar bevor. Ein Bruder des Vaters ist Ortspolizist der Gemeinde Mondsee am gleichnamigen See im Salzkammergut. Dieser Onkel besorgt seinem Neffe ein Zimmer, oder besser gesagt: eine Absteige in einem Bauernhaus, kaum eingerichtet, kaum beheizbar. Das Zimmer nebenan, nur durch eine dünne Bretterwand von Veits Zimmer getrennt, ist an Margot, eine „Reichsdeutsche“ aus Darmstadt vermietet, die dort mit ihrem Säugling wohnt. Der Ehemann ist als Soldat an der Front. Nach verheerenden Bombenangriffen auf Darmstadt mit zahlreichen Todesfällen erscheint es der jungen Frau hier auf dem Land, abseits der großen Städte sicherer für sich und ihr Kind.

Auch andere Stadtflüchtlinge haben sich in der kleinen Gemeinde angesiedelt. Im Rahmen der „Kinderlandverschickung“ lebt eine Gruppe Mädchen aus Wien in einem ehemaligen Gasthaus, betreut von einer ehemaligen Lehrerin.

Veit Kolbe findet sowohl die „Reichsdeutsche“ Margot als auch die Lehrerin Margarete reizvoll. Als ihm die Lehrerin unmissverständlich einen Korb gibt, wendet sich Veit seiner Nachbarin zu. Die beiden werden ein Liebespaar, misstrauisch beäugt von der Dorfbevölkerung, die von den Zugereisten sowieso nicht viel hält. Das gilt auch für die neurotische Vermieterin, die „Quartiersfrau“, eine in der Wolle gefärbte Nationalsozialistin, die ihren Mietern das Leben schwer macht.

Trotz der schwierigen äußeren Umstände versuchen Veit und Margot, ihre Beziehung zu leben und für Margots Kind zu sorgen.

Aber die Versorgungslage wird immer schlechter. Als es im Osten „Frontbegradigungen“ gibt, kommen auch die ersten Flüchtlinge. Linz und Salzburg, die nächstgelegenen größeren Städte, werden massiv angegriffen. Über Veit schwebt ständig das Damoklesschwert der medizinischen Untersuchung und der erneute Fronteinsatz. Seine Wunde am Bein ist inzwischen verheilt und er leidet nach wie vor an Panikattacken, aber auf Grund der katastrophalen Kriegslage wird alles, was laufen kann, als Kanonenfutter an die Front geschickt.

Eingebettet in die Romanhandlung sind zwei Briefwechsel. Von Margots Mutter aus Darmstadt an ihre Tochter und die Briefe von Oscar Meyer an seine in England lebende Cousine. Oscar Meyer, wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt, versucht verzweifelt, seine Familie vor der drohenden Vernichtung zu bewahren.

Gegen Ende des Romans kreuzen sich für einen Moment die Lebenswege Veit Kolbes und Oscar Meyers.

Im letzten Jahr ist Uwe Timms Roman „Ikarien“ erschienen, dort ist die unmittelbare Nachkriegszeit in Bayern das Thema, diese Buch habe ich bei Erscheinen auf dieser Homepage besprochen.

Ende Januar wird Hans Pleschinskis Roman „Wiesenstein“ erscheinen, dort beschreibt er das letzte Lebensjahr Gerhart Hauptmanns (1945 / 46) auf seinem hochherrschaftlichen Landsitz in Schlesien am Fuße des Riesengebirges und die Vertreibung der Deutschen und das Flüchtlingselend als Folge des verlorenen Krieges. Besprechung folgt bei Erscheinen auf dieser Seite.

Drei völlig unterschiedliche Bücher mit der gleichen Thematik. Alle drei unbedingt lesenswert!


Verlag: Pendo
ISBN: 978-3-86612-456-1
Preis: 15,00 €
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Mudbound - Die Tränen von Mississippi

Hillary Jordan, Rezension von Kathrin Allkemper

Mississippi 1946:

„Mudbound“ bedeutet soviel wie Schlammloch. Und genau in so einem Schlammloch landet Laura MacAllan ihrem Ehemann zuliebe. Durch ein Missverständnis bleibt ihnen ein schönes Stadthaus verwehrt, in dem Laura mit den Kindern leben sollte, während ihr Mann Henry seine heissgeliebte Farm bewirtschaftet. Nun leben sie alle- und dazu noch mit dem schrecklichen Schwiegervater Pappy- auf der zugigen Farm, ohne fließend Wasser oder Strom. Was für die Kinder wie ein großes Abenteuer wirkt, ist für Laura schlichtweg die Hölle. Aber sie muss sich ihrer Rolle fügen.

Ein kleiner Lichtblick wird Florence Jackson für sie, die Ehefrau des Mannes, der auf Henrys Land ein Stück für sich gepachtet hat. Florence hilft Laura bei den Hausarbeiten und ist nahezu täglich auf der Farm. Doch die Jacksons sind Schwarze, und somit verbietet sich eine richtige Freundschaft zwischen den Frauen.Gerade Pappy fängt immer wieder an zu stänkern über das „Niggerweib“ im Haus. Richtig prekär wird die Lage aber erst, als sowohl Lauras Schwager Jamie wie auch Florence´Sohn Ronsel aus dem Krieg zurückkehren. Ihr gemeinsames Schicksal und die damit einhergehenden Traumata verbinden die beiden jungen Männer miteinander. Während Jamie seine Albträume und die aufkeimende Zuneigung zu seiner Schwägerin im Whiskey ertränkt, hat Ronsel große Probleme damit, sich wieder in seine Rolle als Schwarzer einzufügen, die die Zeit und das Land mit sich bringen. Während er als Soldat im Kampf gegen die Nazis und später sogar als Befreier der Menschen in den KZs gefeiert wurde, ist er hier in seiner Heimat wieder nur ein „verachtenswerter Nigger“, der sich den Weißen unterzuordnen hat.

Die Stimmung heizt sich immer mehr auf, und es gibt Menschen in diesem Ort, die zu mehr als nur beleidigenden Worten greifen, um ihre Meinung kundzutun. Es läuft auf eine Katastrophe hinaus...Eine absolut spannende und ergreifende Geschichte, die aus wechselnden Perspektiven der Hauptpersonen erzählt wird. Nicht unbedingt erheiternd, aber sehr fesselnd. Ich habe das Buch tatsächlich an einem Nachmittag weggeschmökert:-)


Verlag: aufbau-taschenbuch
ISBN: 9783746633381
Preis: 12,99 €
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Die Malerin (Die Kunst war ihr Leben-Kandinsky ihr Schicksal)

Mary Basson, Rezension von Karin Bucconi

Gabriele Münter, Malerin des Expressionismus, geboren in Berlin, war lange Lebensgefährtin von Wassily Kandinsky. Nachdem Vater und Mutter gestorben waren, war sie finanziell unabhängig und reiste mit ihrer Schwester durch Missouri, Arkansas und Texas. 1901 zog die künstlerisch begabte junge Frau nach München. An der Kunstakademie wurden Frauen damals noch nicht angenommen. Im Künstlerinnen-Verein erwarb sie Fertigkeiten und wechselte dann an die fortschrittliche Kunstschule Phalanx, an der auch Kandinsky arbeitete. 1902 ging es mit ihm für einige Wochen nach Kochel am See. Die SchülerInnen sollten lernen, Landschaften zu malen. Dort verliebten sich die zwei ineinander, was den meisten verborgen blieb. 1903 verlobte sich der immer noch verheiratete Kandinsky mit Münter. Bis 1911 blieb er verheiratet, lebte aber offen mit Münter zusammen. Sie unternahmen viele Reisen und lernten immer wieder voneinander. Ella war Muse und schärfste Kritikerin Kandinskys zugleich. Ihr Haus in Murnau wurde zum Zentrum der Avantgarde.

Der Erste Weltkrieg trennte die Liebenden.  Ella hörte nichts mehr von Wassily und glaubte, er sei gefallen. Sie trauerte aufrichtig und zerbrach beinahe, als sie erfahren musste, dass Kandinsky sehr wohl lebte und eine andere geheiratet hatte...

Die Nazis bezeichneten die Bilder von Kandinsky als entartete Kunst und wollten sein Werk vernichten. Unter Zurhilfenahme ihres ganzen Mutes rettete Ella die Gemälde des Blauen Reiters, die wir ohne ihr Eingreifen heute nicht bewundern könnten.

Ein lesenswertes Buch über eine große Künstlerin.


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07015-6
Preis: 24,00 €
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Olga

Bernhard Schlink, Rezension von Bernhard Söthe

Der neue Roman Bernhard Schlinks erinnert von ferne an seinen Weltbestseller "Der Vorleser". Auch hier steht eine ungewöhnliche Frauengestalt im Mittelpunkt, die titelgebende Olga. Geboren wurd sie im Arbeitermilieu des kaiserlichen Berlins, Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem frühen Tod der Eltern wird die kleine Olga widerwillig von ihrer Großmutter in einem pommerschen Dorf aufgenommen. Liebe erfährt Olga von ihrer Großmutter nicht. Von Kindesbeinen an muss sie durch harte Arbeit ihren Lebensunterhalt mitverdienen. Aber es gibt auch die Schulpflicht, und schnell wird klar, dass Olga ihre Mitschüler an Intelligenz und Lerneifer weit übertrifft, was von ihrer Großmutter völlig ignoriert wird. In den unteren Klassen der kleinen Dorfschule werden zunächst auch die beiden Kinder des zum Dorf gehörenden Rittergutes unterrichtet. Deren Vater ist zwar nicht adelig, aber außer dem Rittergut gehört ihm noch eine Zuckerfabrik, er gehört also zumindest finanziell zur besseren Gesellschaft. Die reichen Fabrikantenkinder und die intelligente, strebsame Olga sind die Außenseiter der Dorfschule und freunden sie quasi zwangsläufig an. Die Ritterguteltern tolerieren zunächst auch die Freundschaft der Kinder. Aber dann werden Herbert und seine Schwester von Privatlehrern weiter unterrichtet, und Olga, das Dorfkind, wird auf dem Gut nicht mehr gerne gesehen. 

Die Kinder wachsen heran, werden Jugendliche. In der abgelegenen ländlichen Idylle begegnen sich Herbert und Olga häufig, aus der Kinderfreundschaft wird eine Jugendliebe, und die beiden wollen heiraten. Die Beziehung wird von Herberts Eltern strikt abgelehnt. Herbert wird zwecks räumlicher Trennung zum Militär geschickt, wo er standesgemäß zum Offizier ausgebildet wird. Trotz Widerstand ihrer Großmutter schafft es Olga mit Hilfe einer engagierten Lehrerin, sich selbst genug Wissen anzueignen, um die schwere Aufnahmeprüfung zur Lehrerbildungsanstalt zu bestehen. Olga wird Lehrerin und tritt ihre erste Stelle an der heimatlichen Dorfschule an. Dies gibt ihr Gelegenheit, Herbert gelegentlich zu sehen.

Herbert möchte nicht von Olga lassen, aber auch nicht von seinen Privilegien als Mitglied einer reichen Familie. Seine Eltern haben unmissverständlich klar gemacht, eine Heirat mit Olga würde seine Enterbung zur Folge haben. Mit ihrem Einfluss schaffen es Herberts Eltern auch, Olga an eine weit entfernte Dorfschule versetzen zu lassen, was die Kontakte zwischen Herbert und ihr erschwert. Trotzdem setzen die beiden ihre geheim gehaltene Beziehung mit großen Zeitabständen fort. Herbert, entscheidungsschwach und ratlos, wie die Beziehung zwischen ihnen weitergehen soll, sucht oft das Weite, so auf einem Militäreinsatz in der damaligen deutschen Kolonie "Deutsch-Südwest", heute Namibia, aber auch auf - dank großmütterlichen Erbes - selbstfinanzierten Expeditionen u. a. nach Argentinien, Brasilien, Karelien, Sibirien. Während dieser langen Zeiten des Getrenntseins halten Olga und Herbert brieflich Kontakt und versichern sich schriftlich ihrer Liebe. Von einer Arktisexpedition zur Erforschung der legendären Nordostpassage kehrt Herbert nicht zurück. Trotz Suchaktionen bleibt er verschollen. Olga weiß nicht, ob ihre letzten Briefe an Herbert, postlagernd an ein Amt in Norwegen geschickt, ihn jemals erreicht haben. Die Romangestalt des Herbert hat ein reales Vorbild: den Polarforscher Herbert Schröder-Strunz, der tatsächlich von einer Polarexpedition 1912 nicht zurückkehrte.

Nach Herberts Verschwinden hatte Olga nie wieder eine Liebesbeziehung. Sie arbeitet weiter als Lehrerin, erlebt und überlebt den Ersten Weltkrieg. Nachdem Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg verloren hat, schließt sich Olga den Flüchtlingsströmen Richtung Westen an und findet seine neue Bleibe in Süddeutschland. Sie hat ihr Gehör verloren, kann nicht mehr als Lehrerin arbeiten, lebt von einer kleinen Rente und verdient sich als Näherin ein Zubrot. So lernt auch Ferdinand, der Erzähler des Romans, die alt gewordene Olga kennen, die auch in seiner Familie - wir sind in den 50er Jahren -  als Näherin tätig ist. Olga, die nach dem Verlust ihres Gehörs das Lippenlesen gelernt hat und der schüchterne Ferdinand freunden sich an. Olga wird Ferdinands "Kummerkasten". Olga erzählt Ferdinand Geschichten aus ihrem Leben, aber natürlich nicht alles. Olgas Abschied vom Leben ist spektakulär. Ferdinand, der seine alte Freundin und guten Geist seiner Kindheit nie vergessen hat, macht sich als erwachsener Mann daran, mehr über Olgas Leben zu erfahren. In einem Antiquariat in Norwegen findet er Olgas postlagernd gesandte Briefe an Herbert, die dieser nie abgeholt hat. Diese Briefe helfen Ferdinand, manche Leerstelle in Olgas Biographie zu füllen. 

Auffallend auch am neuen Roman Bernhard Schlinks ist sein klare, schnörkellose Sprache, die den Leser rasch gefangen nimmt. 


Verlag: Krüger
ISBN: 978-3-8105-1082-2
Preis: 19,99 €
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Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie

Rachel Joyce, Rezension von Bernhard Söthe

Eine namenlose englische Großstadt während der bleiernen Thatcher-Jahre. Je nachdem, wie der Wind steht, riecht es in der ganzen Stadt nach Kartoffelchips und Essig, den wichtigsten industriellen Produkten der Stadt. Ansonsten gibt es eine gesichtslose Einkaufsstraße und etwas abseits die Unity Street mit einer deutlich heruntergekommenen Ladenzeile und sehr besonderen Geschäften. Da ist Mauds Tätowierstudio. Maud versteht sich als Künstlerin, es ist noch etwas vor der Zeit, als sich jeder stechen und bunt verzieren ließ. Da ist die polnische Bäckerei. Da ist Father Anthony's Devotionalienladen, wo der abtrünnige Priester vor allem, aber auch das selten genug, Jesusfiguren aus Plastik verkauft. Da ist das Bestattungsinstitut, das in dritter Generation von zwei uralten, absolut ununterscheidbaren Zwillingsbrüdern geführt wird. Und da ist natürlich Franks Plattenladen, wo natürlich nur Vinyl-Platten verkauft werden, CDs kommen Frank nicht ins Haus. Keine erfolgsversprechende Geschäftsidee im Wirtschaftskrisen gebeutelten England der 80er Jahre. Aber Frank hat ein untrügliches Gespür, welche Musik seine wenigen Kunden für ihre momentane Lebenssituation brauchen. Das kann was von Chopin sein oder von Beethoven, den Sex Pistols oder Patti Smith. Wir sind - wie gesagt - in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Egal, was Frank empfiehlt - es passt. Und seine Kunden sind ein bisschen glücklicher oder ein bisschen weniger unglücklich als zuvor.

Die eigentliche Geschichte beginnt, als vor Franks Laden eine junge Frau, die einen grünen Mantel und grüne Handschuhe trägt, ohnmächtig wird. Die Geschichte endet 20 Jahre später mit einem grandiosen und ziemlich lauten (Händel-)Finale. Ein sehr schönes und sehr gut lesbares Buch, das allen Lesern von der "unwahrscheinlichen Pilgerreise des Harold Fry" gefallen wird. Ganz nebenbei erfährt man eine Menge über die Macht und Schönheit der Musik, von Klassik bis Pop. Frank hat da keine Scheuklappen. Dies ist nur einer seiner zahlreichen sympathischen Eigenschaften oder - sollte man besser sagen - Eigenarten?


Verlag: DTV
ISBN: 978-3-423-26164-7
Preis: 14,90 €
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Die Verlobte des Briefträgers

Denis Theriault, Rezension von Kathrin Allkemper

Bilodo, ein junger Briefträger aus Montreal, hat ein außergewöhnliches Hobby. Neben der Vorliebe für Kalligraphie verfasst er gerne Haikus* und schreibt seine Gedanken und Gefühle in 13 Silben nieder. Dazu verbringt er seine Mittagspause in einem kleinen Lokal, wo er sich jeden Mittag um zwölf an die Theke setzt und neben dem Essen seine Texte verfasst. Tanja ist Kellnerin in diesem Lokal und unsterblich in den stillen Postboten verliebt. Eigens für ihn beschäftigt auch sie sich mit der japanischen Kultur und versucht, ihm auf diese Weise näher zu kommen, leider vergebens. Doch dann hat Bilodo einen schlimmen Unfall und als er aus dem künstlichen Koma erwacht, erinnert er sich an nichts mehr. Da wittert Tanja ihre Chance und gibt sich als seine Verlobte aus. Sie kümmert sich um alles, unter anderem auch um die Auflösung seiner Wohnung. Dabei stößt sie auf ein gut gehütetes Geheimnis, welches sie allerdings nicht von ihrem Vorhaben abhält. Ganz im Gegenteil, sie hegt und pflegt ihren Geliebten und scheint endlich glücklich. Doch nicht nur die Tatsache, dass Bilodo allmählich sein Gedächtnis wiedererlangt, steht dem Glück im Wege. Es scheint, als ob Tanjas willkürliches Einmischen in das Schicksal der beiden ein großer Fehler war...

 


Verlag: Kiepemheuer &Witsch
ISBN: 9783462050448
Preis: 20,00 €
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Rimini

Sonja Heiss, Rezension von Karin Bucconi

In einem "Rutsch" habe ich den ersten Roman der Autorin gelesen und werde es wiederholen, weil mir sicherlich ein paar Feinheiten entgangen sind.

Alexander und Barbara, im Rentenalter, sind die Eltern von Hans und Masha. Hans , Jurist und Teilhaber einer Kanzlei, ist verheiratet mit Ellen, einer Journalistin. Die beiden haben zwei Kinder. Alexander und Barbara sind einander Leid. Sie sind sich aber darin einig, dass sie ihre Schwiegertochter nicht mögen. Ansonsten gönnt Alexander seiner Frau nicht eine Sekunde ohne ihn. Er sieht es nicht ein, dass sie mit einer Freundin "amüsiert", während er allein zuhause sitzt. Jeden Euro dreht er zehnmal um und gönnt seiner Frau nur dann ein kleines Vergnügen, wenn die Situation zwischen ihnen zu eskalieren droht. 

Hans, einst in Akquise geübter Partner in der Kanzlei, hat nachgelassen und hört ein Gespräch mit, wo über seinen Rausschmiss diskutiert wird. Er ist unzufrieden und hat immer wieder Wutanfälle während derer er aggressiv Dinge zerstört, u. a. auch schon mal den Montblanc eines Mandanten. Ellen schläft kaum noch mit ihm. Sie zieht die Gesellschaft eines Buches vor und rät ihm zur Psychoanalyse, wenn er die Ehe retten will. Aber was will er eigentlich? Er befolgt Ellens Rat. Im Verlauf der Analyse verliebt er sich erst mal in Frau Dr. Mandel-Minkic, die seine Gefühle nicht erwidert.

Masha, Hansens Schwester, arbeitslose Schauspielerin, geht auf die 40 zu und will nun endlich, was sie nie wollte: Mutter werden. Einen liebevollenPartner hat sie: Georg, Arzt und willens der Vater ihres Kindes zu werden. Nur plötzlich kann sie ihn nicht mehr riechen. Er stinkt aus dem Mund, und wenn sie den Kopf vertrauensvoll in seine Achsel schmiegt, ist da nicht mehr die immer empfundene Wärme, sondern Schweißgeruch...

Was Sonja Heiss erzählt, dürfte sich so oder ähnlich in vielen Familien abspielen. Witz und Situationskomik wechseln sich in dieser Realsatire ab, und so schildert sie nach wenigen Seiten ein "trautes" familiäres Weihnachtsfest. Es gibt häufig Anlässe, laut loszulachen. Dabei ist es ziemlich traurig, wie diese Menschen miteinander umgehen und sich kaum noch riechen können. Aus feinen Haarrissen werden unüberbrückbare Kluften und man fragt sich nur noch: Kann das gutgehen?

Lesen Sie dieses Buch unbedingt. Es gibt bestimmt Situationen, die Ihnen bekannt vorkommen. 


Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783499291449
Preis: 12,99 €
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Preiselbeertage

Stina Lund, Rezension von Kathrin Allkemper

Ariane ist Anfang 30, lebt in Leipzig, hat einen Job, den sie nicht mag und einen Freund, den sie nicht liebt. Sie scheint immer noch nicht zu wissen, wer sie ist und was sie vom Leben erwartet. Da erreicht sie die Nachricht vom plötzlichen Tod ihres Vaters. Jahrelang war Ariane nicht mehr in Schweden bei ihren Eltern, doch nun kehrt sie anlässlich der Beerdigung zurück. Sie erinnert sich daran, wie sehr sie das Land und die typisch schwedische Umgebung immer geliebt hat, aber schnell wird ihr nach der Begegnung mit ihrer Mutter Ina und der jüngeren Schwester Jolante wieder bewusst, wie unterkühlt und distanziert das Verhältnis der Frauen untereinander doch ist. Es hatte schließlich seinen Grund, warum Ariane damals gleich nach der Schule in die ursprüngliche Heimat ihrer Eltern nach Deutschland ausgewandert ist. 

Die Ankündigung, dass ihr Vater ihr ein geheimnisvolles Manuskript vermacht hat, ist ebenfalls eine Belastung für die Hinterbliebenen. Arianes Mutter streitet vehement ab, dass dieses Manuskript überhaupt existiert und es ist tatsächlich nirgendwo aufzufinden. Vielleicht war das der letzte Schubs, den die junge Frau gebraucht hat. Nach der Beerdigung kehrt sie kurz zurück nach Leipzig, trennt sich von Freund und Job und beschließt, in Schweden einen kompletten Neuanfang zu wagen. Außerdem will sie nicht nur herausfinden, was es mit dem verschwundenen Manuskript auf sich hat, sondern auch, warum ihr Schwester und Mutter so unendlich fremd sind.

Diese Familiengeschichte, die abwechselnd im heutigen Schweden und der ehemaligen DDR kurz vor dem Mauerfall spielt, hat absolute Sogwirkung....und verlangt einem am Ende sogar eine Träne ab.


Verlag: Nagel & Kimche
ISBN: 9783312010387
Preis: 20,00 €
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Die Wurzel alles Guten

Miika Nousiainen, Rezension von Jutta Pollmann

 

Die Zähne machen Pekka mal wieder zu schaffen, der Zahnarztbesuch kann nicht aufgeschoben werden. Lustig, dass der denselben Namen hat wie er selbst: Kirnuvaara. Auch sonst sieht er ihm sehr ähnlich, hat die gleiche Nase. Darauf angesprochen, weicht Esko aus. Aber auch er hat gesehen, dass sie beide miteinander

verwandt sein müssen: fehlen Pekka doch auch die Fünfer, ein genetisch bedingter Fehler, der vererbt wird.

Aber es dauert noch ein bisschen, bis die beiden Halbbrüder sich treffen und über ihren gemeinsamen Vater reden. Esko hat ihn nicht kennengelernt, ist bei Pflegeeltern aufgewachsen, Pekkas Mutter hat erzählt, dass sein Vater abgehauen sei. Als Pekka Esko vorschlägt, ihren gemeinsamen Vater zu suchen, ist dieser nicht begeistert. Er ist mit seinem Leben zufrieden, so wie es ist. Er geht arbeiten und wenn er abends nach Hause kommt, zählt er die Stunden, bis er wieder arbeiten kann. Das reicht ihm. Doch Pekka ist beharrlich, und die beiden ungleichen Brüder machen sich auf den Weg: zunächst eine Tante, die aber schon gleich eine andere Geschichte über den Erzeuger erzählt. Dann wird klar, dass Pekkas Vater gar nicht abgehauen ist, sondern dass seine Mutter ihn rausgeschmissen hat.

Weiter führt die Spur nach Schweden, wo die beiden Männer in Stockholm eine Halbschwester kennenlernen. Dann geht es weiter nach Thailand und Australien. Überall gibt es Geschwister mit ganz besonderen Geschichten, und das Bild von ihrem Vater verändert sich zunehmend. Er war für seine Kinder nicht physisch präsent, aber war doch überall für sie da.

Und je größer die Familie um die beiden Halbbrüder wird, desto offener und freier wird Esko. Sein Leben verändert sich und mit ihm er selbst.

 

Ein wunderschöner, humorvoller, aber auch philosophischer Roman mit liebenswerten, skurrilen Akteuren und „die schönste Geschwistergeschichte südlich des Polarkreises.“

 

 

 

 

 


Verlag: Piper
ISBN: 9783492058421
Preis: 22,00 €
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Mit der Flut

Agnes Krup, Rezension von Jutta Pollmann

November 1923, der junge Paul Benitt schleicht sich als blinder Passagier auf einen Ozeandampfer, um nach Amerika auszuwandern. Als jüngster Sohn auf einem Apfelbauernhof, hatte sich die Mutter für ihn eigentlich etwas anderes vorgestellt: Paul sollte seinem ältesten Bruder Hein auf dem Hof zur Hand gehen, doch Johann, sein zweiter Bruder, hatte Paul überredet, eine Tischlerlehre zu machen. Mit dem Gesellenbrief in der Hand ist er nun auf dem Weg nach Amerika. Auf dem Schiff wird er direkt für Reparaturen eingesetzt, soll aber auch dem Schiffsarzt zur Hand gehen. Als er diesem bei einer Geburt hilft, ist der Arzt erstaunt: „Tischler bist du? An dir ist ein Arzt verloren gegangen!“

Pauls Traum ist geboren.

In Amerika findet er eine Anstellung, arbeitet sich hoch, lernt Antonina kennen, eine junge Italienerin, die mit ihren Eltern aus Italien eingewandert ist. Sie wollen heiraten. Eigentlich ist alles perfekt, doch Paul möchte immer noch gern Medizin studieren. Doch in Amerika ist das Studium zu teuer.

Und hier sieht seine alte Mutter Greta ihre Chance. Jahrelang hat Paul nichts von sich hören lassen, die wenigen Briefe, die er geschrieben hat, gingen an seinen Bruder Johann. Von ihm hörte sie von Pauls Wunsch, Medizin zu studieren und von der zukünftigen Schwiegertochter. Greta hat ihren Sohn schon einmal verloren, um ihn jetzt nicht für immer zu verlieren, bietet sie ihm an, dass er in Hamburg studieren könne. Er könne zuhause wohnen, das Finanzielle würde die Familie regeln. Und Paul geht, es sind ja nur 4 Jahre, gibt er Antonina zu verstehen.

Doch dann kommt der Krieg dazwischen und aus den 4 Jahren, die Antonina warten wollte, werden mehr als zehn. Doch sie steht in all den Jahren zu ihrem Paul,obwohl sie so selten etwas von ihm hört. Sie unterstützt dessen Familie im Krieg und schickt Pakete und endlich 1947 fährt sie nach Finkenwerder und kann ihn wieder in die Arme schließen. Doch Pauls Pläne haben sich geändert und es braucht noch einige Zeit, bis Antonina und Paul wieder zueinander finden.

 

 

Eine wunderschöne, ergreifende Familien- und Liebesgeschichte, die inspiriert wurde vom bewegten Leben des Großonkels der Autorin. Eine Zeitreise von den 20er Jahren in Deutschland und Amerika bis in die späten 60er in Amerika. Absolut lesenswert.

 

 


Verlag: Kiepenheuer&Wietsch
ISBN: 9783462049473
Preis: 24,00 €
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Swing Time

Zadie Smith, Rezension von Karin Bucconi

"Swing Time"  diesen Titel hat sich Zadie Smith ausgeliehen. So heißt nämlich ein Film mit Fred Astaire und Ginger Rogers, von denen einst Katherine Hepburn ironisch meinte "Sie gab ihm Sex. Er gab ihr Klasse". Fred Astaire ist auch das Vorbild der beiden Freundinnen, um die es in diesem Roman geht.

Die namenlose Ich-Erzählerin und Tracey lernen sich in der Ballettstunde kennen. Was sie von Anfang an verbindet:

-die Hautfarbe (sie sind die einzigen Farbigen),

-die Liebe zum Tanzen und 

-London NordWest,

der Vorort, in dem beide wohnen.

Die eine ist die Tochter eines weißen Vaters und einer feministischen dunkelhäutigen Mutter, die sich politisiert und noch studiert und sehr auf den Umgang ihrer Tochter achtet. Die andere Mutter ist arbeitslos, schlicht und kitschig, und der schwarze Vater, der laut Tracey einer der Backgroundtänzer bei Michael Jackson sein soll, in Wahrheit aber ein Kleinkrimineller ist, der mit Unterbrechungen immer wieder im Knast sitzt. Tracey nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau, und ist außerdem eine Meisterin der Manipulation, kurz: ein fieses kleines Biest.

Aber- sie ist es, die mehr Talent hat, besser tanzen kann und später einige Engagements erhält. Die Ich-Erzählerin wird die Assistentin einer kapriziösen Sängerin (viel Ähnlichkeit mit Madonna) und reist mit ihr um die Welt. Bei einer Charity-Veranstaltung in Afrika, als sie im Kreise von Schwarzen von "wir" redet, lassen die sie spüren, dass sie zwar tanzen kann, wie eine Schwarze, aber mit ihrer hellen Haut zu den Weißen gezählt wird.

Nach vielen Jahren kehrt sie nach London zurück, und natürlich trifft sie Tracey wieder. Beide sind fasziniert voneinander: von Ähnlichkeiten und Gegensätzen der jeweils anderen...

Ein Buch voller Rhythmus, ein Buch über Identität, Globalisierung und Diskriminierung. 

Ich lege es Ihnen ans Herz.


Verlag: Rütten & Loening
ISBN: 978-3-352-00903-7
Preis: 19,99 €
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Die spanische Tänzerin

Alli Sinclair, Rezension von Julia Jahns

Im Jahr 2016 reist Charlotte, die eigentlich in Australien lebt, auf Wunsch ihrer kranken Großmutter Katarina nach Granada. Ihre geliebte abuela hat stets ein großes Geheimnis um ihre Vergangenheit gemacht, bekannt ist nur, dass sie erfolgreiche Flamencotänzerin war, ihre Passion dann aber aufgegeben hat. Usprünglich aus reichen Hause stammend, wurde sie von ihrer Familie verstoßen, als herauskam, dass sie heimlich Tanzstunden genommen hatte. Alles, was ihr von ihrer Familie geblieben ist, ist ein Bild, das ihr Vater ihr geschenkt hat. Mit diesem Gemälde hat sie Charlotte nun nach Granada geschickt. Sie soll dort den Künstler des Bildes, das eine Flamencotänzerin darstellt, ausfindig machen. Charlotte findet heraus, dass das Bild von einer Künstlerin angefertigt wurde, die zum Giménez-Klan, einer Gruppe der spanischen Roma, gehörte. Bei der äußersten schwierigen Suche, da alle Befragten, die etwas wissen könnten, sich in Schweigen hüllen, wird Charlotte von dem charismatischen Mateo unterstützt. Immer tiefer dringt sie in die Vergangenheit ihrer Großmutter als Tänzerin während der Diktatur Francos ein und kommt schließlich einer tragischen Liebesgeschichte auf die Spur ...

Ein faszinierender  Roman, abwechselnd wird Charlottes Suche in der Gegenwart und Katarinas Geschichte während der 40er Jahre erzählt.


Verlag: Ullstein
ISBN: 9783550081897
Preis: 20,00 €
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Und Marx stand still in Darwins Garten

Ilona Jerger, Rezension von Bernhard Söthe

London, 1888: Der 72jährige Charles Darwin hat massive Kreislaufprobleme, außerdem plagen ihn Schlaflosigkeit, Übelkeit und unerträgliche Flatulenzen (die berüchtigte englische Küche? Jamie Olivers leicht verdauliche, moderne englische Küche liegt ja noch in weiter Ferne!). Glücklicherweise hat Darwin einen tüchtigen jungen Hausarzt, Dr. Beckett, einen gebildeten Gentleman, mit dem sich Darwin über Gott und die Welt unterhalten kann. Und Gott ist ja gerade Darwins Problem. Er weiß, dass er wegen seiner Herzschwäche nicht mehr lange zu leben hat. Er fürchtet sich davor, als "Gottesmörder" in die Geschichte einzugehen. Seine Frau, selbst tiefgläubig, drängt ihn, sicht mit der anglikanischen Staatskirche auszusöhnen. Darwins Frau ist eine geborene Wedgewood, aus der reichen Porzellanfamilie, weshalb es im Hause Darwin nie an Porzellan und Geld gemangelt hat. Sehr erfreulich. Aber jetzt droht die unselige Glaubensfrage die lange glückliche Ehe der Darwins zu überschatten.

Dr. Beckett ist in der Londoner High Society sehr beliebt, außer Darwin hat er noch andere prominente Patienten, darunter Karl Marx, der trotz erheblicher Gesundheitsprobleme beharrlich Band 2 seines epochalen Hauptwerks "Das Kapital" zu beenden versucht. Auch mit Marx kann sich Dr. Beckett gut über die Welt und Gott unterhalten. Marx ist ein großer Verehrer von Darwin und seinen Theorien zur Entstehung der Arten. Den ersten Band seines "Kapitals" hat er mit einer persönlichen Widmung versehen Darwin zukommen lassen. Darwin bedankte sich freundlich per Brief, zum Inhalt des Kapitals äußerte er sich nicht. Dr. Beckett hat nun die Idee, die Geistesriesen Darwin und Marx zusammen zu bringen, die beiden müssten sich doch viel zu sagen zu haben. Nach einigem Hin und Her kommt es tatsächlich zu einem Treffen der beiden wohl einflussreichsten Genies des 19. Jahrhunderts. 

Die Geschichte ist fiktiv. Wohl wussten Marx und Darwin voneinander, auch die Übersendung von Marx' "Kapital" an Darwin ist belegt, zu einer Begegnung zwischen den beiden ist es aber nie gekommen. Auch der vermittlende Dr. Beckett ist eine Kunstfigur.

Ausgedacht hat sich diese ungewöhnliche Geschichte Ilona Jerger, es ist der erste Roman der langjährigen Chefredakteurin der zeitschrift "natur".


Verlag: Piper
ISBN: 9783492058551
Preis: 20,00 €
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Sieh mich an

Mareike Krügel, Rezension von Tanja Tenberg

Ein Tag im Leben von Katharina, 40 Jahre jung, verheiratet mit Costas , zwei pubertierende Kinder.

Der ganze Roman spielt an einem gewöhnlichen Freitag im Winter irgendwo in einem kleinen Dorf an der Ostseeküste Deutschlands.

Katharina hat am Tag zuvor einen kleinen Knoten in ihrer Brust entdeckt.

Ihr Mann ist mal wieder am Wochenende auf der Arbeit in Berlin, ihre Ehe scheint eingeschlafen.

Die Kinder sind bei Freunden außer Haus.

Es ist der alltägliche Wahnsinn im Leben einer berufstätigen Mutter.

Wir lesen all die Gedanken von Katharina, geschrieben mal lustig, mal trocken, aber nie langweilig in schöner Sprache erzählt.

Wie wird ihr Leben in Zukunft aussehen? Wird sie erleben, wie ihre Kinder erwachsen werden?

Abgelenkt vom Besuch eines alten Studienfreundes endet der Tag in einem Besäufnis mit Folgen...

Ich verrate nur soviel, die Weihnachtsfeier ihres Mannes eignet sich hervorragend für ein betrunkenes Showdown.

Ich mag dieses Buch und vielleicht Sie auch?

 


Verlag: Atlantik
ISBN: 9783455600520
Preis: 20,00 €
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Die Melodie meines Lebens

Antoine Laurain, Rezension von Jutta Pollmann

Auch Postfilialen werden mal modernisiert. Das wäre sicherlich nicht erwähnenswert, wenn dabei nicht ein Brief gefunden worden wäre, ein Brief, der vor über dreißig Jahren abgeschickt wurde. Alain Massoulier ist Mitte 50, Arzt, verheiratet und hat vor über dreißig Jahren in einer Band gespielt, „The Hologrammes“. Ein Demoband hatten sie damals an eine Plattenfirma geschickt, aber nie eine Antwort erhalten.

Und nun sitzt er hier in der Postfiliale und hält das Antwortschreiben der Plattenfirma in der Hand, die Firma Polydor hatte ihnen geantwortet, nur war der Brief 1983 hinter den Regalen verschwunden.

Sie hätten berühmt werden können, sie hätten es als Band schaffen können. Wäre er dann jemals Arzt geworden? Stände er dann evtl. noch auf der Bühne? Wo wären er und die anderen Bandmitglieder heute, wenn der Brief sie damals wirklich erreicht hätte?

Da glaubt man, dass man seine Jugendträume begraben hat, dass sie sich im Laufe der Jahre in Dunst aufgelöst haben, und merkt plötzlich, dass dem keineswegs so ist.

Dieser Brief bringt Alain und sein Leben komplett durcheinander. Er macht sich auf die Suche nach den anderen Bandmitgliedern, doch die Freunde von damals sind auch nicht mehr die jugendlichen 20jährigen, und auch sie haben die Träume von damals längst ad acta gelegt, bis Alain mit dem Brief auftaucht...

 

 

Eine wunderschöne Geschichte über jugendliche Träume und wie sie einen (doch) durchs Leben begleiten. Laurain schreibt leicht, witzig und immer mit der einen oder anderen Überraschung.


Verlag: Suhrkamp
ISBN: 9783518427583
Preis: 24,00 €
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Die Hauptstadt

Robert Menasse, Rezension von Bernhard Söthe

Die Hauptstadt ist Brüssel. "Brüssel-Bashing" ist ja in allen Kreisen hochbeliebt. Aber da die Welt zunehmend von mehr oder weniger Irren regiert wird, tut ein bisschen Rationalität und funktionierende Bürokratie auch ganz gut. Die letzten Umfragen scheinen anzudeuten, dass hier ein Umdenken einsetzt. Das Ansehen der EU-Behörden ist mehr so ganz im Keller.

Genau hierzu passt der neue Roman des österreichischen Autoren Robert Menasse. Er beschreibt Brüssel, die EU-Maschinerie und die darin tätigenden Menschen, wie wir es noch nie gelesen haben. Es passieren durchaus ungewöhnliche Dinge. Ein herrenloses Schwein streunt durch Brüssels Straßen, taucht auf und verschwindet wieder. Ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse.

Ernster wird es dann, als in einem Hotel ein Mord passiert und der zuständige Kommissar vom Staatsschutz daran gehindert wird zu ermitteln. Währenddessen schlagen sich die EU-Beamten mit ganz anderen Problemen herum. Fenia Xenopoulou, leitende Beamtin in der Generaldirektion Kultur, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der EU-Kommission aufpolieren, aber wie? Das Schöne an großen Behörden ist, dass man immer Aufgaben, die man selber nicht mag oder für die man nicht kompetent ist, deligieren kann. Also beauftragt Frau Xenapoulou den Referenten Martin Susman mit dieser Aufgabe.

Aus diesen und vielem anderen Episodem besteht dieser großartige Roman.

Dass Robert Menasse schreiben kann, hat er vielfach bewiesen. Ganz aktuell ist dieser Roman auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis gesetzt worden. Sehr zu recht, wie ich finde. 

 


Verlag: DVA
ISBN: 9783421047786
Preis: 20,00 €
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Acht Berge

Paolo Cognetti, Rezension von Jutta Pollmann

Mit elf Jahren reist Pietro zum ersten Mal mit seinen Eltern für den Sommer nach Grana ins Aostatal. 1984 leben dort nur noch wenige Menschen, es gibt keine Schule mehr und nur noch ein einziges Kind im Dorf: Bruno. Anders als Pietro ist Bruno sich selbst überlassen und muss die Kühe des Onkels hüten. Die beiden Jungen freunden sich an und Bruno lässt zwischendurch – verbotenerweise - die Kühe allein, um mit Pietro durch Wälder und Wiesen zu streifen, um ihm seine Heimat, seine Berge zu zeigen.

Während Pietros Mutter sich in den Sommermonaten um Brunos schulische Erziehung kümmert (auch eine Form der Zuneigung, die Bruno nicht kennt), erlebt dieser die wunderbarsten Stunden, wenn er die Erlaubnis erhält, mit Pietro und dessen Vater in die Berge zu gehen. Bruno hängt an den Lippen von Pietros Vater und dieser hat oft den Eindruck, dass Bruno wohl der passendere Sohn für seinen Vater wäre.

Jeden Sommer kommt die Familie nach Grana, doch als Jugendliche trennen sich zunächst ihre Wege. Pietro weigert sich weiter mit seinem Vater die Berge zu kraxeln und hängt mit den jugendlichen Sommergästen ab, während Bruno bereits eine Maurerlehre macht.

Bruno bleibt in Grana, arbeitet als Maurer und versucht später die Käserei des Onkels wieder aufzubauen; Pietro studiert zunächst Mathematik, bricht dann aber das Studium ab und wechselt zum Film. Das Verhältnis zum Vater wird immer schlechter, bis die beiden sich gar nicht mehr sehen. Allein Pietros Mutter ist das Bindeglied zwischen den beiden Männern und die Briefe, die sie ihrem Sohn schickt, zeigen ihm einen Vater, den er so nicht kennt.

Nach dem Tod des Vaters fährt Pietro nochmals nach Grana und bekommt auch von Bruno ein Bild des Vaters gezeigt, das ihm neu ist. Als Pietro nicht mehr mit seinem Vater in die Berge ging, tat es Bruno; und Bruno zeigt Pietro nun auch sein Erbe, ein Stück Berg, ein Areal mit einer Resthütte, die der Vater ihm, Pietro, vermacht hat. Beim Wiederaufbau der Hütte kommen die beiden Freunde sich wieder näher, die Distanz der letzten Jahre verfliegt (oder war sie nur in Pietros Kopf..?).

 

Die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft, geprägt von der Liebe zu den Bergen und immer mit dabei die Frage, die Pietro ein ganzes Leben begleitet: was ist besser, wer lebt das bessere Leben, der, der in seiner gewohnten Umgebung bleibt oder der, der in die Welt hinausgeht, was Neues wagt.

 

Ein wundervolles, sprachlich schönes und tief bewegendes Buch. Mit Papier und Bleistift bewaffnet, möchte man seitenweise Sätze heraus schreiben, um sie sich immer wieder zu gegenwärtigen. Ein Buch, das man nach dem Lesen in den Arm nimmt, weil es berührt, weil es wunderbares Kopfkino hervorruft, weil es einen so schnell nicht wieder loslässt.

 

 

 

 

 

 

 


Verlag: Luchterhand
ISBN: 9783630875545
Preis: 20,00 €
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Dann schlaf auch du

Leila Slimani, Rezension von Jutta Pollmann

Adam ist tot. Mila wird ihren Verletzungen erliegen.

Das ist das Ende des ersten Kapitels des Buches von Leila Slimani. Sie rollt ihre Geschichte von hinten auf, der Leser weiß von Anfang an, wohin die Reise geht.

Das Paar, das Louise als Kindermädchen einstellt, weiß es nicht.

 

Paul und Myriam, ein junges Paar in Paris. Er ist in der Musikbranche tätig, sie ist Juristin. Kurz nach ihrem Examen kommt Mila zur Welt, 1 ½ Jahre später Adam. Myriam wächst die Arbeit über den Kopf, mit zwei Kindern ist vieles nicht mehr so leicht zu organisieren. Ein Kindermädchen will sie nicht. Sie will sich aber auch nicht mehr mit Freunden treffen, hasst die späten Abende, hasst die Gespräche, die nichts mehr mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun haben. Und sie beneidet immer mehr ihren Mann Paul, der in seiner Arbeit aufgeht, immer seltener zu Hause ist, weil auch er sich etwas anderes vorgestellt hat: nun ist er gefangen in einer Verantwortung, die er nicht mehr loswird. Kinder kann man nicht zurückgeben.

Myriam will wieder arbeiten, doch die Suche nach einem passenden Kindermädchen gestaltet sich nicht so leicht: auf jeden Fall eine mit Papieren; sie darf nicht selbst Kinder haben, dann ist sie nicht flexibel genug und auf keinen Fall eine Maghrebinerin, hinterher sprechen die Kinder Arabisch und man versteht sie nicht mehr...

Doch die beiden haben Glück, Louise kommt zu ihnen. Sie hat ein Händchen für die Kinder, kann kochen, ist jederzeit bereit länger zu bleiben und verwandelt die Wohnung von Paul und Myriam in ein Heim. Es gibt wieder Treffen mit Freunden, auch wenn Myriam den ganzen Tag gearbeitet hat, denn Louise hat gekocht, und sie kann kochen!

Die Freunde beneiden die beiden. Sie haben einen Glücksgriff getan.

Louise übernimmt immer mehr Tätigkeiten im Haus, Paul und Myriam gehen komplett in ihrer Arbeit auf und oftmals sind die Kinder abends schon im Bett, wenn die Eltern nach Hause kommen.

Dann macht sich Louise auf, um zurück in ihre Wohnung zu fahren. Ein möbliertes Apartement, klein, ungemütlich, heruntergekommen. Hier ist sie hingezogen, als ihr Mann gestorben ist. Hier sitzt sie mit einem Berg Schulden, den er ihr hinterlassen hat. Louise geht auf in ihrer Arbeit, sie möchte eigentlich Tag und Nacht bei ihrer Familie bleiben, möchte nicht in ihre Wohnung zurück, denn dort ist sie nur einsam. Die Wochenenden sind das Schlimmste. Und als die Familie ein paar Tage weg fährt, weiß Louise gar nicht mehr, was sie tun soll. Den nächsten Urlaub verbringen sie aber zusammen und Louise genießt diese Zeit.

Aber Louise weiß auch, dass ihre Zeit irgendwann vorbei ist. Bald schon kommen die Kinder in den Kindergarten, in die Schule, dann braucht man sie nicht mehr. Ein weiteres Baby wäre die Lösung. Immer häufiger redet sie Mila ein, dass sie sich doch ein Geschwisterchen wünschen soll, dass sie ihre Mama bedrängen soll. Und Louise drängt sich auf, auf die Kinder auch abends aufzupassen, damit die Eltern Zeit füreinander haben. Doch so kann man Menschen nicht manipulieren...

 

 

Um es ganz platt zu sagen: das Buch ist ein Hammer. Als Leser weiß man, wie gesagt, wie die Geschichte endet, aber wie Leila Slimani die Geschichte schreibt, beschreibt, wie eine Familie in den Abgrund trudelt, ist einfach phänomenal.

Zunächst die Unsicherheit, einem fremden Menschen, die Kinder zu überlassen, dann mehr und mehr das Gefühl, einen Glückstreffer gelandet zu haben und jeden Tag noch mehr erstaunt zu sein, was dieses Kindermädchen noch alles leistet, ohne auf Zeit und Geld zu gucken. Sicher zwischendurch kommen Zweifel, ob man sie so ausnutzen darf, aber schließlich drängt sie sich ja auf!

Keine Minute aber wird gesehen, wie unsagbar einsam Louise eigentlich ist, wie verzweifelt sie ein Stück Familie sucht und wie groß die Angst ist, irgendwann wieder nichts zu haben.

Die Autorin ließ sich von einem wahren Fall inspirieren. Sie erhielt im letzten Jahr den Prix Goncourt für diesen Roman.

 

 

 

 

 

 


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06987-7
Preis: 20,00 €
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Der Vater, der vom Himmel fiel

J.P.Henderson, Rezension von Kathrin Allkemper

Der alte Lyle Bowman verwechselt leider seine in Wasser aufgelöste Medizin mit einem Becher Terpentin, woraufhin er im Dusel quer über die Straße und vor einen Bus läuft.

So bringt der plötzliche Tod ihres Vaters die beiden Brüder Billy und Gregory nach Jahren des Stillschweigens gezwungenermaßen wieder zusammen. Gregory, das schwarze Schaf der Familie, kommt auch prompt zu spät zur Beerdigung und dann auch noch in Hemd und Badelatschen, da sein Koffer unterwegs verloren gegangen ist. Die Enkeltochter möchte ihrem Opa noch einmal sein Lieblingslied singen, allerdings hätte wohl niemand gedacht, dass es von Britney Spears ist. Dies und viele andere Kuriositäten machen diesen Familienroman absolut lesenswert. Aber es ist nicht nur der schwarze Humor, mit dem die Geschichte geschrieben ist, es ist vor allem „der Vater, der vom Himmel fiel“, wie es der Titel schon sagt. Lyle Bowman kommt nämlich kurzfristig zurück auf die Erde, da es oben einen „Zuteilungsfehler“ gegeben hat. Greogory ist der Einzige, der ihn sehen kann und der nun den letzten Wunsch seines Vaters erfüllen soll:aus der zerbröckelnden Familie soll wieder eine richtige Gemeinschaft werden, was in diesem Fall kein leichter Job ist! Für den Leser allerdings ist es herrliche Unterhaltung.

 


Verlag: S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397282-5
Preis: 22,00 €
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Und es schmilzt

Lize Spit, Rezension von Kathrin Allkemper

Aufgrund einer Einladung kehrt die junge Eva nach 13 Jahren erstmals in ihr Heimatdorf zurück. Ganz bewußt hat sie sich ferngehalten und alle Kontakte abgebrochen, denn dort hat sie in ihrer Kindheit Schreckliches erlebt. Während sie sich nun mit dem Auto und einem riesigen Eisblock im Kofferraum auf den Weg macht, erzählt sie in Rückblicken ihre Geschichte. Sie beschreibt ihre kaputte Familie mit der alkoholabhängigen Mutter, der behinderten Schwester und einem gestörten Vater. Nur ihr älterer Bruder scheint sich von allen abzuheben. Und sie erzählt von Jan, der vor Jahren starb und dessen Andenken jetzt mit einer kleinen Gedenkfeier gewahrt werden soll.

Eva hatte nie eine beste Freundin, sie war nie richtig Mädchen. Viel mehr hat sie ihre Freizeit mit Jans Bruder Pim und dessen Freund Laurens verbracht. Zusammen bildeten sie die drei Musketiere, einer für alle und alle für einen. So war es seit der Grundschule bis zum Sommer 2002, als an einem Tag das ganze Leben der 12jährigen Eva zerstört wurde....

Die Zeitungen bewerben dieses Buch wie folgt: „Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt“ oder „Dieses Buch packt sie an der Kehle“ oder „Dieser Roman ist eine Granate, die erst nur einen dunklen Schatten wirft und dann mit kaltblütiger Präzision einschlägt“ Und genau so ist es. Man kann das Buch einfach nicht aus der Hand legen, sucht nach Gründen. Man will einfach herausfinden, was es mit dem Eisblock im Kofferraum auf sich hat und wie es dazu kommen konnte, das eine junge Frau so dermaßen kaputt ist. Fesselnd, bedrückend, schockierend und schonungslos geschrieben.


Verlag: Atlantik
ISBN: 9783455650860
Preis: 15,00 €
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Die Kapitel meines Herzens

Catharine Lowell, Rezension von Julia Jahns

Samantha ist die letzte lebende Nachfahrin der berühmten Geschwister Bronte. Sie nimmt ein Literaturstudium in Oxford auf, versucht aber zunächst, ihre Identität zu verbergen. Samantha hat selbst nie Schriftstellerambitionen, obwohl sie bei ihrem Vater aufgewachsen ist, der ebenfalls berühmter Schriftsteller war. Der Unfalltod ihres Vaters belastet sie immer noch sehr, zudem weiß sie auch noch nicht, was er ihr hinterlassen hat, weil sie das Thema am liebsten verdrängen möchte und bisher die Bemühungen der Notarin, Kontakt zu ihr aufzunehmen, ignoriert hat. Alle Welt glaubt, dass Samantha Erbin eines bedeutenden Bronte-Nachlasses ist, allen voran der Schriftsteller Sir John Booker, der schon ihren Vater im Verdacht hatte, einen Bronte-Schatz versteckt zu haben. 

Die eher nüchtern veranlagte Samantha bekommt in Oxford den charmanten Literaturprofessor James Orville zugeteilt, der mit ihr hitzige Debatten über Literatur führt und sie aus der Reserve locken möchte. Samantha muss bald einsehen, dass sie sich mit ihrer Vergangenheit, ihrem Vater und vor allem ihren berühmten Vorfahrinnen auseinander setzen muss, um das Geheimnis der Bronte-Schwestern zu lüften ...

Ein toller unterhaltsamer Roman für die Leser von "Das Buch der Fälscher" und "Jane Austens Geheimnis", spannend und natürlich auch mit Liebesgeschichte. 


Verlag: Dumont
ISBN: 9783832198381
Preis: 22,00 €
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Heimkehren

Yaa Gyasi, Rezension von Karin Bucconi

Ghana im 18. Jahrhundert: Effia und Esi sind Schwestern, wissen aber nicht voneinander und lernen sich auch nie kennen. Der Stamm der Fante, zu dem Effia gehört, arbeitet mit den Engländern zusammen und unterstützt sie bei der Versklavung der eigenen Leute. Effia heiratet einen englischen Offizier, der in der Heimat bereits verheiratet ist und Kinder hat. Genannt wurden solche Frauen  Soldatenhuren, aber durch die "Verheiratung" hatten sie ein besseres Leben als andere Frauen, die in den Kellern der Besatzerunterkünfte hungern und in knöcheltiefem Dreck ausharren mußten, bis sie als Sklavinnen verkauft wurden. Viele überlebten das nicht.

Esi wird nach Amerika verschifft und ist Freiwild für ihre neuen Besitzer. Ihre Kinder arbeiten auf den Plantagen des Südens oder später die Enkel in den Kohleminen von Alabama. Weitere Generationen in Jazzclubs oder im Drogenhandel der großen Städte. Sie sind Menschen zweiter Klasse und werden so behandelt. Dabei wollen sie nur eines sein: frei! Auch heute noch sind es die Schwarzen Amerikas nicht. Werden sie je einen Platz in der Gesellschaft finden und endlich ein selbstbestimmtes, freies Leben führen?

Der Roman ist der Erstling einer Ghanaerin. Mit großem Wissen und voller Menschlichkeit erzählt sie vom Schicksal zweier Frauen und ihren Nachkommen, die alle auf ihre Art abhängig bleiben vom Wohlwollen der weißen Mehrheit.

Unbedingt lesenswert.


Verlag: Hanser
ISBN: 9783446256491
Preis: 24,00 €
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Max - Sechs Frauen, sechs Lieben, ein Jahrhundert

Markus Orths, Rezension von Bernhard Söthe

Der titelgebende Max ist Max Ernst, es handelt sich also um eine Romanbiographie. Max Ernst wird 1891 in Brühl geboren, früh rebelliert er gegen seinen noch ganz den wilhelminischen Werten verpflichteten Vater, der für seinen ältesten Sohn ganz andere Pläne hatte als Max selbst.

Max setzt sich durch und besucht nach der Schule die Kunstakademie in Köln. Dort lernt er die erste seiner sechs Frauen kennen, ebenfalls eine Kunststudentin. Sie stammt aus wohlhabender jüdischer Familie. Die beiden heiraten, ihr Sohn Jim wird geboren. Als Künstler ist Max Ernst noch auf der Suche. Mit Hans Arp zusammen gründet er den Kölner Ableger der Dadaisten-Bewegung. Max Ernsts Frau beginnt sich als Kunsthistorikerin einen Namen zu machen und arbeitet für Kölner Museen und Zeitungen. Max Ernst, dem nichts am bürgerlichen Behagen mit Frau und Kind liegt, flieht aus diesen - wie er findet - einengenden Verhältnissen. Paris ist in den 20er Jahren die Kunsthauptstadt der Welt. Dort ist Max Ernsts nächste Station. Er wird in den Kreis der Surrealisten um André Breton aufgenommen. Mit Paul Eluard und dessen aus Russland stammender Frau Gala bildet er eine turbulente menage à trois. Die Bohème-Idylle endet, als Gala sich von Eluard scheiden lässt und die Muse und Ehefrau von Salvador Dali wird. Gala ist die erste später berühmte Frau, die Max Ernsts Weg kreuzt. Viele werden folgen, mit einigen wie Leonora Carrington und Peggy Guggenheim ist er länger oder kürzer verheiratet. Als die Deutschen Frankreich im Zweiten Weltkrieg besetzen, schaffen es amerikanische Freunde, ihm unter vielen Schwierigkeiten ein Visum für die USA zu beschaffen. Dort lebt er zunächst in New York, dann einige Jahre in Arizona. 1954 kehrt er nach Paris zurück, wo er 1976 stirbt.

Diese Eckdaten eines Künstlerlebens entfaltet Markus Orths zu einem grandiosen Roman nicht nur um Leben und Werk des großen Künstlers Max Ernst, sondern er zeichnet ein Panorama des 20. Jahrhunderts. Der Teil des Buches, der während des Zweiten Weltkriegs in Südfrankreich spielt, erinnert an David Foenkinos' Künstlerroman "Charlotte" und beschreibt die verzweifelten Versuche der Flüchtlinge aus halb Europa, sich vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. Auch Max Ernsts erste Frau ist hier gestrandet, und wie Charlotte Salomon gelingt es ihr nicht, zu entkommen. Beide werden in den Osten deportiert und sterben in den Vernichtungslagern.

Wer sich über die bemerkenswerte Vielfalt der Stile und Techniken von Max Ernst informieren möchte, kann dies in dem wohlfeilen Buch von Ulrich Bischoff "Max Ernst" (Taschen Verlag, ISBN 9783822865941, 7.99€) tun.


Verlag: S. Fischer
ISBN: 9783103973198
Preis: 24,00 €
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American War

Omar El Akkad, Rezension von Karin Bucconi

Projizieren wir die aktuelle politische Debatte der USA in die Zukunft, dann landen wir genau bei dem, was wir in diesem Roman lesen. 

"The Washington Post" 

Ja, bei dem Szenario, das der Autor entwirft, läuft es einem eiskalt den Rücken herunter, zumal, wenn man an den Präsidenten der Vereinigten Staaten denkt.  Wir befinden uns im Jahr 2075. Im einstigen Land der Freien herrscht -gefühlt- ewiger Winter. Das Amerika, wie wir es heute kennen gibt es nicht mehr. Stürme, ein stark angestiegener Meeresspiegel und ein zweiter Bürgerkrieg um fossile Brennstoffe hat das Land in zwei Lager gespalten: den "blauen" Norden und den "roten" Süden. 

Das Meer hat ganze Küstenstriche verschluckt, u. a. auch New York. Die Menschen leben in Camps, leiden unter Hunger und Armut, und Millionen sind auf der Flucht. Längst sind die Vereinigten Staaten keine Weltmacht mehr. China und ein Zusammenschluß aus nordafrikanischen Staaten "Bouaszizi" haben die Rolle übernommen. Hier leben die Menschen in Wohlstand und unter annehmbaren demokratischen Bedingungen. 

Im Mittelpunkt der Handlung steht die Familie Chestnut, die zu den "Roten" gehört. Sarat, die Tochter, radikalisiert sich. Ihr Bruder gehört längst einer Rebellengruppe an. Sarat, die nach schwerster Folter und großen persönlichen Verlusten nur noch ein Ziel kennt, setzt mit einer hasserfüllten Tat das Leben aller auf`s Spiel.

Ein wichtiger Roman!


Verlag: Dumont
ISBN: 9783832198725
Preis: 23,00 €
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Der Hilfsprediger

Hilary Mantel, Rezension von Karin Bucconi

Nicht umsonst hat Hilary Mantel für ihre zwei Romane "Wölfe" und "Falken" jeweils einen Booker Preis erhalten. Sie kann schreiben. Und wie!

Dumont gibt zum Glück endlich auch ihre früheren Bücher heraus. So jetzt "Der Hilfsprediger". Er spielt in dem englischen Dörfchen mit dem Namen Fetherhoughton und ist bevölkert mit lauter schrägen und auch bösen Typen. Im Mittelpunkt steht der Geistliche, Vater Angwin. Der glaubt schon lange nicht mehr an Gott, aber an den Teufel, der in die Person des Tabakhändlers geschlüpft und also in der Nähe ist. Böse sind die Nonnen, die ihre Exerzitien vollziehen, indem sie Kinder prügeln. Böse ist auch Mutter Perpetua, die das Kloster leitet und jede Abweichung von der Lehre hart ahndet.

Dann, in einer Regennacht, taucht er auf, der Hilfsprediger, der Angwin seine Dienste anbietet. Seltsame Dinge geschehen. Die Whiskyflasche füllt sich immer wieder auf, die Direktorin der Klosterschule kommt in Flammen um, und Vater Angwins Haushälterin entdeckt ihre Gefühle, gegen die sie anzusingen versucht.

Hilary Mantel zeichnet hier treffend ein Bild der 50iger Jahre mit einer gehörigen Portion Ironie und viel Witz.  Schmunzeln und Lachen kommen nicht zu kurz.

 


Verlag: Heyne HardCore
ISBN: 9783453677210
Preis: 10,99 €
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Old School

John Niven, Rezension von Karin Bucconi

Susan Frobisher ist 60 Jahre alt. Sie ist sozial engagiert, besitzt eine eigene Scheckkarte (was nicht unbedingt üblich ist) und einen langweiligen Ehemann. Ihre Freundin Julie arbeitet als Putzfrau in dem Altenheim, in dem auch die bekannte ehemalige 89jährige Tänzerin Ethel mit dem vorlauten und ordinären Mundwerk wohnt, die immer noch ihrer Karriere hinterhertrauert. Eine weitere Freundin, Jill, fürchtet um das Leben ihres Enkels, das nur durch eine teure Operation zu retten ist.

Als eines Tages zwei Polizisten bei Susan erscheinen und ihr mitteilen, dass ihr Ehemann bei perversen Sexspielen mit einer Prostituierten einen Herzinfarkt erlitten hat und verstorben ist, bricht für sie eine Welt zusammen, zumal sie erfahren muss, dass Barry Kredite aufgenommen hat, um sein Doppelleben zu finanzieren. Die Verträge hatte Susan arglos unterschrieben.

Nach langen Diskussionen beschließen die vier Frauen, eine Bank zu überfallen. Sie holen einen Bankräuber und ehemaligen Liebhaber Julies mit ins Boot. Aber- der Überfall geht in die Hose. Nails wird festgenommen, und die vier Ladies fliehen quer durch Frankreich vor zwei sie verfolgenden Polizisten...

Eine verrückte Truppe, eine irre Verfolgungsjagd, derbe Dialoge strapazieren die Lachmuskeln. Aber es geht auch um Einsamkeit, Armut im Alter, Offenheit und Vertrauen!

Ein wunderbares Buch.  

 

 

 


Verlag: Suhrkamp
ISBN: 9783518427675
Preis: 22,00 €
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Die Chefin - Roman einer Köchin

Marie NDiaye, Rezension von Bernhard Söthe

NDiayes neuer Roman ist die ungewöhnliche Geschichte einer Frau, die sich aus kleinsten Verhältnissen hochgearbeitet hat und ohne geregelte Ausbildung Köchin wird, die ein Restaurant in Bordeaux betreibt, das wegen ihrer Kochkunst schließlich sogar einen Michelinstern erhält.

Erzählt wird diese Romanbiographie aus der Perspektive eines langjährigen Mitarbeiters, der Chefin in (vergeblicher) Liebe verbunden. Diese Liebe verblüfft anfangs den Leser doch etwas. Die Chefin, doppelt so alt wie der Erzähler, ist eine begnadete Köchin, verfügt aber über keine der üblichen Gaben, um die langjährige, unerfüllte Liebe des Jungkoches zu seiner Chefin zu erklären. Sie sieht eher älter als jünger aus, ist klein, kompakt und legt auf ihr Äußeres überhaupt keinen Wert, hat dafür auch wohl gar keine Zeit, da sie eigentlich immer nur arbeitet. Selbst nachts, wenn das Restaurant längst geschlossen hat, tüftelt sie neue Rezepte aus, dabei immerhin darf der hoffnungslos in sie verliebte Jungkoch ihr assistieren. So unscheinbar das Erscheinungsbild der Chefin, so spröde und abweisend ihr Verhalten gegenüber Mitarbeitern und Kunden. Nur nachts, wenn Chefin und Jungkoch neue Rezepte ausprobieren, erzählt sie bruchstückhaft von ihrem Werdegang. Ihr kaum vorhandenes Privatleben ist und bleibt tabu.

Die Chefin hat nur minimalste Schulbildung genossen und gilt wegen ihrer Einsilbigkeit und Verschlossenheit als wenig intelligent, ja fast als beschränkt. Dies stimmt zwar in keinster Weise, aber die Köchin kultiviert diesen falschen Eindruck, den ihre Umwelt von ihr hat. So wird sie wenigstens in Ruhe gelassen, und sie kann sich ihrer einzigen Leidenschaft, dem Erfinden neuer Rezepte, widmen, ohne mit lästigem Gemenschel ihre Zeit zu vertun. Dass unter dieser rauen Schale ein wacher Geist und eine sensible Seele wohnt, erschließt sich dem erzählenden Jungkoch und dem Leser erst nach und nach. Man erfährt einiges über Kindheit und Jugend der Chefin, ihren Werdegang als Köchin, den privaten und öffentlichen Umgang mit anderen Menschen, vieles bleibt aber im Ungefähren. Die Chefin hat eine Tochter - war sie jemals verheiratet? Wer ist der Vater? Diese Tochter, die von ihrer Mutter maßlos verwöhnt wird, vielleicht aus schlechtem Gewissen, erweist sich als der böse Geist ihrer Mutter, sie spielt eine ungute Rolle in deren Leben und verschwindet schließlich spurlos.

Der Jungkoch, der zunächst völlig im Hintergrund der Geschichte bleibt, verrät nach und nach auch Einzelheiten aus seinem Leben. Als er diese Geschichten erzählt, lebt er bereits als dem Alkohol nicht abgeneigter Frührentner in Lloret de Mar in Spanien. Als seine inzwischen 26jährige Tochter ihren Besuch bei ihm ankündigt, reagiert er fast panisch ...

Das neue Meisterwerk der französischen Autorin mit afrikanischen Wurzeln, die bereits für ihren Roman "Drei starke Frauen", inzwischen als Taschenbuch lieferbar, den angesehensten Literaturpreis Frankreich, den "Prix Goncourt" erhielt.


Verlag: Dumont
ISBN: 9783832198398
Preis: 20,00 €
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Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky, Rezension von Bernhard Söthe

Ein kleines Dorf im Hunsrück, bevölkert von originellen Individuen. da ist die alte Selma, die seit langem verwitwet ist. Immer, wenn sie nachts von einem Okapi träumt, stirbt in den nächsten 24 Stunden jemand im Dorf. Was unter den Dorfbewohnern für beträchtliche Unruhe sorgt, sobald bekannt wird, dass Selma wieder geträumt hat. 

"Nichts brennt so heiß wie heimliche Liebe", das weiß auch der alte Optiker, der schon immer in Selma verliebt war, es ihr aber nie gestanden hat. Aber was er ihr aus Schüchternheit nicht sagen kann, versucht er, zu Papier zu bringen. Von seinen Briefentwürfen hat er inzwischen einen ganzen Koffer voll.

Da ist die kratzbürstige Marlies, die die Welt im Allgemeinen und die Dorfbevölkerung im Besonderen als Zumutung empfindet und hinter zugeklebten Fenstern in ihrem Hexenhäuschen lebt, das sie kaum je verlässt, höchstens mal, um sich beim Einzelhändler über die mangelnde Qualität der TK-Fertiggerichte bitter zu beklagen.

Da ist die dicke Elisabeth, die Schwester von Selmas verstorbenem Mann, über deren Abergläubigkeit das ganze Dorf lacht. Aber bei Problemen wird Elisabeth gerne heimlich um Rat gefragt, man weiß ja nie ...

Da ist Luise, Selmas Enkelin, die Erzählerin der Geschichte. Selma ist Luises wichtigste Bezugsperson. Luises Eltern sind doch sehr mit sich selbst beschäftigt. Der Vater, Selmas Sohn, ist der Arzt im Ort, träumt aber von ausgedehnten Reisen. Darin bestätigt wird er von einem Psychoanalytiker, der ihm rät, "mehr ins Weite zu gehen", was der Vater dann auch tut. Die Mutter betreibt den Blumenladen des Dorfes und hat ein Verhältnis mit dem Besitzer des Eiscafés. Im Eiscafé gibt es so wunderbare Eiskreationen wie "Flammendes Verlangen" oder "Heimliche Leidenschaft". Die eher konservativen Dorfbewohner bestellen aber lieber "3 Bällchen gemischt", ist eh auch billiger.

Nach dem Ende der Schulzeit wird Luise Buchhändlerin. Sie arbeitet in Herrn Röders Buchhandlung in der Kreisstadt. Herr Röder lutscht ständig Veilchenpastillen und wird immerhin 104 Jahre alt.

Warum sich Luise ausgerechnet in einen buddhistischen Mönch verliebt, der Tausende von Kilometern entfernt in einem japanischen Kloster lebt, ist nur eine der Geschichten dieses wunderbaren Buches. Ach ja, und ein ziemlich großer, ziemlich verschmuster Hund spielt auch eine wichtige Rolle.

Ein Warnhinweis: Halten Sie Taschentücher bereit! An einigen Stellen werden Sie sie brauchen, aber Sie werden mehr lachen als weinen. Versprochen! Für mich die schönste, beste, lesenswerteste Neuerscheinung seit langem.


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-70342-0
Preis: 16,99 €
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Tote Helden - Die Legenden von Astray 1

Michael Peinkofer, Rezension von Kathrin Allkemper

Im Jahr 37 nach dem Fall des tyrannischen Kaiserreiches gibt es diese Helden scheinbar nicht mehr. Sie sind längst vergessen. Doch der Sänger Ray zieht durch die Lande und lässt sie wieder aufleben. Allerdings hat er dabei eine besondere, wenn auch verhasste Gabe: er kann in die Zukunft sehen und baut diese Visionen ungewollt in seinen Lieder ein. So singt er von der Rückkehr der Helden, die gegen Dämonen und allerlei andere finstere Gestalten kämpfen müssen, die sich aus den Tiefen erheben werden. Natürlich gelten solche beängstigenden Visionen als Magie und Teufelswerk und schon bald ist ihm der grausigste Executor des Landes auf den Fersen...

Dies ist der Start der Legenden von Astray. Sehr spannend zu lesen und auf jeden Fall etwas für die Game of Thrones-Fans! Der Autor wurde mit den Reihen um "Die Orks", "Die Sternenritter" und "Die Zauberer" sehr bekannt und beliebt im Fantasygenre.

 


Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-87134-181-6
Preis: 16,99 €
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Das ziemlich lebendige Leben des vermeintlich toten Elvis

Tobias Geigenmüller, Rezension von Kathrin Allkemper

Jeder hat schon einmal von Verschwörungstheorien über den vorgetäuschten Tod großer Stars gehört. In diesem absolut herrlichen Roman hat Tobias Geigenmüller den "King of Rock 'n Roll" am Leben gelassen. Elvis, genervt von Graceland, Hüftschwung und Tablettensucht, plant mit vier Mitwissern seinen angeblichen Tod. Die vier Herren werden dadurch zu Millionären und Elvis entkommt durch die Hilfe und das erkaufte Schweigen seinem alten Leben.
Während eine Wachsleiche beerdigt wird, bezieht Elvis quicklebendig eine 3-Zimmerwohnung in Tupelo, seinem Geburtsort. Um endlich ein normales Leben zurückzubekommen, sucht Elvis sich auch einen ganz normalen Job. Er fährt LKW. Allerdings war ihm nicht ganz klar, dass man in normalen Jobs wohl 8 Stunden pro Tag und nicht in der Woche arbeiten muss. Außerdem ist sein Chef ein Choleriker und ausgemachter Rassist, so dass Elvis sich einen Spaß daraus macht, ihn in den Wahnsinn zu treiben und somit seine Kündigung zu provozieren. Es ist ja nicht so, dass er auf Gehalt angewiesen wäre.
Während die Welt also glaubt, der King ist tot, beginnt sein ehemaliger Manager daran zu zweifeln und macht sich anhand verschiedener Meldungen in der Boulevardpresse auf die Suche. Denn natürlich gibt es immer mal Leute, die behaupten, sie hätten Elvis im Supermarkt oder bei McDonalds gesehen. Aber es würde wohl niemand den echten Elvis für so blöd halten, weiterhin so auszusehen und in seiner Heimat zu wohnen, wenn er untertauchen wollte. Daher ist seine ach so schlechte Tarnung eigentlich die beste. Elvis ist absolut nicht gewillt, seine Freiheit wieder aufzugeben und ist seinem Verfolger stets einen Schritt voraus.
Es ist einfach unglaublich witzig, mit Elvis von 1977 bis heute durch die Geschichte zu gehen. Ob Atari, Gameboy, Handy, Elvis probiert alles aus. Seine Kommentare über die aufkommenden Musikrichtungen wie Rap, Grunge etc. sind ebenfalls ganz großes Kino. Außerdem vermischt der Autor gekonnt die wahren Ereignisse dieser Zeit mit der Fiktion, so dass Elvis - ein wenig wie bei Forrest Gump - nicht nur beim Fall der Berliner Mauer mitmischt.
Super unterhaltsam, kurzweilig und einfach nur lustig!


Verlag: Hanser
ISBN: 9783446254640
Preis: 23,00 €
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Die Freiheit der Emma Herwegh

Dirk Kurbjuweit, Rezension von Karin Bucconi

Auf drei Zeitebenen, nicht wirklich chronologisch, aber nah an den Tatsachen, erzählt  Dirk Kurbjuweit das Leben einer klugen, politischen und kämpferisch begabten jungen Frau. Emma Herwegh, geborene Siegmund, Tochter aus reichem Hause, lernt 1842 den Dichter Georg Herwegh kennen. 1843 heiraten die zwei und ziehen bald darauf nach Paris, wo auch Marx und Heine leben. Hier schließt sie sich 1848 der Pariser Deutschen Legion an, die Georg gegründet hat. Hier haben sich Deutsche im französischen Exil zu einer Freiwilligeneinheit zur Unterstützung der badischen Revolution zusammengeschlossen, die kläglich scheitert. Die Herweghs fliehen in die Schweiz und leben dort von 1851 bis 1866.

Herwegh hat lange eine öffentliche Affäre mit Natalie Herzen. Emma toleriert und fördert sie im Sinne des Glaubens an die freie Liebe und leidet dennoch darunter. Als die Geliebte 1852 stirbt, steht sie weiterhin treu zu ihrem Mann, den sie um 30 Jahre überlebt.

Ihre Geschichte erzählt sie, mittlerweile verarmt, dem jungen Frank Wedekind, der in diesem Roman unter einem seiner vielen Pseudonyme auftritt, nämlich Benjamin Franklin. Wir erfahren, dass Heine Herweghs ungeliebter Konkurrent war. Heine fand Herwegh zu theoretisch und meinte, er solle seine Ideen besser praktisch umsetzen...

Emma konnte sich damals nur im Schatten ihres Mannes verwirklichen. Ihr Fazit:

Wir sind Wesen, die nur als Zierrat auf der Welt sind, Flitter, aber keinen Teil der Weltseele ausmachen. Was uns bleibt sind Reitstunden, Singstunden, Zeichenstunden und Literaturstunden.

"Sie stopfen uns mit Bildung voll, und dann lassen sie uns verdorren" (Emma)

Ein gutes Buch über eine geschichtlich spannende und wichtige Zeit.

 

 


Verlag: Nagel&Kimche
ISBN: 97833125010189
Preis: 20,00 €
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Alles außer gewöhnlich

Nicolaia Rips, Rezension von Karin Bucconi

Den Buchtipp habe ich von einer viel lesenden Kundin, und ich bin ihr richtig dankbar für dieses Kleinod. Die Autorin ist gerade einmal 18 Jahre alt und studiert nun an der Brown University in Providence. Es ist ihr erster Roman.

Nicolaia hat eine reiselustige Mutter, die sich noch -hochschwanger (mit ihr)- in den Iran aufmacht. Sie hat einen Vater, der zunächst behauptet, dass sein Freund Tom, ein bekennender Schwuler, der Vater ist. Aber dann, als ihre Mutter in den Wehen liegt, sieht er sich gezwungen, seine Komfortzone zu verlassen. Zunächst wohnen sie in Italien, und mit sechs Jahren ziehen sie ins New Yorker Chelsea Hotel. Hier haben frühe u.a. die legendären Janis Joplin, Jimi Hendrix und Andy Warhol gewohnt, und nun hausen in dem heruntergekommenen Haus Callgirls, Spinner, verkannte Künstler, Schmuggler und andere seltsame Gestalten. Nicolaia wird deren Maskottchen, aber in der Schule zur Außenseiterin, nachdem sie beinahe das Ertrinken eines Säuglings und seiner betrunkenen Mutter verursacht, die mit ihr den Geburtstag ihrer Schulfreundin Greta feiern.

Leonard Cohen hat einst ein Lied über das Chelsea Hotel geschrieben, und irgendwie ist der kreative Geist der früheren Bewohnerinnen und Bewohner immer noch spürbar. 

Ein so witziges und klug komponiertes Buch habe ich lange nicht mehr gelesen. ich habe häufig laut lachen müssen und immer wieder gestaunt und geschmunzelt. Ich wünsche diesem Buch viele Leserinnen und Leser! 

Gönnen Sie sich das Vergnügen!

 


Verlag: Diogenes
ISBN: 9783257069907
Preis: 24,00 €
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Mein Wildblumengarten

Meir Shalev, Rezension von Karin Bucconi

Vor vielen Jahren habe ich Meir Shalev für mich entdeckt. Der Roman "Fontanelle" , den ich las, handelte von einem Jungen, dessen Fontanelle auch im Erwachsenenalter nicht zuwachsen wollte, weswegen er mehr wahrnehmen konnte, als ihm lieb war... Weitere Romane folgten, und nun hat sein Verlag "Mein Wildgarten" herausgegeben. Zuerst wollte ich es unter der Rubrik Sachbuch besprechen, aber weil es so viele schöne kleine Geschichten enthält, habe ich mich für den Oberbegriff "Belletristik" entschieden.

Shalev wohnt im Norden Israels und hat einen Garten angelegt. Hier wachsen die verschiedensten Wildblumen, Bäume, Obststräucher und andere. Shalev liebt seinen Garten und geht mit allem, was darin wächst, kreucht und fleucht, liebevoll um. Immer wieder kommen beim Anblick der Natur Erinnerungen in ihm hoch. An die Liebe, die Bücher, an Kulinarisches, an die Entwicklung der Menschheit und die Schönheit der Schöpfung.

Ein wundervolles Buch, das man selbst behalten, aber auch guten Freunden verschenken möchte. Letztlich rückt der Autor auch mit einem Rezept für einen besonders guten Limoncello heraus. Viel Vergnügen bei der Lektüre.