Historische Romane


Verlag: Kiepenheuer und Witsch
ISBN: 9783462049688
Preis: 22,00 €
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Die Gleichung des Lebens

Norman Ohler, Rezension von Bernhard Söthe

Von Friedrich dem Großen weiß man, dass er während seiner Regierungszeit (1740-1786) häufig Kriege führte, mit dem erklärten Ziel, Preußens Landbesitz und damit Macht und Einfluss zu vergrößern. Auch dürfte Allgemeingut sein, dass der den Anbau der Kartoffel in Preußen forcierte, womit er die Ernährungslage seiner Untertanen veränderte und sicherte. Weniger bekannt dürfte sein, dass er mit großem finanziellen und personellen Einsatz den Oderbruch entwässern ließ und dadurch große Flächen fruchtbaren Ackerbodens gewann. Nicht ohne Stolz bemerkte er dazu: "Hier habe ich ohne Krieg eine neue Provinz gewonnen." Ohne Krieg -ja, ohne Unruhen und Gewalt - nein. Die einheimische Bevölkerung, überwiegend Fischer, die am, auf und von dem sie umgebenden Wasser lebte, wollten ihre angestammte Lebensweise nicht aufgeben. Genau hier setzt dieser kluge historische Roman ein.

Um die gewaltige Arbeit zu organisieren, setzt König Friedrich auch auf ausländische Fachkräfte. Monsieur Mahistre, ein aus Frankreich stammender Ingenieur, übernimmt die fachliche Leitung der Oderbruchentwässerung. Ausgerechnet dieser Fachmann, bei dem alle Fäden der hochkomplizierten Arbeiten zusammenlaufen, wird ermordet im Sumpf aufgefunden. Ihm wurde mit einer Art Dreizack, einem altertümlichen Werkzeug, mit dem sonst Hechte gejagt werden, ins Herz gestochen.

Den Stillstand der ohnehin durch Sabotage bedrohten Arbeiten fürchtend, schickt Friedrich II den genialen Mathematiker Leonard Euler, den Vizepräsidenten der königlich-preußischen Akademie der Wissenschaften, an die Oder, um den Fortgang der Entwässerungsarbeiten zu sichern und um den Mörder des Ingenieurs Mahistre zu ermitteln. Widerwillig macht sich Leonard Euler auf den Weg, er fürchtet, dass seine eigene wissenschaftlichen Arbeit unter dem unwillkommenen Auftrag des Königs leiden könnte. Andererseits könnte er durch eine erfolgreiche Lösung der ihm gestellten Aufgaben seinem erklärten Lebensziel, Präsident der Akademie der Wissenschaften zu werden, ein Stück näherrücken. Nach mühsamer Anreise - wie damals nicht unüblich - findet sich Euler in einem Netz widerstreitender Interessen wieder: Adelige Landbesitzer, die von der Landgewinnung höhere Einnahmen erhoffen, die Fischerfamilien, meist der slawischen Urbevölkerung enstammend, die keinerlei Veränderung wünschen und der Cousin König Friedrichs II, Markgraf Karl von Brandenburg, Oberhaupt des hochverschuldeten Johanniterordens, der prinzipiell gegen alles ist, was sein königlicher Vetter in Berlin plant. 

Ein gelungener Roman über ein verlorenes landschaftliches Paradies und den nicht aufzuhaltenden Fortschritt der Moderne. Ganz am Rande gibt es auch Bezüge zu unserer Gegenwart. Um die gewonnenen Ländereien zu besiedeln, ließ König Friedrich aus ganz Europa religiös verfolgte Menschen in das Königreich Preußen kommen. Es kamen mehr, und sie kamen schneller, als erwartet, und sie wurden nicht von allen willkommen geheißen ...


Verlag: Emons
ISBN: 9783740801670
Preis: 16,95 €
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Die abenteuerliche Reise des Pieter van Ackeren in die neue Welt

Meinrad Braun, Rezension von Bernhard Söthe

" ... und wieder zurück", könnte der Titel fortgesetzt werden. Ein wichtiges Teil des Buches spielt an Bord von Schiffen. Anfang des 18. Jahrhunderts war eine Reise aus der alten Welt in die neue ein richtiges Abenteuer voller Gefahren, längst nicht jedes Schiff erreichte seinen Bestimmungsort. Ein Segelschiff, eine Nussschale. 40 Menschen, Besatzung und Passagiere auf engstem Raum zusammen gepfercht, jeder bekommt von jedem alle Lebensäußerungen mit, es gibt absolut keine Rückzugsmöglichkeiten. Im Bauch des Schiffes ist die wertvollste Handelsware, angekettet auf dem Sklavendeck, 80 Schwarze in Cabo Verde an Bord genommen, bestimmt für die Plantagen der holländischen Kolonie Surinam. Auch wenn etliche von ihnen sterben werden, womit immer zu rechnen ist, bringen die Überlebenden auf dem Sklavenmarkt gutes Geld für den Kapitän und die Eigner des Schiffes. An Bord befinden sich neben der Mannschaft ein halbes Dutzend Frauen aus den Bordellen Amsterdams, die die Überfahrt wagen, um vielleicht in den Kolonien, wo massiver Frauenmangel herrscht, einen Mann zu finden oder - falls nicht - in ihrem alten Beruf tätig zu sein. Auch ein etwas zweilichtiges Pflanzerehepaar, die beabsichtigen, eine Plantage zu kaufen und Abenteurer, die hoffen, in der neuen Welt neue Chance zu bekommen, befinden sich an Bord. In diesem bunten Häuflein ist außerdem auch Pieter van Ackeren, ein junger Pietist, der in seiner Heimatgemeinde kurz davor stand, als Ketzer angeklagt zu werden und die Reise nutzt, um Abstand zu seinen rabiaten Glaubensgenossen zu gewinnen. Er ist die Hauptperson des Buches, ein ziemlich naiver junger Mann, der schmerzhaft lernen muss, nicht alles für bare Münze zu nehmen, was man ihm erzählt. Er begegnet Seefahrern, Huren, Sklavenhändlern, Indianern, Kaufleuten, Wissenschaftlern, aber auch der genialen Malerin Maria Sibylla Merian, die ja bekanntlich einiger Zeit in Surinam lebte, wo sie Anregungen und Material für ihre Naturstudien sammelte. Pieter van Ackeren begegnet auch der Liebe, der aber sein Glaube und auch ein bisschen er selbst im Wege steht. Zwischen unbändiger Natur, blanker Gewalt, schamloser Ausbeutung der Eingeborenen und christlichen Missionaren, die gar nicht so christlich sind, wie sie tun, sucht sich Pieter van Ackeren seinen Weg.

Ein farbenprächtiger Roman, der auch Lesern von Daniel Kehlmann und der Alexander von Humboldt-Biographie gefallen dürfte.


Verlag: Harper Collins
ISBN: 9783959671064
Preis: 14,00 €
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Nachtblau

Simone van der Vlugt, Rezension von Julia Jahns

Holland im 17. Jahrhundert:

Die junge Catrijn stammt aus einfachen Verhältnissen. Seit sie nach kurzer Ehe und einer Fehlgeburt Witwe wurde, tratschen die Dorfbewohner über sie, und sie fühlt sich zunehmend unwohl. Kurzerhand verkauft sie den geerbten Hof ihres Mannes und macht sich auf den Weg nach Alkmaar, um dort eine Stelle als Haushälterin anzutreten. Catrijn flüchtet nicht nur vor dem Klatsch, sondern auch vor ihrem dunklen Geheimnis: sie hat ihren gewalttätigen Mann, als dieser wieder einmal betrunken nach Hause kam, kurzerhand mit einem Kopfkissen erstickt.

In Alkmaar muss sie feststellen, dass ihr neuer Dienstherr bereits verstorben ist, doch sie lernt den gutaussehenden Matthias kennen, der ihr eine Stelle bei seinem Bruder in Amsterdam verschafft. Catrijn lebt sich dort gut ein und hat sogar Gelegenheit, den berühmten Maler Rembrandt kennen zu lernen, bei dem ihre Dienstherrin Malunterricht nehmen möchte. Catrijn ist selbst eine begabte Malerin, die bisher nicht die Gelegenheit hatte, ihre Fähigkeiten zu schulen. Als ihr Dienstherr ihr Talent erkennt, vermittelt er sie nach Delft, wo sie eine Stelle in der Keramikwerkstatt seines zweiten Bruders Evert antritt. Catrijn findet dort schnell Anerkennung, doch dann droht ihre Vergangenheit sie einzuholen, als ihr ehemaliger Knecht plötzlich vor ihrer Tür steht ...

Ein spannender Roman über die Entstehung des Delfter Porzellans. Besonders gut gefallen hat mir, dass viele berühmte Persönlichkeiten dieser Zeitepoche in dem Roman auftauchen, so Z.B. auch Jan Vermeer und Carel Fabritius.


Verlag: List
ISBN: 9783471351543
Preis: 20,00 €
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Die Stadt des Zaren

Martina Sahler, Rezension von Julia Jahns

Der Untertitel des Buches lautet "Der große Sankt-Petersburg-Roman" - und darum geht es auch, um die Gründung der Stadt unter widrigsten Umständen und die Entwicklung zur schillernden Hauptstadt des Russischen Kaiserreiches.

Im Jahr 1703 beschließt Zar Peter, einen Stadt nach westlichem Vorbild zu bauen, mit der er sich ein Denkmal setzen möchte und die sein Hauptsitz werden soll: Sankt Petersburg. Ein gewagtes Vorhaben, denn der Standort, den er sich ausgesucht hat, ist nicht gerade ideal: mitten im Sumpfgebiet, an der Mündung der Newa in die Newabucht. Mithilfe von russischen Leibeigenen und schwedischen Kriegsgefangenen soll die Stadt nun erbaut werden, zudem lädt Zar Peter zahlreiche Adlige und berühmte Persönlichkeiten ein, die entstehende Stadt zu besiedeln. 

Der deutsche Arzt Dr. Albrecht folgt dem Ruf und reist mit seiner Familie an. Obwohl die Bedingungen deutlich weniger komfortabel sind als in ihrer alten Heimat in der Nähe von Moskau, leben sich alle gut ein. Der Arzt hat alle Hände voll zu tun und wird von seiner Frau tatkräftig unterstützt. Die zweitälteste und wissbegierige Tochter Paula, die den heimlichen Wunscht hat, selbst Ärztin zu werden, freundet sich mit dem holländischen Tischlergesellen Willem an, und ihr jüngerer Bruder Gustav, der die Schifffahrt lebt, verbringt seine gesamte Zeit in seinem Boot. Nur die älteste Tochter Helene gewöhnt sich zunächst nur sehr schwer an ihre neue Heimat, bis sie sich in den schwedischen Kriegsgefangenen Erik verliebt.

Stetig wächst und gedeiht die Stadt, allen Widrigkeiten zum Trotz, bis eine gewaltige Flutkatastrophe alles zu zerstören droht ...

Ein spannender historischer Roman, der bis zur letzten Seite fesselt. Neben der Arztfamilie spielen noch eine intrigante russische Gräfin, zwei italienische Architektenbrüder, eine Leibeigene und ein hellseherisch begabter Kleinwüchsiger eine wichtige Rolle. Die eigentliche Hauptperson ist aber der charismatische und wild entschlossene Zar Peter, dessen Entwicklung und Charakter zeitgleich zur Entstehung der Stadt sehr gut beschrieben werden.


Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783871348389
Preis: 22,95 €
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Die goldene Stadt

Sabrina Janesch, Rezension von Bernhard Söthe

Eine Romanbiographie über den fast vergessenen Abenteurer und Entdecker August Berns.

Augusto Berns wird Mitte des 19. Jahrhunderts in Eltville am Rhein als Sohn eines Weinhändlers geboren.  Die Familie zieht nach Berlin, wo August Berns seine Schuljahre verbringt. Die Zeit der Entdeckungen ist noch nicht abgeschlossen, der phantasievolle Junge interessiert sich brennend für alle exotischen Länder. Er lernt sogar noch den greisen Alexander von Humboldt kennen, was die Abenteuerlust des Jugendlichen nur beflügelt.

Nach dem frühen Unfalltod seines Vaters kehrt die Familie an den Rhein zurück, wo August Arbeit in der Gießerei von Verwandten findet. Die Mutter heiratet wieder, Augusts Verhältnis zum Stiefvater ist nicht gut . Um diesen bedrückenden Verhältnissen und dem preußischen Militärdienst zu entkommen, beschließt August, einen langgehegten Traum zu verwirklichen. Seine Geschwister werfen ihr Erspartes zusammen, um ihm die Auswanderung nach Amerika zu ermöglichen. Aber statt wie angekündigt nach Nordamerika zu fahren, ändert er sein Reiseziel Richtung Südamerika. In Peru wird er in den Krieg gegen Spanien involviert und wird an der Seite des zukünftigen peruanischen Präsidenten eher zufällig zum Kriegshelden. August, der sich ab jetzt Augusto Berns nennt, arbeitet als Ingenieur bei der peruanischen Eisenbahn. Eine Eisenbahnlinie in die Anden ist geplant, eine technisch hochkomplexe Aufgabe. Aber sein eigentliches Ziel, die legendäre Goldstadt der Inkas zu finden, lässt ihn nicht los. Unentwegt sammelt Berns Informationen, wo diese Stadt wohl sein könnte. Obwohl er bei der peruanischen Staatseisenbahn Karriere machen könnte, macht er sich mit dem amerikanischen Abenteurer Harry Singer auf den Weg ...

Ein Abenteuerroman von großer literarischer Kraft mit realem Hintergrund. Erst seit kurzem wird von der Geschichtsschreibung anerkannt, dass es August Berns war, der Machu Picchu wiederentdeckt hat, 30 Jahre, bevor amerikanische Forscher Anfang des 20. Jahrhunderts Machu Picchu ebenfalls fanden und für sich reklamierten, die Ersten zu sein.

Das erste Buch der Autorin Sabrina Janesch "Katzenberge", eine deutsch-polnische Familiengeschichte, ist ebenfalls sehr lesenswert. Vor einigen Jahren wurde dieser Roman bei Erscheinen auch von Literaturnobelpreisträger Günther Grass hochgelobt. "Katzenberge" ist als Taschenbuch (in 4. Auflage!) erhältlich (11,99€ Aufbau Verlag).

 


Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783499272134
Preis: 10,99 €
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Töchter einer neuen Zeit

Carmen Korn, Rezension von Annette Riedel

Hamburg, 1919: Der große Krieg liegt hinter den beiden Freundinnen Henny und Käthe. Gerade 19 Jahre alt sind sie , als sie eine Ausbildung zur Hebamme an der Hamburger Frauenklinik Finkenau beginnen. Henny kommt als ausgebildete Krankenschwester sofort gut zurecht, die unangepasste Käthe, die mit den Kommunisten sympatisiert, hat es deutlich schwerer. Die beiden wollen einfach leben und glücklich sein ... Bald stoßen auch die junge, alleinstehende Lehrerin Lina, die sich für Reformpädagogik interessiert und die aus reichem Hause stammende Ida, die von ihrem kaufmännisch ungeschickt agierenden Vater zur Absicherung eines Kredites an den älteren Bänker Campmann verschachert wird, zu ihnen.

Obwohl die vier Frauen sehr unterschiedlich sind, begleiten sie einander und unterstützen sich in enger Freundschaft, vor allem, als sich die  Zeiten ändern und Deutschland nach der Wirtschaftskrise mit den Nationalsozialisten auf den Zweiten Weltkrieg zusteuert.

Mit vier bewegenden Frauenschicksalen durch 100 Jahre deutsche Geschichte - Band 1 der Jahrhundert-Trilogie Deutschland, die die Zeit zwischen 1919 und 1948 umfasst!

Ich bin ganz gefesselt von der Lebensgeschichte der vier Frauen und freue mich, sofort mit dem zweiten Band anschließen zu können:

Carmen Korn, Zeiten des Aufbruchs - Kindler Verlag - geb. 19,95 €

 

 

 


Verlag: btb
ISBN: 9783442714674
Preis: 9,99 €
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Die Erfindung der Flügel

Sue Monk Kidd, Rezension von Daniela Maifrini

 

Die Autorin Sue Monk Kidd ist sicherlich vielen als Autorin des Titels „Die Bienenhüterin bekannt. Bereits 2015 erschien „Die Erfindung der Flügel“ als gebundene Ausgabe in Deutschland, da ist sie mir aber leider noch nicht aufgefallen. Besser spät als nie: jetzt gibt es den Titel im Taschenbuch, und ich habe ihn nun für mich und hoffentlich auch für viele weitere Leserinnen und Leser entdeckt.

Sue Monk Kidd, die selbst aus South Carolina stammt, besichtigte vor einigen Jahren ein Gemälde, in dem sie auf die Namen der Schwestern Sarah und Angelina Grimké stieß. Die beiden Damen aus Charleston waren bereits in den 1830er Jahren (15 Jahre bevor „Onkel Tom’s Hütte“ erschien!) Wegbereiterinnen für die Abschaffung der Sklaverei und die Gleichberechtigung der Frauen. Als solche waren sie der Autorin allerdings zuvor nicht bekannt gewesen, obwohl sie zu dieser Zeit sogar selbst in Charleston wohnte. So begann sie ihre Recherche, um Sarah und Angelina wieder eine Stimme zu verleihen.

Wir befinden uns im Jahr 1803. Die Grimkés gehören als Plantagenbesitzer zu Charlestons weißer Elite. Mit großer Selbstverständlichkeit und unter Berufung auf die „ihnen zustehende Lebensweise“ besitzen sie Sklaven - 17 im Stadthaus und eine ungleich größere Zahl auf ihren landwirtschaftlichen Besitzungen. Der Vater ist ein angesehener Richter, die Mutter eine unberechenbare Despotin im Haus der Familie, die ihren Kindern keinerlei Wärme bietet und die Sklaven mit unangemessener Härte behandelt.

Ihre Tochter Sarah, der die Sklaverei schon im Kindesalter falsch erscheint, bekommt wie alle Mädchen der Familie zu ihrem elften Geburtstag gegen ihren ausdrücklichen Willen die zehnjährige Handful (Sklavenname: Hetty) „geschenkt“. All ihre Bemühungen, dieses Geschenk abzulehnen, scheitern kläglich, und so beschließt Sarah, Handful das Schreiben und Lesen beizubringen, um ihr so wenigstens ein bisschen geistige Freiheit zu ermöglichen. Hierdurch verknüpfen sich die Schicksale von Sarah und Handful eng miteinander.

Dickköpfig wiedersetzt Sarah sich immer wieder den Konventionen ihres Standes, sie wird streng bestraft, darf zum Beispiel nicht mehr lesen, hat keinerlei Ablenkung. So trifft es sich gut, dass ihre Mutter noch recht spät eine weitere Tochter zur Welt bringt, die kleine Angelina. Und Sarah bittet, Patin ihrer Schwester werden zu dürfen, um eine Aufgabe zu haben. So entsteht eine starke Bindung zwischen den beiden Mädchen, die lebenslang Bestand haben wird.

Der Roman wird abwechselnd aus der Perspektive Handfuls und Sarahs erzählt und schenkt  uns einen detailreichen, spannenden und sehr emotionalen Blick auf das Leben dreier bemerkenswerter Frauen, deren höchstes Gut die Freiheit ist.

 


Verlag: Aufbau
ISBN: 9783746632469
Preis: 12,99 €
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Das Lied der Störche

Ulrike Renk, Rezension von Daniela Maifrini

 

Ostpreußen 1920. Die elfjährige Frederike hat schon einiges im Leben erlebt, sowohl ihr Vater als auch ihr Stiefvater sind im ersten Weltkrieg geblieben und ihre Mutter hat nun zum dritten Mal geheiratet - den Bruder ihres verstorbenen zweiten Ehemanns. Dieser ist Gutsherr auf einem Landgut in Ostpreußen, so dass Frederike mit ihrer Mutter und ihren Stiefgeschwistern von nun an eine unbeschwerte Kindheit fern ab vom Trubel des heimischen Potsdam genießen kann.

Das Gut ist nicht sehr feudal und sowohl die Frau Mama als auch der Stiefvater sind sehr daran interessiert, dass die Kinder dem Personal - den Leuten, wie sie in Ostpreußen genannt werden - helfen. Natürlich werden sie von einem Hauslehrer unterrichtet und erhalten so ihre nötige Bildung, aber nach Schulschluss heißt es mit Anpacken. Und besonders Frederike ist sehr interessiert daran, alle Abläufe in dem wuseligen Betrieb zu durchschauen und zu erlernen. Ihr gelingt es mühelos, die ständischen Schranken zwischen ihrer Familie und den Leuten zu überwinden, sie findet sich überall gut zurecht.

Ihr Stiefvater hat einen jüngeren Freund, Ax von Stieglitz, den Frederike bereits als junges Mädchen anhimmelt, ist er doch so ganz anders, stets höflich doch in sich gekehrt und immer von einer gewissen Traurigkeit umgeben. Ax nimmt das Mädchen Frederike zunächst in der Kinderschar natürlich nicht wahr - doch glücklicherweise setzt der zweite Teil des Romans acht Jahre später ein: Aus Frederike ist eine junge Frau geworden, die mit Bravour ihre Schule absolviert hat und nun mit allen Qualifikationen aufwarten kann, um selbst einem großen Gutsbetrieb vorzustehen...

Ulrike Renk hat uns hier einen richtig schönen Schmöker geschrieben, den man wirklich kaum aus der Hand legen kann. Es ist eine Liebegeschichte, gleichzeitig ein gelungenes Portrait der alten Ständegesellschaft (die ja eigentlich nach dem ersten Weltkrieg abgeschafft war - diese Kunde ist aber wohl noch nicht bis nach Ostpreußen gelangt!) und eine grobe Skizze der schwierigen politischen Lage Ostpreußens im polnischen Korridor mit der bedrohlichen Lage an der Grenze zu Russland. Gleichzeitig vermittelt die Autorin einen historisch fundierten und sehr interessanten Einblick in die damaligen Verhältnisse auf solch einem Landgut und all die Arbeit, die dort zu verrichten war. Und nicht zuletzt durch die Erzählerin Frederike gibt es noch eine gute Portion Natur und Tiere - vor allem die Liebe zu Hunden (und Wölfen!) und Pferden (die großartige Zucht des Gutes Trakehnen ist in der Nähe) spielt eine große Rolle.

Also einmal alles, was man so für einen unterhaltsamen Roman braucht, ein bisschen wie eine Mischung aus „Downton Abbey“ und „Unsere kleine Farm“ - eine längst vergangene Welt!

Band 2 erscheint am 9.10.2017