Historische Romane


Verlag: Wunderlich Verlag
ISBN: 9783805200288
Preis: 25,00 €
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Narren und Sterbliche

Bernard Cornwell, Rezension von Bernhard Söthe

Cornwell ist ein bekannter und beliebter Autor von historischen Schlachtgemälden. Die Bücher seiner "Uthred-Saga" sind richtige Longseller.

Sein Roman aus dem 100-jährigen Krieg "Im Zeichen des Sieges" ist einer der besten historischen Romane der letzten Jahre.

Sein neuer Roman spielt im London der Königin Elisabeth I. Die Schlachtfelder sind auf die Theaterbühne verlegt. Die Hauptakteuer sind Richard Shakespeare und sein älterer Bruder William. Die Schlachten auf der Bühne sind zwar Theaterdonner, aber auch das alltägliche Leben ist von Gewalt bestimmt. "Merry old England" ist eine nette Redewendung, hat aber mit der Realität wenig zu tun. In den verdreckten Straßen und Gassen versucht allerlei Gelichter, mit kriminellen Methoden seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Bestohlene können froh sein, wenn ihnen nur Hab und Gut und nicht auch Gesundheit und Leben genommen werden. Die adelige Oberschicht führt ein vergleichsweise angenehmes Leben, aber Machtspielchen und Hofintrigen können auch, oder gerade in diesen "feinen" Kreisen zu Gewaltexzessen führen. Mitten in diesem meisterhaft beschriebenen bunten Treiben die Brüder Shakespeare. Richard ist seinem 8 Jahre älteren Bruder aus Stratford nach London gefolgt. Geflohen vor einem brutalen Lehrherren, bei dem es mehr Schläge als Nahrung gab. Aber der junge Richard kommt vom Regen in die Traufe. Bruder William, der gerade versucht, sich als Theatermacher, Schauspieler und Bühnenautor zu etablieren, ist alles andere als begeistert, seinen jugendlichen Bruder am Hals zu haben. Er reicht ihn gleich weiter an einen Geistlichen, der an seiner Pfarrkirche einen Knabenchor mit angeschlossener Schule unterhält. Die Zöglinge werden in Musik, Tanz, Gesang unterrichtet, auch hier sind die Methoden brutale Gewalt. Sexueller Missbrauch der Kinder und Jugendlichen durch den Geistlichen sind an der Tagesordnung, außerdem zwingt er die ihm anvertrauten Jungen zur Prostitution, was aber niemanden aufzuregen scheint. Auch Richard Shakespeare durchläuft diese "Schule". Nach dem Stimmbruch ist er für den Chor unbrauchbar und wird auf die Straße gesetzt. Er sucht wieder Kontakt zu seinem Bruder William, der inzwischen Besitzer und Betreiber eines Theaters ist. Widerwillig beschäftigt ihn William in kleineren Rollen als Frauendarsteller. Frauen auf der Bühne waren im elisabethanischen England und auch noch langer danach schlicht undenkbar. Aber so langsam lässt sich Richards Bartwuchs auch mit viel Theaterschminke nicht mehr überdecken. William weigert sich aber, Richard die wichtigeren und besser bezahlten Männerrollen spielen zu lassen. Das Verhältnis der Brüder ist und bleibt gestört. Der oft völlig abgebrannte Richard hält sich mit Diebstählen und Falschspielerei über Wasser, auch das hat er an der Chorknabenschule gelernt.

Wegen des ungewöhnlich eisigen Winters fallen viele Theateraufführungen aus und William Shakespeares Theatertruppe hat ernste finanzielle Probleme. Da ist es ein Geschenk des Himmels, dass die Truppe von einem Lord, dem einzigen Cousin von Königin Elisabeth, engagiert wird, um bei der pompösen Hochzeit seiner Enkelin die Gäste, darunter seine königliche Cousine Elisabeth, mit der Aufführung eines Theaterstückes zu unterhalten. Das bedeutet Proben und Auftritt in einem gut geheizten Adelspalast statt im dachlosen, zugigen Theater, das bedeutet gute Einnahmen und das bedeutet einen wichtigen Imagegewinn, falls der Königin das Theaterstück gefällt. Aufgeführt werden soll William Shakespeares zuletzt vollendete Komödie "Ein Sommernachtstraum". Trotz der guten Rahmenbedingungen beginnen die Proben chaotisch. Streit unter den eitlen Schauspielern darüber, wer welche Rolle spielt und welche wichtiger ist. Streit auch wegen jeder Kleinigkeit unter den Brüdern Richard und William. Die Situation läuft vollends aus dem Ruder, als das Manuskript zum "Sommernachtstraum" gestohlen wird. Das Manuskript ist tatsächlich ein Einzelstück, es war noch keine Zeit, Kopien anzufertigen. Ein Mitglied von William Shakespeares Schauspieltruppe hatte das Manusksript im Auftrag eines konkurrierenden Theaterunternehmens, das händeringend neue Theaterstücke zur Aufführung sucht, gestohlen. Jetzt kommt Richards großer Moment. Er ist nicht nur ein guter Schauspieler, er ist auch ein begabter Dieb. William erteilt ihm den Auftrag, das Manuskript zurückzustehlen. Richard ist aber nur bereit, seinem Bruder aus der Bredouille zu helfen, wenn dieser verspricht, ihm in Zukunft größere Rollen, und zwar Männerrollen zu überlassen. Widerwillig lässt sich William auf diese Bedingungen ein...

Ein im wahrsten Sinne des Wortes farbenprächtiger historischer Roman, man wird gut unterhalten und erfährt Einiges über das Theaterwesen und das Alltagsleben der Menschen im elisabethanischen London.