Historische Romane


Verlag: Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2252-2
Preis: 16,00 €
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Ruhrpiraten

Mike Steinhausen, Rezension von Bernhard Söthe

Ruhrgebiet 1942:

Im Rheinland in Köln hat sich eine Gruppe Jugendlicher gefunden, die mit dem Naziregime nichts anfangen können. Sie nennen sich die Edelweißpiraten. Es ist eine lockere Vereinigung, so etwas wie Vereinsstrukturen oder Regeln gibt es nicht, aber so etwas wie ein gemeinsames Motto: "Wir tanzen nicht nach Führers Pfeife". Aber tanzen wollen die junge Leute schon, am liebsten zu Swing-Musik, dieser bei den Nazis verpönten "undeutschen" Musik aus den USA. Bei konspirativen  Treffen versuchen die Jugendlichen, im grauen Kriegsalltag ein bisschen Freiheit zu leben. Durch persönliche Kontakte von Edelweißpiraten ins Ruhrgebiet entstehen auch hier völlig unorganisiert Gruppen dieser Subkultur. Die Mitglieder nennen sich die Ruhrpiraten. 

Mike Steinhausens Roman spielt im Bergarbeitermilieu im Essener Norden. Der 16jährige Egon Siepmann ist noch nicht alt genug, um als Soldat an die Front geschickt zu werden, aber alt genug, um unter Tage zu malochen, wo er und andere Jugendliche die harte Arbeit von Erwachsenen verrichten müssen. In ihrer knapp bemessenen Freizeit sollen die Jugendlichen an den Aktivitäten der Hitlerjugend teilnehmen. Die Mitgliedschaft in dieser Naziorganisation ist obligatorisch. Egon Siepmann drückt sich vor den Pflichten, die diese Zwangsmitgliedschaft mit sich bringt. Da er nicht der einzige Jugendliche aus dem Arbeitermilieu ist, der dem Nationalsozialismus gleichgültig oder ablehnend gegenüber steht, reagieren die Leiter der Hitlerjugend mit zunehmendem Druck. Abweichler und Außenseiter sollen auf "Linie" gebracht werden. Egon Siepmann lernt durch Zufall Fritz Gärtner kennen und kommt über ihn in Kontakt mit den Ruhrpiraten. Zum ersten Mal in seinem Leben erfährt Egon die Nähe und Freundschaft von Gleichgesinnten und als er in der Gruppe Annemarie kennen lernt und eine erste zarte Liebe entsteht, erträgt Egon sein häusliches Elend und die Schrecken des Krieges leichter.

Gefährlicher wird es, als die Ruhrpiraten bei einem geheimen Treffen in den Ruhrwiesen von einem Trupp der Hitlerjugend aufgespürt und angegriffen werden. Die Ruhrpiraten setzen sich erfolgreich zur Wehr. So erfolgreich, dass sie dem Sohn eines ranghohen Nazis "die Nase richten". Jetzt ist das Maß voll. Der Vater des Verletzten schaltet die Gestapo ein, um die aufmüpfungen Jugendlichen aufzuspüren und ein Exempel zu statuieren.

Ein lesenswerter Roman aus der noch nicht so fernen Vergangenheit des Ruhrgebiets. Besonders gelungen sind die Stellen, die die Arbeitswelt und den Alltag des Ruhrgebiets in den Kriegsjahren beschreiben. Vor allem die harte Arbeit unter Tage, die mit dem Schließen der letzten Zeche ja tatsächlich historisch geworden ist.

In dem Roman wird Gladbeck einmal namentlich erwähnt, die "Grafenmühle bei Gladbeck" als Ausflugsziel der Ruhrpiraten. Das wird den Kirchhellenern nicht gefallen, aber so steht es im Buch. 


Verlag: Kiepenheuer und Witsch
ISBN: 9783462049688
Preis: 22,00 €
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Die Gleichung des Lebens

Norman Ohler, Rezension von Bernhard Söthe

Von Friedrich dem Großen weiß man, dass er während seiner Regierungszeit (1740-1786) häufig Kriege führte, mit dem erklärten Ziel, Preußens Landbesitz und damit Macht und Einfluss zu vergrößern. Auch dürfte Allgemeingut sein, dass der den Anbau der Kartoffel in Preußen forcierte, womit er die Ernährungslage seiner Untertanen veränderte und sicherte. Weniger bekannt dürfte sein, dass er mit großem finanziellen und personellen Einsatz den Oderbruch entwässern ließ und dadurch große Flächen fruchtbaren Ackerbodens gewann. Nicht ohne Stolz bemerkte er dazu: "Hier habe ich ohne Krieg eine neue Provinz gewonnen." Ohne Krieg -ja, ohne Unruhen und Gewalt - nein. Die einheimische Bevölkerung, überwiegend Fischer, die am, auf und von dem sie umgebenden Wasser lebte, wollten ihre angestammte Lebensweise nicht aufgeben. Genau hier setzt dieser kluge historische Roman ein.

Um die gewaltige Arbeit zu organisieren, setzt König Friedrich auch auf ausländische Fachkräfte. Monsieur Mahistre, ein aus Frankreich stammender Ingenieur, übernimmt die fachliche Leitung der Oderbruchentwässerung. Ausgerechnet dieser Fachmann, bei dem alle Fäden der hochkomplizierten Arbeiten zusammenlaufen, wird ermordet im Sumpf aufgefunden. Ihm wurde mit einer Art Dreizack, einem altertümlichen Werkzeug, mit dem sonst Hechte gejagt werden, ins Herz gestochen.

Den Stillstand der ohnehin durch Sabotage bedrohten Arbeiten fürchtend, schickt Friedrich II den genialen Mathematiker Leonard Euler, den Vizepräsidenten der königlich-preußischen Akademie der Wissenschaften, an die Oder, um den Fortgang der Entwässerungsarbeiten zu sichern und um den Mörder des Ingenieurs Mahistre zu ermitteln. Widerwillig macht sich Leonard Euler auf den Weg, er fürchtet, dass seine eigene wissenschaftlichen Arbeit unter dem unwillkommenen Auftrag des Königs leiden könnte. Andererseits könnte er durch eine erfolgreiche Lösung der ihm gestellten Aufgaben seinem erklärten Lebensziel, Präsident der Akademie der Wissenschaften zu werden, ein Stück näherrücken. Nach mühsamer Anreise - wie damals nicht unüblich - findet sich Euler in einem Netz widerstreitender Interessen wieder: Adelige Landbesitzer, die von der Landgewinnung höhere Einnahmen erhoffen, die Fischerfamilien, meist der slawischen Urbevölkerung enstammend, die keinerlei Veränderung wünschen und der Cousin König Friedrichs II, Markgraf Karl von Brandenburg, Oberhaupt des hochverschuldeten Johanniterordens, der prinzipiell gegen alles ist, was sein königlicher Vetter in Berlin plant. 

Ein gelungener Roman über ein verlorenes landschaftliches Paradies und den nicht aufzuhaltenden Fortschritt der Moderne. Ganz am Rande gibt es auch Bezüge zu unserer Gegenwart. Um die gewonnenen Ländereien zu besiedeln, ließ König Friedrich aus ganz Europa religiös verfolgte Menschen in das Königreich Preußen kommen. Es kamen mehr, und sie kamen schneller, als erwartet, und sie wurden nicht von allen willkommen geheißen ...


Verlag: Emons
ISBN: 9783740801670
Preis: 16,95 €
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Die abenteuerliche Reise des Pieter van Ackeren in die neue Welt

Meinrad Braun, Rezension von Bernhard Söthe

" ... und wieder zurück", könnte der Titel fortgesetzt werden. Ein wichtiges Teil des Buches spielt an Bord von Schiffen. Anfang des 18. Jahrhunderts war eine Reise aus der alten Welt in die neue ein richtiges Abenteuer voller Gefahren, längst nicht jedes Schiff erreichte seinen Bestimmungsort. Ein Segelschiff, eine Nussschale. 40 Menschen, Besatzung und Passagiere auf engstem Raum zusammen gepfercht, jeder bekommt von jedem alle Lebensäußerungen mit, es gibt absolut keine Rückzugsmöglichkeiten. Im Bauch des Schiffes ist die wertvollste Handelsware, angekettet auf dem Sklavendeck, 80 Schwarze in Cabo Verde an Bord genommen, bestimmt für die Plantagen der holländischen Kolonie Surinam. Auch wenn etliche von ihnen sterben werden, womit immer zu rechnen ist, bringen die Überlebenden auf dem Sklavenmarkt gutes Geld für den Kapitän und die Eigner des Schiffes. An Bord befinden sich neben der Mannschaft ein halbes Dutzend Frauen aus den Bordellen Amsterdams, die die Überfahrt wagen, um vielleicht in den Kolonien, wo massiver Frauenmangel herrscht, einen Mann zu finden oder - falls nicht - in ihrem alten Beruf tätig zu sein. Auch ein etwas zweilichtiges Pflanzerehepaar, die beabsichtigen, eine Plantage zu kaufen und Abenteurer, die hoffen, in der neuen Welt neue Chance zu bekommen, befinden sich an Bord. In diesem bunten Häuflein ist außerdem auch Pieter van Ackeren, ein junger Pietist, der in seiner Heimatgemeinde kurz davor stand, als Ketzer angeklagt zu werden und die Reise nutzt, um Abstand zu seinen rabiaten Glaubensgenossen zu gewinnen. Er ist die Hauptperson des Buches, ein ziemlich naiver junger Mann, der schmerzhaft lernen muss, nicht alles für bare Münze zu nehmen, was man ihm erzählt. Er begegnet Seefahrern, Huren, Sklavenhändlern, Indianern, Kaufleuten, Wissenschaftlern, aber auch der genialen Malerin Maria Sibylla Merian, die ja bekanntlich einiger Zeit in Surinam lebte, wo sie Anregungen und Material für ihre Naturstudien sammelte. Pieter van Ackeren begegnet auch der Liebe, der aber sein Glaube und auch ein bisschen er selbst im Wege steht. Zwischen unbändiger Natur, blanker Gewalt, schamloser Ausbeutung der Eingeborenen und christlichen Missionaren, die gar nicht so christlich sind, wie sie tun, sucht sich Pieter van Ackeren seinen Weg.

Ein farbenprächtiger Roman, der auch Lesern von Daniel Kehlmann und der Alexander von Humboldt-Biographie gefallen dürfte.


Verlag: Harper Collins
ISBN: 9783959671064
Preis: 14,00 €
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Nachtblau

Simone van der Vlugt, Rezension von Julia Jahns

Holland im 17. Jahrhundert:

Die junge Catrijn stammt aus einfachen Verhältnissen. Seit sie nach kurzer Ehe und einer Fehlgeburt Witwe wurde, tratschen die Dorfbewohner über sie, und sie fühlt sich zunehmend unwohl. Kurzerhand verkauft sie den geerbten Hof ihres Mannes und macht sich auf den Weg nach Alkmaar, um dort eine Stelle als Haushälterin anzutreten. Catrijn flüchtet nicht nur vor dem Klatsch, sondern auch vor ihrem dunklen Geheimnis: sie hat ihren gewalttätigen Mann, als dieser wieder einmal betrunken nach Hause kam, kurzerhand mit einem Kopfkissen erstickt.

In Alkmaar muss sie feststellen, dass ihr neuer Dienstherr bereits verstorben ist, doch sie lernt den gutaussehenden Matthias kennen, der ihr eine Stelle bei seinem Bruder in Amsterdam verschafft. Catrijn lebt sich dort gut ein und hat sogar Gelegenheit, den berühmten Maler Rembrandt kennen zu lernen, bei dem ihre Dienstherrin Malunterricht nehmen möchte. Catrijn ist selbst eine begabte Malerin, die bisher nicht die Gelegenheit hatte, ihre Fähigkeiten zu schulen. Als ihr Dienstherr ihr Talent erkennt, vermittelt er sie nach Delft, wo sie eine Stelle in der Keramikwerkstatt seines zweiten Bruders Evert antritt. Catrijn findet dort schnell Anerkennung, doch dann droht ihre Vergangenheit sie einzuholen, als ihr ehemaliger Knecht plötzlich vor ihrer Tür steht ...

Ein spannender Roman über die Entstehung des Delfter Porzellans. Besonders gut gefallen hat mir, dass viele berühmte Persönlichkeiten dieser Zeitepoche in dem Roman auftauchen, so Z.B. auch Jan Vermeer und Carel Fabritius.


Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783871348389
Preis: 22,95 €
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Die goldene Stadt

Sabrina Janesch, Rezension von Bernhard Söthe

Eine Romanbiographie über den fast vergessenen Abenteurer und Entdecker August Berns.

Augusto Berns wird Mitte des 19. Jahrhunderts in Eltville am Rhein als Sohn eines Weinhändlers geboren.  Die Familie zieht nach Berlin, wo August Berns seine Schuljahre verbringt. Die Zeit der Entdeckungen ist noch nicht abgeschlossen, der phantasievolle Junge interessiert sich brennend für alle exotischen Länder. Er lernt sogar noch den greisen Alexander von Humboldt kennen, was die Abenteuerlust des Jugendlichen nur beflügelt.

Nach dem frühen Unfalltod seines Vaters kehrt die Familie an den Rhein zurück, wo August Arbeit in der Gießerei von Verwandten findet. Die Mutter heiratet wieder, Augusts Verhältnis zum Stiefvater ist nicht gut . Um diesen bedrückenden Verhältnissen und dem preußischen Militärdienst zu entkommen, beschließt August, einen langgehegten Traum zu verwirklichen. Seine Geschwister werfen ihr Erspartes zusammen, um ihm die Auswanderung nach Amerika zu ermöglichen. Aber statt wie angekündigt nach Nordamerika zu fahren, ändert er sein Reiseziel Richtung Südamerika. In Peru wird er in den Krieg gegen Spanien involviert und wird an der Seite des zukünftigen peruanischen Präsidenten eher zufällig zum Kriegshelden. August, der sich ab jetzt Augusto Berns nennt, arbeitet als Ingenieur bei der peruanischen Eisenbahn. Eine Eisenbahnlinie in die Anden ist geplant, eine technisch hochkomplexe Aufgabe. Aber sein eigentliches Ziel, die legendäre Goldstadt der Inkas zu finden, lässt ihn nicht los. Unentwegt sammelt Berns Informationen, wo diese Stadt wohl sein könnte. Obwohl er bei der peruanischen Staatseisenbahn Karriere machen könnte, macht er sich mit dem amerikanischen Abenteurer Harry Singer auf den Weg ...

Ein Abenteuerroman von großer literarischer Kraft mit realem Hintergrund. Erst seit kurzem wird von der Geschichtsschreibung anerkannt, dass es August Berns war, der Machu Picchu wiederentdeckt hat, 30 Jahre, bevor amerikanische Forscher Anfang des 20. Jahrhunderts Machu Picchu ebenfalls fanden und für sich reklamierten, die Ersten zu sein.

Das erste Buch der Autorin Sabrina Janesch "Katzenberge", eine deutsch-polnische Familiengeschichte, ist ebenfalls sehr lesenswert. Vor einigen Jahren wurde dieser Roman bei Erscheinen auch von Literaturnobelpreisträger Günther Grass hochgelobt. "Katzenberge" ist als Taschenbuch (in 4. Auflage!) erhältlich (11,99€ Aufbau Verlag).

 


Verlag: Rowohlt
ISBN: 9783499272134
Preis: 10,99 €
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Töchter einer neuen Zeit

Carmen Korn, Rezension von Annette Riedel

Hamburg, 1919: Der große Krieg liegt hinter den beiden Freundinnen Henny und Käthe. Gerade 19 Jahre alt sind sie , als sie eine Ausbildung zur Hebamme an der Hamburger Frauenklinik Finkenau beginnen. Henny kommt als ausgebildete Krankenschwester sofort gut zurecht, die unangepasste Käthe, die mit den Kommunisten sympatisiert, hat es deutlich schwerer. Die beiden wollen einfach leben und glücklich sein ... Bald stoßen auch die junge, alleinstehende Lehrerin Lina, die sich für Reformpädagogik interessiert und die aus reichem Hause stammende Ida, die von ihrem kaufmännisch ungeschickt agierenden Vater zur Absicherung eines Kredites an den älteren Bänker Campmann verschachert wird, zu ihnen.

Obwohl die vier Frauen sehr unterschiedlich sind, begleiten sie einander und unterstützen sich in enger Freundschaft, vor allem, als sich die  Zeiten ändern und Deutschland nach der Wirtschaftskrise mit den Nationalsozialisten auf den Zweiten Weltkrieg zusteuert.

Mit vier bewegenden Frauenschicksalen durch 100 Jahre deutsche Geschichte - Band 1 der Jahrhundert-Trilogie Deutschland, die die Zeit zwischen 1919 und 1948 umfasst!

Ich bin ganz gefesselt von der Lebensgeschichte der vier Frauen und freue mich, sofort mit dem zweiten Band anschließen zu können:

Carmen Korn, Zeiten des Aufbruchs - Kindler Verlag - geb. 19,95 €