Belletristik


Verlag: Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-10686-9
Preis: 13,00 €
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Madame Exupéry und die Sterne des Himmels

Sophie Villard, Rezension von Dagmar Hallay

Wer kennt ihn nicht, „Der kleine Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry!
Diese Romanbiografie erzählt nicht nur die Geschichte von der Entstehung des kleinen Prinzen, sonder gleichzeitig auch die Liebesgeschichte von Antoine und seiner Frau Consuelo, die ganz erheblichen Anteil daran hatte.
1930 lernen sich die beiden kennen und er ist sofort verliebt. Doch es ist eine belastete Liebesbeziehung mit vielen Höhen und Tiefen, nicht nur durch den Krieg und seinen Folgen. So ist auch seine Familie nicht begeistert von der temperamentvollen Mittelamerikanerin, die ihren ganz eigenen Weg als Malerin gehen möchte.
Ich habe diese Buch sehr gerne gelesen. Vor allem weil Consuelo für die Rose des kleinen Prinzen steht, die er unter einer Glasglocke beschützen möchte.


Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-27357-3
Preis: 22,00 €
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Im letzten Licht des Herbstes

Mary Lawson, Rezension von Kathrin Allkemper

Die 7jährige Clara ist verzweifelt. Seit Tagen steht sie am Fenster und wartet darauf, dass ihre große Schwester wieder auftaucht, doch das Mädchen bleibt spurlos verschwunden. Die Mutter weint viel, während der Vater sich bemüht, Clara ein Gefühl der Zuversicht zu vermitteln. Doch beide schaffen es nicht wirklich, sich um ihre jüngere Tochter zu kümmern. Aber nicht nur die Tatsache, dass ihre Schwester unauffindbar ist, macht Clara zu schaffen. Ihre geliebte Nachbarin, die alte Mrs. Orchard, liegt im Krankenhaus und kann somit ebenfalls nicht für das Mädchen da sein. Claras einziger Trost ist der Kater, um den sie sich kümmert, solange Mrs. Orchard nicht da ist. Da sie dafür einen Schlüssel vom Nachbarhaus bekommen hat, schleicht sie sich immer öfter hinüber und flüchtet somit vor der bedrückenden Stimmung zuhause. Als sie eines abends wieder auf ihrem Beobachtungsposten am Fenster steht, sieht sie, wie nebenan ein Wagen hält und ein junger Mann Umzugskartons ins Nachbarhaus trägt. Wie kann das sein? Wo ist ihre geliebte Mrs.Orchard?

Für Liam Kane kommt der Umzug nach Ontario genau zum richtigen Zeitpunkt. Vielleicht ist dieses Haus der Start in ein neues Leben, denn sein altes war nicht immer einfach. Und mit diesem Haus verbindet er viele schöne Erinnerungen. Doch irgendwie hat er das Gefühl, dass er nicht der Einzige ist, der in diesen vier Wänden ein und ausgeht…

Elizabeth Orchard spürt, dass sie das Krankenhaus nicht mehr verlassen und nach Hause zurückkehren wird. Zum Glück weiß sie ihren Kater in besten Händen bei der kleinen Clara. Nun bleibt ihr nur noch eine letzte Sache zu regeln, die einem jungen Mann namens Liam die Chance auf einen Neuanfang bietet. Damit möchte Elizabeth einen Fehler wieder gutmachen, der vor 30 Jahren beinahe ihr Leben zerstört hätte…

Drei Leben, drei Geschichten, drei Schicksale, die einen berühren, unterhalten und manchmal auch zum Lachen bringen, je nachdem, ob gerade Liam, Elizabeth oder Clara erzählt. Ein Wohlfühlbuch!


Verlag: Harper Collins
ISBN: 978-3-95967-548-2
Preis: 22,00 €
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Die letzten Romantiker

Tara Conklin, Rezension von Kathrin Allkemper

Die alte Schriftstellerin Fiona Skinner unterhält sich nach einer Lesung noch mit ihrem Publikum. Da stellt eine junge Frau genau die Frage, vor deren Antwort sich Fiona immer gedrückt hat. Doch jetzt, wo ihr Leben dem Ende entgegen geht, erzählt sie schließlich zum ersten Mal ihre Geschichte.

Im Sommer 1981 verlieren die Geschwister Renee, Carolina, Joe und die kleine Fiona ganz plötzlich ihren Vater. Die Mutter ist der ganzen Situation nicht gewachsen und verharrt in einer depressiven Phase, in der sie die Kinder jahrelang sich selbst überlässt. Die älteste Tochter Renee übernimmt die Mutterrolle und kümmert sich um die Jüngeren. Diese Zeit schweißt die Geschwister zwar unglaublich eng zusammen, aber tief im Inneren bleibt die elternlose Zeit nicht ohne Folgen.

Als Leser bekommt man Einblicke in die vier sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten und man ahnt, dass zumindest eine davon am Ende tragisch enden wird. Ich habe dieses Buch in einem Rutsch verschlungen.


Verlag: S. Fischer Verlag
ISBN: 9783103970371
Preis: 22,00 €
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Die Leuchtturmwärter

Emma Stonex, Rezension von Daniela Maifrini

 

Eine mysteriöse Geschichte liegt dem Roman „Die Leuchtturmwärter“ zugrunde. Im Dezember 1900 verschwanden drei Wärter von ihrem abgelegenen Arbeitsplatz auf einer kleinen schottischen Hebrideninsel. Sie wurden nie gefunden und ihr Schicksal ist bis heute ungeklärt.

 

Emma Stonex verlegt diesen Teil der Handlung kurzerhand in das Jahr 1972 und auf einen Leuchtturm vor der Südküste Cornwalls. Arthur, Bill und Vince sind die drei Bediensteten, die sich auf einem sturmumtosten Felsen um die altertümliche Lichtanlage kümmern. Ihr Dienst dauert immer ungefähr vierzig Tage, dann kommt die ersehnte Ablösung. Zu Silvester ist es Bill, der es kaum erwarten kann, den beengten Leuchtturm zu verlassen. Doch das extrem stürmische Wetter macht ein Anlanden des Bootes unmöglich, so dass Bill noch warten und einige Tage Verzögerung in Kauf nehmen muss. Als es dann endlich so weit ist, dass der Ersatzmann übersetzen kann, müssen die Bootsleute feststellen, dass von den drei Leuchtturmwächtern jede Spur fehlt. Besonders mysteriös ist, dass die Tür des Turms von innen fest verriegelt ist – wo in drei Gottes Namen sind die Männer abgeblieben? Ein unerklärliches Ereignis, das die Menschen in Cornwall lange Jahre beschäftigt.

 

Im Jahr 1992 taucht bei den Witwen der vermissten und später für tot erklärten Männer der Schriftsteller Dan Sharp auf, der über genau diesen Vorfall recherchiert und daher Interviews mit den drei Frauen machen möchte. Helen, die Frau des Oberwärters Arthur erzählt ihm, der selbst bis zehn Seiten vor Schluss nie zu Wort kommt, von ihrem wortkargen Mann und einer unerfüllten Liebe. Jenny berichtet von ihrem sehr empfindsamen Bill und einer Ehe, die nach einer großen Liebe versandet. Und Michelle, die Witwe von Vince, hat besondere Gründe, sich der Befragung zu verweigern, hat ihr Mann doch ein recht sinistres Vorleben zu bieten, bevor er den ehrenwerten Beruf des Leuchtturmwärters ergriff.

 

Und aus einer Vielzahl von Teilen, die aus den Interviews mit den Frauen, aus amtlichen Schreiben, Briefen, Tagebucheinträgen und Monologen der drei Verschollenen bestehen, setzen wir nun Stück für Stück die Geschichten der drei verschwundenen Männer zusammen, Geschichten über Liebe, Besessenheit, Leere, Geheimnisse, Verlust und Verrat, die uns so spannend dargeboten werden, als läsen wir einen sehr guten Thriller. Und dies auch noch in einer besonderen Sprache, die den emotionalen Zugang zu jeder Einzelperson einfach macht, und die uns das Gefühl von Salzwasser auf der Zunge macht - das Meer, die Natur und deren Gewalt sind die Helden in diesem unglaublich lesenswerten Roman, über den die Britische SUN schreibt: „Eins unserer Lieblingsbücher in diesem Jahr“ - das unterschreibe ich mit Leuchtstift!

 


Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446271081
Preis: 26,00 €
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Shuggie Bain

Douglas Stuart, Rezension von Daniela Maifrini

 

Ein Arbeiterjunge aus Glasgow erhält von seinem Lehrer den Rat: „Literatur, das passt nicht für einen Jungen Deiner Herkunft.“ Der Name dieses Jungen lautet Douglas Stuart - und mit seinem Debütroman „Shuggie Bain“ gewann er 2020 den Booker-Prize.

So kann man sich irren!

Auch ich hatte mich zu Beginn der Lektüre dieses Romans geirrt: noch nie war ich in Schottland, also beschränkten sich meine Vorstellungen auf die grünen Hügel der Highlands und auf das mittelalterliche Edinburgh – das waren Impressionen aus Büchern, Kino und Fernsehen, die ich abgespeichert hatte. Doch passte nichts davon zu der eindringlichen Beschreibung Glasgows. Was ich nämlich nicht wusste: In Glasgow ist es ein kleines bisschen wie hier im Revier! Abgewrackte Industrie, schwieriger Strukturwandel, absolute High-Class Wohnviertel neben heruntergekommenen Armenhaus-Siedlungen. Eine der niedrigsten Lebenserwartungen für Männer in einem europäischen Land (wegen zu hohen Alkoholkonsums) neben sehr hohem kulturellen Standard komplettiert diese Stadt der Gegensätze.

Hier in seiner Heimatstadt siedelt also Douglas Stuart seinen umwerfenden Roman an, der überwiegend in den Achtziger Jahren und damit in der harten Zeit der Regierung Thatcher spielt.

Shug und Agnes Bain leben mit drei Kindern in sehr beengten Verältnissen mit in der Wohnung von Agnes' Eltern. Diesen widrigen Umständen stellt sich Agnes mit Macht entgegen: sie ist die schönste Frau weit und breit, sehr gepflegt und verhältnismäßig geschmackvoll gekleidet. Mit ihrer natürlichen Anmut sticht sie aus der ihr angestammten gesellschaftlichen Schicht hervor. Was nützt ihr das? Nicht viel! Sie hatte sich nach einigen Jahren von ihrem ersten Mann, dem zwar langweiligen aber solventen und gutherzigen Brendan getrennt, weil ihr die Beziehung mit dem Casanova-Taxifahrer Shug um ein Vielfaches verführerischer erschien. Die Quittung zahlt sie jetzt: kein Geld, keine Perspektive, und die Liebe ist auch am Ende. Shug erweitert den Kreis seiner Erwählten bereits wieder auf Damen, die jünger und reizvoller als seine Frau sind. Agnes trinkt ihren Kummer weg. Die Kinder leiden darunter, Shug flieht von zuhause, und als das nicht mehr reicht, verfrachtet er seine Familie kurzerhand an den Rand der Stadt in den völlig verkommenen Stadtteil Pithead. Agnes sinkt immer tiefer – und mit ihr die Kinder. Die Größeren entziehen sich nach Möglichkeit, einzig das Nesthäkchen Shuggie hängt mit herzzerreißender Liebe an seiner Mama, kann sie nicht aufgeben und will sie um jeden Preis retten – vor dem Alkohol, der Armut und dem Verfall...

 

Die Geschichte einer politischen Ära, in der die sowieso schon Benachteiligten in Großbritannien komplett abgehängt wurden. Die Geschichte einer Stadt, die plötzlich in dieser Form keiner mehr brauchte (Das kennen wir hier ja zur Genüge!). Die tragische Familiengeschichte der Bains, die sicher stellvertretend für viele stehen kann.

Was für ein Glück, dass Douglas Stuart damals nicht auf seinen Lehrer gehört hat!

 


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-6567-3
Preis: 20,00 €
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Die letzte Bibliothek der Welt

Freya Sampson, Rezension von Kathrin Allkemper

Seit dem Tod ihrer Mutter hat sich June von der Außenwelt abgeschottet. Schon immer hat sie die Gesellschaft von Büchern der von Menschen vorgezogen. Außer ihrer lieben Nachbarin Linda hat sie keine Freunde, und auch Linda beißt sich an ihr die Zähne aus. Ihre Vorschläge, endlich die Sachen der verstorbenen Mutter wegzuräumen und mehr vor die Tür zu gehen, werden von June konsequent ignoriert. Der einzige Ort, an dem sie sich außerhalb der eigenen vier Wände wohlfühlt, ist die Bücherei des kleinen Ortes Calcot. Schon als Kind hat sie ihre Mutter immer dorthin begleitet, und nun arbeitet sie selbst schon einige Jahre in der kleinen Bibliothek. Für die Leser ist sie die gute Seele der Einrichtung. Als die Bücherei geschlossen werden soll, stürzt nicht nur für June eine Welt ein. Auch für viele andere Menschen in Calcot bedeutet dieser Ort mehr als nur die Möglichkeit, Bücher auszuleihen. Doch kann ausgerechnet diese introvertierte junge Frau, die sogar Angst davor hat, vor einer Gruppe kleiner Kinder zu sprechen, sich gegen die Sparpläne der Behörden zur Wehr setzen?

Eine britische Wohlfühlgeschichte mit liebevoll gezeichneten Charakteren.


Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-01000-8
Preis: 12,90 €
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Kleinstadt-Knatsch

Miriam Toews, Rezension von Kathrin Allkemper

Hosea Funk, Bürgermeister von Algren, möchte unbedingt den Wettbewerb um die kleinste Kleinstadt Kanadas gewinnen. Die Bedingung dazu ist die Einhaltung der magischen Grenze von 1500 Einwohnern. Dann winkt ein Besuch vom Premierminister. Und Hosea hat einen äußerst triftigen Grund, diesen persönlich kennenzulernen.

Doch es wird stressig für Hosea. Seine Freundin, mit der er bisher nur eine Fernbeziehung geführt hat, möchte endlich bei ihm einziehen. Eine andere Bekannte erwartet Drillinge und bei einer weiteren ist die Tochter samt Enkelkind zurück nach Hause gezogen. Als ein älterer Einwohner Algrens für immer die Augen schließt, durchflutet Hosea so etwas wie Erleichterung, aber es sind immer noch ein paar Bewohner zu viel. Ein Plan muss her...

Miriam Toews ist eine der wichtigsten kanadischen Gegenwartsautorinnen und auch mit ihrem neuesten Werk ist ihr ein herrlich komischer Roman gelungen, den ich sehr gerne gelesen habe.


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-8152-9
Preis: 22,00 €
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Vom Ende eines Sommers

Melissa Harrison, Rezension von Kathrin Allkemper

Die 14jährige Edie wächst auf einer Farm im englischen Suffolk der 1930er Jahre auf. Der anstehende Sommer bedeutet für sie vor allem harte Arbeit auf den Feldern, wie es auf dem Land üblich ist. Die ganze Familie muss mitarbeiten. Ihre Zukunft scheint weites gehend festzustehen. Zunächst wird sie noch eine Zeit die elterliche Farm unterstützen, dann einen Mann aus dem Dorf heiraten, Kinder bekommen und auf ihrer eigenen Farm arbeiten. Doch das ist nicht das, was Edie wirklich will. Schon immer war sie anders als die anderen Mädchen in ihrem Umfeld, viel introvertierter und eher einem guten Buch als dem pubertären Gehabe zugetan. Als ihre Schwester heiratet, auszieht und ein Baby bekommt, geschieht genau das, was Edie befürchtet hat und sie fehlt ihr ganz schrecklich. Edie fühlt sich einsamer als je zuvor.
Dann taucht plötzlich die junge Journalistin Constance aus London in Edies Dorf auf, die eine Reportage über das Landleben schreiben will. Natürlich eckt sie zunächst überall an mit ihren romantischen Vorstellungen von der sommerlichen Idylle und dem Zauber der Natur, während die Dorfbewohner in der Hitze ihre Felder bearbeiten. Auch ihre politischen Ideen und die modernen Ansichten zur Rolle der Frau sind vielen ein Dorn im Auge, manch andere werden allerdings dadurch angestachelt und es entsteht Unruhe unter den Dorfbewohnern. Doch Edie himmelt sie an. Für sie verkörpert Constance zunächst alles, was Edie sich erträumt, aber kann man zu dieser Zeit wirklich so einfach der vorgefertigten Zukunft entkommen?
Dieser Roman besticht sowohl durch seine wunderbaren Naturbeschreibungen als auch durch die Mischung von Schönheit, Brutalität, Hoffnung und Ausweglosigkeit im Leben dieser heranwachsenden jungen Frau.
Die Autorin wurde 2018 für dieses Debüt mit dem Europäischen Preis für Literatur ausgezeichnet.


Verlag: Rowohlt Verlag
ISBN: 9783498001896
Preis: 22,00 €
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Der Himmel vor hundert Jahren

Yulia Marfutova, Rezension von Daniela Maifrini

 

1918 in einem Dorf irgendwo an einem Fluss in der russischen Provinz. Es ist noch nicht lange her, dass die Menschen hier aus der Leibeigenschaft entlassen wurden, die Gemeinde ist eher ärmlich, man verlässt den Ort nicht, sondern klebt an der kargen Scholle. Und auch Informationen aus dem Riesenreich gelangen nur spärlich hierher, so dass die Menschen weder von der Ermordung der Zarenfamilie noch von der Revolution Kenntnis habe. Die Konstanten sind der Glaube und der Markttag, der dem Informationsaustausch dient. Die wichtigste Information ist immer die zur Wettervorhersage, die in diesem Flecken kultisch zelebriert wird und zwar auf der einen Seite vom alten Pjotr, der seine Prognosen der akribischen Beobachtung des Flusses entnimmt, auf der anderen Seite von dem ebenfalls betagten Ilja, der über ein geheimnisvolles quecksilbergefülltes Glasröhrchen verfügt, das er studiert und interpretiert, um Interessierten das künftige Wetter vorherzusagen. Die Gemeinde ist gespalten in zwei Lager, die Anhänger von Pjotr und die Iljanisten.

Iljas Frau Inna, die heimlich auch Pjotrs Wetterkünsten anhängt, pflegt die dritte große Konstante: den Aberglauben. Als ihr beim Kochen ein Messer herunterfällt, ist ihr sofort klar, dass in nächster Zeit ein Mann ins Haus kommen wird. Tatsächlich taucht kurz darauf der junge Wadik auf, ein Mann in verdreckter aber opulenter Offiziersuniform jedoch ohne Stiefel. Er wird Teil des Haushalts und macht sich schweigsam nützlich. Niemandem erzählt er, woher er kommt und was er erlebt hat.

Nach einiger Zeit, in der der ruhige Wadik viel beachteter Teil der Dorfgemeinschaft wird, tauchen weitere Männer auf, die das Leben der Dörfler umwälzen wollen. Sie behaupten beispielsweise, dass die Milch, die Inna am Morgen gemolken hat, allen gehört – ein Aussage, die Unverständnis auslöst. Und als dann noch der als Respektsperson geltende Gutsbesitzer mit den immer sauberen Fingernägeln bei Nacht und Nebel verschwindet, kriegt auch der Letzte im Dorf mit, dass „eine neue Realität“ in der Luft liegt...

Ein kleines Buch, das sprachlich so ausgeklügelt ist, dass man als Leser unmittelbar der Dorfgemeinschaft angehört. Yulia Marfutova schafft es, ein Buch über die Russische Revolution zu schreiben, ohne sie mit einer Silbe zu erwähnen, eine absurde Allegorie über diese Zeit mit abstrusem Personal und aberwitzigen (teils wirklich sehr unterhaltsamen) Entwicklungen.

Yulia Marfutova, die 1988 in Moskau geboren wurde, studierte Germanistik in Berlin, wo sie dann ein Arbeitsstipendium des Berliner Senates erhielt, so dass wir nun ihren außergewöhnlichen Debütroman vorliegen haben.

 

 


Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-00920-0
Preis: 12,90 €
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Glücklicher als gedacht

Antoine Laurain, Rezension von Julia Jahns

Für Francois Heurtevent, langjähriger und sehr beliebter Bürgermeister der Kleinstadt Perisac, bricht eine Welt zusammen, als er entgegen aller Erwartungen ganz knapp nicht wiedergewählt wird. Plötzlich ist er arbeitslos und weiß nichts mehr mit sich anzufangen. Francois' Familie - seine Frau Sylvie, eine Sterneköchin, und seine 18jährige Tochter Amelie - sind genervt von seiner Lethargie und befürchten eine Depression. Er wird sogar gezwungen, einen Psychologen aufzusuchen.

Als Francois zufällig ein altes Klassenfoto in die Hand fällt, bekommt er neuen Elan. Er möchte unbedingt herausfinden, was seine damals engsten Freunde heute machen und nutzt seine alten Kontakte, die er noch durch seinen bereits verstorbenen Mentor Andre Dercours hat, um sie ausfindig zu machen. Bald hat er einen Liste in den Händen und erfährt, dass diese mittlerweile als Makler, Friseure, Pfarrer und sogar Prostituierte arbeiten. Ein Klassenkamerad ist bereits verstorben, einer aktuell im Gefängnis. Nach einer schicksalhaften Begegnung mit seinem alten Freund Clement, der mittlerweile erfolgreicher Pornoregisseur ist, mietet Francois spontan die alte Wohnung von Andre Dercours und nimmt Kontakt zu den anderen Freunden auf. Mal gibt er sich zu erkennen, mal aber auch nicht und taucht allmählich in seine Vergangenheit ein. Und er beginnt sich zu fragen, ob sein Leben wirklich so viel schlechter als das der anderen Mitschüler verlaufen ist ...

Charmanter und witziger Roman über Niederlagen, Lebenskrisen und die Suche nach dem Glück.


Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-00390-5
Preis: 16,00 €
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Das Leben irgendwo dazwischen

Eva Pantleon, Rezension von Tanja Tenberg

Dido ist auf dem Weg zu einem ihrer Nebenjobs. Sie schreibt an ihrer Doktorarbeit, arbeitet nebenher in einem kleinen Hamburger Antiquariat und schreibt für eine Klatschzeitung gut bezahlte Artikel.
Da sieht sie an einer Häuserwand eine große Ankündigung einer Foto-Ausstellung, auf dem Foto sie. Ihr Ex-Freund Lukas, der ihr vor vielen Jahren das Herz gebrochen hat, stellt Fotos aus, auf denen auch sie häufig zu sehen ist. Die Einladung zur Ausstellungseröffnung ist in ihrem Briefkasten.
Lukas schrieb ihr in den letzten Jahren auch viele Briefe, die sie alle nicht geöffnet hat. Sie heult sich bei Hans, dem alten Antiquar, aus. Auch er hat eine nicht verheilte Wunde von einer alten Liebe, wie sich im Laufe des Buches herausstellt. Während des Zweiten Weltkriegs war er als Soldat im Krieg, das hat tiefe Spuren in seinem Leben hinterlassen.
Um Hans zu helfen, ist Dido kein Weg zu weit, es hilft ihr, ihre alten Wunden zu verdrängen. Von Sankt Petersburg bis zu den Lofoten, Dido nimmt weite Wege auf sich, um Hans und am Ende auch sich selbst zu helfen. Und für seelische Unterstützung ist ihre WG-Gefährtin Kiki immer an ihrer Seite, als Psychologin immer für ein offenes Ohr bereit.
Mehr wird nicht verraten.

Ein Buch zum Schmunzeln und zum Weinen, vielleicht eine Alternative zu Petra Hülsmann. Schmöker mit Tiefgang.
 


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-07129-1
Preis: 22,00 €
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Von hier bis zum Anfang

Chris Whitaker, Rezension von Kathrin Allkemper

Cape Haven, eine Kleinstadt in Kalifornien. Duchess Radley ist 13 Jahre alt, als Vincent King, der Mann, der vor Jahrzehnten ihre Tante getötet hat, aus dem Gefängnis entlassen wird und in diese Kleinstadt zurückkommt. Der Tod ihrer Schwester hat das Leben von Duchess´ Mutter Star damals zerstört und so musste Duchess sich von Anfang an um ihren kleinen Bruder Robin und ihre depressive Mutter kümmern, die immer wieder abgestürzt ist. Eine Kindheit hatte das Mädchen nie. Ohne die Hilfe von Chief Walker hätte sie es wohl auch nie so weit gebracht, auch wenn sie nicht müde wird zu betonen, dass sie ein echter Outlaw ist, da in ihren Adern das Blut des berüchtigten Billy Blue Radley fließt. Das gibt ihr in den vielen Momenten, in denen sich andere Kinder an ihr abarbeiten oder sie mal wieder ihre Mutter aus einer Bar nach Hause schleppen muss, um sie vor miesen Typen zu bewahren, die nötige Kraft. Manchmal bringt ihr dieses wilde Temperament und ihr Beschützerinstinkt aber auch Ärger ein. Doch wenn es um ihren kleinen Bruder geht, gibt es für sie nun einmal kein Halten mehr.

Chief Walker war einst der beste Kumpel von Vincent, mehr als das, er war wie ein Bruder für ihn. All die Jahre hat er an dessen Unschuld geglaubt und ihm versprochen, sich um Star und ihre Kinder zu kümmern. Aber was, wenn er sich die ganze Zeit in ihm getäuscht hat?

Als kurz nach Vincents Rückkehr etwas Schreckliches in Cape Haven passiert, wird Walkers Loyalität erneut auf die Probe gestellt und auch Duchess´ Leben gerät durch die Ereignisse komplett aus den Fugen.

Ein absolut spannend erzählter Roman mit Krimielementen, aber hauptsächlich die Geschichte der 13jährigen Duchess, die sich immer wieder neu aufrappelt, egal wieviel Steine ihr das Leben vor die Füße wirft.  Auf jeden Fall etwas für alle Leser von "Der Gesang der Flusskrebse"!


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07116-0
Preis: 22,00 €
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Die Stille des Meeres

Donal Ryan, Rezension von Kathrin Allkemper

Farouk ist Arzt in Syrien und fällt wie so viele auf eine Schleuserbande rein, die seine Familie aus dem Kriegsgebiet herausbringen soll. Auf dieser Flucht verliert er alle, die er je geliebt hat.

Der junge Ire Lampy lebt zusammen mit seiner Mutter und seinem Großvater. Das Verhältnis gestaltet sich zunehmend schwierig, weil Lampy endlich wissen will, wer sein Vater ist, aber darüber herrscht schon immer eisiges Schweigen. Als sich dann auch noch seine Freundin von ihm trennt, droht es ihm den Boden unter den Füßen weg zu reißen.

John war schon immer ein Mistkerl. Jetzt steht kurz davor, seinem Schöpfer gegenüberzutreten und legt seine Lebensbeichte ab. Wie er selbst sagt, macht er dies nicht, um sein Gewissen zu erleichtern, sondern um so einiges aus seinem Leben zu erklären.

Drei Lebensgeschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch am Ende irgendwie zusammengehören. Wunderbar fesselnd und berührend erzählt.


Verlag: Heyne
ISBN: 9783453423398
Preis: 10,99 €
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Ein Garten für zwei

Emma Sternberg, Rezension von Julia Jahns

Lu lebt in Berlin und arbeitet als erfolgreiche Anwältin in einer Top-Kanzlei. Ihr ganzes Leben dreht sich nur um die Arbeit. Als ihr großer Bruder Pip bei einem Unfall stirbt, bricht Lu zusammen. Sie ist unkonzentriert, vergisst wichtige Aufträge und Mandanten und sieht sich schließlich nicht mehr in der Lage, wie gewohnt zu funktionieren und abzuliefern. Kurzerhand nimmt sie sich eine Auszeit und verkriecht sich in Pips Gartenlaube auf dem Land. Aus Tagen werden Wochen, und Lu erwacht allmählich aus ihrer Erstarrung. Sie beginnt, sich um den Garten zu kümmern, lernt Pips Garten-Nachbarn, die liebenswerte Kräuterhexe Nele und den mürrischen Erzieher Niko, kennen und blüht förmlich auf. Doch sie kann Berlin und ihren Job nicht so einfach aufgeben – oder doch?

Schöner Roman über Liebe, Freundschaft, das Glück, einen Garten zu haben und die Dinge, die im Leben wirklich wichtig sind.


Verlag: Diana
ISBN: 9783453360877
Preis: 10,99 €
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Julias Insel

Ines Roth, Rezension von Julia Jahns

Julia Lechfeld ist Anfang 30 und lebt als Malerin in München. Ihre Kindheit hat sie mit ihrer Mutter Ellen und ihrer Großmutter Helene auf einer kleinen Nordseeinsel verbracht, bis Ellen sich in den reichen Unternehmer Gert verliebte. Julia hatte von Anfang ein schlechtes Verhältnis zu Gert, der sie und ihre Mutter von der Insel entführte. Nachdem er sich auch weigerte, ihr Kunststudium zu akzeptieren, zog sie schließlich weg und baute sich ihr eigenes Leben in München auf. Als sie erfährt, dass ihre Mutter Krebs im Endstadium hat und diese schließlich stirbt, bricht für Julia eine Welt zusammen. Zwar kann sie durchsetzen, dass Ellen auf der Insel beerdigt wird, doch ihren Vorsatz, schnell wieder Abstand zwischen sich und Gert zu bringen, kann sie nicht erfüllen, denn sie hat Ellen versprochen, sich um diesen zu kümmern. Gert bricht nach Ellens Beerdigung völlig zusammen, trinkt zu viel und leistet sich immer mehr Ausraster, so dass Julia kurzerhand mit ihrer Katze bei ihm einzieht. Zusammen mit der Haushälterin Gesa versucht sie, den trauernden Witwer, der den beiden Frauen nichts als Feindseligkeit entgegen bringt, wieder ins Leben zurück zu holen. Doch will Gert sich überhaupt helfen lassen?

Berührende Familiengeschichte über alte Wunden, Zusammenhalt, Vergebung und die Bedeutung von Heimat.


Verlag: Insel
ISBN: 978-3-458-68150-2
Preis: 10,95 €
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Sommerreise ins Glück

Sheila O'Flanagan, Rezension von Julia Jahns

Die Irin Deira, Ende 30, steht vor den Scherben ihres Lebens. Ihr deutlich älterer Lebensgefährte Gavin hat sie für eine andere, jüngere Frau verlassen. Besonders schmerzt Deira, dass Gavins Geliebte schwanger ist. Mit Deira wollte er niemals Kinder, und sie hat nun Angst, dass ihr die Zeit davon läuft, um ihren Kinderwunsch noch zu verwirklichen. In ihrer Verzweiflung stiehlt sie Gavins Auto und startet ohne ihn die Reise nach Frankreich, die sie eigentlich zusammen antreten wollten.

Auf der Fährt trifft Deira die ältere Witwe Grace, die ebenfalls allein unterwegs ist. Grace befindet sich auf einer Art Schatzsuche. Sie macht die Reise von Irland nach Spanien, die sie immer mit ihrer Familie unternommen hat. Ihr Mann Ken hat sich nach schwerer Krankheit das Leben genommen und ihr einen Ordner mit Rätseln hinterlassen, die sie auf ihrer Fahrt lösen soll. Nachdem in Frankreich Deiras Wagen durch einen Unfall in Flammen aufgeht, beschließen die Frauen, zusammen weiterzureisen und Kens Rätsel zu lösen. Die Reise wird zu einem spannenden Roadtrip, der die Frauen dazu bringt, ihr bisheriges Leben und ihre Wünsche neu zu überdenken.

Schöne Freundschaftsgeschichte mit Tiefgang vor traumhafter Kulisse.


Verlag: Paul Zsolnay Verlag
ISBN: 9783552072268
Preis: 19,00 €
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Kleine Fluchten

Carole Fives, Rezension von Daniela Maifrini

 

Der Liebe wegen war die junge Frau (ohne Namen) mit ihrem Freund von Paris nach Lyon gezogen. Man mietete eine schöne Wohnung, die Frau wurde schwanger und alles schien perfekt zu sein.

Doch dann verabschiedet sich der Mann und löst sich in Luft auf, das Kind, ein kleiner Junge (ebenfalls namenlos), bleibt bei Maman. Der Vater sieht sich nicht bemüßig, seiner Unterhaltsverpflichtung nachzukommen, so dass die junge Frau zusehends auch finanziell unter Druck gerät.

Sie ist Webdesignerin, war früher auch sehr erfolgreich, doch die Vereinnahmung durch das sehr fordernde Kleinkind führt dazu, dass sie Termine nicht halten kann und immer wieder versagt. Sie muss um Jobs betteln und kann sich und den Jungen kaum über Wasser halten. Sie liebt ihren Sohn, das steht völlig außer Frage, aber das Leben, das ihr aufgezwungen wird, ist einfach nur Höchststrafe: Eine Stadt, in der sie niemanden kennt, der berufliche Niedergang, finanziell am Ende, kein Kita-Platz in Sicht und dazu der völlige Verlust persönlicher Freiheit – das ist einfach nicht auszuhalten. All ihre Versuche Unterstützung zu finden, scheitern kläglich.

Hilfe sucht sie auch vergeblich in Internetforen für Alleinerziehende, wo sie ihre Situation schildert. Doch nach dem zu urteilen, was sie als Antworten auf die Schilderung ihrer Probleme bekommt, ist sie die einzige Frau, die diese mörderische Grätsche zwischen Kind, Arbeit und eigener Person nicht hinbekommt – im Internet lauern Supermummies darauf, sie mit einem Shitstorm ungeahnten Ausmaßes zu überfluten.

So „erschleicht“ sie sich mit ihren kleinen Fluchten einen zunächst winzigen Freiraum, in dem sie das schlafende Kind allein lässt und für eine anfangs kurze Zeit, später für immer längere Perioden nachts das Haus verlässt, um zu sich zu kommen. Und irgendwann bleibt sie die ganze Nacht weg...

 

Dieser schmale Roman hat mich ab Seite Eins vollkommen gepackt, allein durch die lakonische Sprache, in der die Autorin diese Hölle auf Erden schildert! Diese Reduktion einer Frau auf die „Mutter-Rolle“ (im wahrsten Sinne des Wortes!), die Entwürdigung, die durch emotionale und finanzielle Notlagen entsteht bei gleichzeitig ständigem „Versagen“, weil man dem gängigen Rollenbild nicht gerecht wird – das war wirklich starker Tobak! Und durch die in keinster Weise vorhersehbare Entwicklung ensteht auch noch eine Spannung, die mit jedem Psycho-Thriller mithalten kann.

Kleine Fluchten“ ist ein Buch, das ich sicher niemals vergessen werde, und das meine Hochachtung vor alleinerziehenden Elternteilen, besonders vor denen, die über geringere finanzielle Mittel verfügen, einmal mehr steigert!

 


Verlag: Paul Zsolnay Verlag
ISBN: 978-3-552-07234-3
Preis: 18,00 €
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Das Vierzehn-Tage-Date

René Freund, Rezension von Dagmar Hallay

Corinna und David haben sich über Tinder kennengelernt und zu einem ersten Date verabredet. Da wir uns in diesem Roman zu Beginn des ersten Lockdown befinden, treffen sie sich bei David zuhause. Corinna ist als Kellnerin zur Zeit arbeitslos, sie trinkt, raucht und liebt Junkfood, außerdem ist sie unordentlich. David ist Lehrer, Veganer und liebt die Ordnung. Im Grunde wird jetzt schon deutlich, dass dies vermutlich nicht die besten Voraussetzungen für ein harmonisches Miteinander sind, was auch den beiden recht schnell klar wird. Da man sich jetzt schon mal getroffen hat, kann man zumindest den Abend zusammen verbringen und was zu Essen bestellen. Zwei Rotweinflaschen und eine Flasche Wodka später am nächsten Morgen fehlt zumindest Corinna die Erinnerung. Der richtige Zeitpunkt um zu gehen. Doch dazu soll es nicht kommen, da sich herausstellt, dass der Pizzabote vom Lieferservice mit dem Coronavirus infiziert war. 
Vierzehn Tage Quarantäne für Corinna und David und jede Menge Zeit sich näher kennenzulernen oder gegenseitig auf die Nerven zu gehen. 

Dieser Roman ist wirklich amüsant, nahe am Zeitgeschehen und mit sehr viel Wortwitz geschrieben. Das Thema Corona mal von der humorvollen Seite!


Verlag: Thiele
ISBN: 978-3-85179-380-2
Preis: 12,00 €
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Die Geheimnisse älterer Damen

Christina Sanchez-Andrade, Rezension von Kathrin Allkemper

„Es wird Zeit, dass wir verschwinden!“ Mit diesen Worten fordert die 80jährige Witwe Olvido Fandino ihr noch etwas älteres Dienstmädchen Bruna auf, ihre Sachen zu packen und das Haus, in dem die beiden alten Damen jahrzehntelang gelebt haben, endgültig zu verlassen. Alle, die zuvor mit ihnen dort wohnten, sind inzwischen tot. Die beiden Reisenden bieten schon einen äußerst skurrilen Anblick, Olvido hinter dem Steuer des alten VW Käfer-Cabrio und die brummelige Bruna in ihrem vergilbten Brautkleid auf dem Beifahrersitz. Dass dieses Kleid nie zum Einsatz kam, ist nur einer der Gründe, warum das Leben diese beiden Frauen aneinandergeschweißt hat. Es hat aber auch etwas mit dem geheimnisvollen Paket auf dem Rücksitz zu tun, das die beiden nicht aus den Augen lassen und notfalls auch mit Gewalt verteidigen. Doch hauptsächlich lag es an der exzentrischen Familie, in die die damals noch so junge und unwissende Olvido eingeheiratet hatte. Während ihr Ehemann sich die meiste Zeit um andere Dinge gekümmert hat, musste Olvido einen irren Schwager, eine durchgeknallte Schwägerin und eine noch viel verrücktere Schwiegermutter ertragen, die alle drei ein tiefes Geheimnis der Vergangenheit scheinbar nie bewältigen konnten.

In Rückblicken wird während der Fahrt in dem klapprigen Käfer quer durch Galicien die Geschichte Olvidos erzählt und sie hatte wirklich kein einfaches Leben. Kein Wunder also, dass sie sich im Laufe der Zeit ausgerechnet der Frau zugewandt hat, die man als Amme für ihr Baby ins Haus geholt hatte. Die Ereignisse haben zwischen den beiden älteren Damen so etwas wie eine Hassliebe bis in den Tod entstehen lassen. Und man sollte sich nicht täuschen lassen von diesen zwei unschuldig aussehenden Omas in einem alten Käfer, denn ihr Weg ist mit Leichen gepflastert…

Eine sehr ungewöhnliche und skurrile, aber dennoch spannende Geschichte.


Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-32136-6
Preis: 14,99 €
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Mr.Parnassus´Heim für magisch Begabte

TJ Klune, Rezension von Kathrin Allkemper

Linus Baker arbeitet seit Jahren als Angestellter in einer Behörde, die sich um magisch begabte Waisenkinder und Jugendliche kümmert. Für Linus ist das Regelwerk seiner Firma wie eine Bibel, die er überall mit hinschleppt und der er uneingeschränkt Glauben schenkt. Wenn sich ein Heim nicht an die Auflagen hält, wird es von Linus umgehend geschlossen. Genau dieser blinde Gehorsam zeichnet ihn in den Augen seine Arbeitgeber für den neuesten Auftrag aus, denn sie haben es auf das Waisenaus von Mr.Parnassus abgesehen. Für einen Monat soll Linus auf die einsame Insel reisen und das Haus und seine Bewohner gründlich überprüfen. Doch dort passiert etwas, womit keiner zuvor gerechnet hat. Diese sechs äußerst ungewöhnlichen Kinder -und auch der Hausherr selbst- berühren das Herz des schon immer alleinlebenden Singles Linus. Der Spagat zwischen dem, wofür er und seine Behörde stehen und dem, was ihm auf dieser Insel Gutes widerfährt, wird immer größer und Linus steht nach diesen vier Wochen vor einer sehr schweren Entscheidung…

Wie mir bereits einige LeserInnen, die sich auf den Roman eingelassen haben, bestätigten, muss man kein Fantasyleser sein, um diese Geschichte zu mögen. Letzten Endes sind es sechs Kinder, egal, wie sie aussehen oder was sie verkörpern. Es ist einfach eine ganz tolle Geschichte zum Thema Toleranz voller lustiger und berührender Momente.


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-8113-0
Preis: 22,00 €
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Die Jahre ohne uns

Barney Norris, Rezension von Kathrin Allkemper

Diese absolut ungewöhnliche Liebesgeschichte beginnt mit der Erzählung einer knapp 70jährigen Frau, die auf ihr trostloses Leben zurückblickt. Im Alter von nur 7 Jahren verließ ihr Vater die Familie, Jahre später wird sie von ihrem Ehemann ebenfalls verlassen. Nicht nur die privaten, auch die beruflichen Rückschläge sorgen dafür, dass sie sich komplett zurückzieht. Im ersten Teil dieser Geschichte beschreibt die Frau anhand vieler Einträge aus ihrer eigenen erdachten Wortenzyklopädie ihr Leben und manchmal sagen diese kurzen Abschnitte mehr aus als lange Erklärungen...

Im zweiten Teil trifft diese Dame in einer Hotelbar auf einen etwa gleichaltrigen Herrn, der ein Gespräch beginnt und ihr wiederum aus seinem Leben erzählt. Ein Leben, das ebenfalls von Verlust geprägt ist, nur, dass er dafür selbst verantwortlich ist, denn er hat seine Frau verlassen. Alle Versuche, zu ihr zurückzukehren, scheitern. Seine Erzählungen sind der außergewöhnlichste Teil dieser Geschichte, manchmal so surreal, dass man kaum folgen kann. Trotzdem ist es so spannend, dass man immer weiterlesen muss, weil man einfach wissen will, wie er sich aus den jeweiligen Situationen rettet.

Der dritte und letzte Teil ist der Grund, warum man den Roman des mehrfach preisgekrönten Autors als außergewöhnliche Liebesgeschichte bezeichnen kann. Keine leichte, aber literarisch besondere und lohnenswerte Lektüre.


Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-27356-6
Preis: 20,00 €
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Achtsam morden am Ende der Welt

Karsten Dusse, Rezension von Kathrin Allkemper

In seinem neuesten Roman um den Rechtsanwalt Björn Diemel schickt ihn sein Achtsamkeitstherapeut auf den Jakosbweg. In einer äusserst missverständlichen Sitzung, bei der Björn ihm von seiner Geburtstagsfeier erzählt, die eigentlich keine war und die mit einem toten Boss der chinesischen Mafia endete, zieht der Psychiater seine Schlüsse. Verschiedene weitere Aussagen von Björn führen am Ende zu der Diagnose "Midlifecrisis" und der Therapeut empfiehlt ihm einen Selbstfindungstrip. Anfangs wehrt sich Björn noch recht heftig, weil er befürchtet, dass er seine diversen kriminellen Nebentätigkeiten nicht vier Wochen ruhen lassen kann, aber schließlich willigt er ein. Tatsächlich lernt er gleich zu Beginn des Caminos einen netten älteren Staatsanwalt kennen, der den Jakobsweg schon zum zweiten Mal geht und Björn gerne begleitet. So entspannt war dieser schon lange nicht mehr und ihm gefällt die Idee des Wanderns immer besser. Leider wird der neue Wanderfreund schon am zweiten Tag während des Pilgerns erschossen und Björn wird sehr schnell klar, dass die Kugel aus dem Schalldämpfergewehr eigentlich ihm selbst galt. Es war also doch kein Zufall, dass ein chinesischer Pilger mit einer Art GItarrenkoffer in der Nähe war, denn wer pilgert schon freiwillig mit schwerem Gepäck auf dem Jakobsweg...

Sehr kurzweilige Unterhaltung, in der es um Herrn Diemel wieder die ein oder andere Leiche gibt, entweder achtsam ermordet oder zumindest durch seine indirekte Beteiligung ums Leben gekommen.


Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446269187
Preis: 19,00 €
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Unsichtbare Tinte

Patrick Modiano, Rezension von Daniela Maifrini

 

Patrick Modiano hat 2014 den Nobelpreis für Literatur erhalten und ist in Frankreich ein Star der Literaturszene. In Deutschland jedoch spielt sein Werk leider nur eine kleinere Rolle, die in erster Linie auf dem Jubel des Feuilletons und weniger auf dem Erfolg bei den Leserinnen und Lesern gründet. Vielleicht weil es in der Tat sehr französisch ist, im besten Sinne: elegant, bildhaft, detailversessen, melancholisch. Er wird als Marcel Proust der Gegenwart bezeichnet und setzt sich in allen seinen Büchern in immer neuen Variationen mit Erinnerung und Vergessen auseinander. Das Interesse an diesem Sujet begründet er selbst damit, dass er 1945 geboren ist und damit fast vom ersten Tag an mit Menschen konfrontiert war, die das Vergessen praktizierten, nämlich mit denjenigen, die gerade den zweiten Weltkrieg und alle damit verbundenen Katastrophen erlebt hatten und diese hinter sich lassen wollten. Dies alles hatte mir bislang immer ein wenig Respekt vor seinen Büchern eingeflößt, das gebe ich zu. Doch an seinen neuen Roman „Unsichtbare Tinte“ habe ich mich dann doch herangewagt – und ich wurde belohnt!

Der zwanzigjährige Jean Eyben arbeitet Anfang der Sechziger Jahre in einer Detektei in Paris und bekommt ein sehr lückenhaftes Dossier über die junge Noëlle Lefebvre, deren plötzliches Verschwinden er aufklären soll. Sein Chef schickt ihn also zu einer „Ermittlung vor Ort“ an die Stelle in Paris, an der sich ihre Spur verlaufen hat. Jean entdeckt einige Personen, die wohl mit Noëlle in Kontakt gestanden haben, doch niemand weiß, wo sie sein könnte. Auf der Karteikarte zu seinem Dossier entdeckt er erst nach einigen Tagen, dass die Gesuchte – wie er selbst – aus der Gegend von Annecy stammt. Ist er ihr dort schon einmal begegnet? Die Suche bleibt ergebnislos, doch während der folgenden dreißig Jahre seines Lebens gibt es immer wieder Ereignisse oder Begegnungen, die ihn an seinen alten Rechercheauftrag erinnern, es bleibt stets ein hintergründiger Drang in ihm, der ihn veranlasst, weiter nach Noëlle zu suchen und sich dabei auch an seine eigene längst verschwommene Vergangenheit zu erinnern.

Der schmale Roman spielt überwiegend in Paris, das sprachlich so gekonnt in Szene gesetzt wird, dass man sich in einen der eleganten französischen Kinofilme aus der Zeit versetzt fühlt. Ein Krimi, eine Entwicklungsgeschichte und – das wussten wir ja bereits vorher – eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Erinnerung. Wer sich dem Werk Patrick Modianos nähern möchte, findet hier einen perfekten Einstieg. Und wer ihn schon kennt, hat das Buch als Modiano-Fan vermutlich längst gelesen, denn wie der Rezensent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Peter Körte es formuliert: "Und jedes Mal fasziniert es wieder, wie jemandem auf selten mehr als 140 Seiten ein so filigranes, reiches Gewebe der Erinnerungen gelingt."

 


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05856-8
Preis: 22,00 €
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Schwester

Marie Krügel, Rezension von Kathrin Allkemper

Iulia führt als Pfarrersgattin ein sehr geordnetes Leben. Stets achtet sie darauf, dass es bei den Gemeindemitgliedern keinen Grund zur Klage gibt, was ihr Verhalten, ihren Kleidungsstil oder die Anzahl der besuchten Gottesdienste angeht. Sie führt den Haushalt und hat außerdem einen Job in einer Bank, den sie liebt, weil auch dort mit all den Zahlen eine bestimmte Ordnung herrscht.

Als ihre Schwester Lone, die als Hebamme arbeitet und deren Leben das komplette Gegenteil darstellt, bei einem Autounfall schwer verletzt wird und im Koma liegt, verliert Iulia den Halt. Ihre Welt steht Kopf und sie kann auch zunächst nicht zu Lone ins Krankenhaus. Stattdessen fährt sie in die Wohnung ihrer Schwester und stößt dort auf Unterlagen und vier Namen von Frauen, die Lone bis zu dem Unfall betreut hat. Weil Iulia den Schwangeren nicht am Telefon sagen will, dass ihre Hebamme ausfällt und sie einfach irgendwie helfen will, sucht sie die Patientinnen zuhause auf. Die Begegnungen mit den Frauen und deren unterschiedlichen Lebensgeschichten verändert nicht nur Iulias Denkweise über viele Dinge, sondern gleichzeitig auch ihr ganzes Leben.

Tolle Geschichte um eine Frau, die erst zögerlich und dann sehr entschlossen ihr Leben neu in die Hand nimmt.


Verlag: Kindler
ISBN: 9783463000237
Preis: 20,00 €
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Die Erfindung der Sprache

Anja Baumheier, Rezension von Julia Kresal

Mit viel Witz und Einfühlungsvermögen erzäht Anja Baumheier von Adam, der seinen Vater sucht. Dieser brach vor Jahren zu einer Pilgerreise auf, kam jedoch nie zurück. Und sie erzählt von Adams Mutter Oda, die in einer Buchhandlung in Ohnmacht fiel und verstummte. Und von Leska, Adams Oma und Odas Mutter, die vor Jahren der Liebe wegen auf eine ostfriesische Insel zog.  Die Lebensgeschichten von drei Generationen verweben sich zu einem bunten und liebenswerten Bild, mit leichter einfallsreicher Sprach gekonnt erzählt. Schließlich ist "Die Erfindung der Sprache" nicht nur der Titel des Romans den wir gerade selbst in der Hand halten, sondern auch der Titel des Buches, das Adams verschwundener Vater seinem Sohn hinterließ. Für alle die Leser, die gern eine Geschichte mit Herz, Humor und Verstand genießen.


Verlag: Droemer
ISBN: 978-3-426-28263-2
Preis: 18,00 €
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Glück hat einen langsamen Takt

Mechtild Borrmann, Rezension von Jutta Pollmann

Als Krimiautorin ist uns Mechtild Borrmann hinlänglich bekannt. Mit „Wer das Schweigen bricht“ schrieb sie einen Bestseller, der mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde und wochenlang auf der Krimi Zeit-Bestenliste zu finden war. Für den "Geiger" wurde Mechtild Borrmann als erste deutsche Autorin mit dem renommierten französischen Publikumspreis "Grand Prix des Lectrices" der Zeitschrift Elle ausgezeichnet. 2015 wurde sie mit "Die andere Hälfte der Hoffnung" für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Ihr Roman "Trümmerkind" hielt sich monatelang auf Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste.

Nun legt sie einen Erzählband vor, der mit sehr unterschiedlichen Geschichten gespickt ist. Mal beäugt sie nur eine kleine Sequenz im Leben eines Menschen. Mal lässt sie uns in menschliche Abgründe sehen, mal erzählt sie Geschichten von Menschen, die sich am Rande der Legalität bewegen und wir als Leser fragen uns, wie hätten wir uns entschieden.

Sie erzählt von der Ehefrau, die Jahr für Jahr mit ansehen muss, wie ihr Garten mehr und mehr zuwuchert, weil ihr Ehemann den nächsten Weihnachtsbaum in den Garten pflanzt. Tja, bis auf das eine Weihnachten...; sie erzählt von zwei Jugendlichen, die sich von einer Lehrerin ungerecht behandelt fühlen und ohne Unrechtsbewusstsein bis zum Äußersten gehen und sie erzählt von einem Dorf, wo bei Baumaßnahmen plötzlich ein Skelett auftaucht und jeder im Dorf weiß, wer das ist, nur nicht, wer ihn getötet hat. Doch das wissen wir als Leser und stehen da und müssen entscheiden, ob man für das, was damals geschah, jemanden zur Rechenschaft ziehen sollte, müsste... Kann man Unrecht mit Unrecht vergelten oder setzt man sich dann selbst ins Unrecht?

Die 20 Geschichten dieses Buches lassen uns teilweise amüsiert, manchmal aber auch irritiert oder nachdenklich zurück.

 

Ich war erst etwas skeptisch, mag ich doch Erzählungen nicht so gern, doch man fliegt durch dieses Buch. Manche Geschichten erinnern in ihrer Art und ihrer lakonischen Schreibweise an Schirachs „Schuld“ oder „Verbrechen“. Hat mir gut gefallen.

 


Verlag: Steidl
ISBN: 9783958299313
Preis: 16,80 €
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Am Gletscher

Halldór Laxness, Rezension von Daniela Maifrini

 

Ein Ausflug in das Land mit der „höchsten Dichte an Trägern des Literaturnobelpreises“, der 1955 unserem Autoren Halldór Laxness als erstem und einzigen Isländer verliehen wurde.

Eine winzige Ansiedlung am Snaefellsgletscher gibt dem Bischof Anlass zur Sorge:

Der Pfarrer Jon Primus ist offenbar etwas aus der Spur geraten, lässt dem Vernehmen nach die Kirche verfallen, hält keine Gottesdienste ab und kümmert sich überhaupt nicht um seine seelsorgerischen Pflichten. Stattdessen beschlägt er Pferde oder ist halt anderweitig unterwegs. Und als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, kommt dem Bischof noch zu Ohren, dass irgendwer eine Leiche auf den Gletscher geschafft hat, statt diese ordnungsgemäß beizusetzen. Zeit zu handeln! Ein junger Theologe wird mit einem Aufnahmegerät ausgestattet und als Vertreter des Bischofs (kurz: Vebi) in den tiefen Westen des Landes entsandt, wo er die Zustände in dem sonderbaren Dorf protokollieren und Bericht erstatten soll.

Der Vebi macht sich also auf den Weg, und mit seiner Ankunft im Dorf beginnt für ihn eine lange Reihe skurriler Begegnungen und aberwitziger Gespräche, die ihn dem Ergründen der Verhältnisse irgendwie keinen Schritt näher bringen...

Ein kleiner Roman, eine Posse fast, die leicht ins Klamaukige hätte abrutschen können – wären da nicht die vielen Merkwürdigkeiten, mit denen der junge Mann konfrontiert wird. So erzählen die Dorfbewohner, die überhaupt mit ihm sprechen, gerne in „Gleichnissen“, die Anleihen in der nordischen Mythologie nehmen. Oder es erscheint eine Gruppe Männer, die – so stellt sich nach kurzer Zeit heraus – allesamt dem Buddhismus anhängen. In Island! Und wenn man sich mit den Aussagen der Gesprächspartner des Vebi auseinandersetzt, qualmt irgendwann der Google-Account und man ist um ein wenig Wissen reicher. Nicht ohne sich zwischendurch amüsiert zurücklehnen zu können und einfach mal laut über diese durchgeknallten Isländer zu lachen.

 


Verlag: Steidl
ISBN: 9783958299344
Preis: 24,00 €
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Annie Dunne

Sebastian Barry, Rezension von Daniela Maifrini

 

Der Steidl Verlag ist unter anderem bekannt für wirklich „schöne“ Bücher. So wurde ich zunächst durch das Cover aufmerksam auf Annie Dunne: ein gebundenes Buch, bedrucktes Leinen – wirklich hübsch. Der Klappentext verheißt eine sommerliche Geschichte aus dem Irland des Jahres 1959, darauf hatte ich Lust, das wollte ich lesen.

Bekommen habe ich dann allerdings ein Buch, das ganz anders lief, als ich es mir vorgestellt hatte. Keine leichte Sommergeschichte, sondern das eindringliche Porträt einer Frau, die es im Leben wirklich nicht leicht hat. Eine Überraschung – aber eine wahrhaft gute!

Annie Dunne ist um die sechzig Jahre alt. Noch in ihrer Kindheit war ihre Familie hoch angesehen, ihr Vater war Polizeichef in Dublin, ihr Großvater Gutsverwalter. Doch von diesem Glanz vergangener Zeiten ist nichts mehr übrig. Annie ist unverheiratet, ohne Vermögen und zudem gezeichnet von einer sichtbaren Rückgratverkrümmung als Resultat von Kinderlähmung.

Als unverheiratete Tante war sie nach dem Tod ihrer Schwester Maud vor Jahren in die Bresche gesprungen und zu ihrem Schwager Matt gezogen, um ihm und seinen beiden Kindern den Haushalt zu führen. Doch als Matt beabsichtigt, sich neu zu vermählen, wirft er Annie kurzerhand hinaus. Sie sucht verzweifelt bei Verwandten Obdach und gelangt so zu ihrer Cousine Sarah, die ebenfalls alleinstehend einen winzigen Bauernhof in der Grafschaft Wicklow besitzt – am Ende der Welt. Die beiden Frauen haben sich ihren arbeitsintensiven Alltag - ohne Strom oder fließendes Wasser - gut organisiert und es scheint, dass sie sich selbst genügen.

Wie jeden Sommer kommen die beiden Kinder von Annies Neffen Trevor für einige Wochen zu Besuch, Stadtkinder, die sich auf dem Land pudelwohl fühlen. Annie hat ein Händchen für das sechsjährige Mädchen und den vierjährigen Jungen, die im Buch namenlos bleiben. Zu dritt unternehmen sie viel miteinander und haben eine gute Zeit. Vollkommen irritiert wird Annie jedoch, als sie ihre Besucher bei einer Art merkwürdigem „Doktorspiel“ beobachtet, das sie als ledige Dame sehr verwirrt. Es scheint ihr, als wäre das Band zwischen ihr und den Kindern plötzlich gerissen.

Weitere Verunsicherung kommt auf, als der nutzlose Knecht ihrer Cousinen, Billy Kerr, sich offenbar mit Heiratsabsichten trägt – seine Auserwählte ist nach Annies Theorie wohl ihre Cousine Sarah. Und nun wird ihr der Boden unter den Füßen weggerissen, denn eines ist klar: wenn Sarah heiraten sollte, kann sie nicht auf dem Hof bleiben und muss sich schon wieder der Gnade ihrer Familie ausliefern, um irgendwo leben zu dürfen.

In diesem Buch sind wir Zeuge eines Sommers, der sich über lange Strecken wunderschön ausnimmt, die Freude an den Unternehmungen mit den Kindern ist groß, die irische Landschaft bildhaft, die Abläufe auf dem kleinen Bauernhof und die Interaktion zwischen den beiden Frauen werden in einer eindringlichen Sprache, die zwischen schroff und poetisch pendelt, dargestellt. Und dann tritt bei Annie diese unvermittelte Verunsicherung ein und wir begleiten sie bei einem Denkprozess über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, der so wenig konstruiert ist, dass man ihn an jeder einzelnen Stelle nachvollziehen kann. Das spannende Ringen unserer Heldin mit ihrer eigenen Angst und die Suche nach einem Weg hat mich fasziniert und sehr berührt – wie gesagt: kein leichter Sommerroman sondern sehr viel mehr!

 

 


Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87667-2
Preis: 22,00 €
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Über Menschen

Juli Zeh, Rezension von Jutta Pollmann

Bracken in Brandenburg. Doras neues Zuhause, nachdem sie Berlin, ihren Kollegen und vor allem ihrem Freund Robert den Rücken gekehrt hat. Hier in dem Gutsverwalterhaus mit 4000qm Grund will sie zur Ruhe kommen, nachdenken, ihr Leben neu sortieren. Homeoffice kann sie im Lockdown auch von hieraus betreiben und der Abstand zu Robert war nötig. Vom Ökopapst (er hatte ihr nahegelegt in eine politisch-korrekte, sprich ökologisch ausgerichtete Werbeagentur zu wechseln, wenn sie schon diesen Job machen müsse!), nun zum Corona-Fachmann par excellence mutiert, wurde das Zusammenleben mit ihm immer schwieriger (zuletzt hatte er ihr verboten mehrmals am Tag mit Jochen, ihrer Hündin, spazieren zu gehen, schließlich sei die Devise „Wir bleiben zuhause!“). Obwohl sie die Abende mit ihm auf dem Balkon ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg sehr genossen hatte und die Gespräche vermisste, war das der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Und seit Corona das Land im Griff hatte, konnte Robert sowieso nur noch über dieses Thema reden.

Nun also Bracken. Ein Haus ohne Möbel, nur die Luftmatratze, die Kiste mit zusammen gewürfeltem Geschirr aus der Studentenzeit und ein paar Klamotten. Der Garten verwildert und in die nächste Stadt brauchte man Jahre...Das sollte also der Neubeginn werden!?!

Das hieß auch, plötzlich Nachbarn zu haben, anders als in Berlin, wo man täglich an 100en Menschen vorbei rannte, ohne sie je kennen zu lernen. Hier stellten Nachbarn sich vor: Gote, z.B., ihr direkter Nachbar: Ich bin hier der Dorf-Nazi. Er will Jochen umbringen, wenn der noch einmal seine Kartoffeln ausbuddelt. Und dann stellt er ihr ein Bett ins Schlafzimmer, weil sie doch keins habe. Gote singt mit seinen Kumpanen das Horst-Wessels-Lied und am anderen Tag organisiert er, dass ein Nachbar mit der Motorsense zu ihr kommt, um die Wildnis zu roden. In kurzer Zeit hat sie mit mehr Menschen zu tun, als in all den Jahren in Berlin, man lebt hier unter Leuten, nicht nebeneinander her.

Doras Weltbild bekommt in Bracken Risse und nicht nur Gote ist Grund dafür. Denn die Menschen hier passen in kein spezielles Raster, sie lassen sich nicht einfach in schwarz oder weiß einteilen.Es gibt viele Graustufen und die muss Dora erst mal verarbeiten.

 

Ein wunderbares Buch zum Lachen und zum Weinen, nachdenklich, witzig, überraschend, traurig, ein Buch eben, wie das Leben.

 

Unbedingt lesen!!!!!!


Verlag: Ullstein
ISBN: 9783864931482
Preis: 14,99 €
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Fritz und Emma

Barbara Leciejewski, Rezension von Daniela Maifrini

 

Jakob und Marie sind das neue Pfarrer-Ehepaar in dem kleinen pfälzischen Dorf Oberkirchbach. Jakob als Pfarrer fühlt sich sehr wohl, er ist optimistisch die aktuell leeren Kirchenbänke mit der Zeit füllen zu können. Marie findet es auch schön in Oberkirchbach, aber ihr fällt schnell die Decke auf den Kopf. Sie ist eine quirlige junge Frau und hat nichts zu tun.

Da kommt es gerade recht, dass das Dorf in Kürze seinen 750. Geburtstag erleben wird – ein Ereignis, zu dem eigentlich eine ordentliche Feier gehört, aber irgendwie scheint niemand einen Plan oder besonders große Lust zu haben. Marie springt in die Bresche und beginnt mit den Vorbereitungen. Dazu gehört zuerst einmal, alle Dorfbewohner zu befragen, ob sie für oder gegen eine Jubiläumsfeier wären. Und bei dieser Umfrage stößt Marie auf Fritz am einen Ende des Dorfes und Emma am anderen. Beide sind am selben Tag geboren und werden 92 Jahre alt. Sie wuchsen zusammen auf, gingen zusammen zur Schule, haben den Krieg und die Nachkriegszeit miteinander verbracht, waren ein Paar und wollten heiraten. Doch dann muss irgendetwas geschehen sein, denn seit 70 Jahren haben sie kein Wort mehr miteinander gewechselt.

Das Dorf entscheidet sich für die Feierlichkeiten, und die aufwändigen Vorbereitungen bringen viele Menschen zusammen, die sonst nur nebeneinander her gelebt haben. Doch der Programmpunkt, bei dem die beiden Dorfältesten Fritz und Emma geehrt werden sollen, bereitet allgemein Kopfschmerzen, da diese sich vehement weigern. Da haben sie aber nicht mit der Überzeugungskraft der jungen Pfarrersfrau gerechnet, die alles daransetzt, die beiden Alten miteinander zu versöhnen – und dabei treten wir eine Reise in die Vergangenheit an…

Ein wunderbar emotionaler Schmöker, bei dem die Geschichte um Fritz und Emma natürlich die Hauptrolle spielt, in dem es aber auch um Nachbarschaft, Freundschaft, Gemeinschaft und Zusammenhalt geht.

 


Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05726-4
Preis: 22,00 €
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Das Glück meiner Mutter

Thommie Bayer, Rezension von Tanja Tenberg

Der Drehbuchautor Phillip Dorn hat gerade sein letztes Buchprojekt beendet. Zur Belohnung reist er in die Toskana in ein kleines Ferienhäuschen, um zu entspannen. Bei Espresso und gutem Rotwein sitzt er in Gedanken versunken auf der Veranda, blickt zurück auf seine gescheiterte Beziehung zu Brigitte und das Leben seiner verstorbenen Mutter. Den Frauen hat der Endvierziger abgeschworen, besinnt sich auf das Schreiben, gutes Essen und leckeren Wein.

Eines Nachts hört er ein Plätschern aus dem Pool, heimlich schaut er um die Ecke und entdeckt eine nackte Frau schwimmend in seinem Pool. Am nächsten Spätabend sitzt Phillip wieder auf seiner Terrasse, nachdenklich auf sein Leben zurückschauend. Da taucht die unbekannte Schwimmerin im Bademantel bekleidet an seinem Platz auf, stellt sich vor als Livia, seine Nachbarin und Vermieterin des Ferienhauses. Die beiden kommen ins Gespräch, reden vertraut miteinander bis in den frühen Morgen. Sie verabreden sich wieder für die nächste Nacht, gemeinsames Essen, guten Wein und gutes Gespräch in der lauen Sommernacht.

Das geht ein paar Abende gut, bis eines Nachts der eifersüchtige Ehemann auftaucht. Livia wollte sich trennen, Phillip ist nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Um Abstand zwischen den wütenden, betrunkenen Ehemann und seine Frau zu bringen, fährt er sie in ihre Stadtwohnung nach Pisa. Nach und nach offenbart sich ein lange zurückliegendes Ereignis, das ihr gemeinsames Schicksal war.

Mehr wird nicht verraten. Lesen und genießen Sie selbst.

In schnörkelloser Sprache, mit viel italienischem Ambiente und melancholischer Stimmung taucht man ab in eine wie immer toll erzählte Geschichte. Thommie Bayer, 1953 geboren, ist immer gut für toll erzählte Romane. Ich bin Fan.

Wenn man aktuell schon nicht nach Italien reisen kann, kann man sich wenigstens das italienische Ambiente auf seine Couch zaubern mit einem guten  italienischen Rotwein in der anderen Hand.


Verlag: List
ISBN: 9783471360354
Preis: 22,00 €
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Das Flüstern der Bienen

Sofiá Segovia, Rezension von Daniela Maifrini

 

Im Norden Mexikos in der kleinen Stadt Linares lernen wir in den 1880er Jahren unter dramatischen Umständen die Vorfahren der Familie Morales kennen - und Reja, die Frau, die jahrzehntelang die Amme der Kinder aus der Familie sein wird.

Zwei Generationen später übt Reja zwar ihren Beruf nicht mehr aus, lebt aber noch immer bei Francisco und Béatriz Morales, die inzwischen auf der Hazienda „La Amistad“ ansässig sind, wo sie als Großgrundbesitzer erfolgreich Obst und Getreide anbauen lassen. Eines Morgens ist die alte Amme verschwunden. Es wird das Schlimmste befürchtet, die Männer bilden Suchtrupps und finden sie schließlich mit einem Baby, das über und über mit Bienen bedeckt ist, die dem Kleinen aber nichts tun. Das Kind löst bei den abergläubischen Landarbeitern großen Schrecken aus, hat es doch eine große Kiefer-Gaumenspalte, einen „Teufelskuss“, der das Überleben fast unmöglich macht. Nicht alle legen ihre Vorurteile ab, nicht alle sind dem Kind wohlgesonnen. Doch Reja schafft es, den Säugling zu ernähren. Die Familie Morales nimmt den Jungen, der den Namen Simonopio erhält, auf, und die Eheleute werden sehr gerne seine liebevollen Paten.

Simonopio kann nicht verständlich sprechen, dafür hat er einen ganz besonderen Sinn für die Natur – vor allem für seine Bienen, die ihn begleiten, wo er geht und steht. Er ist ein freundlicher und guter Junge, der sich später aufopfernd um das Nesthäkchen der Familie, den kleinen Francisco, kümmert. Zudem hat er die Gabe, bestimmte Ereignisse vorauszusehen, was ihm mehr als einmal Gelegenheit gibt, die Familie zu unterstützen oder sogar zu retten. Dieses Erahnen der Zukunft gelingt ihm durch eine Art Kommunikation mit seinen Bienen. Oft hilft ihm diese „Weitsicht“, doch ein Ereignis in der Zukunft überschattet sein Leben, er weiß, dass er sich irgendwann, irgendwo einem bislang unbekannten Gegner stellen muss…

Simonopio ist ganz klar der Star des Romans, doch auch alle anderen Protagonisten werden detailreich und immer stimmig in den historischen Kontext eingebettet beleuchtet. Die Handlung umfasst ungefähr 100 dramatische Jahre, in denen Mexiko ordentlich durchgeschüttelt wurde, durch die Mexikanische Revolution, den Ersten Weltkrieg, die Spanische Grippe, die in Mexiko 20% der Bevölkerung vernichtete, die Landreform, die unserer Familie Morales besonders zu schaffen macht und ihren Lebensstil bedroht. All das erleben wir zusammen mit Simonopio und seiner Wahlfamilie – und Sofía Segovia erzählt uns diese opulente Familiengeschichte in einer wunderschön poetischen Sprache und in einem besonders interessanten Zusammenspiel zweier Erzählperspektiven.

Mit großen internationalen Vorschusslorbeeren kommt dieser Roman in Deutschland an – ein Vertreter des „magischen Realismus“, der mit Autoren wie Gabriel García Márquez, Isabel Allende oder auch Mario Vargas Llosa in Lateinamerika weit verbreitet ist. Er erinnert unweigerlich an Allendes „Geisterhaus“, in dem es ja auch das mystische Element in Gestalt der hellsichtigen Clara Trueba gibt.

 


Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 9783455009019
Preis: 24,00 €
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Eine ganze Welt

Goldie Goldbloom, Rezension von Daniela Maifrini

 

Goldie Goldbloom ist eine chassidische Autorin, die heute mit ihrem Mann und ihren acht Kindern in Chicago lebt. Sie verfügte also über die nötigen Inneneinsichten, um den Roman „Eine ganze Welt“ zu schreiben.

Natürlich ist der erste Gedanke bei diesem Buch der an „Unorthodox“ von Deborah Feldman, oder auch „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ von Eve Harris, doch dieser Roman nimmt eine zwar nicht unkritische, aber doch versöhnlichere Position zu der exotisch anmutenden Lebensform chassidischer Juden inmitten des brodelnden und modernen Kosmos New Yorks ein.

Surie Eckstein ist 57 Jahre alt, achtfache Mutter mit dreiundzwanzig Enkelkindern und in Erwartung des ersten Urenkelchens. Sie ist verheiratet mit Yidel, einem guten und empathischen Mann, der sehr lieb zu ihr und den Kindern ist, ein sehr gläubiger Mann, der jedoch auch einmal Fünfe gerade sein lässt.

Die Familie lebt in Williamsburg, New York, und ist aus Überzeugung fest verwurzelt in der chassidischen Gemeinschaft und dem starren Regelwerk, das sie umgibt.

Am Tag nach der Hochzeit ihrer Tochter hat Surie einen Termin bei der nichtjüdischen Hebamme Val, die ihr schon früher beigestanden hatte. Hier erhält sie Sicherheit über einen Umstand, den sie selbst schon ängstlich erahnt hatte: sie ist schwanger – mit 57 Jahren. Was sollen die Anderen von ihr denken? In diesem Alter ist es nicht richtig, noch ein Kind zur Welt zu bringen!

In einer Art Schockstarre kann Surie mit niemandem über ihre Schwangerschaft sprechen, am allerwenigsten mit Yidel. So macht sie also ihren Konflikt mit sich selber und manchmal auch mit Val aus. Und während dieser Zeit denkt Surie nach – über ihre Familie, über ihre eigene Rolle und vor allem über ein Ereignis, das ihr Leben seit langer Zeit unweigerlich überschattet, eines, bei dem sie vielleicht eine falsche Entscheidung getroffen hat. Und so steuert Surie unentdeckt und innerlich rebellierend dem Zeitpunkt der Niederkunft entgegen…

Ein Roman, der uns Einblicke in eine verschworene Gemeinschaft bietet, oft nicht ohne ein Augenzwinkern, der uns aber auch konfrontiert mit einem daraus resultierenden Dilemma – genau genommen sind es zwei: eines, an dem nichts mehr zu ändern ist und eines, über das Surie ein ganzes Buch lang nachdenken muss.

Sehr interessant und lohnenswert, gut komponiert und spannend.

 


Verlag: Insel
ISBN: 9783458179009
Preis: 20,00 €
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Der Klang der Wälder

Natsu Miyashita, Rezension von Daniela Maifrini

 

Wie soll ein Klavier klingen?

Hell, ruhig und klar, wehmütige Erinnerungen weckend.

Voller Strenge und Tiefe, aber zugleich nachsichtig mild.

Schön wie ein Traum und wahrhaftig wie die Wirklichkeit.

 

In seiner Schule in einem japanischen Bergdorf wird der junge Erzähler Tomura unfreiwillig Zeuge, wie der altgediente Klavierstimmer Itadori sich des Flügels in der Turnhalle annimmt. Tomura ist entsprechend seiner ländlichen Herkunft mit kaum vorhandener kultureller Bildung ausgestattet, doch diese Klänge, die Itadori dem Tasteninstrument entlockt, bringen eine Saite in ihm zum Schwingen, die ihm bislang verborgen war. Er erkennt, dass es Klangfarben gibt, er entdeckt unmittelbar, dass der Klang des Instrumentes sich mit Emotionen und Erinnerungen verknüpfen lässt. Er weiß sofort, dass er auch den Beruf des Klavierstimmers ergreifen muss – eine ungewöhnliche Wahl für einen Jungen aus den Bergen.

Er besucht also zwei Jahre lang die Fachschule für Klavierstimmer, bevor er in der Nähe seines Heimatdorfes bei dem berühmten Instrumentenhandel „Etŏ“ seine erste Anstellung findet. Tomura arbeitet dort als Kollege des von ihm über die Maße bewunderten Itadori.

Und nun geht er zusammen mit den anderen Klavierstimmern an die Arbeit. Es gilt, die Klaviere der Kundschaft so herzurichten, dass sie zufrieden ist. Doch schnell stellt sich heraus, dass es sehr viele Möglichkeiten gibt, ein Klavier „einzustellen“, es gibt keine absolute Wahrheit, keine Perfektion. Und während er arbeitet und die Instrumente in ihrer Seele zu erfassen versucht, nähert er sich seiner professionellen Grundhaltung an, die darin besteht, jedem Pianisten sein Instrument so herzurichten, dass es das Beste aus seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen präsentieren kann.

Unter den vielen unterschiedlichen Erlebnissen in der Kundschaft beeindruckt Tomura sein erster Hausbesuch nachhaltig, der bei den Zwillingen Yuni und Kazune, die beide ausgezeichnet spielen und seinen Ehrgeiz schüren, das „perfekte Klavier“ bereitzustellen, damit die Mädchen damit glänzen können.

Ein wunderschönes Buch über Musik, über Menschen, über Emotionen, geschrieben in einer zurückhaltend poetischen Sprache. Tomuras Entwicklung in diesem Roman ist eindringlich und sehr empathisch dargestellt, eine Geschichte vom Streben nach Perfektion, der Gewissheit, dass es diese nicht geben kann und dem daraus resultierenden Kompromiss, stets das Beste zu geben.

Der Klang der Wälder“ wurde mit dem renommierten japanischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet und bereits 2018 verfilmt.

 


Verlag: dtv
ISBN: 9783423282734
Preis: 22,00 €
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Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Alena Schröder, Rezension von Daniela Maifrini

 

Evelyn ist eine 95jährige Dame, die spitzzüngig und zurückgezogen in einer edlen Berliner Seniorenresidenz wohnt. Nur ihre Enkelin Hannah besucht sie jeden Dienstag pflichtschuldigst, mehr Familie gibt es nicht, da Evelyns Tochter (Hannahs Mutter) zehn Jahre zuvor einem Krebsleiden erlegen war. Oma und Enkelin haben ein nicht wirklich harmonisches Verhältnis zueinander, sie wissen fast nichts voneinander. Das liegt daran, dass Hannah sich nach dem Tod ihrer Mutter sehr in sich selbst zurückgezogen hat und dass Evelyn sowieso ein eher verschlossener Mensch ist.

Bei einem Besuch entdeckt Hannah in der Fernsehzeitung einen Brief von einer Anwaltskanzlei aus Israel. Als sie Evelyn danach fragt, gibt sie keine richtige Antwort und sagt ihrer Enkelin, sie könne mit dem Brief machen, was sie wolle, er interessiere sie nicht. Es stellt sich heraus, dass die Kanzlei in einem Fall von Rückerstattung von Beutekunst aus dem Dritten Reich auf Evelyn gestoßen ist. Sie sei die letzte lebende Angehörige des 1942 ermordeten Berliner Kunsthändlers Itzig Goldmann und die Kanzlei sei auf der Suche nach Kunstwerken, die ihm bei der Enteignung abgenommen wurden. Hannah ist verwirrt, denn den Namen Itzig Goldmann hat sie noch nie gehört, sie kann sich den Zusammenhang nicht erklären. Halbherzig beginnt sie, sich in ihre Familiengeschichte einzuarbeiten. Hierbei sucht sie die Hilfe ihres unnahbaren Geliebten und Doktorvaters Andreas, der sie jedoch mit Jörg abspeist, der sie als Rechercheur unterstützen soll, und der sie mit seinem penetranten Interesse für alles, was die NS-Zeit und vor allem die jüdische Geschichte betrifft, fürchterlich nervt. Hannah weiß noch nicht, dass das auch Teil der Geschichte ihrer Familie ist. Nach einiger Zeit stellt sich heraus, dass sich die Suche eigentlich nur noch auf ein einziges Bild aus dem Goldmann-Besitz beschränken kann, da alle anderen nicht klar zugeordnet werden können. Es geht um ein Bild von Vermeer, dessen Titel unbekannt ist, das aber folgendes Motiv zeigt: Junge Frau, am Fenster stehen, Abendlicht, blaues Kleid…

1922 fängt die zweite Erzählebene an, die uns diese Familiengeschichte erzählt. Hannahs Urgroßmutter Senta ist mit ihrem Verlobten, dem Luftwaffenheld Ulrich, verlobt und schwanger. Das Kind, Evelyn, ist ein Unfall, Ulrich jedoch ein Ehrenmann, der sie heiraten wird. Es stellt sich im Laufe der Ehe heraus, dass Senta nicht glücklich ist, sie kann mit dem Kind nichts anfangen, der Haushalt geht ihr nicht von der Hand, sie fühlt sich minderwertig. Die Ehe scheitert und ihre Tochter Evelyn bleibt bei der Schwester ihres Mannes, Trude, die sich sehr aufopferungsvoll um ihre Nichte kümmert und mit ihr nach Güstrow aufs Land zieht. Ulrich kommt kurz darauf bei einem Autounfall ums Leben. Nun gibt es nur noch Trude und Evelyn – und irgendwo in Berlin auch Senta. Sie findet im Lauf der folgenden Jahre ihr Glück als recht erfolgreiche Mitarbeiterin einer Zeitung, wo sie auch Julius Goldmann kennen und lieben lernt. Die beiden sind sehr glücklich miteinander und irgendwann sucht Senta auch wieder den Kontakt zu ihrer Tochter Evelyn, was sich als sehr schwierig darstellt, da sie sich noch immer nicht richtig als Mutter fühlt. Die Jahre gehen ins Land und die Situation in Deutschland wird für die Goldmanns kompliziert und gefährlich, während Trude als Ortsgruppenleiterin in Güstrow zum ersten Mal eine respektierte Person ist und immer mehr im nationalsozialistischen Gedankensumpf versinkt.

Wieder eine Familiengeschichte, die die Zeit des Nationalsozialismus aufnimmt! Aber diese hier ist etwas anders. Sie schildert die weit zurückliegenden Ereignisse sehr anschaulich und mitreißend, mit einprägsamen Personen, die in einer furchtbaren Zeit um ihre Unversehrtheit oder sogar ihr Leben kämpfen müssen. Die Erzählebene mit Hannah als Hauptfigur ist jedoch trotz aller Dramatik „leichter“, teilweise sogar richtig schnodderig geschrieben, so wie eben eine junge Frau im heutigen Berlin ihr Leben lebt und zu sich selber finden muss. Die Sprünge zwischen den beiden Zeitebenen machen den Roman spannend, man wird sofort eingesogen in beide Geschichten. Alena Schröder liefert mit ihrem Debüt sehr gute, anrührende und spannende Unterhaltung zum Beispiel für Leserinnen von Dörte Hansen oder Carmen Korn.

 


Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-8153-6
Preis: 20,00 €
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Der große Sommer

Ewald Arenz, Rezension von Kathrin Allkemper

Friedrich, genannt Frieder, ist 16 Jahre alt, als er einen Sommer erlebt, der sein Leben verändert. Während um ihn herum sowohl seine Familie als auch die Freunde in die Ferien fahren, wird er zu seinen Großeltern abkommandiert, um da ungestört für die Nachprüfungen zu lernen. Da sein Großvater, ein sehr gebildeter Professor, eher streng ist, freut sich Frieder natürlich überhaupt nicht auf diese sechs Wochen. Doch es wird so Einiges passieren, das nicht nur die Beziehung zu seinem Opa, sondern auch das Wissen über die eigene Familie sehr bereichert.

Wenn Frieder nicht gerade lernt oder sich im Institut bei seinem Großvater ein Taschengeld verdient, hängt er mit seiner Schwester und seinem besten Freund Johann ab. Die drei sind ein eingeschworenes Trio. Um der Hitze des Sommers zu trotzen, gehen sie oft ins Schwimmbad, wo Frieder das Mädchen Beate kennenlernt und sich sofort verliebt.

Aber während Frieder die erste Liebe mit all ihren Facetten erlebt, verändert sich Johann nach einem Schicksalsschlag in der Familie so sehr, dass die Freundschaft auf eine harte Probe gestellt wird.

Eine ganz wunderbar erzählte Geschichte um einen jungen Mann, der in diesem Sommer die erste Erfahrung mit der Liebe, mit dem Tod und der wahren Bedeutung von Familie und Freundschaft macht.

Schon der Vorgänger "Alte Sorten" hat viele Leser begeistert und ich bin mir sicher, dass Ihnen der neue Roman ebenso gut gefällt.


Verlag: Atlantik
ISBN: 9783455009866
Preis: 16,00 €
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Pinguine bringen Glück

Lorraine Fouchet, Rezension von Julia Jahns

Der 15jährige Dom lebt zusammen mit seinem Vater Yrieix in einer Wohnung eines Pariser Hauses, in dem alle Bewohner einer bretonischen Familie angehören. Seine Mutter Claire hat die beiden vor Jahren verlassen. Eines Tages stirbt Doms Vater in seinem Schlafzimmer an einem Herzinfarkt, während Dom nebenan an seinem Computer sitzt. Doch Yrieix war nicht allein, eine unbekannte blonde Frau hat den Notruf gesendet und ist dann spurlos verschwunden. Dom muss nun nicht nur mit seiner Trauer fertig werden, sondern steht auch noch vor einem Rätsel. Wer ist die Frau, die sein Vater heimlich liebte und die wohl indirekt für seinen Tod verantwortlich ist? Nach dem Wunsch seines Vaters wird Doms Onkel Gaston, der ebenfalls im Haus lebt, sein Vormund. Probleme macht seine Tante Desir, die es auf das Erbe und die Wohnung ihres verstorbenen Bruders abgesehen hat. Eines Tages erhält Dom einen Kondolenzbrief aus Argentinien, der ihm Hinweise darauf liefert, dass er eine ältere Schwester namens Oriana hat, über die seine Eltern nie gesprochen haben. Er fühlt sich von allen verraten und flüchtet in die Bretagne, wo seine Familie ursprünglich herkommt und sucht nach Antworten ...

Sehr berührender Roman über Familiengeheimnisse, unerfüllte Sehnsüchte und den Zusammenhalt.

 


Verlag: Blumenbar
ISBN: 978-3-351-05089-4
Preis: 15,00 €
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Das Baby ist meins

Oyinkan Braithwaite, Rezension von Kathrin Allkemper

Bambi ist 29 Jahre alt und seine Freundin hat ihn gerade vor die Tür gesetzt, weil er sie betrogen hat. Es herrscht aufgrund von Corona ein strenger Lockdown in Nigeria, man darf sich nicht unnötig auf der Straße aufhalten. Er kann also nicht endlos im Auto herumfahren oder womöglich irgendwo draußen schlafen, obwohl es wahrlich heiß genug wäre. Da fällt ihm ein, dass er in dem Haus seines verstorbenen Onkels unterkommen könnte. Dieser war sehr wohlhabend, es ist Platz genug und Bambi weiß, unter welcher Fußmatte der Haustürschlüssel liegt. Als er das Haus betritt, erlebt er eine Überraschung. Neben seiner Tante wohnt dort scheinbar noch eine junge Frau, die Bambi als die Geliebte des Onkels wiedererkennt. Außerdem hört er ein Baby schreien. Es stellt sich heraus, dass die beiden Frauen zum einen unfreiwillig aufgrund des Lockdowns dort zusammenhocken und zum anderen einen völlig irren Streit austragen, wem das Baby gehört. Jede hat eine für Bambi zunächst schlüssige Theorie, aber schon bald weiß er nicht mehr, wem er glauben soll und vor allem wird ihm immer unheimlicher, mit welchen Methoden die beiden um dieses kleine Kind kämpfen. Und so beschließt dieser Mann, der bis dato mit Kindern rein gar nicht zu tun hatte, sich um das Baby zu kümmern. Eine wirklich unterhaltsame, kurzweilige kleine Geschichte.


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07148-1
Preis: 24,00 €
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Hard Land

Benedict Wells, Rezension von Tanja Tenberg

Grady, irgendwo in Missouri im Sommer 1985. Sam soll die Ferien bei seinen nervigen Cousins verbringen. Um dem zu entkommen, nimmt er spontan einen Job im örtlichen Kino an. Seine Eltern sind froh, das Sam unter die Leute kommt, er ist ein Einzelgänger.

Seine Mutter hat eine kleine Buchhandlung im Einkaufscenter der Stadt, ist aber schon länger an Krebs erkrankt, mit 30 prozentiger Genesungswahrscheinlichkeit. Sein Vater, ein schweigsamer Typ, hat gerade seinen Job in der örtlich geschlossenen Fabrik verloren.

Im Kino lernt Sam Cameron, Hightower und Kristie, die Tochter des Kinobesitzers kennen. Langsam taut er auf, lernt diese drei jungen Menschen besser kennen. Und während zu Hause seine Mutter öfters krankheitsbedingt ausfällt, schafft er es, sich zu öffnen und endlich Freunde zu finden. Es soll Sams Sommer werden, bevor seine drei älteren Freunde am Ende des Sommers Grady verlassen werden, um auf die Universität zu gehen. An seinem 16. Geburtstag verpasst er die Verabredung mit seinen Eltern im Restaurant, verbringt den Tag feiernd mit seinen Freunden. Als er am Morgen müde heim läuft, sieht er von weitem schon die blinkenden Lichter des Rettungswagens. Sam kommt zu spät, seine Mutter ist in der Nacht eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Er gibt sich die Schuld, weil er mit seinen Freunden gefeiert hat, statt den Abend mit seinen Eltern zu verbringen, verkriecht sich, redet mit niemanden, lässt niemanden an sich heran . Zur Beerdigung kommt seine große Schwester Jean heim, mittlerweile erfolgreiche Drehbuchautorin in Hollywood. In seiner Familie kämpft jeder auf seine Art mit dem Verlust.

Als im Herbst seine Freunde die Stadt verlassen haben, das Kino schließt und der alteingesessene Diner im Dorf dicht macht, muss der sechzehnjährige Sam sehen, wo er bleibt. Der Theaterkurs der Schule, seine Gitarre und sein langsam sich öffnender Vater helfen Sam durch die schwierige Zeit. Mit Kristie, in die er die ganze Zeit verliebt ist, schreibt er Briefe, sie ist in New York. Er hofft, dass sie im Sommer 1986 endlich mal wieder in ihre alte Heimat zurückkommt.

Eine Geschichte über die 80er, das Erwachsenwerden, amerikanische Kleinstädte, Freundschaften und das Leben. Mehr wird nicht verraten. Lesen Sie selber.

Benedict Wells lebt mittlerweile in Berlin und Bayern. Es ist der fünfte Roman des 1984 in München geborenen Autors, der bekannt wurde mit seinem vierten Roman „Vom Ende der Einsamkeit“.

 


Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7857-2731-7
Preis: 22,00 €
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Die vier Gezeiten

Anne Prettin, Rezension von Kathrin Allkemper

Juist 2008. Dem Bürgermeister der Insel, Eduard Kießling, soll das Bundesverdienstkreuz verliehen werden. Das gefällt dem selbstverliebten Patriarchen und natürlich soll seine gesamte Familie dabei sein und ihm ein großes Fest im familieneigenen Hotel bescheren. Seine Frau Adda und die drei erwachsenen Töchter sind gerade mit den Vorbereitungen beschäftigt, als eine junge Frau namens Helen aus Neuseeland auftaucht und behauptet, ebenfalls zur Familie zu gehören. Diese Aussage ruft ganz unterschiedliche Reaktionen hervor. Während Eduard in Wut gerät, weil sie mit dieser unruhestiftenden Behauptung ausgerechnet zu diesem großen Event nach Juist gekommen ist, gerät Adda ins Grübeln, ob eine ihrer Töchter ihr all die Jahre eine Mutterschaft verschwiegen hat. Der Vorfall holt Dinge aus der Vergangenheit zurück, die sie eigentlich ganz tief in sich verschlossen hatte.

Die vier Gezeiten, so hat sie ihre Töchter immer genannt. Es gab nämlich noch eine weitere Tochter, Wanda, die vor 30 Jahren im Watt verschwand, obwohl sie sich dort besser auskannte als jeder andere. Was hat sie damals ins den Tod getrieben?

Auch bei Großmutter Johanne löst das Auftauchen von Helen etwas aus und in den wenigen lichten Momenten der dementen Frau, erzählt sie Adda von früher und lüftet zumindest ein paar der zahlreichen Familiengeheimnisse…

Ein gut erzählter Familienroman, der auf verschiedenen Zeitebenen spielt und sich sehr flüssig weglesen lässt.


Verlag: HarperCollins
ISBN: 9783959675574
Preis: 22,00 €
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Die Schwimmerin

Gina Mayer, Rezension von Annette Kubiak

Essen 1962: Betty ist frisch mit Martin verheiratet und die beiden beziehen ihre modern eingerichtete Wohnung. Martin hat einen gut bezahlten Arbeitsplatz bei Krupp und Betty gibt als Ehefrau ganz selbstverständlich ihre Arbeit in einer Bäckerei auf. Sie verbringt ihre Zeit mit Hausarbeit, Kochen und wann immer es sich einrichten lässt, geht sie ins Schwimmbad um ihre Bahnen zu ziehen. Das Schwimmen gibt ihr Halt und erdet sie. Im Hallenbad trifft sie auf ein junges Mädchen, dass ihr vertraut vorkommt und gleichzeitig ihr Glück zu bedrohen scheint...

Betty muss sich den Schatten ihrer Vergangenheit stellen: der Zeit als Schülerin in Düsseldorf, bevor ihr Vater im Krieg fiel und die Wohnung ausgebomt wurde, als Flüchtlingsmädchen im schwäbischen Weilerbach, wo sie von einer Pfarrersfamilie unter ihre Fittiche genommen wird und wo sie ihre erste große Liebe erlebt...

Eine spannend geschriebene Lebens- und Liebesgeschichte einer starken Frau und eine faszinierende Zeitreise in die Nachkriegszeit inklusive Lokalkolorit!

 

 


Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42983-9
Preis: 23,00 €
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Big Sky Country

Callan Wink, Rezension von Kathrin Allkemper

August wächst auf einer Farm in Michigan auf. Schon früh muss er auf dem Hof mithelfen und sich mit dem harten Farmleben auseinandersetzen. Als sein Vater eine junge Frau einstellt, die ihm bei den Milchkühen helfen soll, ist das der Beginn vom Ende der Ehe von Augusts Eltern. Schon bald zieht seine Mutter in das alte Farmhaus am Rande des Grundstücks, während sein Vater es sich mit der Farmgehilfin im Haupthaus gemütlich macht. August steht permanent zwischen den Stühlen, bis ihm seine Mutter irgendwann die Entscheidung abnimmt und mit ihm nach Montana zieht.
Neben der Schule bzw. auch nach seinem Abschluss, jobbt er immer wieder auf verschiedenen Farmen und zieht diese ehrliche Arbeit nach wie vor einem Studium vor. Er knüpft Freundschaften, mal die richtigen, mal die falschen und er verliebt sich zum ersten Mal, leider unglücklich in die falsche Frau. Sein Verhältnis zu Frauen scheint immer schwierig zu sein und auch der Spagat zwischen seinen Eltern, denen er beiden gerecht werden will, dauert fortwährend an. Doch August geht seinen eigenen Weg und bleibt sich und der rauen Schönheit Montanas treu.
Ein wirklich gut erzählter Bildungsroman um den Farmersjungen August, der von der Wildheit und Weite Montanas genauso beeindruckt ist wie der Leser dieses Buches!


Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-10645-6
Preis: 11,00 €
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Der Platz im Leben

Anna Quindlen, Rezension von Jutta Pollmann

25 Jahre glücklich verheiratet, zwei erwachsene Kinder, die bald ins Berufsleben eintreten, einen Job im Museum, der sie ausfüllt, ein Haus in einer kleinen Straße in der Upper West Side in Manhattan, Nora Nolan kann sich rundum glücklich schätzen.

Die Nachbarn haben sich im Laufe der Jahre zu Freunden entwickelt, man lädt sich zu gemeinsamen Grillabenden ein (natürlich nur die Eigentümer untereinander, nicht die Mieter!), verbringt Weihnachten zusammen.

Doch dann passiert etwas, was niemand für möglich gehalten hat: ihr hispanischer Handwerker wird zusammen geschlagen, der Täter, ein befreundeter Nachbar. Und plötzlich ist alles anders. Man sieht sich mit anderen Augen, man lebt nicht mehr miteinander und nebeneinander, sondern beobachtet jedes Tun des anderen und muss sich entscheiden, auf welcher Seite man steht. Da gehen Gräben auf und selbst der eigene Mann ist Nora plötzlich fremd geworden.

 

Anna Quindlen malt nicht nur ein Sittengemälde der „besseren“ Gesellschaft New Yorks, sondern zeigt uns auch eine starke Frau, die den Mut und die Kraft besitzt, noch einmal von vorn zu beginnen.

 

Jetzt als Taschenbuch erschienen.